Schule im Widerspruch

Tuesday, 30. August 2022, 21:26 166189481709Tue, 30 Aug 2022 21:26:57 +0200, Posted by admin1 in Heft 227, No Comments.

Schule im Widerspruch


Wer eine inklusive Volksschule will, darf diese weder kaputtsparen noch Lernen durch absolute Wettbewerbs- und Leistungsorientierung verhindern.

Von Erich Otto Graf

Die Volksschule ist eine Organisation der Bildungsinstitution, zu deren hauptsächlichen Aufgaben es gehört, die formalen Titel, die sie zu vergeben hat, ungleich zu verteilen und diese Ungleichheit zu rechtfertigen.1 Schule greift in ihrem Diskurs auf die Gleichheit der Chancen und die individuelle Leistung zurück. Dabei verwendet sie das Konstrukt der so genannten Intelligenz und der individuellen Leistungsbereitschaft der Kinder. Dass dem bis heute so ist, hat eine Geschichte, die weit in die Institutionalisierung der Volksschule zurückweist und die zeigt, wie aus der Absicht «Volksbildung» zu betreiben, eine «Produktionsstätte von Humankapital» geworden ist. Formale Schulabschlüsse haben in unserer Kultur einen erheblichen Einfluss auf die beruflichen Chancen und Möglichkeiten eines Kindes.

Folgen des Fordismus der 1950er Jahre

Die Schweiz hat in der Zeit des boomenden Fordismus (vgl. Pfister 1995) grosse strukturelle Veränderungen durchgemacht. Zu nennen ist da zunächst die Unterschichtung der Beschäftigungsstruktur, die eine erhebliche Fremdenfeindlichkeit mit sich gebracht hat (vgl. Hoffmann-Nowotny 1973,2001). Mit den fremdenfeindlichen Initiativen am Ende der 1960er und beginnenden 1970er Jahre ist ein stabiler reaktionärer Bodensatz gebildet worden, den die Schweizerische Volkspartei (SVP) seit mehr als dreissig Jahren erfolgreich bewirtschaftet und die Schweiz damit von Europa isoliert. Diese Situation ist zu einer starken strukturellen Spannung angewachsen, weil die Schweiz es sich durch ihre restriktive Einbürgerungspolitik leistet, einem Fünftel ihrer Bevölkerung die politischen Rechte vorzuenthalten.2

Die Veränderungen des Fordismus haben auch die schweizerische Binnenwanderung gefördert und der Vervorstädterung des Landes Vorschub geleistet. Der Gegensatz von Stadt und Land ist damit nicht einfach verschwunden, sondern ergänzt worden durch Agglomerationsgemeinden, die von sich selbst nicht so genau wissen, ob sie städtisch oder ländlich geprägt sind; sie sind eben weder das eine noch das andere, sondern Vorstädte, in denen sich das Soziale zuerst wieder regruppieren muss, damit ein Gemeinwesen funktioniert. 

«Inklusion greift die demokratische Forderung nach den Menschenrechten auf.»

Die vielen Schulhausneubauten aus den 1970er und 1980er Jahren legen Zeugnis von diesen Veränderungen ab. In der Krise des Fordismus ab Mitte der 1970er Jahre gewinnt der neoliberale Angriff an Kraft und setzt sich als hegemonialer politischer Diskurs durch.

Angriff auf Sozialstaat, Schule, Commons – Entdemokratisierung und Bürokratisierung

Die neoliberale Offensive ist ein Angriff auf jenen gemeinschaftlichen Besitz, der in der Sozialwissenschaft »Commons« genannt wird (Federici 2012; Hardt und Negri 2017; Helfrich et al. 2015; Jaeger 2012).3 Das im Zuge der Neoliberalisierung eingeführte New Public Management (NPM) zielt darauf ab, möglichst viele staatliche Betriebe zu privatisieren, mit dem Argument durch das Investment privater Investor:innen könnten Steuergelder eingespart werden, was es erlauben würde die Steuern zu senken. Gleichzeitig setzt sich die Ideologie einer Austeritätspolitik durch, sie besteht aus einem Sparfetischismus, der ein so genannt ausgeglichenes staatliches Budget (auf jeder Ebene des Staates) unabhängig von der Aufgabenerfüllung der jeweiligen staatlichen Instanzen ausweisen will. Man senkt die Steuern, verweist anschliessend auf die leeren Kassen und kürzt die staatlichen Leistungen. Die ersten von der Sparwut Betroffenen sind Menschen mit Behinderungen gewesen, die unter den fortlaufenden IV-Revisionen gelitten haben. Der 2008 in Kraft getretene NFA hat die Sonderpädagogik zur Aufgabe der Kantone gemacht, mit dem Effekt, dass in den Schulen für Kinder mit Einschränkungen sehr unterschiedliche Regelungen gelten.4

