Wie viele sind es bei euch?

Thursday, 24. February 2022, 11:43 164570303611Thu, 24 Feb 2022 11:43:56 +0200, Posted by admin1 in Heft 225, No Comments.

Wie viele sind es bei euch?


Ein Blick in den OECD-Bericht und eine Schweizer Studie zu geschlechtsspezifischen Ungleichheiten bei Bildung und Berufswahl.

Von Ute Klotz

Christina Kraus (2021) schreibt in ihrem Beitrag «Frauen in der Tech-Branche: ‹Habt ihr auch eine?›» zu einem Sammelband über ihre persönlichen Erfahrungen als junge Frau bei der Berufswahl, im Informatikstudium, bei ihrer Unternehmensgründung und in der Berufswelt allgemein. Die Frage im Titel bezieht sich auf ihre Erfahrung, dass sie in ihrem eigenen Informatikstudium nur wenige Kommilitoninnen hatte. Für mich ein Anlass, das Thema «Frauen und Bildung» anhand von OECD-Bildungsindikatoren genauer anzuschauen und die «Komplexität der Frage» (Puchert, 2017, zit. nach Loge, 2021) anhand einer weiteren Publikation aufzuzeigen. 

Zunehmende Angleichung, fortbestehende Unterschiede

Der aktuelle OECD-Bericht zum Thema Bildung (2021) gibt einen Überblick anhand von verschiedenen Bildungsindikatoren aller 38 OECD-Länder. Es geht dabei unter anderem um Bildungsergebnisse, -erträge, -zugang, -beteiligung und -verlauf sowie um in Bildung investierte finanzielle Mittel. Dieser Fokus erscheint deshalb relevant, weil die Bildungsindikatoren helfen sollen, die Bildungspolitik der einzelnen OECD-Länder effektiver zu machen, aber auch den Zugang so zu gestalten, dass alle teilnehmen können. Der OECD-Bericht verweist darauf, dass 2015 bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung verabschiedet wurde. Das vierte von insgesamt 17 Zielen ist der Bildung gewidmet, insbesondere der Bildungsqualität. 

Grundsätzlich heisst es zwar, dass Frauen in den letzten Jahren mehr von der Bildungsausweitung profitiert hätten als Männer, dass dieser Anteil aber im höheren Bildungsbereich abnimmt. Gleichzeitig wird die bekannte Aussage bestätigt, dass Frauen seltener als Männer MINT-Fächer belegen. Immerhin ist auch in mehr als der Hälfte der OECD-Länder der Frauenanteil in den MINT-Fächern gestiegen. Doch in den meisten OECD-Ländern wählen Frauen nach wie vor mehr Studienrichtungen in Gesundheit und Sozialwesen als in Technik, Ingenieurwesen und Mathematik. Im OECD-Durschnitt haben 52 Prozent der Frauen (25-34-jährig) einen Abschluss im Tertiärbereich, bei den Männern der gleichen Altersgruppe sind es nur 39 Prozent. Der geschlechtsspezifische Unterschied beträgt hier also 13 Prozentpunkte. Der Anteil der Erwachsenen, deren höchster Abschluss unterhalb des Sekundarbereichs II liegt, ist in den letzten 10 Jahren bei den Frauen stärker gesunken als bei den Männern, nämlich von 27 auf 20 Prozent bei den Frauen und von 26 auf 22 Prozent bei den Männern. Leider sind diese jungen Frauen ohne Abschluss im Sekundarbereich II besonders stark von der Erwerbslosigkeit betroffen. Die Erwerbslosenquote mit höherem Bildungsstand gleicht sich aber zwischen Männern und Frauen immer mehr an.

Beim Abschluss im Sekundarbereich II bzw. im postsekundaren, nicht tertiären Bereich sieht es anders aus: hier verfügen 45 Prozent der Männer (25-34-jährig) über einen solchen Abschluss, während es bei den Frauen (25-34-jährig) genau 10 Prozent weniger sind, also 35 Prozent. Die Beschäftigungsquote von Frauen ist niedriger als die von Männern, obwohl der Bildungsstand der Frauen als hoch angesehen wird. Die Tendenz einer niedrigeren Beschäftigungsquote wird in den unteren Bildungsabschlüssen noch verstärkt. Die Beschäftigungsquote verleitet eventuell zur Annahme, dass die Frauen in Vollzeit arbeiten. Das trifft nicht zu. Die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen Teilzeit arbeiten, ist doppelt so hoch wie bei Männern, und das unabhängig vom Bildungsstand. 

