Zugang zu Bildung verbessern

Wednesday, 3. November 2021, 18:46 163596516106Wed, 03 Nov 2021 18:46:01 +0200, Posted by admin1 in Heft 224, No Comments.

Zugang zu Bildung verbessern


An der Medienkonferenz vom 22. September 2021 präsentierten Vertreter*innen des Komitees die Anliegen der Kampagne «Bildung für alle – jetzt!» und Geflüchtete erzählten ihre Bildungsgeschichte. Die anwesenden Nationalrätinnen Sandra Locher Benguerel, SP, und Katharina Prelicz-Huber, Grüne, stellten ihre parlamentarischen Vorstösse für einen besseren Bildungszugang vor. 

Nationalrätinnen Sandra Locher Benguerel, SP, und Katharina Prelicz-Huber, Grüne

Sabine Zurschmitten, Co-Kampagnenleiterin, Perspektiven-Studium / VSS

Geflüchtete Menschen sollen unabhängig ihres Aufenthaltsstatus – im Rahmen ihrer Interessen und Potentiale – Zugang zu Bildung haben und gleichwertige Ausbildungen wie andere Menschen in der Schweiz absolvieren können. Davon profitieren nicht nur Geflüchtete, sondern auch Gesellschaft und Wirtschaft. Um den hohen Ausbildungsbedarf von geflüchteten Menschen zu decken, schlägt der Verein «Bildung für alle – jetzt!» in den sechs Forderungen der Petition Massnahmen für alle Bildungsstufen vor.

Die Geflüchteten Mohsen Babaie, Kholoud Alhaj Ali und Nusret Onur Akpek berichteten an der Medienkonferenz über ihre Bildungsziele und die Hindernisse, denen sie sich gegenübersehen (vgl. S. 7-9). Sabine Zurschmitten, Co-Leiterin der Kampagne / Perspektiven-Studium, VSS, stellte die individuellen Erfahrungen der drei in den Kontext des Schweizer Bildungssystems und analysierte exemplarisch, welche Hürden beim Bildungszugang durch welche Massnahmen abgebaut werden müssen (vgl. S. 7-9). 

Nationalrätin Sandra Locher Benguerel hat in der Herbstsession eine Interpellation zur Schule für die Kinder aus den Bundesasylzentren eingereicht. An der Medienkonferenz führte sie aus, dass «gemäss UNO-Kinderrechtskonvention und Bundesverfassung das Grundrecht auf Bildung uneingeschränkt umgesetzt werden muss.» Sie betonte, dass dies leider heute noch nicht immer der Fall sei und deshalb die Schweiz in der Pflicht stehe. Grundsätzlich sollte spätestens nach einem Jahr in einer Heimschule der Übertritt in eine Regelschule erfolgen. Je früher dieser erfolge, desto besser ist dies für die Entwicklung der Kinder. Sandra Locher Benguerel ist für die Koordination der Kampagne «Bildung für alle – jetzt!» im nationalen Parlament verantwortlich.

Katharina Prelicz-Huber, Nationalrätin und Präsidentin des VPOD, hat eine Motion für flexiblere Regelungen der Berufsvorbereitung auf den Weg gebracht. Viele Zugewanderte sind hochmotiviert, eine qualifizierte Ausbildung zu machen, stehen aber häufig vor unüberwindbaren Hürden: Neben dem Mangel an bedarfsgerechten Angeboten nach Ende der Schulpflicht scheitern viele an administrativen Einschränkungen wie Aufenthaltsrecht, Altersobergrenze, Wohnkanton, Finanzierungsproblemen und diskriminierenden Zulassungskriterien. Katharina Prelicz-Huber zitierte aus einer Studie, dass in der Schweiz 40 Prozent der spät zugewanderten Personen von 16-24 Jahren keinen Abschluss auf Sekundarstufe II haben und weder in Ausbildung noch erwerbstätig seien. Ihre Motion sei ein wichtiger Beitrag, um Hürden beim Bildungszugang abzubauen. Handlungsbedarf gebe es, wie  Katharina Prelicz-Huber weiter ausführte, auch bei der Diplomanerkennung: «Aus gewerkschaftlicher Erfahrung wissen wir, dass in der Gastro, auf dem Bau und in der Reinigung sicher ein Drittel hochqualifizierter Migrant*innen, die aufgrund fehlender Papiere bzw. deren Nicht-Anerkennung als qualifizierter Abschluss, im Tieflohnbereich als Ungelernte arbeiten».