Beispielhaft für die neoliberale Schulpolitik waren in den 1990er Jahren die Schulreformprojekte des Kantons Zürich unter dem damaligen Erziehungsdirektor Ernst Buschor, deren Ziel es war, die Schule zu entdemokratisieren und zu technokratisieren. Diese Politik hat in vielen anderen Kantonen Nachahmung gefunden. Unter dem Titel einer so genannt «wirkungsorientierten» Schulreform hat sich die schulische Organisation weiter heterogenisiert, ist die Macht der Schulbürokratie angewachsen und ist die Situation in den Klassenzimmern für viele Lehrpersonen unübersichtlicher geworden, während gleichzeitig ihr bürokratischer Aufwand angestiegen ist.

Demokratisch-republikanisches Erbe der Volksbildung

Die neoliberale Politik greift ein wichtiges Moment aus dem demokratisch-republikanischen Erbe der Volksbildung an. Die französische Revolution hatte ein Dreieck aufgespannt, dessen Ecken «Freiheit», (égalité) «Gleichheit» (liberté) und «Geschwisterlichkeit» (fraternité} ausmachen.5 Die Institutionalisierung der Volksschule in der Hälfte des 19 Jahrhunderts greift diese Ideen auf.6

Die drei Begriffe des Revolutionsdreiecks stehen zueinander in einem widersprüchlichen Verhältnis. In dieser Dialektik beeinflussen und korrigieren sie sich gegenseitig. 

Allein der Aspekt der «fraternité» ist schon im 19. Jahrhundert von der bürgerlichen Politik verraten worden, wie Hans Mayer in seinem Buch «Aussenseiter» (Mayer 1981 (1975)) festhält. «Formale Gleichheit vor dem Gesetz ist nicht mit der materialen Egalität in einer gleichen Lebenschance zu verwechseln, eignet sich vielmehr, wie die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft demonstriert, vorzüglich zur Verhinderung. Dialektik der Aufklärung allenthalben: im Kontrast zwischen Freiheit und Freiheiten, materieller und formaler Egalität, beim Versuch die hochherzigen Emotionen der ‹Brüderlichkeit› politisch und rechtlich zu konkretisieren. Die Erben des Gracchus Baboeuf im 19. Jahrhundert vermieden deshalb die generöse Terminologie der Fraternität und ersetzten sie durch den präziseren Ausdruck der ‹Justice›» (Mayer 1981 (1975), S. 9). In der Dialektik von «Freiheit» und «Gleichheit» ist der Aspekt der «Fraternität», das heisst der solidarischen Anerkennung von Verschiedenheiten und Unterschieden auf dem Misthaufen der Geschichte gelandet; aber wie alles Verdrängte kehrt er wieder, dieses Mal unter dem Schlagwort der Inklusion.

Eine Aktivierung des Aspektes der Brüderlichkeit hätte die Institutionalisierung von Bildung als Prestigedimension und Privilegierung erschwert, denn hier werden die Konzepte von «Freiheit» und «Gleichheit» durch ein sich auf Wettbewerb stützendes Muster so verknüpft, dass sie soziale Differenzierung und Schichtung erlauben, gewissermassen ohne dass es die davon Betroffenen noch merken.

Indem Bildung als Prestigedimension in unserer Kultur eingerichtet wird, funktioniert sie als eine Art von Schmiermittel, das den Klassenantagonismus insofern entschärft, als Bildungserfolg – trotz besserem Wissen – zum Ergebnis individueller Anstrengungen gemacht wird. So wird soziale Unbewusstheit hergestellt.8 Das Unbewusstmachen von gesellschaftlichen Zusammenhängen führt notwendigerweise zum Vergessen der Ursprünge und verhindert damit zuverlässig kritisches Denken. 