Dazu kommt, dass die in Vollzeit arbeitenden Frauen mit einem Abschluss im Tertiärbereich circa lediglich 76 Prozent des Männergehalts verdienen. Insgesamt gesehen, hat sich diese Differenz jedoch tendenziell verringert. Es gibt aber kein OECD-Land, in dem Frauen so viel verdienen wie Männer. Die Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen lassen sich durch Geschlechtsstereotypen im beruflichen Umfeld, traditionelle Vorstellungen, aber auch durch die Fächerwahl erklären (OECD, 2019). So wird erklärt, dass Männer eher Fächer wie zum Beispiel Ingenieurwesen, Informatik oder Bauwesen wählen, bei denen auch ein höheres Einkommen erwartet werden kann, während Frauen Fächer wählen, bei denen ein vergleichsweise niedrigeres Einkommen erwartet werden kann, wie zum Beispiel Pädagogik, Geisteswissenschaften oder Kunst. Hinzu kommt, dass Frauen eher dazu neigen, weniger wettbewerbsintensive Arbeiten anzunehmen, um alle ihre familiären Verpflichtungen erfüllen zu können (OECD, 2016). Das kann in der Schweiz auch dazu führen, dass bei Frauen der staatliche Gesamtnutzen die staatlichen Gesamtkosten einer Ausbildung im Tertiärbereich nicht übersteigt. Die betroffenen OECD-Länder werden deshalb daran interessiert sein, Frauen stärker in den Arbeitsmarkt zu integrieren. 

Für die Schweiz und einige wenige andere Länder gilt, dass die Erwerbseinkommen von Beschäftigten, die im Ausland geboren sind und einen Abschluss im Tertiärbereich haben, mindestens gleich hoch sind, wie von denjenigen mit gleichem Bildungsabschluss, die in der Schweiz geboren sind. Zum Schluss wird noch der Einfluss der Corona-Krise auf die Weiterbildung aufgezeigt, welche sich in einigen Ländern, unter anderem auch der Schweiz, stärker ausgewirkt hat als in anderen Ländern. So ist die Anzahl der Erwachsenen, die an einer formellen oder informellen Weiterbildung teilgenommen haben, im zweiten Quartal 2020 um rund 30 Prozent im Vergleich zum zweiten Quartal 2019 gesunken, sowohl bei Männern als auch bei Frauen.

Soziale Herkunft entscheidend

Die OECD-Bildungsindikatoren geben einen guten Überblick über das Bildungswesen und erlauben interessante Vergleiche mit anderen OECD-Ländern. Es bräuchte aber weitere Erklärungen, um einige Bildungsindikatoren besser zu verstehen, wie z.B. die Berufs- und Studienwahl bei Frauen und Männern, die einen entscheidenden Einfluss auf das Einkommen hat. Eine Publikation, die mögliche Gründe aufzeigt, ist die von Lena Loge (2021). Sie untersucht, wie die Studienfachwahl durch das soziale Milieu und das Geschlecht beeinflusst werden. Dabei wurden 13 Interviews durchgeführt, davon acht mit Studierenden der Sozialen Arbeit und fünf mit Studierenden des Bauingenieurwesens. So begründet eine Studierende des Bauingenieurwesens ihre Studienwahl unter anderem mit der fachlichen Nähe der Familie zum Studiengang («Technikfamilie», Loge, 2021, S. 151), das Gleiche gilt für den Bekanntenkreis, dazu kommen überschaubare Strukturen an der Fachhochschule und eine Vorliebe für «logische» Fächer. Als Kontrast wird ein Studierender des Bauingenieurwesens erwähnt, dessen Studienwahl von der Vorstellung geprägt ist, in der Zukunft ein erfolgreiches Baugeschäft oder eine Immobilienfirma betreiben zu können, ähnlich seiner Familie, die bereits erfolgreich ein Autohandelsgeschäft führt. Alle Studierenden des Bauingenieurwesens, Frauen wie Männer, haben eine grosse Nähe zur technischen Fachkultur, die auf einem starken Anwendungsbezug basiert und auf der Erwartungshaltung eines bestimmten Einkommens und Sicherheit beruht (Sander & Weckerth, 2017). Eine Erkenntnis dieser Studie (Loge, 2021) ist, dass Frauen und Männer des gleichen Studienfachs mehr verbindet als trennt. Sie teilen ein ähnliches Verständnis von Gemeinschaft, Disziplin, beruflichem Aufstieg und Tradition. 

