Äs brucht mehr als äs bitzli

Tuesday, 30. August 2022, 21:33 166189522709Tue, 30 Aug 2022 21:33:47 +0200, Posted by admin1 in Heft 227, No Comments.

Äs brucht mehr als äs bitzli


Die Umsetzung von Inklusion braucht Ressourcen und Veränderungen in Schule und Gesellschaft. Gratis und nebenbei ist Inklusion nicht zu haben.

Von Bigna Stucky

Die Sommerferien sind da und eine Nachbarin sieht mich auf dem Weg in die Schule. «Was machst denn du in den Ferien in der Schule?», werde ich von ihr gefragt. «Du bist doch nicht Klassenlehrerin!», meint sie. Ja, was mache ich Integrative Förderlehrerin (IF) unglaublicherweise schon in den Ferien in der Schule? Es kommt noch dicker. Die Nachbarin erzählt mir, dass sie eine Lehrerin kennt, welche jetzt auch IF unterrichtet, weil es ihr zu anstrengend geworden sei mit einer ganzen Klasse. Welche Bilder tummeln sich da über IF-Lehrpersonen und den integrativen Unterricht an den Regelschulen in den Köpfen der Menschen? Was das deprimierendste für mich an den Aussagen meiner Nachbarin ist, auch sie ist im Schulbereich tätig, als Klassenassistenz.


Am Anfang eines langen Wegs

Im Kanton Luzern sind wir zumindest ansatzweise auf dem Weg in Richtung Inklusion, aber wir stehen noch ganz, ganz am Anfang! Gerade deshalb wäre es jetzt sehr wichtig, nicht stehen zu bleiben, sondern die Herausforderungen anzupacken:

1. Eine inklusive Haltung muss intensiv und mit dem gesamten Schulpersonal thematisiert werden, die Schulleitungen sind hier in der Pflicht.

2. Genügend Ressourcen müssen gesprochen und flexibler eingesetzt werden können, die Lehrpersonen müssen eine sofortige Unterstützung spüren. Der Umbau in ein inklusives Bildungssystems wird nicht kostenneutral erreicht.

3. Es braucht Anpassungen bei den Arbeitsbedingungen, besonders was die Überzeit betrifft. Lehrpersonal wird ansonsten ausgebrannt und die Bereitschaft, Kinder mit speziellen Bedürfnissen zu integrieren, schwindet. Bezahlte Absprachen beim IF-Personal und eine obligatorische Arbeitszeiterfassung wären ein erster Schritt.


Inklusive Haltung Grundbaustein

Wäre es tatsächlich so, dass ich als IF-Lehrerin nur während der knapp 40 Unterrichtswochen mit einem einzelnen Kind in einem gemütlichen kleinen Zimmer arbeiten würde, würde ich meinen Arbeitsauftrag nicht erfüllen und Integration wäre nicht zu erreichen. Ich schreibe bewusst von Integration, weil wir meiner Meinung nach noch nicht an dem Punkt sind, von Inklusion sprechen zu können. Dazu würde so viel anderes gehören und mehr als nur die direkte Einzelförderung eines Kindes mit den entsprechenden Förderzielen. Und dazu gehört auch, dass dem gesamten Schulpersonal klar sein muss, was eine IF-Lehrperson alles macht und was Integration respektive weiterführend Inklusion bedeutet. Entsprechend traurig macht es mich, wenn ich Lehrpersonen höre, welche sagen: «Dieses Kind gehört doch nicht in diese Klasse, es hat solche Schwierigkeiten im Schulstoff mitzukommen!».

Inklusion heisst, dass ALLE Kinder in die Klasse gehören. Dies ist eine Mammutaufgabe und bedeutet eine komplette Umwälzung des Bildungssystems. Es ist für mich sinnbildlich, dass ich mich erst in der Ausbildung zur schulischen Heilpädagogin mit dem Thema Inklusion beschäftigt habe. Zuvor gab es in meinen knapp zehn Berufsjahren keine gezielte Auseinandersetzung damit. Findet diese nicht statt, kann keine inklusive Haltung entstehen. Aus der Forschung1 geht klar hervor, dass eine inklusive Haltung aller einer der wichtigen Grundbausteine ist, damit Inklusion an einer Schule gelingen kann. Diese Auseinandersetzung darf nicht allein Sache der schulischen Heilpädagogin sein. Es ist zentral, dass sich das gesamte Bildungspersonal immer wieder mit Inklusion befasst, von Betreuerinnen und Betreuern im Hort über Klassenassistenzen bis zum gesamten Unterrichtsteam von Klassenlehrpersonen bis zu den Fachlehrpersonen. 

Die Schulleitungen spielen eine entscheidende Rolle, wenn es um das Formen einer integrativen/inklusiven Haltung im Schulhaus geht. Diese sollte sehr konkret im eigenen Schulhaus entwickelt werden, was gemeinsame Weiterbildungen, besonders im Unterrichtsteam, voraussetzt. 

