In Verbindung mit Europa und der Welt

Wednesday, 25. September 2019, 18:14 156943526906Wed, 25 Sep 2019 18:14:29 +0200, Posted by admin1 in Heft 213, No Comments.

In Verbindung mit Europa und der Welt


Wie wird heute Schweizer Geschichte an der Volksschule und in den Gymnasien unterrichtet?

Von Michel Charrière und Markus Furrer

Die Frage nach dem Stellenwert und der Bedeutung der Schweizer Geschichte in der Schule wurde in den vergangenen Jahren verschiedentlich diskutiert. Mit der Einführung des Lehrplans 21 entfachte sich in den Medien eine breite Debatte über den Stellenwert des Fachs Geschichte im Allgemeinen und der Schweizer Geschichte im Spezifischen. Dies vor allem in Anbetracht der Integration des Fachs Geschichte in das neue Sammelfach «Räume – Zeiten – Gesellschaften», zumal die Dotierung der Wochenlektionen für das Integrationsfach auf der Sekundarstufe I unter massiven Druck geriet. Wie verhält es sich also mit Schweizer Geschichte an der Schule heute? 

Wir werfen dazu einen Blick in die aktuellen Lehrmittel für Geschichte der Sekundarstufe I: Bei der Darstellung und Vermittlung der Geschichte des eigenen Landes kommt Lehrmitteln eine wichtige Funktion zu, stellen sie doch eine Art Leitmedium dar, das nicht allein Lehrpersonen und Schülerinnen und Schüler anleitet, sondern darüber hinaus aufzeigt, welches Geschichtsbild in der Gesellschaft vorhanden ist. Wir erhalten so durch deren Analyse insbesondere Aufschluss über die erinnerungs- und geschichtskulturellen Begebenheiten vor dem Hintergrund, dass Geschichtslehrmittel ein gesellschaftlich erwünschtes Wissen vermitteln. Auf der Ebene der Sekundarstufe II, wo noch stärker individuelle Akzentsetzungen von Lehrpersonen den Ausschlag geben, fragen wir mit Blick auf Curricula und Lehrmittel, wie Bezüge zur Schweiz hergestellt werden.

Entkrampfung seit dem Cultural turn

Doch was ist Schweizer Geschichte? Der Begriff Schweizer Geschichte, oder gar in einem Wort «Schweizergeschichte» zusammengefasst, ist durch das Gewicht belastet, das ihm in der Vergangenheit als eine Abfolge von Schlachten und als hochmythologisiertes Konstrukt zugekommen ist. Das dominante schweizerische Geschichtsbild war von einem konfessions-, sprachen- und klassenübergreifenden Charakter. Als Folge suchte man in der Schweiz ein nationales Selbstverständnis weit mehr in der Abgrenzung zum Ausland, als in einem inneren Zusammenschluss. Auch spielte sich zwischen den Buchdeckeln eine eigentliche Dichotomie zwischen Schweizer Geschichte und Weltgeschichte ab. Seit dem Einbruch der nationalen Meistererzählung in den 1970er Jahren war man sich im Unklaren, wofür der Begriff zu stehen habe und wie er zu füllen sei. In der Folge verlor die Vermittlung der Geschichte der Schweiz an Stellenwert in der Schule. Umfragen zeigten, dass Schülerinnen und Schüler der 1990er Jahre in Schweizer Geschichte deutlich schlechtere Resultate auswiesen als in Allgemeiner. Paradoxerweise bewirkt die Absenz von schweizergeschichtlichen Bezügen, dass sich im Bewusstsein vieler Schülerinnen und Schüler, wie auch von Zeitgenossen, die «Geschichte» ausserhalb des Landes abspielt. Dies machten sich auch nationalkonservative Bewegungen und Parteien zunutze, indem sie seit den 1990er Jahren Identitätspolitik forcierten. 

