Fürchtet euch nicht!

Samstag, 10. März 2018, 23:27 152072443611Sat, 10 Mar 2018 23:27:16 +0000, Posted by admin1 in Heft 205, No Comments.

Fürchtet euch nicht!


Ein Kommentar zum Digitalisierungsbericht des Bundesrates.

Von Thomas Ragni

 

Erfährt man im Digitalisierungsbericht des Bunderates1 etwas zu möglichen Zukunftsszenarios für die «Arbeitswelt» der Schweiz im kommenden Zeitalter der «Digitalisierung»? Und wird in diesem Rahmen die mögliche Entwicklung des öffentlichen Bildungswesens thematisiert? – Fehlanzeige. Der Bericht, an welchem Expertinnen und Experten aus der halben Bundesverwaltung fast ein Jahr lang herumgedoktert haben, ist ein Kompendium aus Altbekanntem, Binsenwahrheiten und Leerformeln. So heisst es etwa zum Bildungswesen: «Aufgrund der sich verändernden Kompetenzanforderungen bestehen vor allem im Bildungsbereich Herausforderungen.» (S. 5) Und ein wenig später: «Konkret stehen Massnahmen im Bereich der Aus- und Weiterbildung im Zentrum.» (S. 6) Gegen Schluss des Berichts (S. 106) werden die vier Aktionsfelder aufgelistet: (1) Verbesserung der digitalen Kompetenzen in der Schule (2) Nutzung der Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) beim Lehren und Lernen (3) rasche Anpassung des Bildungssystems an die Anforderungen des Marktes (4) Koordination und Kommunikation in der Bildungszusammenarbeit. Selbstverständlich darf der «Finanzierungsvorbehalt» nicht fehlen: «Dabei ist aufzuzeigen, wie Prekarisierungsrisiken und Risiken der Lastenverteilung auf die Allgemeinheit und den Bundeshaushalt vermieden werden können.» (S. 108) Mehr Inhalt lässt sich aus dem Bericht beim besten Willen nicht herausdestillieren.

 

Beruhigungspille

Der Digitalisierungsbericht des Bundes sagt nichts aus, was man nicht schon seit Langem «weiss», sprich: was nicht schon längst als unerschütterliche Konsensüberzeugung in der Mehrheitsgesellschaft verankert ist. So gesehen ist er sehr «überraschungsarm» (um nicht sagen zu müssen: langweilig).

Doch etwas Neues zu erfahren, ein schärferes Problembewusstsein zu den «Chancen und Risiken» der Digitalisierung zu bekommen, war auch nicht der Zweck des Berichts. Sein Zweck war es wohl, die Stimmung zu verbreiten, dass wir ganz beruhigt der Dinge harren können, die da auf uns zurollen werden. Der Bericht hat also die Funktion einer «Soma-Pille» (Aldous Huxley).

Man kann sich aus etwas Distanz die Frage stellen, woher dieser Hype um das (angeblich) neue Zeitalter der Digitalisierung überhaupt kommt. Meine Überzeugung ist, dass dieser ein Symptom der Angst vor dem Unbeherrschbaren ist. Panikattacken überwältigen mit schöner Regelmässigkeit die (Welt-)Öffentlichkeit. Terroristische Verschwörungen zum Beispiel mit Pesterregern oder Milzbrand2, pandemische Killerviren (Vogelgrippe, SARS), resistente Krankenhauskeime, vergiftete Esswaren etcetera. Ihr gemeinsames Kennzeichen ist, dass sie in unseren Alltag eindringen und uns hier alle existentiell bedrohen, ohne dass wir etwas mitbekommen haben. Und schon ist es fast zu spät, wenn man bei deren Bekämpfung nicht mit aller Vehemenz vorgeht.

