Unterstützung statt Dequalifizierung!

Friday, 14. October 2022, 17:30 166576863105Fri, 14 Oct 2022 17:30:31 +0100, Posted by admin1 in Heft 228, No Comments.

Unterstützung statt Dequalifizierung!


Welche politischen Massnahmen geeignet sind, um dem aktuellen und zukünftigen Mangel an Lehrpersonen entgegenzuwirken.

Von Fabio Höhener

Anfang September hat die Süddeutsche Zeitung getitelt: «Unterrichten? Geht zur Not auch ohne Matur». Im Artikel geben sich die Autor:innen fassungslos, dass angesichts des Lehrpersonenmangels in vielen Deutschschweizer Kantonen Personen Lehrer:in werden können, die weder ein Lehrdiplom noch Matur besitzen.
Tatsächlich ist es alarmierend, dass in der aktuellen Notsituation Qualitätsstandards aufgegeben werden müssen, um überhaupt Menschen zu finden, die bereit sind, als Lehrerin oder Lehrer zu arbeiten. In einer Zeit, in der die Anforderungen an den Lehrberuf immer weiter steigen, ist es ein verheerendes Signal, jegliche Qualifikationsanforderungen zu streichen.
Oft fehlen die anders qualifizierten Lückenbüsser:innen als Fachpersonen in ihrem angestammten Beruf. Diese Kannibalisierung zwischen den Berufsgruppen, aber auch zwischen Kantonen und Gemeinden, ist kein Modell für die Zukunft. Um den Bedarf an Lehrpersonen zu decken, gibt es wirkungsvollere politische Ansatzmöglichkeiten, um den Mangel zu bekämpfen: bei der Berufswahl, dem Beschäftigungsgrad und der Beschäftigungsdauer.

Berufswahl fördern – Zahl der Ausbildungsplätze erhöhen

Es gibt keine verwaisten Ausbildungsplätze an den Pädagogischen Hochschulen. Die Ausbildung ist immer noch beliebt und die Zahl der PH-Studierenden hat sich in den letzten Jahren immer weiter erhöht. Es braucht aber mehr Absolvent:innen, um die Pensionierungen der Baby-Boomer zu kompensieren. Die Zahl der Ausbildungsplätze muss auch für Quereinsteigende erhöht werden. Zugangserleichterungen, beispielsweise für Personen mit Berufsmaturität, sind zu prüfen. Gleichzeitig müssen die PHs bei den Studieninhalten über die Bücher. Die Kritik vieler Berufseinsteigenden, dass die Ausbildung nicht die Anforderungen der Praxis abdeckt, muss ernst genommen werden. 

«In einer Zeit, in der die Anforderungen an den Lehrberuf immer weiter steigen, ist es ein verheerendes Signal, jegliche Qualitätsanforderungen zu streichen.»

Auch die Höhe der Einstiegslöhne ist relevant. Diese sind in den einzelnen Kantonen sehr unterschiedlich. Beim letzten grossen Lehrpersonenmangel im Kanton Zürich hat man den Einstiegslohn – wie die Löhne insgesamt – erhöht. Dies hat dazu beigetragen, dass die letzte Welle des Lehrkräftemangels schnell gebrochen werden konnte.

Dagegen ist die aktuell von der Politik geförderte Dequalifizierung des Berufs Gift für die Attraktivität der Ausbildung. Bürgerliche verbreiten seit jeher die fahrlässige Vorstellung, dass es genüge, gerne mit Kindern zu arbeiten, um eine gute Lehrerin zu sein. Diese Geringschätzung von notwendigen fachlichen Qualifikationen kennen wir nur zu gut aus anderen Berufen, die grossmehrheitlich von Frauen ausgeübt werden. In kaum einem anderen Beruf würde eine solche Herabsetzung akzeptiert werden.

Beschäftigungsgrad erhöhen

Es wäre eine elegante Problemlösung, wenn einfach die vorhandenen Lehrpersonen mehr unterrichten und so mehr Unterrichtslektionen abdecken würden. Faktisch ist das jedoch unmöglich. Die Belastung ist für viele Lehrerinnen und Lehrer bereits jetzt zu hoch. Viele haben ihr Pensum aus Gesundheits- oder Vereinbarkeitsgründen reduziert. Andere Lehrpersonen wären zwar prinzipiell bereit, mehr Lektionen zu übernehmen. Sie tun es aber nicht, da dies einen Rattenschwanz an zermürbenden Aufgaben ausserhalb des Unterrichts nach sich zöge, der nur ungenügend finanziell oder zeitlich vergütet wird.