Die nationale Kampagne wird noch bis Ende Juli 2022 weitergeführt werden. In Zusammenarbeit mit Parlamentarierinnen und Parlamentariern werden weitere Vorstösse im nationalen und in kantonalen Parlamenten folgen. 


«Auf jeden Fall eine Ausbildung machen»

Mohsen Babaie, 22, kommt aus Afghanistan und ist seit 15 Monaten in der Schweiz. Soeben hat er die Aufenthaltsbewilligung B bekommen.

Zur Schule konnte ich nicht gehen. Als mein Vater ermordet wurde, war ich neun Jahre alt. Meine Mutter hatte wieder geheiratet, sie konnte mir nicht helfen. So habe ich für einen Mann des Nachbardorfes als Hirte gearbeitet. Brötchen, Milch und Joghurt waren mein Lohn.
Als ich mit 14 Jahren geflüchtet bin, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Auto gesehen. Auf der Flucht habe ich lesen und schreiben gelernt. In Griechenland bin ich zum ersten Mal in die Schule gegangen, wo ich die Grundlagen der Mathematik gelernt habe. 

In der Schweiz bin ich schliesslich in Rüti gelandet, wo die Kirche einmal pro Woche Deutschunterricht anbietet, was allerdings durch Corona unterbrochen wurde. Dann hat mich die Sozialarbeiterin für den A2-Kurs bei Solinetz angemeldet. Da habe ich jetzt gerade die Zertifikatsprüfung bestanden. 

Nun muss ich natürlich noch besser Deutsch lernen. Die Gemeinde hat mir jetzt angeboten, mir einen Kurs zu finanzieren. Ich muss aber zuerst eine neue Wohnung finden. Auf jeden Fall möchte ich eine Ausbildung machen. Was genau, weiss ich noch nicht. Sicher nicht in einem Büro, sondern unter freiem Himmel. 

Weil ich als Kind sehr auf mich allein gestellt war, fühle ich anderen Menschen gegenüber immer eine gewisse Scheu. Zu schaffen macht mir ausserdem, dass die Menschen hier keine Zeit füreinander haben, weil sie immer beschäftigt sind. Ob ich meine Scheu jemals ganz loswerden kann?

– Mohsen Babaie

«Bildungszugänge sind in der Schweiz stark vom Aufenthaltsstatus abhängig»

Die Geschichte von Mohsen Babaie ist kein Einzelfall. Bildungszugänge sind in der Schweiz stark vom Aufenthaltsstatus abhängig – je prekärer der Aufenthaltsstatus, desto beschränkter sind die Zugänge zu Bildungs- und Förderangeboten. Hier zeigt sich das ganz deutlich am Beispiel der Sprachförderung. Die fallführende Stelle hat Mohsen Babaie keinen Zugang zu einem kostenpflichtigen Deutschkurs gewährt und ihn an Freiwilligenorganisationen verwiesen, die gratis Kurse für Geflüchtete anbieten. So hat er zunächst nur mit Hilfe der Kirche und dem Solinetz ein A2-Deutschzertifikat erreicht. Viele Geflüchtete in der Schweiz – insbesondere Personen mit einem Status N, also Asylsuchende, Abgewiesene und Sans- Papiers, erhalten Sprachkurse nur dank der Freiwilligenarbeit, die zivilgesellschaftliche Organisationen wie das Solinetz, die Kirche und andere leisten. 

Um jedoch an der Gesellschaft teilhaben zu können, sind Kenntnisse in einer Landessprache eine wichtige Voraussetzung. Trotzdem ermöglichen viele Gemeinden bzw. Betreuungsorganisationen den Geflüchteten keinen oder nicht ausreichenden Zugang zu Sprachkursen. Oder wie das Solinetz dazu schreibt, das mit seinen Deutschkursen in diese Lücke springt: «Das Engagement des Solinetzes für Geflüchtete bewegt sich im Spannungsfeld von unbezahlter Übernahme staatlicher Aufgaben und politischem Widerstand.»

