Alles tun, um das Schlimmste zu verhindern!

Friday, 17. September 2021, 18:00 163190160806Fri, 17 Sep 2021 18:00:08 +0200, Posted by admin1 in Heft 223, No Comments.

Alles tun, um das Schlimmste zu verhindern!


Welche Kompetenzen brauchen Kinder und Jugendliche im 21. Jahrhundert?  

Von Francine Pellaud

Was meinen wir eigentlich genau, wenn wir von «Nachhaltiger Entwicklung» sprechen? Das Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigen Entwicklung (siehe Abbildung 1) ist zumindest in den Ländern des Westens inzwischen einer grösseren Öffentlichkeit bekannt. Von den Vereinten Nationen wurde dieses bereits auf dem Klimagipfel 1992 in Rio de Janeiro propagiert. Auch die Schweizer Regierung übernahm dieses Modell Mitte der 1990er Jahre in ihrem ersten Strategiepapier zur «Nachhaltigen Entwicklung». Dieses Modell ist so verbreitet, dass nur «Nachhaltige Entwicklung» in eine Suchmaschine eingeben muss, um auf dieses zu stossen. Auch in den sprachregionalen Lehrplänen PER und LP21 wird es verwendet und ebenso bezieht sich die Stiftung education21 auf dieses.

Abbildung 1

Diese Art der Darstellung Nachhaltiger Entwicklung (NE) betont, wie wichtig es ist, ein Gleichgewicht zwischen Ökologie, Sozialem und Ökonomie zu finden: In dem Modell liegt NE genau im Schnittpunkt der drei Pole. Diese Darstellung verdeutlicht, dass sich diese gegenseitig beeinflussen. Sie legt jedoch auch nahe, dass in den Polen trotzdem Bereiche relativer Autonomie existieren und sich beispielsweise ein Teil der Wirtschaft entwickeln kann, ohne damit die anderen beiden Pole zu beeinflussen. Das Gleiche gilt für Soziales und Ökologie. In der Realität trifft dies für unsere Gegenwart jedoch nicht länger zu, denn das Handeln des Menschen hat inzwischen systemische Auswirkungen auf die Entwicklung unseres Planeten.

Deshalb ist es notwendig, für das Nachdenken über unsere Zukunft ein anderes Modell von NE zu verwenden (siehe Abbildung 2): Dieses neue Modell sieht den ökologischen Pol als Grundlage jeglicher Entwicklung an und erinnert uns so daran, dass es ohne natürliche Ressourcen – seien es Nahrungsmittel, Wasser, fossile Ressourcen (Metalle, seltene Erden usw.) oder Energie – auch keine soziale oder wirtschaftliche Entwicklung geben kann. 

Abbildung 2

Die Frage, wie wir Nachhaltigkeit modellieren hat erhebliche Auswirkungen auf unsere Sicht der Welt und unsere Priorisierung von Handlungen. Wenn wir von einer schwachen Vision der NE ausgehen (vgl. Abbildung 1), besteht unser Hauptziel darin, um jeden Preis ein Gleichgewicht zwischen den drei Polen zu erreichen, um so NE sicherzustellen. Damit wird das Streben nach Gleichgewicht zum vorrangigen Ziel, selbst wenn mit diesem die Probleme nicht behoben werden können, die das vorhergehende Ungleichgewicht verursacht hat. Dies kann schnell in die Irre führen, wie z.B. zu einer Neuausrichtung der Ökonomie auf eine massive Produktion lokaler Produkte (versehen mit ökologischen und ethischen Labels), um so weiterhin auf dem globalisierten Markt wettbewerbsfähig zu bleiben.

Ein solcher Gleichgewichtsspagat führt zudem zu einer technokratischen Sicht der Welt. Gemäss dieser sollen unsere Energieprobleme durch die Entwicklung so genannter «sauberer», weil erneuerbarer Energien gelöst werden. Dies, obwohl unsere Energieprobleme vor allem darauf zurückzuführen sind, dass wir nicht in der Lage sind, unseren Verbrauch zu senken. Das bedeutet, dass die nicht erneuerbare Primärenergie und die Menge an Rohstoffen, die für die Energieerzeugung benötigt werden, ausser Acht gelassen werden. Angesichts der ökologischen und gesundheitlichen Katastrophen, die mit der Herstellung von Batterien, Mikroprozessoren und elektrischer Energie selbst einhergehen, ist der Ersatz von Verbrennungs- durch Elektromotoren eine Farce.