Ein historisch berühmtes Beispiel sind die Hexenverfolgungen im krisenhaften Übergang vom Mittelalter in die frühe Neuzeit. Insbesondere nach verheerenden Pestzügen boten Hexenverbrennungen – die gottgewollte Strafe für Brunnenvergiftungen – eine psychische Entlastung vor der Angst, die durch die bewusst gewordene Ungewissheit und Unbeherrschbarkeit ausgelöst wurde. Heutzutage ist dieses Bewusstsein wieder gewachsen. Zum Glück brauchen wir bis auf Weiteres noch keinen Hexenhammer, um die verschwörerischen bösen Geister zu bannen, die das Unerkennbare und darum Unbeherrschbare mit sich bringen.3 Zumindest vorerst genügen noch Heilsbotschaften des Engels an die fromme Gemeinde: «Fürchtet euch nicht!»4 Denn wir leben in der Schweiz in Wohlstand und Glück wie sonst in keinem anderen Land.

Doch die anscheinend nötig gewordene explizite Verkündung der frohen Botschaft offenbart ungewollt, dass mit dem Hype um die Digitalisierung wieder der Verdacht aufkam, dass Sicherheit trügerisch sein kann. Der Bundesratsbericht hat darum eine heimliche Hauptbotschaft: Wir wiegen uns nicht in trügerischer Sicherheit. Zweifel sind unbegründet. Die Sicherheit ist real! Auch in Zukunft gilt das zentrale liberale Heilsversprechen: Im Wirtschaftswandel fallen zwar Jobs weg, aber es werden mehr Jobs entstehen als zerstört werden (vgl. Bericht S. 27). Und die neuen Jobs werden nicht nur abwechslungsreicher und interessanter sein als die alten, sie werden auch noch wertschöpfungsstärker sein und so ein höheres Lohneinkommen ermöglichen. Wir werden unverändert auch in Zukunft in der besten aller möglichen Welten (Gottfried Wilhelm  Leibniz) leben!

 

Rationaler Kern der Angst

Schliesslich kann man sich fragen, ob die regelmässig massenweise aufwallende Angst vor der Zukunft eine ewige «Conditio humana» ist oder ob sie historisch verortbar ist. Wohl Letzteres. Die weltweiten Panikattacken sind zwar irrationale Reaktionsweisen, aber sie haben einen rationalen Kern. Auch die spätmittelalterlichen Pestzüge waren schliesslich keine reinen «Phantasmen».

Der rationale Kern der kollektiven Ängste liegt in der «Wirtschaft» des Kapitalismus begründet, die in der Tat etwas Seltsames ist. Man kann sie mit einem unzähmbaren gefährlichen Tier wie einem Weissen Hai vergleichen. Dieser ist unberechenbar und furchteinflössend,  weil er nicht wie ein Orca gebändigt oder wie ein Wolf domestiziert werden kann. Wenn man aber sein Habitat schützt, kann der Weisse Hai von hohem Nutzen sein, etwa für die Tourismusindustrie, die so lukrative Abenteuerangebote vermarkten kann. So ist es auch mit der «Wirtschaft»: Sie ist eine rätselhafte, letztlich völlig unberechenbare, darum angsteinflössende Bestie. (Kann zum Beispiel jemand überzeugend erklären, wie banale «Konjunkturschwankungen» oder «Finanzblasen» entstehen?) Gleichwohl profitieren wir alle von dieser unheimlichen Bestie. Also muss alles getan werden, dass sie sich möglichst wohl fühlt in ihrem «natürlichen» Habitat, der freien Wildbahn der globalen Märkte. 

1 «Auswirkungen der Digitalisierung auf Beschäftigung und Arbeitsbedingungen – Chancen und Risiken». Bericht des Bundesrates in Erfüllung der Postulate 15.3854 Reynard vom 16.09.2015 und 17.3222 Derder vom 17.03.2017

2 Zu einem phänomenologischen Fallbeispiel: P. Sarasin, Anthrax. Bioterror als Phantasma, Frankfurt 2004.

3 Zumindest brauchen wir einen renovierten Hexenhammer erst in Ansätzen, etwa in Form von Notverordnungen und Erlassen von mehr Überwachung und polizeilichen Sonderrechten zur «effizienteren Terrorbekämpfung».

4 NT, Lukas 2:10

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