Wir fordern deshalb in der ersten Forderung unserer Petition das Recht auf Bildung für alle. Die Integrationsagenda muss das Recht auf Bildung für alle Geflüchteten, unabhängig vom Aufenthaltsstatus, gewährleisten. Dieses Recht auf Bildung für alle Aufenthaltsstatus – das bereits für die Volksschule gilt, muss neu auch auf allen anderen Stufen des Bildungssystems gelten. Wir fordern weiter in der Forderung 6 zur Weiterbildung, dass alle Personen in der Schweiz, insbesondere auch Geflüchtete, dabei unterstützt werden sollen, um bei Bedarf schulische Grundbildung nachzuholen und Sprachkurse bis Niveau C2 zu besuchen (falls dies gewünscht ist und angezeigt ist). 

Mohsen Babaie hat erst nach 13 Monaten eine B-Bewilligung erhalten, und erst jetzt hat die Gemeinde ihm erstmals angeboten, einen weiterführenden Sprachkurs zu finanzieren. Diesen braucht er auch, wenn er, wie er sagt, «auf jeden Fall eine Ausbildung machen möchte, bei der er unter freiem Himmel arbeiten kann!»

Mit seiner B-Bewilligung ist er jetzt in der Behördensprache eine «zu integrierende Person». Das heisst, er hat nun das Recht, sich seinem Talent und seinen Interessen entsprechend ausbilden zu lassen. Damit junge Geflüchtete wie Mohsen Babaie gleichberechtigt an einer Berufsbildung teilnehmen können, braucht es aber spezifische Massnahmen und bedarfsgerechte Förderangebote. Deshalb fordern wir in der Forderung 3 der Petition, die sich auf die Sekundarstufe 2 bezieht, dass junge Geflüchtete im nachobligatorischen Alter vollwertige und vollzeitliche Ausbildungen erhalten. Die Berufsvorbereitungsprogramme müssen grundsätzlich bei individuellem Bedarf auf zwei Jahre verlängert werden können und die entsprechende Alterslimite muss auf 30 Jahre erhöht werden. Zudem sollen für das Gymnasium geeignete Geflüchtete auch auf diesem Bildungsweg gefördert und ermutigt und nicht in eine Berufslehre gezwungen werden.

Sabine Zurschmitten, Co-Kampagnenleiterin, Perspektiven-Studium, VSS


«Meine Berufsfindung ist ein steiniger Weg»

Kholoud Alhaj Ali, 23, kommt aus Syrien. Seit mehr als zweidreiviertel Jahren ist sie in der Schweiz, sie hat den Aufenthaltsstatus F.

In Syrien hatte ich Medizin studiert (5 Semester), wie alle, welche in der Maturaprüfung nicht mehr als 3 von 290 Punkten verfehlen. In der Schweiz habe ich mir Deutsch zunächst selbst beigebracht, nachher lernte ich bis C1 bei Solinetz. Seit einem Jahr habe ich ein Coaching bei Heks-Mosaik. Meine Berufsfindung ist ein steiniger Weg. Ich brauchte einige Zeit, um zu verkraften, dass ich mit F-Status mein Medizinstudium nicht wiederaufnehmen durfte. Von einem Studium der Biomedizin wurde mir abgeraten mit dem Hinweis, dass dazu eine harte Vorprüfung, unter anderem in drei Landessprachen, nötig sei. Später stellte sich heraus, dass das nur zwei Landessprachen betraf, immer noch eine hohe Hürde. Operationstechnik wurde als Alternative vorgeschlagen. Deshalb habe ich in einem Spital geschnuppert. Danach habe ich entschieden, einen ganz anderen Weg einzuschlagen. Das erste Problem im Spital ist schon mein Kopftuch. Das kann ich nicht wirklich verstehen. Ich zeige mein Gesicht ebenso wie alle hier und trage helle oder farbige Tücher. Mit der Atmosphäre im Spital hatte ich Mühe. Die Menschen sind hier verwöhnt, die Patienten scheinen mir überbetreut. Das hat wohl mit dem Wohlstand zu tun. Ein Stück weit fühle ich mich fremd und einsam in diesem Land. Deshalb habe mich gegen einen Beruf mit viel Menschenkontakt entschieden. Die Idee einer Ausbildung in der IT-Branche sagt mir zu. Aber noch habe ich keinen Ausbildungsplatz.

