Kritik zeitigt Wirkung

Friday, 17. September 2021, 17:44 163190067705Fri, 17 Sep 2021 17:44:37 +0200, Posted by admin1 in Heft 223, No Comments.

Kritik zeitigt Wirkung


Im letzten Moment bessert der Bund bei der KV-Reform nach. 

Von Johannes Gruber

Die kaufmännische Lehre (KV) ist die beliebteste Berufsausbildung in der Schweiz. 13000 Jugendliche jährlich entscheiden sich hierzulande für diesen beruflichen Weg. 

Seit 2017 wurde an der aktuellen KV-Reform gearbeitet, die auch zukünftig sicherstellen sollte, dass der kaufmännische Berufsnachwuchs direkt nach der Ausbildung in den Beruf einsteigen und die Erfordernisse der modernen Arbeitswelt bewältigen kann. 

Zu dem neuen Konzept fand von Januar bis April 2021 eine offizielle Anhörung statt, bei der die Vorlage in einzelnen Regionen auf einen vehementen Widerstand stiess. Insbesondere vier Punkte waren umstritten. 

Zugeständnisse beim Fremdsprachenunterricht

Ursprünglich war in der KV-Reform vorgesehen, dass im Rahmen der Lehre nur noch eine Fremdsprache unterrichtet werde. Dies führte zu vielen besorgten Reaktionen, dass am Arbeitsplatz die Landessprachen vom Englischen verdrängt werden. Der Widerspruch führte dazu, dass Bildungsminister Guy Parmelin einschritt. Neu müssen nun alle KV-Lernenden in zwei Fremdsprachen Kompetenzen erwerben, entweder in einer weiteren Landessprache und Englisch oder in zwei weiteren Landessprachen. Das überarbeitete Konzept ist hinsichtlich der heiklen Sprachenfrage staatspolitisch zufriedenstellend.

Korrekturen bei der Berufsmaturität

Auch auf die Kritik, dass an dem Konzept für die KV-Lehre nicht klar sei, wie zukünftig  die Berufsmaturität während der Lehre in die Ausbildung integriert werden kann, haben die politisch Verantwortlichen reagiert. Nun sei, so die Medienmitteilung des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) «der Besuch der lehrbegleitenden Berufsmaturität (BM1) wie auch der Anschluss an die Berufsmaturität nach Abschluss der Lehre (BM2) […] weiterhin sichergestellt», auch kantonale Umsetzungsformen seien wie bis anhin möglich.

Festhalten an Kompetenzorientierung

Breite Kritik wurde an der Ausrichtung der neuen KV-Lehre an Kompetenzen geübt. So kritisierte etwa der Waadtländer Berufsverband «Syndicat vaudois des maître-sse-s» in seiner Verbandszeitung (http://sud.svmep.ch/svmep/wp-content/uploads/2021/01/2021-01-gazette.pdf), dass die Ausbildung auf den Erwerb betrieblicher Kompetenzen reduziert werde, auch der Unterricht in der Berufsschule ordne sich dem unter, allgemeinbildende Elemente und tiefergehendes Wissen werden zurückgedrängt. Es handle sich dabei um eine kurzsichtige Professionalisierung, die ignoriert, dass die jungen Menschen für die Arbeitswelt von morgen und übermorgen vor allem dazu befähigt werden müssen, das eigenständige Denken zu lernen und zu kultivieren. Die neue KV-Lehre sei Ausdruck einer Dequalifizierung der Ausbildung, die Lernenden unterlägen einer «Robotisierung», indem sie lediglich auf exekutive Tätigkeiten vorbereitet werden. Auch die Lehrenden seien von der Dequalifizierung betroffen, indem sie nicht mehr die Fächer unterrichten könnten, für die sie ausgebildet seien und der Unterricht auf eine «utilitaristische Methodik» reduziert werde. 

Was die Kompetenzorientierung der neuen KV-Lehre betrifft, waren die Behörden jedoch zu keinem Einlenken bereit. So heisst es in der Mitteilung des SBFI schlicht:

«Die Orientierung an Handlungskompetenzen ist heute in der Berufsbildung Standard. Als einer der letzten Berufe stellt nun auch die kaufmännische Grundbildung darauf um.»

Auch der VPOD hat im Rahmen der Vernehmlassungen des Lehrplans 21 für die Deutschschweizer Volksschule die Kompetenzorientierung grundsätzlich bejaht und begreift sie als Chance, über innovative Unterrichtsformen aktuell relevante Lerninhalte zu vermitteln. Kritik wie die des SVMEP sollte jedoch von den Verantwortlichen ernst genommen werden. Auf keinen Fall darf die KV-Lehre auf simples Praxiswissen reduziert werden, das alsbald wieder veraltet ist.

Einjähriger Aufschub

Konzessionen dagegen machten die politisch Verantwortlichen auch beim Zeitplan der Einführung der neuen KV-Lehre. Die Kantone, Berufsfachschulen und Lehrbetriebe erhalten nun mehr Zeit für die Umsetzung. Erst ab Sommer 2023 sollen nun die ersten KV-Lehrlinge nach dem neuen System ausgebildet werden – ein Jahr später als ursprünglich vorgesehen. Diese Zeit sollte denn auch für sorgfältige Vorarbeiten genutzt werden, um von vornherein eine Qualitätsminderung der KV-Lehre zu verhindern. Der VPOD wird die Umsetzungsarbeiten weiterhin kritisch begleiten. 


Foto: Patrick Daxenbichler / stock.adobe.com

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