Schule ausbluten lassen, um Ausgaben zu sparen

Die Steuern sind vielerorts gesenkt worden. Das hat auch das Schulwesen hart getroffen, wie das folgende Beispiel zeigt. «Um das Budget ausgeglichen zu gestalten, will die Aargauer Kantonsregierung jedes Jahr bis zu 150 Millionen Franken sparen – und dies vor allem in der Bildung. So sollen 260 Lehrerstellen nicht besetzt werden.»9 Auf diese Art und Weise hat dieser Kanton die Arbeitsbedingungen der Lehrpersonen verschlechtert. Und wir sind nicht erstaunt, am 3. Mai 2022 diese Schlagzeile zu lesen: «Der Lehrermangel im Aargau spitzt sich immer weiter zu». Seit Jahren haben Schulen mit einem Lehrpersonenmangel zu kämpfen. Die Situation spitzt sich jetzt aber weiter zu. Im Aargau sind über 500 Stellen offen.10 

Was hier am Beispiel das Kantons Aargau gezeigt werden kann, gilt auch für viele andere Kantone in der deutschsprachigen Schweiz. 

Der Mangel an Lehrkräften war vorhersehbar. Die Ausbildung der Lehrpersonen hinkt diesem Phänomen hinterher. Wenn die Wirtschaft gut läuft und die Arbeitsbedingungen im Schulwesen unattraktiv werden, dann fällt es vielen gut und teuer ausgebildeten Lehrpersonen leicht, das Schulsystem zu verlassen und ihren Lebensunterhalt anderswo zu verdienen. Sie zurückzuhholen ist schwierig.

Die neoliberale Sparpolitik führt zur Verschlechterung der Arbeitssituation von Lehrpersonen. Werden Stellen nicht besetzt, bzw. durch Aushilfspersonen gefüllt, dann verstärkt das die Personalrotation in den Schulen. Wenn aber Personal in raschem Rhythmus ausgewechselt wird, führt das auch zu einem grossen Verlust an implizitem Wissen.11 Dort wo solches Wissen mangelt, verliert das gemeinsame Handeln an Selbstverständlichkeit. Es entstehen Missverständnisse und es sind mehr formale Begegnungen nötig, was bei Zeitknappheit schwierig wird, was wiederum Formalisierung und Bürokratisierung hervorruft.

Demokratische Kämpfe

Die neoliberale Ordnung, deren Denken unsere Eliten bis auf den heutigen Tag pflegen, befindet sich seit der Weltwirtschaftskrise von 2007/2008 in einer fatalen Krise, die durch zwei selbstverursachte Aspekte verschärft wird, zum einen handelt es sich um den exorbitanten Raubbau an Rohstoffen gleich welcher Art,12 und zum anderen um die nun auch in der Schweiz rasch spürbaren Folgen der Klimaerwärmung, deren Verlauf wir kaum mehr zu beeinflussen vermögen.13

Unsere Gesellschaft befindet sich in einem raschen Strukturwandel, und dieser Strukturwandel drückt sich auf der kulturellen Ebene in einer zur Zeit fortlaufenden Segmentierung aus. Umgangsprachlich ausgedrückt, können wir sagen, dass bisherige Selbstverständlichkeiten unserer Alltagskultur zerbrösmeln; die Gendersternchen treten gewissermassen neben die Freiheitstrychler, und beide haben Schwierigkeiten einander zu verstehen.

Diese kulturelle Segmentierung bildet sich in den so genannten sozialen Medien ab und verfestigt sich so. Dies geht einher mit einer Abnahme der Toleranz von Ansichten und Verhaltensformen ausserhalb eigener kultureller Segmente. Die demokratischen Kämpfe etwa der postkolonialen Bewegung oder der LGTB-Bewegung14 haben die Schule in ihrem Alltag erreicht und führen zu Diskussionen über die eurozentrische Sichtweise der Welt und die heterosexuelle Normativität.

