Sozialpädagogischer Auftrag der schulischen Tagesbetreuung

Mittwoch, 28. Juni 2017, 17:37 149867147005Wed, 28 Jun 2017 17:37:50 +0000, Posted by admin1 in Heft 202, No Comments.

Sozialpädagogischer Auftrag der schulischen Tagesbetreuung


Die schulergänzende Betreuung kann und sollte viel mehr als Schulkinder ausserhalb des Unterrichts sicher zu versorgen und zu ernähren. Darüber wird bisher noch zu wenig nachgedacht – zum Schaden der Kinder und zum Schaden der Tagesschule. 

Von Christine Flitner

 

In den Kantonen Bern, Basel-Stadt, Zürich sowie in den Kantonen der Romandie werden seit einigen Jahren unter unterschiedlichen Namen ähnliche Systeme von modularer Betreuung während der unterrichtsfreien Zeit gefördert, und erweiterte Mittagstische und Horte gibt es auch an vielen anderen Orten.

Die öffentlichen Diskussionen drehen sich in erster Linie um finanzielle und organisatorische Fragen – und die Betreuung wird als Anhängsel zur Schule angesehen. Die hohen Ansprüche an die integrative und sozialisierende Wirkung der Betreuung wird zwar allenthalben als Argument für die notwendigen Investitionen angeführt, doch finden sich nirgends substantielle Überlegungen dazu, was der Auftrag der Betreuung ist und wie diese im Verhältnis zum schulischen Auftrag steht. Bei den bisherigen Hortangestellten führt das Missverhältnis von deklariertem Anspruch und Konzeptlosigkeit zu Unzufriedenheit und zum Teil zur Verweigerung, da sie die aktuelle Entwicklung als Angriff auf ihre Position interpretieren müssen und die Wertschätzung für ihre Arbeit vermissen. Verwaltung und Schule zeichnen sich dagegen überwiegend durch ihre Selbstbezogenheit aus, indem sie Schule und Betreuung als nur sehr lose verbundene Systeme ansehen, welche vor allem reibungslos aneinander vorbeikommen sollen. Hort und Betreuung sind in dieser Sichtweise zuarbeitende Institutionen, welche den Schulbetrieb im besten Fall erleichtern, beispielsweise durch Sprachförderung oder Hausaufgabenhilfe, und mit Freizeitangeboten ergänzen. Im Zentrum dieser Sichtweise steht der Schulbetrieb selbst, der möglichst ungestört ablaufen soll. So gibt es bisher auch kaum Überlegungen der Kantone oder Trägerschaften zum Auftrag der Betreuung.1

Damit steuert die Tagesschule zielsicher auf ein Abstellgleis zu. Es ist daher an der Zeit, dass der sozialpädagogische Auftrag des Hort- und Betreuungspersonals mehr Aufmerksamkeit erhält. Dafür braucht es einen Perspektivenwechsel. Nicht die Institution Schule darf im Vordergrund stehen, sondern die Personen, um die es geht, müssen endlich in den Fokus rücken: die Kinder.

 

Kinder im Fokus

Kinder bewegen sich in ihrem Alltag zwischen Schule, Betreuung und Familie. Alle drei Institutionen haben je unterschiedliche Schwerpunkte im Kontinuum von Bildung, Betreuung, Erziehung und Versorgung der Kinder.

Die Betreuungseinrichtungen werden in diesem Feld von vielen vor allem als Ersatz für dysfunktionale oder nicht vorhandene Familienbetreuung angesehen, eine historisch bedingte Sichtweise, die aus der Zeit des beginnenden 20. Jahrhunderts herrührt, als die ersten Kinderbetreuungseinrichtungen zum Schutz vor Verwahrlosung von Kindern berufstätiger Mütter gegründet wurden. Das ist überholt. Heute haben die Betreuungseinrichtungen eigene Aufgaben bei der Förderung einer kindgerechten Entwicklung zur Selbständigkeit. Diese Aufgaben leiten sich ab aus den Entwicklungsaufgaben, welche die Kinder ihrem Alter entsprechend meistern müssen, und aus dem pädagogischen Verständnis, welche Unterstützung die Kinder bei diesen Entwicklungsaufgaben brauchen.

 

Eigenverantwortung und Gemeinschaftsfähigkeit

Während der Schwerpunkt der Schule bei der formalen (und gesetzlich stark geregelten) Bildung liegt, stehen in Hort und Betreuung die informellen Bildungsprozesse und -ziele im Vordergrund. Kinder sollen lernen, Eigenverantwortung zu übernehmen und Gemeinschaftsfähigkeit zu erlangen. Dazu müssen sie persönliche und soziale Kompetenzen kennen lernen und anwenden können. Auch die Erkenntnisse darüber, wie Kinder sich entwickeln, haben sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Heute weiss man, dass Kinder sich selbständig und eigenaktiv entwickeln, indem sie ihre vorhandenen Kompetenzen ausbauen und weiterführen, wenn sie die nötigen Voraussetzungen, Angebote und Vorbilder haben.