– Kholoud Alhaj Ali

«Die Zulassung zum Medizinstudium ist für Geflüchtete nahezu unmöglich»

Auch Kholoud Alhaj Ali hat bisher keinen Zugang zu kostenpflichtigen Deutschkursen bekommen. Mit grosser Eigeninitiative, Durchhaltewillen und der Unterstützung des Solinetzes hat sie es geschafft, in zwei Jahren auf ein C1-Niveau zu kommen. Das ist bemerkenswert und zeugt von ihrem Sprachtalent und ihrer Ambition. Mit einem C1 in der Tasche bringt sie die sprachlichen Voraussetzungen für ein Hochschulstudium in vielen Studienfächern mit. Sie hat bereits eine wichtige Hürde genommen, für die andere wesentlich länger haben – erst recht, wenn sie kaum Unterstützung erhalten. 

Viele Geflüchtete sind wie Kholoud Alhaj Ali hochmotiviert, ein Studium zu machen, stehen aber häufig vor unüberwindbaren Hürden – die allzu oft struktureller Natur sind. Viele scheitern zudem an Finanzierungsproblemen oder wie sie an administrativen Einschränkungen wie Aufenthaltsrecht und diskriminierenden Zulassungskriterien. 

Kholoud Alhaj Ali wollte ihr in Syrien begonnenes Medizinstudium in der Schweiz fortsetzen. Jedoch sind die Studienplätze für ein Medizinstudium sehr teuer und sehr knapp. Man muss sich um einen Studienplatz bewerben und die Zulassungskriterien sind hart. Das musste auch sie erfahren, als man ihr mitteilte, dass man mit einem F-Status kein Medizinstudium machen darf. Zu sagen ist an dieser Stelle, dass die Zulassung zum Medizinstudium in der Schweiz mit einem F-Status nicht nur nicht vorgesehen ist, sondern dass die Realität zeigt, dass diese für alle Geflüchteten nahezu unmöglich ist. 

In meinem Arbeitsalltag beim Projekt Perspektiven – Studium treffe ich häufig auf ausgebildete Mediziner*innen mit viel Praxiserfahrung im Ausland, z.B. aus Eritrea, Syrien oder der Türkei, deren Diplome nicht anerkannt und deren Kompetenzen nicht eingehend geprüft werden, um sie entsprechend einzustufen. Da liegt besonders viel Potential brach – eine Absurdität in Zeiten des Fachkräftemangels im medizinischen Sektor während einer Pandemie. 

Wir fordern deshalb in der Forderung 5 der Petition zur Tertiär- bzw. Hochschulbildung, dass der Bund, die Kantone und die Hochschulen dafür sorgen müssen, dass Geflüchtete mit guter Vorbildung beim Zugang zu Hochschulen unterstützt werden – etwa mit bedarfsgerechten Sprachkursen, Brücken- und Vorbereitungsprogrammen sowie mit Stipendien. Die Spielräume für die Anerkennung ihrer mitgebrachten Diplome müssen von den Hochschulen genutzt und auf politischer Ebene erweitert werden. Es braucht Alternativen im Zulassungsverfahren (z.B. Eignungstests, assessments etc.), damit durch die Flucht verloren gegangene Diplome und nicht oder ungenügend dokumentierte Vorkenntnisse zur Anerkennung gelangen können.

Kholoud Alhaj Ali mit einem F-Status hat sich nun entschieden, einen anderen Weg einzuschlagen und eine Ausbildung in der IT-Branche zu absolvieren. 

Sabine Zurschmitten, Co-Kampagnenleiterin Perspektiven-Studium, VSS


«Meine Gemeinde sieht kein Studium vor»

Nusret Onur Akpek, 40, kommt aus der Türkei. Seit fast drei Jahren lebt er in der Schweiz, eine B-Bewilligung hat er seit einem Jahr.

Bis zum Putschversuch 2016 war ich Staatsanwalt. Ich habe zwei Master abgeschlossen. In der Schweiz habe ich zunächst Deutsch in verschiedenen Freiwilligenkursen gelernt und das C1-Zertifikat gut bestanden. Als ich die B-Bewilligung erhielt, wurden mir zwei Gespräche im BIZ organisiert. Ich hatte mich vorher entschlossen, eine Ausbildung zur Sozialarbeit zu machen und liess mir die möglichen Wege aufzeigen. 

Zuallererst braucht man ein Praktikum. Ich machte mich selbständig auf die Suche, schrieb zahlreiche Bewerbungen und wurde immer wieder enttäuscht. Zum ersten Mal habe ich die Türkei vermisst. Das sehe ich jetzt als eine Art geistige Flucht zurück. Vor lauter Stress bekam ich eine Gürtelrose. Inzwischen habe ich doch noch ein Praktikum für 7 Monate gefunden.