Entstehung einer digitalisierten Wirtschaft und Inklusion

Der Strukturwandel der Gesellschaft hat inzwischen auch die Schule erreicht, aber er erfolgt dort sehr langsam.15 Die Schweiz wandelt sich wirtschaftlich zu einer informatikbasierten Produktionsstätte mit vielen Dienstleistungsunternehmen. Das Schulwesen hat hier einen grossen Nachholbedarf.16 

Die Informatisierung der Schule wurde weitgehend verschlafen. Hier hat es der Föderalismus an Koordination und Kooperation fehlen lassen. Die inhaltlichen Unkenntnisse in den jeweiligen Bildungsverwaltungen sind oft erschreckend. Es wird ersichtlich, dass die Digitalisierung des Lernens für die Schule zu tiefgreifenden Veränderungen der Art und Weise des Unterrichtens und damit auch zur Ausgestaltung der Rolle der Lehrperson führt. Veränderung von Rollen wiederum sind für die davon betroffenen Personen mit grossem sozio-psychischem Aufwand verbunden, Und solcher Aufwand neigt dazu, dass die Menschen sich gegen die Veränderung zunächst eher zur Wehr setzen.

In diese Situation hinein gerät nun die Thematik der Inklusion. 

Inklusion greift die demokratische Forderung nach den Menschenrechten auf. Die Menschenrechte werden insbesondere in der Schweiz für Menschen mit einer Behinderung eher mangelhaft gewährleistet.17

Durch Separation von Kindern mit Einschränkungen, die das Bildungswesen über Jahrzehnte gepflegt hat, sind entsprechende separative Strukturen entstanden. Das Fehlen von Schüler:innen mit Einschränkungen in den Regelklassen der Volksschule über lange Zeit hinweg hat sie meist auch aus den mentalen Konzepten der Lehrpersonen verschwinden lassen. Der Forderung, Kinder mit Einschränkungen in der Regelschule zu beschulen, wird deshalb oft mit Skepsis begegnet. Viele Schulgemeinden haben sich weder um die Barrierefreiheit ihrer schulischen Infrastrukturen gekümmert und kümmern sich oft noch immer nicht darum, was für die Eltern der betreffenden Kinder immer zu einer grossen zusätzlichen Belastung führt und die Spannungen mit der Schule erhöht.

Zur gleichen Zeit wird deutlich, dass ein inklusiver Unterricht tendenziell all jene Aspekte aufgreift, die seit Jahren in der Erziehungswissenschaft als «guter Unterricht» benannt werden.

Das Thema der Inklusion wird so zu einem Kristallisationspunkt der Struktur und Kultur der Schweizer Volksschule mit all ihren vielfältigen Widersprüchen.  


Erich Otto Graf ist promovierter Sozialwissenschaftler und arbeitet als Privatdozent an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Eines seiner Bücher trägt den Titel «Inklusionsforschung. Beiträge zu einer Ethnografie des Inlands» (Berlin, 2017, epubli.) Weitere Angaben zu Projekten und Literatur auf: www.institutionsberatung.ch


Bibliografie

Bourdieu, Pierre, Passeron, Jean-Claude, 1971: Die Illusion der Chancengleichheit. Untersuchungen zur Soziologie des Bildungswesens am Beispiel Frankreichs. Stuttgart: Ernst Klett Verlag.

Erdheim, Mario, 1982: Die gesellschaftliche Produktion von Unbewusstheit. Eine Einführung in den ethnopsychoanalytischen Prozess. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Federici, Silvia, 2012: Der Feminismus und die Politik der Commons (2010). S. 87-105 in: (Hg.), Aufstand aus der Küche. Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution. Kitchen Politics – Queerfeministische Interventionen 1. Münster: edition assemblage.

Graf, Martin Albert, und Erich Otto Graf, 1997: Der Angriff der Bildungselite auf die Volksbildung. Bildungssoziologische Anmerkungen zur aktuellen Bildungsreform. Widerspruch 33: S. 23 – 37.

Hardt, Michael, und Antonio Negri, 2017: Assembly. New York: Oxford University Press.

Helfrich, Silke, David Bollier und Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.) (Hg.), 2015: Die Welt der Commons: Muster gemeinsamen Handelns (Sozialtheorie). Bielefeld: transcipt.