Insbesondere durch den Lehrplan 21 angetrieben, aber auch mit Blick auf Tendenzen der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung der vergangenen Jahre seit dem Cultural turn, zeichnet sich eine Art Entkrampfung im Umgang mit Schweizer Geschichte ab. Gleichzeitig war man sich der Tatsache bewusst, dass es einer wissenschaftlich abgestützten Erzählung zu Aspekten der Entwicklung in der Schweiz bedurfte, um zeigen zu können, dass Geschichte nicht an der Schweiz vorbeigeht, sondern das Land «mittendrin» (André Holenstein) davon betroffen ist. 

Wie erscheint Schweizer Geschichte heute auf der Sekundarstufe I?

In der deutschsprachigen Schweiz sind im Zusammenhang mit dem Lehrplan 21 zwei neue Lehrmittel erschienen. Das eine, die «Zeitreise» aus dem Klett Verlag (2016-2018), ist ein auf die Schweiz spezifisch zugeschnittenes Lehrmittel (Ausgabe Schweiz), das in einen schon bestehenden Rahmen eines Lehrmittels eingebunden wurde und in Deutschland und auch im Südtirol verwendet wird. Schweizbezüge im Rahmen von bestehenden Texten und auch als eigenständige Kapitel wurden im Nachhinein entwickelt und eingebaut. Eine andere Ausgangsposition nimmt das vom Zürcher Lehrmittelverlag herausgegebene Geschichtslehrmittel «Gesellschaften im Wandel» ein. Es wurde von Grund auf neu konzipiert. Auch bei diesem Lehrmittel stellt sich mit Blick auf den Lehrplanbezug die Frage des Einbezugs der nationalen Ebene und deren Verknüpfung und Einbindung in die europäische und globale Dimension. Beide nehmen die Kompetenzorientierung und die Vorgaben des Lehrplans auf.

Diese beiden Lehrmittel stehen am Schluss einer längeren Entwicklung der Ausweitung von Themen, die die Schweiz betreffen. Bereits die sogenannten Reformlehrmittel der frühen 1980er Jahre öffneten sich punktuell innenpolitischen und erstmals auch gesellschaftspolitischen Themen der Nachkriegszeit, die damals bewegten, wie etwa das ungebremste Wachstum in der Hochkonjunktur oder die Jugendunruhen. Aber erst die analytischen, sozial- und kulturgeschichtlichen und später dann auch neuen politikgeschichtlichen Ansätze erweiterten das Feld und liessen die Geschehnisse in der Schweiz und die gesellschaftlichen wie auch wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen in den grösseren Kontext überführen. Bereits seit längerem ist die Schweiz in die Zeit des Nationalsozialismus und in den Zweiten Weltkrieg differenziert eingebunden. Auch der Kalte Krieg wirkte lange Zeit als eine Auseinandersetzung, die wohl Europa und die Welt, aber kaum die Schweiz betraf. Hier vollzog sich eine ausgeweitete Betrachtung erst nach dem Fall der Mauer. Zu beobachten ist dabei, dass die Einbindung der Schweiz stets mit einer gewissen Verzögerung auf Reaktionen, Aufarbeitungen und Diskurse erfolgt ist. Dies betrifft auch die Aufarbeitung von Fremdplatzierung und fürsorgerischen Zwangsmassnahmen. 

