Sonntag, 2. September 2018, 1:58 153585349401Sun, 02 Sep 2018 01:58:14 +0000, Posted by admin1 in Heft 208, No Comments.

Kontroverse Einschätzungen


Ein Bericht über die Tagung des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes zum Landesstreik 1918.

Von Ernst Joss

Der Landesstreik von 1918, oft spricht man auch vom Generalstreik, war eines der hervorstechendsten innenpolitische Ereignisse in der Geschichte des 1848 gegründeten schweizerischen Bundesstaats. Der 100. Jahrtag bietet nun eine gute Gelegenheit, sich mit den damaligen Geschehnissen und seinen Folgen zu beschäftigen. Im November 2017 lud deshalb der Schweizer Gewerkschaftsbund zu einer Tagung ein.

 

Zusammenhänge

Der Landesstreik muss sowohl im internationalen als auch im nationalen Kontext betrachtet werden. In Russland hatte gerade die bolschewistische Revolution stattgefunden, auch in unseren Nachbarländern kam es zu revolutionären Unruhen. In der Schweiz gab es ebenfalls schon im Vorfeld des Landesstreiks Demonstrationen und Streiks. Schon 1917 kam es in Zürich zu bewaffneten Einsätzen der Ordnungskräfte, bei welchen auch Tote zu beklagen waren.

Nicht unbeachtet bleiben darf, dass 1918 weite Teile der Schweizer Bevölkerung notleidend waren. An der Tagung wurde dies am Beispiel Basel gezeigt: 1918 kam es dort wegen Mangel an Nahrungsmitteln respektive aufgrund zu hoher Lebensmittelpreise zu Unterernährung und Hunger. Bedürftige mussten in öffentlichen Küchen verpflegt werden. Obwohl im November 1918 der Höhepunkt der Krise bereits vorüber war, war diese wohl einflussreich. Da auch die bürgerlichen Frauen von den Versorgungsengpässen betroffen waren, kam es auch über die Klassengrenzen hinweg zu Allianzen von bürgerlichen Frauen und Frauen aus der Arbeiterbewegung. Unter den bürgerlichen Frauen entspann sich allerdings ein heftiger Disput über die Legitimität des Landesstreiks. Dies obwohl eine der Forderungen des Landesstreiks gerade das Frauenstimmrecht war.

 

Klassenkampf von oben

Bemerkenswert war das Verhalten der Bankiers. Der Finanzplatz der Schweiz gewann zu dieser Zeit gegenüber der ausländischen Konkurrenz an Bedeutung und fuhr enorme Gewinne ein. Ursache für diesen Aufschwung waren politische und monetäre Stabilität. Umso bestürzter reagierte deshalb die herrschende Elite auf den Zürcher Bankangestelltenstreik vom 30. September / 1. Oktober 1918. Die Bankiervereinigung schrieb nach Streikende an den Bundesrat und warf den Behörden vor, nicht genug zur Verteidigung von Privateigentum und Rechtsstaat eingegriffen zu haben. Anfang Oktober äusserte sich auch die Armeespitze in diesem Sinne und verlangte vorbeugende Massnahmen gegen einen Generalstreik.

Die Arbeitgeberorganisationen bereiteten sich durchaus auf einen Generalstreik vor. Otto Steinmann, Sekretär der Schweizer Arbeitgeber-Organisationen, beschäftigte sich schon 1910 in einer Broschüre mit dem Phänomen des Generalstreiks. Er zeigte sich optimistisch, wie ein solcher Konflikt ausgehen würde, wenn «zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit entschlossen gehandelt wird». Otto Steinmann spielte während des Generalstreiks auf der bürgerlichen Gegenseite eine entscheidende Rolle. Er war an der Herausgabe der unter dem Titel «Bürgerliche Presse» erscheinenden «Neuen Zürcher Zeitung» beteiligt.

Der Landesstreik führte zur Gründung einer bürgerlich-vaterländisch-antisozialistischen Bewegung unter dem Namen «Schweizer Vaterländischer Verband» (SVV). Der SVV sollte die schweizerische Innenpolitik während der ganzen Zeit seines Bestehens von 1919 bis 1948 mitprägen. Er stellte politisch einseitig ausgerichtete Bürgerwehren auf und stellte so das staatliche Gewaltmonopol in Frage. In den lokalen Streiks vom August 1919 in Basel und Zürich erfolgte der grösste Einsatz der Bürgerwehren.

 

Erfolg oder «zum Heulen»?

Die Einschätzung von Verlauf und Ergebnisse des Landesstreiks ging auch innerhalb der Arbeiterbewegung stark auseinander. Während die Rechten von Anfang an den Misserfolg betonten, warfen die Linkssozialisten der Streikleitung wegen dem Abbruch Verrat an der Arbeiterschaft vor. Bekannt ist der Satz von Ernst Nobs «Es ist zum Heulen». Die zentristische Strömung um Robert Grimm verteidigte hingegen den Erfolg des Landesstreiks. Strukturelle Forderungen nach einer 48-Stundenwoche, einer Alters- und Invalidenversicherung sowie dem Frauenstimmrecht und der Proporzwahl wurden später erfüllt. Die Gewerkschaften gewannen nach dem Landestreik auch insgesamt an Bedeutung. Wurden sie vorher nicht oder nur sporadisch zu Gesprächen eingeladen, legten die Arbeitgeber plötzlich Wert auf regelmässige Gespräche und auch der Bundesrat band die Gewerkschaften in wichtige ausserparlamentarische Kommissionen ein.

Die Tagung gab zum Auftakt der Feierlichkeiten zum hundertjährigen Jubiläum einen fundierten Überblick über den Landesstreik von 1918. Dies ist verdienstvoll, die öffentlichen Diskussionen über die Bedeutung des Landesstreiks aber beginnen gerade erst.

 


Ernst Joss ist für die Alternative Liste Mitglied im Gemeindeparlament von Dietikon und präsidiert die Volkshochschule Dietikon.

 

100 Jahre Landestreik!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

SGB (Hg.). 100 Jahre Landesstreik

Ursachen, Konfliktfelder, Folgen. Reader zur Tagung vom 15.11.2017.

Download unter:

generalstreik.ch/landesstreiktagung-der-reader/

 

 

 

 

 

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