Hess-Klein, Caroline, und Eliane Scheibler, 2022: Aktualisierter Schattenbericht. Bericht der Zivilgesellschaft anlässlich des ersten Staatenberichtsverfahrens vor dem UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Handicap, Inclusion. Bern. Editions Weblaw.

Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim, 1973: Soziologie des Fremdarbeiterproblems. Eine theoretische und empirische Analyse am Beispiel der Schweiz. Stuttgart: Ferdinand Enke Verlag.

Hoffmann-Nowotny, Hans-Joachim (Hg.), 2001: Das Fremde in der Schweiz. Zürich: seismo.

Jaeger, Carlo C., 2012: Scarcity and coordination in the global commons. S. 85-101 in: Jaeger, Carlo C.,Klaus Hasselmann,Gerd Leipold,Diana Mangalagiu und David J. Tàbara (Hg.), Reframing the Problem of Climate Change. From zero sum game to win-win solutions. Abingdon: Earthscan.

Kronig, Winfried, 2003: Das Konstrukt des leistungsschwachen Immigrantenkindes. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 1: S. 126-141.

Kronig, Winfried, 2007: Die systematische Zufälligkeit des Bildungserfolgs. Theoretische Erklärungen und empirische Untersuchungen zur Lernentwicklung und zur Leistungsbewertung in unterschiedlichen Schulklassen. Bern: Haupt Verlag.

Latour, Bruno, 2017 (2015): Kampf um Gaia. Berlin: Suhrkamp.

Mayer, Hans, 1981 (1975): Aussenseiter. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

Pfister, Christian (Hg.), 1995: Das 1950er Syndrom. Der Weg in die Konsumgesellschaft. Bern: Paul Haupt.

Polanyi, Michael, 1985 (1966): Implizites Wissen. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.

Zschokke, Johann, Heinrich, Daniel, 1859 (1836): Volksbildung ist Volksbefreiung. S. 170 – 189 in: Heinrich Zschokke (Hg.), Heinirch Zsckokkes Gesammelte Schriften. Aarau: Sauerländer.


1 Dies ist seit langem bekannt, vgl. dazu (Bourdieu 1971), (Kronig 2003, 2007).

2 In der Schweiz betrug der Ausländer:innenanteil an der Wohnbevölkerung im Jahr 2021 25.7% (https://de.statista.com/statistik/daten/studie/293698/umfrage/auslaenderanteil-in-der-schweiz/ / Abfrage 29.6-2022).

3 In der Schweiz ist diese Form des Gemeinbesitzes vor allem in den alpinen Regionen des Landes noch lebendig in den Alpgenossenschaften. Als Beispiel sei hier die OAK (Oberallmeind Korporation) im Kanton Schwyz erwähnt, die mit über 900 eine der ältesten dieser Organisation in der Schweiz sein dürfte (https://de.wikipedia.org/wiki/Oberallmeindkorporation_Schwyz / Abfrage 3. 8. 2022). Da in der Schweiz alles etwas langsamer vor sich geht als anderswo, erhielten die Frauen schliesslich 1993 das Korporationsbürgerrecht und seit 2005 ist es ihnen erlaubt, es auch weiterzugeben. Die Oberallmeindkorporation verwaltet einen Landbesitz, der etwas grösser ist als der Kanton Zug.

4 Vgl. https://www.szh.ch/themen/recht-und-finanzierung/interkantonale-vereinbarungen / Abfrage 3.8.2022. Konkret bedeutet dies, dass der Kantonswechsel vom Kanton Zürich in den Kanton Aargau, Solothurn oder Bern, um drei Beispiele zu machen, die rechtlichen und finanziellen Mittel für die Unterstützung eines Kindes mit einer Einschränkung verändert. Das neoliberale Programm des NFA (nationaler Finanzausgleich hat die Aufgabe der Sonderpädagogik auf die Kantone verteilt. «Die Kantone sind in fachlicher, rechtlicher und finanzieller Hinsicht für die besondere Schulung von Kindern und Jugendlichen (0-20 Jahre) sowie für die sonderpädagogischen Massnahmen zuständig.
Gemäss dem Bundesgesetz über die Beseitigung von Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen (BehiG) haben die Kantone dafür zu sorgen, dass Kinder und Jugendliche eine ihren besonderen Bedürfnissen angepasste Grundschulung erhalten. Das Gesetz verlangt von den Kantonen die Förderung der Integration behinderter Kinder und Jugendlicher in die Regelschule mit entsprechenden Schulungsformen, soweit dies möglich ist und dem Wohl des behinderten Kindes oder Jugendlichen dient (Art. 20, Abs. 1 und 2 BehiG)». (zitiert nach https://www.szh.ch/themen/recht-und-finanzierung/interkantonale-vereinbarungen / Abfrage 3.8.2022).