Lehrpersonen sind auf sich allein gestellt

Im Kanton Luzern zeigt sich bei der integrativen Haltung der Lehrpersonen/Schulleitungen und der entsprechenden Umsetzung von Integration ein sehr unterschiedliches Bild, wie ich vom Geschäftsleiter einer Behindertenorganisation im Rahmen meiner Masterarbeit zu diesem Thema erfahren habe.2 Ob integriert wird oder nicht, ist stark abhängig von der Einstellung der einzelnen Lehrpersonen und der Schulleitung und wie die Unterstützung und Ressourcen für die Lehrpersonen konkret aussehen. Deshalb braucht es meiner Meinung nach eine breite Thematisierung der Integration/Inklusion und eine damit verbundene Harmonisierung im Kanton.

Doch in der ganzen Schweiz fehlt eine grundsätzliche gesellschaftliche Auseinandersetzung und Haltung zum Thema Inklusion, Inklusion wird kaum als Herausforderung thematisiert.3 Deshalb finde ich es nicht verwunderlich, dass sich bei den Lehrpersonen immer mehr Bestrebungen wieder zurück zum separativen System mit Kleinklassen und Förderklassen zeigen, wie dies zum Beispiel von Lehrpersonen in Basel mit einer Initiative gefordert wird.4 Die Lehrpersonen fühlen sich allein gelassen und dies nicht nur im Kanton Basel-Stadt. Es kann nicht ohne System, ohne effektive Unterstützung und ohne tiefgreifende Auseinandersetzung ein bisschen Inklusion gemacht werden auf dem Buckel der Lehrpersonen!

Der Kanton Luzern gehört zu den fortschrittlicheren Kantonen, zumindest was das Entwerfen von Konzepten zum Thema Integration betrifft. Es werden Evaluationen und Anpassungen erarbeitet. Im Bildungsprojekt «Schulen für Alle», welches Zielvorgaben bis ins Jahr 2035 formuliert, werden teilweise sogar Inklusionsgedanken aufgenommen. Eine externe Evaluation im Bereich der integrativen Förderung und der integrativen Sonderschule des Kantons Luzern (EVAIFIS) von Moser Opitz und Pool Maag im Schuljahr 2018/2019 zeigt aber, dass es Verbesserungen und Korrekturen braucht.5 Ansonsten könnte es genauso wie in Basel-Stadt geschehen, dass die Lehrpersonen permanent überlastet werden und sich wieder die «alten» separativen Strukturen zurückwünschen. Der Evaluationsbericht zeigt 22 Punkte zur Verbesserung auf. Die Regierung hat sich einigen Punkten angenommen, es ist aber auffällig, dass viele Anliegen, welche nicht aufgenommen wurden im Bereich der Ressourcen und zusätzlicher Unterstützung für das Lehrpersonal und die Schulleitungen liegen.

Mangel an Ressourcen

Beim Integrieren von verhaltensauffälligen Kindern beispielsweise geraten Lehrpersonen immer wieder ans Limit. Es gibt im Kanton Luzern immerhin den integrativen Sonderschulstatus «Verhalten», welcher mit unterstützenden Massnahmen und zusätzlichen Ressourcen Hilfe bietet für die Beteiligten. Nicht alle Kantone kennen diesen Status. Oft dauert es aber für die Betroffenen viel zu lange, bis diese Massnahmen eingeleitet sind oder überhaupt der Status gesprochen wird. Im Evaluationsbericht wird deshalb kritisiert, dass die Ressourcen zu wenig flexibel einsetzbar und an starre Verteilungsschlüssel gebunden sind. Dazu kommt noch das Problem des Personalmangels: Ausgebildete IF-Lehrpersonen sind Mangelware im Kanton Luzern.

Die Lösung ist oftmals, dass besonders die Kinder mit auffälligem Verhalten 1:1 mit einer Klassenassistenz «gehütet» werden müssen. Das Recht auf Bildung und spezifische Förderung für das Kind weichen in den Hintergrund und es findet auch keine tiefgreifende Entlastung für die Klassenlehrpersonen statt und die Klassenassistenzen kommen an ihre Grenzen.

Ein inklusives Bildungssystem kostet und das bisherige System kann nicht kostenneutral umgebaut werden, wie sich dies vielleicht einige Politiker und Politikerinnen vorstellen. Wichtig dabei sind nicht unzählige, sondern effizient und flexibel einsetzbare Mittel. Die Unterstützung sollte eine wirkliche Stütze für die Lehrpersonen sein und das Lehrpersonal muss die Aufgaben als bewältigbar erleben, nur dann kann es gesund und motiviert arbeiten. Bei diesem Punkt sehe ich in meinem Umfeld definitiv Schwachpunkte. Ich erlebe viele Lehrpersonen, welche den Beruf wechseln oder in ein Burnout laufen. Der Lehrpersonenmangel hilft dabei auch nicht. Es wird Lehrpersonal, welches zu wenig qualifiziert ist oder noch über keine Erfahrung verfügt, an Stellen eingesetzt, wo die Überforderung gross ist. Die Schulleitungen haben keine Alternativen und müssen diejenigen Personen einsetzen, welche sie finden. Ich bin im nächsten Schuljahr mit je einer Lektion noch neben meiner Stammklasse in zwei anderen Klassen tätig, weil das nicht anders abgedeckt werden kann. Für eine gute integrierte Förderung im Klassenverband ist dies keine positive Ausgangslage. 