Zu den Voraussetzungen gehören eine sichere Umgebung und altersgerechte Anregungen, die an den vorhandenen Kompetenzen anknüpfen. Der Alltag im Hort muss die Selbsttätigkeit und Eigenverantwortung der Kinder fördern, er muss ihnen die Möglichkeit zur Beteiligung an der Gestaltung des Alltags und zur Übernahme von Verantwortung – für sich selbst und für andere – geben. Er muss den Rahmen bieten für die Entwicklungsaufgaben des Kindes- und frühen Jugendalters. Zu diesen Aufgaben gehört nicht zuletzt, Konflikte ohne Eingreifen von Erwachsenen auszutragen und zu lernen, wie man sich in einer Gemeinschaft zurechtfindet und bewegt.

 

Raum für Entwicklungsmöglichkeiten schaffen

Aus dieser sehr knappen Zusammenfassung ergibt sich der sozialpädagogische Auftrag der Fachpersonen im Hort, der von einer am einzelnen Kind orientierten Haltung geprägt ist und von der Erkenntnis ausgeht, dass Kinder Raum haben müssen, ihre Entwicklungsaufgaben selbst zum richtigen Zeitpunkt in die Hand zu nehmen. Die Betreuungspersonen müssen dafür den nötigen Platz schaffen und als Vorbilder wie auch als Reibungsfläche zur Verfügung stehen.

Schutz bieten: Die Fachpersonen müssen eine sichere und geschützte Umgebung schaffen und gleichzeitig die Möglichkeit bieten, dass die Kinder entsprechend ihrem Entwicklungsstand lernen, die Grenzen der sicheren Umgebung zu erkunden, zu überschreiten und selbst Verantwortung für ihre Sicherheit und Integrität zu übernehmen.

Persönlichkeitsentwicklung fördern: Sie müssen erkennen, welche Entwicklungsaufgaben die einzelnen Kinder anpacken wollen und die Möglichkeiten schaffen, diese Aufgaben anzugehen. Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschlechterrolle.

Beteiligung ermöglichen: Sie müssen den Rahmen schaffen, in dem die Kinder mitreden und mitentscheiden können bei Fragen, die für ihren Alltag wichtig sind.

Konfliktfähigkeit und Kommunikationsformen fördern: Sie müssen selbständige Auseinandersetzungen und Aushandlungsprozesse unter den Kindern zulassen und mit ihnen die Regeln und Kommunikationsformen definieren, nach denen in einer demokratischen Gesellschaft Konflikte gelöst und die Rechte der einzelnen anerkannt werden können.

Kulturtechniken erlernen: Sie müssen mit den Kindern den Umgang mit modernen Medien und der damit verbundenen Informations- und Unterhaltungskultur erarbeiten, ebenso wie den Umgang mit den sonstigen Konsumangeboten der Gesellschaft.

Freizeitgestaltung einüben: Sie müssen den Kindern ermöglichen, ihre Freizeit gemäss ihren Interessen zu gestalten und einen wohltuenden Rhythmus von aktiven und passiven Phasen zu finden.

Eigenverantwortung ermöglichen: Sie müssen die Kinder unterstützen, zunehmend Verantwortung für sich und ihre Lebensgestaltung zu übernehmen – von Ernährung und Körperpflege bis zur Gestaltung des Alltags und der eigenen Lernbiographie.

Um diese Aufgaben erfüllen zu können, braucht es neben ausreichenden materiellen, räumlichen und personellen Ressourcen von Seiten der Fachpersonen differenzierte Kenntnisse über die Entwicklung von Kindern und ihre Bedürfnisse sowie ein hohes Mass an professionellem Handeln und Selbstreflexion.

Die schulische Tagesbetreuung wird heute von Kindern zwischen 4 und 14 Jahren besucht – eine grosse Spanne und für die Kinder selbst ein unübersehbarer Zeitraum, in dem sie sich Schritt für Schritt vom Kleinkind zum Jugendlichen entwickeln. «In diesem Prozess wachsen die Geschicklichkeit des Körpers, die Nuanciertheit der Gefühle, die Prägnanz der Wahrnehmung, die Komplexität des Denkens, die Gerichtetheit des Willens und ein mehr oder weniger vielfältiges Verhaltensrepertoire.»2

Die Betreuungspersonen müssen solche Entwicklungen kennen und einschätzen können, ob Kinder sich altersgerecht verhalten und wann sie reif sind für einen nächsten Entwicklungsschritt. Sie müssen die Kinder vor Überforderung schützen oder ihnen umgekehrt zum richtigen Zeitpunkt die Herausforderungen bieten, die es für den nächsten Schritt braucht. Sie müssen Gruppenprozesse anleiten und wissen, wann sie sich zurückziehen müssen, damit die Kinder selbst Verantwortung übernehmen.