Darüber hinaus hat uns eine solche Sicht auf die Welt, wie sie uns das «schwache» 3-Säulen-Modell bietet, fast 30 Jahre lang glauben lassen, dass wir die Welt retten können, wenn wir «kleine Dinge» tun, wie die mehr oder weniger symbolischen ökologischen Gesten, die jede Lehrperson, die es gut meint, ihren Schülerinnen und Schülern (SuS) beibringt. Ich weiss nur zu gut, wovon ich spreche, denn in meiner Dissertation aus dem Jahr 2000 vertrat auch ich noch die Auffassung, dass es auf unsere persönlichen Entscheidungen ankommt. Selbst wenn ich heute immer noch der Meinung bin, dass wir uns alle in unserem Lebensumfeld nach Kräften und Möglichkeiten an den Bemühungen beteiligen müssen, die Entwicklung unserer Welt in die Gegenrichtung zu lenken, bin ich inzwischen weit weniger optimistisch hinsichtlich der Erfolgsaussichten eines solch voluntaristischen Ansatzes. Damals hatten wir noch dreissig Jahre Zeit, unsere Politiker*innen und Unternehmer*innen aller Couleur dazu zu bringen, die ihnen übertragene Macht dazu zu nutzen, gemäss der Definition von Frau Brundtland, zukünftig «unsere Bedürfnisse zu befriedigen, ohne die Fähigkeit künftiger Generationen zu gefährden, die ihren zu befriedigen». 

Was werden schliesslich unsere Enkel sagen, wenn ihnen Entwicklungsmöglichkeiten versperrt sind, weil zum Beispiel Metalle fehlen, es kein Trinkwasser mehr gibt, weil die Gletscher auf unserem Planeten verschwunden sind, Nahrungsmittelknappheit besteht aufgrund eines entstandenen Mangels an fruchtbarem Ackerland und bestäubenden Insekten?

Was sollten wir angesichts drohender ökologischer Katastrophen tun?

Die schwache Vision der NE und das fatale Streben nach Ausgewogenheit hat uns glauben lassen, dass unsere jahrzehntelangen Erfahrungen es uns ermöglichen, «in die Zukunft zu sehen» und wir es uns sogar erlauben können, das heikle Thema an die nächste Generation weiterzureichen, damit wir uns an diesem nicht selbst die Finger verbrennen. Dementsprechend ziehen es unsere Politiker*innen vor, die schädlichen Auswirkungen unserer Aktivitäten auf die Umwelt lediglich etwas abzumildern, anstatt grundlegende Reformen durchzuführen, die Umweltschäden substantiell reduzieren könnten.

Indem wir euphemistische Diagnosen teilen und das auf diesen basierende Regierungshandeln unterstützen, werden wir zwar nicht zu Klimaskeptikern, wohl aber zu «Klimaquietisten»1. Bei denen, die weder das eine noch das andere sind, herrschen zwei Haltungen vor: Auf der einen Seite bereiten sich die «Kollapsologen» darauf vor, einen kommenden Zusammenbruch zu überleben, und hängen dabei einer Ideologie des «Survival of the fittest» an. Die «glückseligen Optimisten» auf der anderen Seite dagegen neigen dazu, jede Veränderung als grosse Chance zu begreifen, die es zu ergreifen gelte. Diese Sichtweise basiert auf der Vorstellung, dass uns erneuerbare Energien ermöglichen werden, «grüner» zu werden und gleichzeitig unseren Lebensstil beizubehalten. Dies reicht bis hin zu Vorstellungen, dass wir uns von der Überflussgesellschaft verabschieden, zur Natur zurückkehren und die Menschheit so geeint zu einem solidarischen Miteinander finden wird. Das Problem von «Kollapsologen» wie «glückseligen Optimisten» ist, dass sie den Zusammenbruch als unausweichlich akzeptieren und daher wohl nichts tun werden, um ihn zu verhindern.