Nachher werde ich mich an einer Hochschule bewerben und ein Stipendium suchen. Meine Gemeinde sieht kein Studium vor. Irgendwie habe ich das Gefühl, es doch schaffen zu können. Ich muss die Leute überzeugen und selbst eine Finanzierung organisieren.

Mein Ziel ist klar, meine Zukunft ungewiss. Ich versuche, die bestehenden Möglichkeiten optimal zu nutzen. Als Freiwilliger arbeite ich bei VoCHabular mit und habe bei Solinetz Winterthur unterrichtet. Eine Nachbarin lobte kürzlich meine gute Integration. Das machte mich glücklich. Ich möchte mich in dieser Gesellschaft gebraucht fühlen und meinen Beitrag leisten. Wir schauen nach vorne. Meine Frau ist viel selbständiger geworden, das freut mich sehr. 

– Nusret Onur Akpek

Finanzierungshürde für Hochschulstudium

Auch in Nusret Onur Akpeks Bildungsbiografie spiegeln sich drei der Forderungen der Petition wider (F1, F5 und F6): Er hat sich einen Grossteil seiner Deutschkenntnisse bis zum C1-Niveau über Freiwilligenangebote angeeignet. Als Staatsanwalt mit zwei Masterabschlüssen gehört er eigentlich der Bildungselite an. In der Schweiz werden diese Bildungstitel jedoch nicht anerkannt, weshalb er – wie viele Akademiker*innen mit Migrations- und Fluchthintergrund – einen beruflichen und sozialen Statusverlust hinnehmen musste und eine Dequalifizierung erlebt. Trotz aller Widrigkeiten ist Nusret Onur Akpek aber nicht resigniert: Er engagiert sich freiwillig, hat sich umorientiert und strebt nun eine Ausbildung als Sozialarbeiter an. Bereits aber die Suche nach einem Praktikum glich einem Spiessrutenlauf. 

Wenn eine geflüchtete Person schliesslich eine Zulassung zu einem Regulärstudium schafft, stellt neben Semestergebühren und weiteren Studienkosten die allgemeine Lebensfinanzierung eine grosse Herausforderung dar. Ein Studium wird bei Sozialhilfeabhängigkeit grundsätzlich nicht finanziert. 

Anders gesagt, wenn alle anderen Hürden für die Zulassung zu einem Hochschulstudium überwunden werden können, bleibt meist noch die letzte übrig – und das ist eine riesige: nämlich, die Finanzierung. So geschehen auch bei Nusret Onur Akpek. 

Seine Gemeinde sieht kein Studium vor. Bei unserer Anfrage im Dezember 2020 hat uns der Bundesrat zugesichert, dass ein Abschluss auf Tertiärstufe, das heisst ein Studium, in der Integrationsagenda als gangbarer Integrationsweg für anerkannte Geflüchtete und vorläufig aufgenommene Personen mit dem nötigen Willen und Potential vorgesehen ist. In der Praxis wird dieser Weg jedoch kaum aktiv von den zuständigen Betreuungspersonen bzw. Gemeinden gefördert. Vielmehr werden Leute in eine rasche Arbeitsmarktintegration gedrängt. 

Der Zugang zu Stipendien stellt eine weitere Hürde dar. In den meisten Kantonen sind nur anerkannte Geflüchtete stipendienberechtigt, nicht aber vorläufig aufgenommene Personen und schon gar nicht Asylsuchende. In Kantonen, wo vorläufig aufgenommene Personen stipendienberechtigt sind, geht das sehr oft einher mit langen Wartefristen von fünf bis sieben Jahren, bevor überhaupt ein Gesuch gestellt werden kann. Es braucht deshalb auch in diesem Bereich deutliche Verbesserungen der Zugänge, damit Menschen wie Nusret  Onur Akpek – wie er selbst sagt – sich in dieser Gesellschaft gebraucht fühlen und ihrem Potential entsprechend ihren Beitrag leisten können. 


Sabine Zurschmitten, Co-Kampagnenleiterin,  Perspektiven-Studium / VSS


Fotos: Urs Loppacher (ganz oben)
Stéphane Canetta
20Min / Matthias Spicher







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