Es braucht daher mehr Entlastung für die Aufgaben ausserhalb der Kerntätigkeit, so wie der VPOD dies bereits 2018 mit der Petition «Lasst uns endlich unterrichten!» gefordert hat. Ausserdem liegt der Grund für tiefe Pensen oft auch an der Schule. 100-Prozent-Pensen sind oft aus strukturellen Gründen nicht vorhanden. Gerade in der integrativen Förderung (IF), Deutsch als Zweitsprache (DaZ) oder bei Aufgabenstunden sind Kleinstpensen nicht selten. Die werden dann auch so ausgeschrieben, obwohl rechtlich in vielen Kantonen ein Mindestpensum vorgesehen ist.

Verweildauer im Beruf

Das wirksamste Antidot gegen Mangel wäre wohl, wenn die Lehrpersonen nach Absolvierung ihrer Ausbildung möglichst lange im Beruf bleiben. Dieses «Von der Wiege bis zur Bahre» entspricht jedoch nicht mehr den modernen Erwerbsbiografien. Zusätzlich geben zu viele Lehrpersonen ihre Anstellung frustriert auf, da sie keine Strukturen vorfinden, in denen sie so arbeiten können, wie sie es für richtig halten. 

Zudem klagen gerade ältere Lehrpersonen über zu hohe Arbeitsbelastung. Das früher verbreitete Instrument der «Altersentlastungen», das ermöglichte, dass man ab einem gewissen Alter für das gesprochene Pensum weniger unterrichten musste, wurde in vielen Kantonen gestrichen. 

Auch die Lohnentwicklung ist weniger attraktiv als früher. Automatische Stufenanstiege wurden abgeschafft und durch einen sogenannten Leistungslohn ersetzt. An ihre Stelle sind individuelle Lohnerhöhungen getreten, die weder von Berufserfahrung noch von Leistung abhängen, sondern von knausrigen Kantonsbudgets. 

Mehr Wertschätzung

In der Volksschule steigt der Anteil Männer proportional zu den Schulstufen an: Auf Kindergartenstufe hat es am wenigsten Männer und ab Sekundarstufe II stellen die Männer die Mehrheit. Im Kanton Zürich unterrichten im Kindergarten 98 Prozent Frauen. Mit Ausnahme des Hebammenberufs gibt es wohl kaum einen Beruf mit einer ähnlich hohen Geschlechterungleichheit. Dies hat auch historische Ursachen. Im althergebrachten Begriff der «Gfätitantene» liegt die Geringschätzung gegenüber den Frauen, die auf der Erstbildungsstufe unterrichten, offen zutage.

«Progressive Unternehmen ermöglichen den Angestellten mehr Freiheiten. Im Bildungsbereich beginnen wir dagegen gerade, für diese mehr formelle administrative Hürden zu errichten.»

Die enorme Professionalisierung dieser und der nachfolgenden Stufen hat zu einem qualifizierten Beschäftigungsprofil geführt, das auch für Männer attraktiv sein könnte. Doch die Trendumkehr bleibt aus. Die Hälfte der Bevölkerung fühlt sich von dem Berufsbild weiterhin nicht angesprochen. Das liegt auch an der fehlenden Wertschätzung. Auch monetär. Unerklärlich, weshalb in einzelnen Kantonen immer noch auf der Kindergartenstufe tiefere Löhne bezahlt werden als auf der Primarstufe. Klar wird an solchen Beispielen aber, weshalb der Mangel auf den ersten Klassenstufen der Volkschule oft am stärksten ist.

Zugang zur Pädagogischen Hochschule erleichtern, mehr Know-how im Studium vermitteln

Der VPOD ist der Meinung, dass Barrieren für die Aufnahme eines Studiums für den Beruf «Lehrer:in» abgebaut und prüfungsfreie Zutritte geschaffen werden sollten. Aber dann brauchte es auch eine inhaltliche Begleitung der Studierenden, die es ihnen ermöglicht, das Studium erfolgreich zu absolvieren. Und dies bedeutet aber, dass fachlich aufgerüstet werden muss. Denn um angemessen auf den Beruf vorbereitet zu werden, ist eine gute Allgemeinbildung unablässlich.