Die Unterschiede zeigen sich bei den männlichen oder weiblichen Orientierungspersonen, bei der Anlehnung oder Ablehnung familiärer Fachtraditionen oder beim Streben nach Autonomie oder Statusabsicherung. Wenn Männer und Frauen sich für ein Studium der Sozialen Arbeit entscheiden, dann bedeutet das einerseits eine Abkehr von der Erwerbsarbeits- und Leistungsorientierung, und andererseits eine Nähe zu neuen Lehr- und Lernformen und zu aufwändigeren Aushandlungsprozessen. Umgekehrt bedeutet die Entscheidung für ein Studium des Bauingenieurwesens, dass die Studierenden eher einen disziplinierten, hierarchisch orientierten familiären Umgang gewohnt sind, dem Fachwissen eine hohe Bedeutung zumessen, sich für tüftlerisches Rechnen und Arbeiten begeistern und sich stark an der Erwerbsarbeit und am Leistungsstreben orientieren.

Loge (2021) sieht ihre Erkenntnisse als relevant für die Studienberatung an, sowohl für die Studienwahl Bauingenieurswesen als auch für den MINT-Bereich. So reicht es nach ihrer Meinung nicht, den Studieninteressierten Vorbilder zu präsentieren, sondern diese müssten auch Berufsfrauen oder Studierende sein, die den gleichen sozialen Hintergrund wie die weiblichen Studieninteressierten haben. 

Immer noch zu wenig

Insgesamt gibt der OECD-Bericht (2021) einen umfassenden, auch wirtschaftlich fokussierten Überblick über die Bildungssituation in den 38 OECD-Ländern mithilfe von Bildungsindikatoren. Auch wenn sich einige Indikatoren in Bezug auf Frauen verbessert haben, ist die Situation dennoch enttäuschend. Die eingangs erwähnte Frage «Wie viele sind es bei euch?» kann zusammenfassend mit «immer noch zu wenig» beantwortet werden. 

Es bleibt also abzuwarten, wie die länderspezifische Bildungspolitik hier weiter betrieben wird. Loge (2021) weist zum Schluss auch noch darauf hin, dass eine höhere Zahl von Frauen in technischen Berufen ein notwendiger Schritt ist, dieser aber nicht der letzte sein sollte. Sie betont, dass eine Feminisierung der Berufe oft zu entsprechenden Verschlechterungen von Lohn und Arbeitsbedingungen führt. Um diese zu vermeiden, braucht es gemäss der Hans-Böckler-Stiftung (2013) unter anderem grundsätzlich eine gute Bezahlung und familienfreundliche Arbeitsbedingungen.  

Ute Klotz ist Dozentin an der Hochschule Luzern und langjähriges Redaktionsmitglied der vpod bildungspolitik.


Hans Böckler Stiftung (Hrsg.) (2013). Männliche Reflexe: Zur Sache. Magazin Mitbestimmung (6). https://www.boeckler.de/de/magazin-mitbestimmung-2744-maennliche-reflexe-5256.htm

Kraus, C. (2020). Frauen in der Tech-Branche: «Habt ihr auch eine?». In A. Ternès von Hattburg (Hrsg.), Digitalisierung als Chancengeber (125-135). Springer Fachmedien Wiesbaden.

Loge, L. (2021). Von Bauingenieurinnen und Sozialarbeitern. Springer Fachmedien. https://doi.org/10.1007/978-3-658-32445-2 

OECD (Hrsg.) (2021). Bildung auf einen Blick 2021. OECD-Indikatoren (OECD Publishing). Paris. 

OECD (Hrsg.). (2019). Bildung auf einen Blick 2019. OECD-Indikatoren. wbv Media. https://doi.org/10.3278/6001821mw

OECD (Hrsg.). (2016). OECD Employment Outlook 2016. (OECD Publishing). Paris. https://doi.org/10.1787/empl_outlook-2016-en 

Sander, T., & Weckerth, J. (2017). Soziale Prägungen und fachkulturelle Sozialisationsprozesse am Beispiel des Ingenieurberufs: Beitrag zur Veranstaltung «Das Personal der Professionen» der Sektion Professionssoziologie. In S. Lessenich (Hrsg.), Geschlossene Gesellschaften. Verhandlungen des 38. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Bamberg 2016.


Foto: Juan Algar Carrascosa / photocase.de

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