Allgemeinbildung verteidigen, Zugang demokratisieren!

Friday, 17. September 2021, 17:21 163189929105Fri, 17 Sep 2021 17:21:31 +0200, Posted by admin1 in Heft 223, No Comments.

Allgemeinbildung verteidigen, Zugang demokratisieren!


Das Projekt «Weiterentwicklung der gymnasialen Maturität» (WEGM) wird für die Lehrpersonen an den Maturitätsschulen beträchtliche Auswirkungen haben. Der VPOD nimmt zur Revision der gymnsasialen Maturität Stellung und begleitet das Projekt mit kritischem Blick.

Von Roger Hiltbrunner

Das Projekt «Weiterentwicklung der gymnasialen Maturität» (WEGM), das 2018 auf eidgenössischer Ebene angestossen wurde, bezweckt eine Revision des Rahmenlehrplans (RLP) und des Maturanerkennungsreglements (MAR) / der Maturanerkennungsverordnung (MAV). Die revidierten Regelwerke sollen auf August 2023 (MAR/MAV) und auf das Jahr 2024 (RLP) in Kraft treten. Die Details findet man auf matu2023.ch/de

Eine sogenannte «interne Konsultation» hat am 15. April 2021 angefangen. Für die Revision von MAR/MAV ging sie am 15. Juli zu Ende; als einzige Vertretung der Lehrpersonen wurde der Verein schweizerischer GymnasiallehrerInnen (VSG) einbezogen. Für die Revision des RLP – an der auch die Fachschaften der Schweizer Gymnasien beteiligt werden, so dass die Lehrpersonen sich dazu in der Breite äussern können – dauert sie noch bis 30. September. Der VPOD hatte längere Fristen und eine breitere Konsultation der Revision von MAR/MAV bei den betroffenen Lehrpersonen gefordert – vergeblich.

Eine Arbeitsgruppe der VPOD-Verbandskommission «Bildung, Erziehung, Wissenschaft» hat der Leitung des Projekts WEGM am 14. Juli 2021 ihre Konsultationsantwort zur Revision von MAR/MAV zukommen lassen. Die ganze Antwort ist auf der Homepage des VPOD Schweiz vpod.ch zu finden.

Wichtigste Punkte unserer Stellungnahme

Prozess der Konsultation

Der VPOD bedauert, dass die Lehrpersonen nur zum Rahmenlehrplan befragt werden sollen, dass sie sich also zu den tiefgreifenden Veränderungen durch die Revision des MAR / der MAV nur am Rande, über den VSG, äussern können, obwohl sie von diesen Veränderungen auf Jahrzehnte hinaus betroffen sein werden.

Zu den einzelnen Punkten der Revision:

Zweckartikel

Der VPOD ist einverstanden damit, den Zweckartikel (Artikel 5 MAR/MAV) nicht zu verändern, so dass die Maturitätsschulen weiterhin gehalten sind, eine «breit gefächerte, ausgewogene Bildung, nicht aber eine fachspezifische oder berufliche Ausbildung» anzustreben. Bedauerlicherweise laufen aber einige der Revisionsvorschläge diesem Grundsatz zuwider.

Struktur der Ausbildung

Ganz entschieden lehnt der VPOD den Vorschlag ab, den gymnasialen Bildungsgang in zwei Phasen zu gliedern – eine zweijährige Grundstufe, gefolgt von einer zweijährigen Vertiefungsstufe. Damit wird im Widerspruch zum Zweckartikel eine frühe Spezialisierung herbeigeführt, so dass das Gymnasium als erster Schritt in einer berufsorientierten Ausbildung betrachtet würde. 