 

Zusammenarbeit Schule und Betreuung

Die Zusammenarbeit zwischen Schule und Betreuung wird, wenn sie überhaupt existiert, an den meisten Orten als Lückenbüsser-Modell gedacht. Die Betreuung soll auffangen, was in der Schule aus institutionellen Gründen zu kurz kommt und von den Familien nicht geleistet wird. Sprachförderung, Hausaufgabenhilfe und Integration von «schwierigen» Kindern sind die wichtigsten Anforderungen in diesem Kontext. Aus Perspektive einer sozialpädagogisch fundierten Betreuung sind diese Aufgaben Teil eines viel umfassenderen Auftrags, und sie stehen nicht im Zentrum. Hier tut sich ein Graben zwischen den beiden Einrichtungen auf, über den es bisher noch wenige Brücken gibt. Der Dialog zwischen Schule und Betreuung muss daher intensiviert werden, damit beide Seiten ihre Arbeit im Sinne einer bestmöglichen Förderung der Kinder weiterentwickeln können.3 Für den Austausch zwischen Schule und Betreuung braucht es zunächst entsprechende Gefässe:

Gemeinsame Konferenzen: Schule und Betreuung müssen sich regelmässig austauschen über ihr Selbstverständnis, die gegenseitigen Anforderungen, ihre jeweilige Verantwortung und alle anstehenden Fragen der Alltagsorganisation, wie beispielsweise auch Fragen der Raumnutzung.

Gemeinsame Weiterbildungen: Es braucht gemeinsame Weiterbildungen zum pädagogischen Auftrag und Selbstverständnis.

Austausch und Absprachen: Informationen über Lehrpläne, Projekte und Hausaufgabenregelungen sollten zwischen Schule und Betreuung regelmässig ausgetauscht werden.

Tandems bilden: Für jedes Kind, welches die Betreuung besucht, sollte ein festes Tandem von zuständiger Lehrperson und zuständiger Betreuungsperson festgelegt sein (klare Ansprechpartner).

Elternsprechstunden: Elterngespräche sollten gemeinsam oder in enger Absprache stattfinden.

Gegenseitige Besuche: Lehrpersonen und Betreuungspersonen sollten in der jeweiligen anderen Institution regelmässig hospitieren.

Es versteht sich von selbst, dass für diesen Austausch ausreichende Zeitgefässe in den jeweiligen Berufsaufträgen vorgesehen sein müssen.

 

Ein Orientierungsrahmen für die schulische Tagesbetreuung

Der pädagogische Auftrag der schulischen Tagesbetreuung wird, wie gezeigt, bisher nicht ausreichend reflektiert, in erster Linie zum Schaden der Kinder, aber auch zum Schaden der Tagesschulen, die ihr Potential gegenwärtig bei Weitem nicht ausschöpfen. Das Versäumte sollte möglichst bald nachgearbeitet werden. Im Bereich der frühen Kindheit hat das Netzwerk Kinderbetreuung zusammen mit dem Marie-Meierhofer-Institut vor Jahren Pionierarbeit geleistet mit einem «Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz».4 Es ist an der Zeit, dass ein entsprechender Orientierungsrahmen mit altersgruppenspezifischen Erläuterungen und Anregungen auch für die schulergänzende Betreuung erarbeitet wird.

 

– Christine Flitner ist als VPOD-Zentralsekretärin für den Bildungsbereich zuständig.


 

1 Differenzierte Überlegungen, die auch in die folgenden Ausführungen eingeflossen sind, finden sich in «Pädagogisches Konzept für die Winterthurer Kinderhorte», 2002, (http://www.schule-oberi.ch/downloads/dss_winterthur_hort_paed._konzept_deutsch.pdf) sowie in: Bausteine für die pädagogische Arbeit in brandenburgischen Horten», verfasst von Roger Prott, Neufassung 2012, (http://www.mbjs.brandenburg.de/sixcms/media.php/5527/Bausteine%20f%C3%BCr%20Tagung.15843708.pdf). Siehe auch «Bausteine für die Konzeption der Horte im Land Brandenburg», Verlag das Netz, Weimar 2016,
ISBN 978-3-86892-133-5.

2 Pädagogisches Konzept für die Winterthurer Kinderhorte, 2002, S. 3.

3 Zur Zusammenarbeit von Schule und Betreuung siehe den Literaturbericht von Regula Windlinger: Von «Unterricht plus Betreuung» zur Tagesschule. Wie wachsen Schule und Betreuung zu einem Ganzen zusammen? Forschungsüberblick und Literaturanalyse, verfasst im Auftrag von Bildung und Betreuung, Schweizerischer Verband für schulische Tagesbetreuung, und des Instituts für Weiterbildung und Medienbildung IWM (Bereich Kader- und Systementwicklung) der PH Bern. 2016. (http://www.bildung-betreuung.ch/fileadmin/redaktion/Dokumente/andere/Wie_wachsen_Schule_und_Betreuung_zu_einem_Ganzen_zusammen.pdf)

4 Orientierungsrahmen für frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung in der Schweiz. Erstellt im Auftrag der Schweizerischen UNESCO-Kommission und des Netzwerk Kinderbetreuung, 3., erweiterte Auflage 2016.

 

Foto: as_seen / photocase.de

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