Daher ist ein dritter Weg nötig, der des «aufgeklärten Katastrophismus». Diese von Jean-Pierre Dupuy initiierte Denkströmung soll sowohl vermeiden, dass die Menschen bei Erfassung der objektiven Situation resignieren und zu Kollapsologen werden als auch verhindern, dass diese einem realitätsfernen Optimismus anhängen und freudig auf den Zusammenbruch warten. Stattdessen muss es darum gehen, dass wir uns wirklich bewusstwerden, was der Zusammenbruch bedeuten würde, und wir deshalb mit aller Kraft gegen diesen ankämpfen.

Welche Ziele braucht es für eine zukunftsorientierte Bildung und Ausbildung?

Wenn von «Bildung für Nachhaltige Entwicklung» die Rede ist, werden die Lehrpersonen im PER aufgefordert, den SuS die Möglichkeit zu geben, «sich der Komplexität und der gegenseitigen Abhängigkeiten bewusst zu werden und eine verantwortungsvolle und aktive Einstellung zur nachhaltigen Entwicklung zu entwickeln» (PER, FG, allgemeine Kommentare, 2011). Aber wie kann man die SuS tatsächlich dazu bringen, eine solche Einstellung zu entwickeln? 

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) darf sich nicht länger auf die Beschwörung von sinnvollem Lernen und Transdisziplinarität beschränken, wie es heute bestenfalls der Fall ist. BNE muss zu einer Bildung werden, die wirklich darauf abzielt, die Gesellschaft konkret zu verändern:

1. …indem sie die SuS in die Lage versetzt, die Risiken zu verstehen und zu begreifen, was auf dem Spiel steht.

2.  …indem sie ermöglicht, gemeinsam über eine wünschenswerte Zukunft nachzudenken und gemeinsam darüber zu entscheiden, auf welchem Weg wir diese erreichen wollen. 

3.  …indem sie die Fähigkeiten vermittelt, die es uns ermöglichen, den Individualismus und Egoismus, aus denen unsere westlichen Gesellschaften bestehen, hinter uns zu lassen und zu lernen, für die Erreichung der gemeinsamen Ziele zusammenzuarbeiten, die für uns alle wichtig sind. 

Welche Kompetenzen sind erforderlich, um diese ehrgeizigen Ziele zu erreichen?

Inspiriert von dem Soziologen und Philosophen Bruno Latour und seinem 2018 erschienenen Buch «Das terrestrische Manifest» (siehe Abbildung 3) sollten wir gemeinsam mit unseren SuS eine eindeutige Bestandsaufnahme des ökologischen Zustands unseres Planeten vornehmen, die sich auf zuverlässige wissenschaftliche Quellen wie den IPCC («The Intergovernmental Panel on Climate Change») stützt (Schritt1).

Abbildung 3

Zudem sollten wir uns darüber klar werden, in welcher Art von Welt wir leben wollen. Dafür müssen wir über die Bedingungen unserer zukünftigen Existenz nachdenken und sie aushandeln (Schritt 2). Und schliesslich gilt es zu überlegen, welche Schritte zu unternehmen sind, um diese gemeinsam definierte ideale Welt zu verwirklichen (Schritt 3). 

Für Schritt 1 benötigen wir kognitive Fähigkeiten, für die Schritte 2 und 3 aber vor allem sozio-emotionale Fähigkeiten. Denn selbst unsere demokratischsten Gesellschaften tun sich sehr schwer mit dem Denken – und noch schwerer damit, Regeln festzulegen, nach denen entsprechende Aushandlungsprozesse stattfinden können.2

Wir haben die verschiedenen Elemente, die diese Fähigkeiten ausmachen, in ein taxonomisches Raster für die kognitiven Fähigkeiten eingeordnet. An beiden Seiten hinzugefügt sind die sozio-emotionalen und metakognitiven Fähigkeiten. Wichtig ist, dass es sich hier nicht um eine Leiter handelt, die die Schüler wie bei einer linearen Progression Schritt für Schritt erklimmen müssen (siehe Abbildung 4).