Auch die vielen Quereinsteiger:innen haben den Beruf gestärkt. Denn der Begriff bezeichnet ursprünglich Personen, die über den zweiten Bildungsweg zum Lehrdiplom gekommen sind und nicht Leute die kein Lehrdiplom haben.1 Dieser Weg soll weiterhin niederschwellig möglich sein. 

Mehr Autonomie!

Die EDK und die Erziehungsdirektionen sind gefordert, die Voraussetzungen für guten Unterricht zu schaffen und so die Lehrpersonen bei ihrer Hauptaufgabe zu stärken. Damit diese mehr Autonomie haben, braucht es dringend den bereits erwähnten Abbau an administrativen Aufgaben. 

In den letzten Jahrzehnten haben Strukturreformen im Zeichen von «New public Management» dem Beruf und der Schule geschadet. An der Volksschule wurden mit der «Geleiteten Schule» Hierarchien eingeführt, die auch jetzt noch immer weiter ausgebaut und verfestigt werden. Es sind diese kontraproduktiven Reformen, die über den Köpfen oder gar gegen den Willen der Lehrpersonen beschlossen werden, die sie die Energie, Kraft und Kreativität kosten, die sie für ihren Unterricht so nötig brauchten. Sogar in der Privatwirtschaft hat man erkannt, dass zu viel Kontrolle und Bürokratie die Angestellten in ihrer Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Progressive Unternehmen schaffen diese mittlerweile wieder ab und ermöglichen den Angestellten mehr Mitsprache und mehr Freiheiten, was Zufriedenheit, Motivation und Arbeitsqualität steigert. Im Bildungsbereich jedoch geschieht das Gegenteil von mehr Autonomie, Mitsprache und Jobenrichement. Hier beginnen wir gerade, für die Angestellten formelle administrative Hürden zu errichten. Wichtig wäre, die Lehrpersonen zu entlasten, ihnen zuzuhören, welche Unterstützung sie brauchen und diese dann zu gewähren.

«Die Hälfte der Bevölkerung fühlt sich von dem Berufsbild weiterhin nicht angesprochen. Das liegt auch an der fehlenden Wertschätzung. Auch monetär.»

Für guten Unterricht ist auch der Qualifikationenmix in der Schule zu beachten. Dort fehlen oft nicht nur Lehrpersonen, es fehlen auch Psychomotorik-Therapeut:innen, Logopäd:innen und Heilpädagog:innen. Dies wiederum schadet insbesondere den Reformbemühungen, Schule inklusiv zu gestalten. Viele Lehrpersonen unterstützen diese, sie möchten inklusiv und integrativ unterrichten. Aber sie sind frustriert, weil dafür Fachpersonen sowie Zeit zu Austausch und Kooperation fehlen. 

Mehr Lohn, bessere Koordination!

Es braucht einen massiven Abbau der Ungleichheiten zwischen den Schulstufen und den Kantonen. Die Lohnunterschiede in den Kantonen haben nichts mehr mit Ortsüblichkeit zu tun. Hier braucht es eine sinnvolle Angleichung – auch zwischen den Geschlechtern! Auf Kindergartenstufe sind schweizweit 85 Prozent aller Lehrpersonen Frauen. Wenn es darum geht, mehr Leute für den Beruf zu gewinnen, müsste man auch daran denken, wie man Männer wieder für den Beruf gewinnt. 

Ein weiteres Fragezeichen steht bei den Aufgaben von Bund und Kantonen. Diese müssen eine grössere Koordination übernehmen. Sei es bei der Finanzierung, bei der Erarbeitung von Richtlinien oder weiteren Studien und Analysen. Grundsätzlich sehen wir die EDK und den Bund in einer wichtigeren Rolle bei der Koordination von Aufgaben. Die Zeit für Verantwortungs-Ping-Pong zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden ist jedenfalls definitiv vorbei.   


Fabio Höhener ist VPOD-Zentralsekretär für den Bereich Bildung, Erziehung und Wissenschaft und betreut auch die Sektion Zürich Lehrberufe.


1 In den Medien wird der Begriff auch für Personen ohne Lehrdiplom benutzt, dies entspricht jedoch nicht der Verwendung im «Quereinsteiger:innendiskurs» der Bildungsbehörden.


Foto ganz oben: contrastwerkstatt / stock.adobe.com
Foto von Fabio Höhener: Mischa Scherrer


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