Schweizer Geschichte ist in den beiden neuen Lehrmitteln auf der Basis des Lehrplans 21 damit heute transnational, wie auch global eingebettet. Dabei wird sie mit europäischer Geschichte verzahnt. Der Nationalstaat als Prozess ohne teleologische Perspektive wird reflektiert, indem in beiden Lehrmitteln die Geschichte der Geschichte eine gewichtige Bezugsgrösse bildet. Die Entwicklungen und Geschehnisse im Raum der heutigen Schweiz sind dabei Teil eines dargestellten Geschichtsprozesses, der für die Nutzerinnen und Nutzer der Lehrwerke nachvollziehbar wird. So rückt die Darstellung der Geschichte der Schweiz vom Sonderfallcharakter ab, weil nicht mehr isoliert ein Meisternarrativ ins Lehrmittel eingebaut wird. Auch findet sich in keinem Lehrmittel mehr eine klassische Erzählung des Werdens der Schweiz, die sich an einem kanonisierten Verlauf ausrichtet. Funktional kommt es auch zu einem Wechsel vom Identitätsraster zur Orientierungsmatrix. Weiter ist die Geschichte des eigenen Landes in einen europäischen Kontext auf vielfältige Weise eingebunden und erzeugt ein neues «Europa-Wir-Gefühl». Mit dem Mittel der «Europäisierung» wird der Raum der heutigen Schweiz in europäische und globale Prozesse einbezogen. Dabei wird deutlich, dass die Geschichte eines kleinen Landes von Interesse und Relevanz sein kann und das Handeln von Menschen hier auch Wirkung entfaltet – positive wie negative.

Wie erscheint Schweizer Geschichte auf der Sekundarstufe II? 

Das Fachangebot Geschichte unterscheidet sich auf der Sekundarstufe II zwischen Bildungsgängen der beruflichen Grundbildung und der allgemeinbildenden Schulen und ist im föderalistischen Bildungssystem zudem von kantonalen und schulspezifischen Eigenheiten geprägt. Diese Situation erschwert den Überblick über die jeweils geltenden Lehrpläne und die verwendeten Lehrmittel und somit auch über den konkreten Umgang mit Schweizer Geschichte. 

Bereits in den national verbindlichen Rahmenlehrplänen zeigen sich erhebliche Unterschiede: Im Allgemeinbildenden Unterricht an den Berufsfachschulen können zwar historische Bezüge geschaffen, jedoch kann nicht von eigentlichem Geschichtsunterricht gesprochen werden. Im eidgenössischen Rahmenlehrplan für die Berufsmaturität (von 2012) dagegen erscheint Schweizer Geschichte als eines von fünf Lerngebieten innerhalb des Fachs Geschichte und Politik: «Werden und Entwicklung der modernen Schweiz (Schweizergeschichte)». Während der Rahmenlehrplan der EDK für die Fachmittelschulen (von 2018, in Kraft ab August 2019) auf historische Schweizbezüge verzichtet, vermeidet derjenige für gymnasiale Maturitätsschulen (von 1994) zwar den Begriff, verlangt aber unter Grundkenntnissen die «wichtigsten Epochen der Geschichte mit Einbezug der Schweiz» und unter Grundhaltungen «verankert [zu] sein in den Traditionslinien seiner eigenen Kultur». Ausserdem integrieren die Rahmenlehrpläne Staatskunde respektive Politische Bildung in den Geschichtsunterricht, in deren Rahmen freilich Schweizbezüge vorgesehen sind (allerdings nicht unbedingt historische). Jedenfalls führt die Offenheit der Rahmenlehrpläne auf kantonaler und schulischer Ebene zu Unterschieden in der Akzentuierung und Gewichtung von Schweizer Geschichte, wie sich etwa am Beispiel der Luzerner Gymnasien nachweisen lässt. Andererseits belegt eine derzeit im Kanton Luzern laufende Revision der gymnasialen Lehrpläne den Willen zu bewusster und einheitlicher Integration: So erscheinen etwa in den neuen Lehrplänen der Progymnasien (7./8. Klasse) die Alte Eidgenossenschaft und der kritische Umgang mit der Befreiungstradition nicht mehr separiert, sondern eingebettet in die grösseren Zusammenhänge der Lebenswelten und Herrschaftsstrukturen im europäischen Hoch- und Spätmittelalter. Diese Entwicklung entspricht derjenigen der Lehrmittel auf der Sekundarstufe I und lässt sich auch in Lehrmitteln für die Gymnasien beobachten, hier wiederum exemplarisch: Während im Gymnasialbereich lange Zeit ein Welt- und Schweizergeschichte verknüpfendes Schulbuch fehlte, konnte diese Lücke mit dem «Schweizer Geschichtsbuch» (2008-11) aus dem Sauerländer bzw. Cornelsen Verlag geschlossen werden. Die vierbändige Erstausgabe von der Urzeit bis zum Ende des 20. Jahrhunderts folgte noch weitgehend der dichotomen Darstellung mit eigenen Kapiteln zur Schweiz, während die ersten beiden Bände der ab 2018 komplett überarbeiteten Neuauflage den Schweizer Kontext konsequent in europäische und globale Zusammenhänge einordnen.