5 «Brüderlichkeit» ist eine patriarchalisch verbrämte Übersetzung von «fraternité». Der Begriff der «fraternité» ist zwar patriarchalisch überdeterminiert, bezieht sich aber in erster Linie auch Verwandtschaft und Abstammung. «Geschwisterlichkeit» wäre heute angemessener.

6 Vgl. dazu etwa die Ausführungen Heinrich Zschokkes, eines brandenburgischen Revolutionärs und späteren Regierungsrates des Kantons Aargau zur Volksschule, der Volksbildung Volksbefreiung genannt hat (Zschokke 1859 (1836)).

7 Seit den Utopien reformatorischer Ansätze bleibt dieser Anspruch unabgegolten. Es wäre an anderer Stelle diesem Aspekt nachzugehen, der sehr viel zu tun hat mit der Niederlage und dem Ausschliessen anarchistischer Konzepte aus der Arbeiterbewegung und ihrem wiederholten Auftauchen in reformpädagogischen Ansätzen (vgl. dazu Graf und Graf 1997).

8 Zum Begriff der sozialen Unbewusstheit vgl. die Arbeiten des Zürcher Ethnospsychoanalytikers Marion Erdheim (vor allem Erdheim 1982).

9 So ein Podcast von SRF vom 28.8.2015, vgl. https://www.srf.ch/audio/regional-diagonal/kanton-aargau-will-vor-allem-bei-der-bildung-sparen?id=10690205 / Abfrage 3.8.2022.

10 Vgl. https://www.argoviatoday.ch/aargau-solothurn/der-lehrermangel-im-aargau-spitzt-sich-immer-weiter-zu-146378992 / Abfrage 3.8.2022.

11 Zum Begriff des impliziten Wissens, des tacit knowledge, das für das gute Funktionieren von Arbeitsgruppen so wichtig ist vgl. Polanyi 1985 (1966).

12 Es ist, um ein Beispiel zu machen, unglaublich, welche Mengen an Energie die Herstellung von Fleisch in der Schweiz verschlingt, wenn man die Energiekosten für die Produktion von Soja im Regenwald Amazoniens mitberechnet, dessen Abholzung die Lebensräume indigener Völker vernichtet und unglaubliche Mengen an CO2 freisetzt.

13 Der französische Wissenschaftsforscher und Soziologe Bruno Latour hat dazu ein eindrückliches Buch geschrieben mit dem Titel «Kampf um Gaia» (Latour 2017 (2015)).

14 https://de.wikipedia.org/wiki/LGBT / Abfrage 7.8.2022.

15 Erinnern wir uns daran, wie lange es gedauert hat, bis die Kantone sich auf den Schuljahresbeginn nach den Sommerferien einigen konnten, die Zähigkeit des Harmos-Projektes und die schwierigen Debatten rund um die Einführung des Lehrplan 21 in der deutschsprachigen Schweiz. 

16 Bspw. bestehen noch immer kaum einheitlichen Lehrmittel, die in allen Kantonen gemeinsam eingesetzt werden.

17 Vgl. dazu den Schattenbericht der Zivilgesellschaft zur Umsetzung der UN-BRK in der Schweiz, (Hess-Klein und Scheibler 2022). Ebenso sind beispielsweise die Zugänge zu individuellen Unterstützungen für Kinder mit einer Beeinträchtigung, welche die Volksschule besuchen kantonal sehr unterschiedliche geregelt. Dem Sonderpädagogikkonkordat der Kantone sind aktuell 16 Kantone beigetreten. Vgl. https://www.szh.ch/themen/recht-und-finanzierung/interkantonale-vereinbarungen / Abfrage 4.


Foto: zhenya / stock.adobe.com

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