Belastung zu hoch

Auch bei der VPOD-Belastungsumfrage im Jahr 2019 gaben die Lehrpersonen an, dass sie ihre Arbeit nicht mehr zu ihrer Zufriedenheit ausführen können.6 Da ist zum Beispiel die ständige Überzeit durch unbezahlte Absprachen, was sich besonders beim IF-Personal als gravierend erweist. So müssen zum Teil mit vier, fünf Lehrpersonen (je nach Pensum) pro Woche der Unterricht und Massnahmen abgesprochen werden, was ein 100-Prozent-Pensum IF im Kanton Luzern fast verunmöglicht. Der Arbeitsauftrag und die Jahressoll-Arbeitszeit müssen neu aufgegleist und berechnet werden! Ich erlebe gerade im Bereich der integrativen Sonderschulung (IS), dass der zusätzliche Arbeitsaufwand für die Klassenlehrpersonen und die Schulleitungen bei der Pensenberechnung berücksichtigt wird, man für die IS/IF-Lehrpersonen aber sämtlichen Aufwand als Teil des Arbeitsauftrages ansieht. Dies geht bis Ende Jahr mit der Jahressoll-Arbeitszeit nicht auf, ausser es würden grosse Abstriche bei der Qualität der Arbeit gemacht, was wiederum höchst unbefriedigend für alle Beteiligten wäre.

Über die Schule hinaus

Was bei Kindern mit speziellen Bedürfnissen noch zu wenig im Blick ist, ist der Übergang von der Schule in die Freizeit. Selbst wenn die Haltung bei den Lehrpersonen und den Mitschülerinnen und Mitschülern inklusiv geprägt ist, muss diese Haltung weiter ins Wohnquartier der Kinder und in ihren Freizeitbereich reichen. Auch bei einzelnen Beispielen gelungener Integration in der Schule erlebe ich immer wieder, dass diese Kinder mit speziellen Bedürfnissen ausserhalb der Schule isoliert sind. Deshalb reicht ein bisschen Integration nicht! Es braucht mehr, um eine gesellschaftliche Veränderung zu erreichen, die sich zum Beispiel auch auf die Freizeit dieser Kinder auswirkt. Ohne intensive Auseinandersetzung mit einer inklusiven Haltung geht das nicht.

Diese Auseinandersetzung verändert vielleicht auch grundsätzlich die Lehrpersonenrollen in den Schulen. Die schulische Heilpädagogin, der schulische Heilpädagoge bringt nicht nur für ein paar Stündchen das Fachwissen in die Klasse, sondern im Lehrpersonen-Team bringt jede und jeder die eigenen Stärken mit. Die Rolle der Klassenlehrperson und der IF-Lehrperson vermischen sich. Es wird gemeinsam vorbereitet und unterrichtet und problemlösungsorientiert, systemisch mit allen Beteiligten gearbeitet. Dazu muss sich auch in der Ausbildung der Lehrpersonen etwas verändern. Vieles, was ich erst in der Ausbildung als schulische Heilpädagogin gelernt habe, hätte ich gern schon als Klassenlehrerin gewusst. Ein inklusives Bildungssystem bringt also verschiedenste Veränderungen auf ganz vielen Ebenen mit sich und kann deshalb nicht eben mal so nebenbei umgesetzt werden!    


Bigna Stucky ist Integrative Förderlehrerin sowie Integrative Sonderschullehrerin im Kanton Luzern. Sie ist Mitglied in der Bildungsgruppe des VPOD Luzern.


1 Vgl. z.B. P. Lienhard-Tuggener, K. Joller-Graf, B. Mettauer Szaday (2015). Rezeptbuch schulische Integration. Auf dem Weg zu einer inklusiven Schule. Bern: Haupt.

2 B. Stucky (2021). Inklusives Bildungssystem im Kanton Luzern? Eine Standortbestimmung und Empfehlungen für zukünftige Schritte. Unveröffentlichte Masterarbeit, Pädagogische Hochschule Luzern.

3 S.o.

4 Beck. R. (2022, 2. Juni). Ein System am Anschlag. WOZ, Nr. 22

5 E. Moser Opitz, S. Pool Maag, M. Stöckli, M. Wehren-Müller (2019). Schlussbericht zur Evaluation der integrativen Förderung und integrativen Sonderschulung im Kanton Luzern (EVAIFIS). Dienststelle Volksschulbildung / Universität Zürich / PHZH.

6 VPOD Luzern. (2019). Belastungsumfrage und Index. Wie geht es den Lehrpersonen und dem Verwaltungspersonal im Kanton Luzern? Luzern: Selbstverlag.


Foto: nelos / stock.adobe.com


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