Konklusion

Die Debatten über den Geschichtsunterricht sind keine schweizerischen Eigenheiten. Insbesondere in Westeuropas Demokratien diskutiert man darüber, wie eine die Bewohnerinnen und Bewohner des Landes inkludierende Geschichte gezeigt werden kann mit transnationalen und globalen Perspektiven, die die nationalen Grenzen überschreitet. Es ist dabei nicht mehr das Container-Modell des Meisternarrativs, das gefragt ist, aber der Bezugsraum spielt gerade eine Rolle, um die Schweizer Gesellschaft damals wie heute mit Europa und der Welt in Verbindung zu bringen. Das wurde durch eine stark dichotomisierte Wahrnehmung lange Zeit nicht gemacht. Es schien gar, als finde in der Schweiz keine Geschichte mehr ausserhalb des Rahmens einer erfolgreichen Bundesstaatengründung statt. 

Die neuen Lehrmittel öffnen sich hier und setzen den fachdidaktischen wie auch fachwissenschaftlichen Diskurs um. Inwieweit sich das aber konkret auf den Geschichtsunterricht auswirkt, ist eine weitere Frage. Hier fehlt es vor allem an Zeit, die komplexen Themen, die sich heute als Prozesse und nicht einfach als Zahlenreihen präsentieren, bearbeiten zu können. Lehrpersonen stehen so noch mehr unter dem Druck punktueller Auswahl. Was sie dabei mit Blick auf schweizerische Bezüge wählen, ist offen. 


Michel Charrière unterrichtet als Geschichtslehrer an der Kantonsschule Schüpfheim und ist an der PH Luzern Dozent für Geschichtsdidaktik der Sekundarstufe II. Er schreibt an einer Dissertation zum Thema «Fachspezifische Überzeugungen von Geschichtslehrpersonen auf der Sekundarstufe zur Vermittlung der Geschichte des eigenen Landes». 

Markus Furrer ist Professor für Geschichte und Geschichtsdidaktik an der PH Luzern und hat eine Habilitationsschrift verfasst zum Thema: Die Nation im Schulbuch – zwischen Überhöhung und Verdrängung. Leitbilder der Schweizer Nationalgeschichte in Schweizer Geschichtslehrmitteln der Nachkriegszeit und Gegenwart, Hannover 2004. 


Weitere Beiträge dazu erscheinen:

• Michel Charrière, Schweizer Geschichte im Spiegel gymnasialer Maturitätsprüfungen im Kanton Luzern, in: Nadine Fink, Markus Furrer, Peter Gautschi (Hg.), «The Teaching of the History of One’s Own Country – International Experiences in a Comparative Perspective», Schwalbach/Ts. (Wochenschau Verlag), erscheint 2020.

• Markus Furrer, Lyonel Kaufmann, «Mittendrin» oder «aussen vor»? Fragen zur Gewichtung und Darstellung der Schweizer Geschichte in aktuellen Lehrmitteln aus der Romandie und der deutschsprachigen Schweiz, in: Nadine Fink, Markus Furrer, Peter Gautschi (Hg.), «The Teaching of the History of One’s Own Country – International Experiences in a Comparative Perspective», Schwalbach/Ts. (Wochenschau Verlag), erscheint 2020.

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