Im Club der Prekären

Thursday, 30. June 2022, 13:06 165659436801Thu, 30 Jun 2022 13:06:08 +0200, Posted by admin1 in Heft 226, No Comments.

Im Club der Prekären


Ähnlich wie in Deutschland sind die Arbeitsbedingungen für Wissenschaftler*innen in der Schweiz von grosser Unsicherheit geprägt.

Von Hannah Schoch

Die Probleme an den Hochschulen, wie sie Andreas Keller für Deutschland beschreibt, kennen wir ziemlich genauso auch in der Schweiz – von den befristeten Arbeitsverträgen, zu der extrem schwierigen Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben oder zum Verantwortungs-Ping-Pong zwischen Hochschulen, Kantonen und Bund. Auch bei uns wird seit einem Jahrzehnt auf die strukturellen Probleme an den Hochschulen hingewiesen und zum Glück seit zwei Jahren wieder ganz intensiv diskutiert – denn Veränderungen werden immer dringender. 

Befristung die Regel

Zuerst zu den Arbeitsverträgen: 80 Prozent des wissenschaftlichen Personals in der Schweiz sind befristet angestellt – die Hälfte davon mit einer Vertragslaufzeit von unter 3 Jahren.1 Oder genauer: Gemäss eben erschienenem Bericht der BASS sind «92 Prozent der Befragten aus dem Mittelbau ohne Doktorat […] befristet angestellt und 71 Prozent der Befragten aus dem Mittelbau mit Doktorat. Auf Stufe Professur sind unbefristete Anstellungen die Regel (89 Prozent).»2 Es hilft, diese Zahlen etwas einzuordnen, um zu verstehen, in welchen Extremen sich hier die Schweiz und Deutschland bewegen: In Grossbritannien und den Niederlanden, zum Beispiel, liegen die Befristungen bei circa 32 Prozent – es ist also nicht so, dass Hochschulsysteme nicht auch anders sein können. Eine zweite hilfreiche Referenzzahl: In der Schweizer Gesamtwirtschaft sind 7,8 Prozent der Arbeitnehmenden befristet angestellt3 – an den Schweizer Hochschulen liegen bereits die Professor*innen mit 11 Prozent befristeten Anstellungen deutlich über diesem Wert, bei allen anderen Forschenden und Lehrenden sind Befristungen die Regel. Dazu kommt, dass die meisten Anstellungen unterhalb der Professur Teilzeitstellen sind – mit der Erwartung, dass aber wesentlich mehr gearbeitet wird, wie dies auch in einer VPOD-Umfrage an der Universität Zürich letztes Jahr noch einmal deutlich wurde.4 

Familien- und frauenfeindlich

Doch was sind die Folgen dieser Befristungen? Andreas Keller skizziert einige davon im Interview. Die Befristungen und der entsprechend kurze Planungshorizont verschärfen die Unsicherheit der Karriere- und Lebensplanung, die sowieso auf dem heutigen Arbeitsmarkt gelten. An den Schweizer Hochschulen hat sich die Situation tatsächlich noch verschlimmert: «Deutlich mehr Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als 2011 geben an, wegen ihrer beruflichen Karriere schon mal einen Kinderwunsch aufgeschoben oder auf Kinder verzichtet zu haben (Frauen 2021: 53 Prozent, Frauen 2011: 43 Prozent; Männer 2021: 35 Prozent, Männer 2011: 28 Prozent). Dies deutet darauf hin, dass die Wissenschaft als Arbeitsort heute als familienfeindlicher wahrgenommen wird als noch vor 10 Jahren.» Dazu kommt, dass man als Forschende nicht nur die Hochschule immer wieder wechseln, sondern dass zumindest ein Teil des Arbeitslebens im Ausland verbracht werden sollte – für die Internationalisierung. Mit massiven Auswirkungen auf das Privatleben und auf das eigene Umfeld.

Entsprechend erstaunt es wenig, dass diese strukturellen Faktoren ausschlaggebend für einen Entscheid für oder gegen die Arbeit an einer Hochschule sind – und nicht etwa, wie wichtig einem die eigentliche Tätigkeit in der Forschung, der Lehre und Betreuung der Studierenden ist oder wie geeignet man dafür ist: «Die grossen Unsicherheiten und die fehlende Planbarkeit einer akademischen Laufbahn werden denn auch von einem Grossteil der Nachwuchswissenschaftlerinnen (67 Prozent) und Nachwuchswissenschaftler (65 Prozent) als Argument gegen den Verbleib in der Wissenschaft angeführt.»6 Gerade Frauen verlassen die Hochschulen nach dem Doktorat. Wollen wir aber wirklich, dass prekär leben zu können einer der wichtigsten Entscheidungsfaktoren für oder gegen eine Arbeit an den Hochschulen ist? Wollen wir, dass unsere Forschenden und Dozierenden so ausgewählt werden? 

Veränderungen angehen

Entsprechend wichtig sind die die politischen Vorstösse, um endlich wirkliche Veränderungen anzustossen: Die Petition Academia (Für mehr Festanstellungen im akademischen Bereich: Bessere Forschungs-, Lehr- und Arbeitsbedingungen)7 und der Vorstoss aus der Frauensession haben dazu geführt, dass die WBK das Kommissionspostulat 22.3390 «Für Chancengleichheit und die Förderung des akademischen Nachwuchses» im April verabschiedet hat. Dieses wurde am 9. Juni im Nationalrat angenommen, sodass der Bundesrat jetzt eine Bestandsaufnahme zu den Themen Prekarität, Gleichstellung und akademischer Nachwuchs im Mittelbau der Schweizer Hochschulen vornehmen muss. Zudem hat er für die BFI-Botschaft 2025-28 die Schaffung einer beträchtlichen Anzahl fester Stellen für Postdocs zu prüfen.

Diese politische Arbeit hat aber auch ganz wichtige Diskussionen in der Öffentlichkeit und nicht zuletzt auch an manchen Hochschulen selber angestossen. Die Probleme sind bekannt. Jetzt muss nur die Verantwortung übernommen werden, die strukturellen Reformen müssen konkret – und nicht mit vagen Versprechen – angegangen werden.     


Hannah Schoch ist Vorstandsmitglied von Actionuni und Eurodoc-Delegierte. Sie hat Englische Sprach- und Literaturwissenschaft, Filmwissenschaft, Philosophie und Gender Studies studiert und doktoriert in Zürich.


1 Büro für Arbeits- und Sozialpolitische Studien (BASS), Akademische Karriere, Partnerschaft und Familie – Befragung des wissenschaftlichen Personals der Schweizer Universitäten und des ETH-Bereichs, 2022, S. VI. (https://bit.ly/3yNAXsb)

2 BASS, Akademische Karriere, Partnerschaft und Familie, 2022, S. II. 

3 BFS, Arbeitsverträge (2020), 2021.

4 VPOD, Mehrstunden beim akademischen Nachwuchs der Universität Zürich, 2021. (https://www.vpod.uzh.ch/de/news/VPOD-Umfrage-beim-akad.-Nachwuchs-Ergebnisse.html )

5 Akademien der Wissenschaften Schweiz. «Wie sich Paare beim Elternwerden retraditionalisieren, und das gegen ihr eigenen Ideale», René Levy, Swiss Academies Communications, Vol. 11 No. 3, 2016.

6 BASS, Akademische Karriere, Partnerschaft und Familie, 2022, S. II. (https://bit.ly/3yNAXsb)

7 https://campaign.petition-academia.ch/


Foto: Anna Rudin

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