Abbildung 4

Um die Risiken und Probleme zu verstehen, sind kognitive Fähigkeiten auf mehreren Ebenen erforderlich: Zunächst müssen einige aktuelle Probleme erforscht werden. Damit sie tatsächlich verstanden werden, muss eine wissenschaftliche Untersuchung stattfinden, die von den Lernenden selbst durchgeführt wird. Hier geht es nicht um Wissenschaft als Selbstzweck. Die SuS müssen Kurven und Diagramme verstehen, Ereignisse in Beziehung setzen, Texte analysieren oder Dokumente recherchieren. Dabei werden sie problemorientiert die Verbindungen zwischen den verschiedenen Elementen herausarbeiten, Ursachen, Folgen, aber auch die berühmt-berüchtigten Rückkopplungsschleifen, die Vorhersagen so unsicher machen. Mithilfe dieses Prozesses werden sie voll an der Komplexität der Welt teilhaben.

Um schliesslich gemeinsam entscheiden zu können, wohin wir in Zukunft gehen wollen, brauchen wir erstens die nötige Phantasie, mit der wir unsere bisherigen Vorstellungen erforschen und Bekanntes überwinden können. In einem zweiten Schritt gilt es auf der Grundlage all dessen, was wir gelernt, entdeckt und diskutiert haben, etwas Neues, noch nie Dagewesenes zu schaffen: alternative Lösungen. Weder geht es um die Reproduktion des Alten noch um den Blindflug ins Neue: Es braucht einen produktiven Mittelweg zwischen diesen beiden Extremen: die Analyse und angemessene Einschätzung gesammelter Daten, um so objektiv wie möglich diejenigen Vorstellungen festlegen zu können, die in einer starken Vision Nachhaltiger Entwicklung beibehalten werden können.

Wenn wir lernen wollen, gemeinsam über unsere Zukunft zu entscheiden, ist es in sozio-emotionaler Hinsicht notwendig, uns selbst kennenzulernen und einen wohlwollenden, aber auch kritischen Blick auf uns selbst auszubilden. Wir werden lernen müssen zwischen unseren Wünschen und unseren Bedürfnissen zu unterscheiden, zwischen dem, was wir egoistisch wollen, und dem, was wir wollen können, ohne damit andere Menschen oder den ganzen Planeten zu gefährden. Ernsthaft an der Klärung der eigenen Werte zu arbeiten, ermöglicht den Einzelnen auch, Selbstvertrauen zu gewinnen und sich von dem Bild zu distanzieren, das sie bisher von sich selbst zu vermitteln strebten.

Gleichzeitig ist es notwendig, sich für die anderen Menschen zu interessieren, sie zu respektieren und zu lernen, ihnen zuzuhören – nur so ist echte Kommunikation möglich. Um zu lernen, zum gegenseitigen Nutzen zusammenzuarbeiten, müssen wir einerseits unseren eigenen Wert erkennen, auch um überhaupt erst einmal zu wissen, was wir anderen geben können. Andererseits müssen wir auch erkennen, was andere uns bringen können, uns vom Wettbewerb abwenden und in eine echte Zusammenarbeit mit anderen Menschen eintreten, die den Aufbau einer Schwarmintelligenz ermöglicht (Taddei, 2017).

Die Entwicklung metakognitiver Fähigkeiten3 wird es den SuS erleichtern, all diese Ziele zu erreichen.

Schlussfolgerung

Abschliessend möchte ich auf eines der komplexesten Systeme eingehen, die es gibt: unser Gehirn. Dieses Organ, das in der Lage ist, die schönsten Dinge zu schaffen und die abscheulichsten Völkermorde zu organisieren, zeichnet sich auch durch Faulheit aus. Stets ist es auf der Suche nach dem geringsten Aufwand: Angesichts der vielfältigen und komplexen Probleme, mit denen es in der modernen Welt konfrontiert ist, streikt es bisweilen. Wenn wir den Ernst und die Dringlichkeit der Situation, in der wir uns befinden, nicht wirklich erkennen, wird es uns jedoch nicht gelingen, unsere Komfortzone zu verlassen – das zu überwinden, was wir kennen und mit dem wir uns bisher wohl fühlten. Deshalb muss es auch die Aufgabe von uns Pädagog*innen jedweder Ausrichtung und Spezialisierung sein, so viele Menschen wie möglich zum Handeln zu bewegen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir unser Bemühen und unseren Einfallsreichtum verdoppeln, getragen von dem festen Willen, alles zu tun, um das Schlimmste zu verhindern.  


Francine Pellaud ist Professorin an der Pädagogischen Hochschule Freiburg i.Üe.

Bild: Francine Pellaud an der Tagung «Bildung – heute, morgen, übermorgen!

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