Fächerkanon

Die Erweiterung des Fächerkanons und der Ausbau gewisser Fächer und fachübergreifender Kompetenzen führt zur Aufblähung des Stundenplans. In der Tendenz ist das gesamte Revisionsprojekt überladen. Die Überfülle der Fächer und zu erreichenden Kompetenzen würde zu einer Fragmentierung der Inhalte und zu oberflächlicher Behandlung der Themen führen; solide Allgemeinbildung sieht anders aus. Dazu kommt, dass die Organisation der Stundenpläne schon jetzt schwierig ist; bei einigen der Vorschläge zur Erweiterung des Fächerkanons wäre die Umsetzung kaum noch zu leisten. Einer Diskussion über die Fächer, die Fachbereiche und die fächerübergreifenden Kompetenzfelder verschliesst sich der VPOD nicht; eine solche Grundsatzdiskussion kann aber nicht einer kleinen Gruppe von ExpertInnen überlassen werden, wie das bei dieser Revision der Fall war, sondern müsste auf umfassenden Überlegungen beruhen und die breite Beteiligung der Lehrerschaft ermöglichen.

Situation der Schülerinnen und Schüler

Die Frage des Fächerkanons und damit der Unterrichtszeit hat auch mit der Belastung der Lernenden zu tun. Sind sie überlastet, können sie die Ziele des Lehrplans nicht mehr unter guten Bedingungen erreichen. Bereits heute sind viele Lernende gezwungen, bestimmte Fächer zu vernachlässigen oder auf ausserschulische Aktivitäten zu verzichten, obwohl diese für ihre Entwicklung oft ebenso wichtig sind wie das rein schulische Lernen. Es wäre zu wünschen, dass die Ermüdung, unter der viele Lernende an den Gymnasien schon jetzt leiden, in einer nationalen Studie untersucht und dagegen etwas unternommen würde.

Qualitätssicherung

Der VPOD hat sich immer dagegen gewehrt, im öffentlichen Dienst ein Management nach dem Muster privater Unternehmen einzuführen. Wir sind dagegen, aus SchulleiterInnen immer mehr «Schulmanager» zu machen, und wir lehnen die Versuche ab, Schulen und Lehrpersonen in künstlichen Wettbewerben zu Konkurrenten zu machen. «Qualitätssicherung» ist in erster Linie die Einführung einer zusätzlichen bürokratischen und hierarchischen Ebene. Zeit und Energie werden dann darauf verschwendet, engstirnige und «messbare» Kriterien zu erfüllen, was echter, authentischer Qualität zuwiderläuft. Qualitätssysteme können aus-serdem von den Behörden als Instrumente missbraucht werden, um die Praxis zu standardisieren, die Lehrfreiheit einzuschränken und den Druck auf die Lehrpersonen zu erhöhen. Daher beantragen wir, den neuen Artikel zur «Qualitätssicherung und -entwicklung» nicht in das MAR / die MAV aufzunehmen.

Bekämpfung von Ungleichheiten

Die Revision misst der Frage der Ungleichheiten beim Zugang zu den Maturitätsschulen zu wenig Bedeutung bei. Unter dem fragwürdigen Titel «Chancengleichheit» wird bloss ein vager und nichtssagender Artikel eingeführt. Stattdessen bräuchte es konkrete Massnahmen gegen die diversen Ursachen von Ungleichheit – z.B. gegen die Benachteiligung aufgrund von Geschlecht, Armut, Herkunft, Behinderung, usw. 

Den Zugang zum Studium gilt es generell zu demokratisieren – einerseits aus Gründen der Gerechtigkeit, andererseits, weil unsere komplexe Gesellschaft hochqualifizierte Fachleute braucht. Daher lehnt der VPOD die Vorschläge zur Verschärfung der Bestehensnorm für die Maturitätsprüfungen ab. Statt der Selektion durch scharfe Prüfungen am Ende des Curriculums sollte vielmehr die Unterstützung der Lernenden während des Bildungsgangs im Vordergrund stehen, z.B. durch Coaching, Neuorientierung, Brückenangebote. Im Übrigen sind die eklatanten Unterschiede der kantonalen Gymnasialquoten nicht zu rechtfertigen (Zahlen des Bundesamts für Statistik für das Jahr 2018: Glarus: 12,5% GymnasiastInnen pro Jahrgang, Genf: 34,2%). Zur Verbesserung der Chancengleichheit befürwortet der VPOD die generelle Erhöhung der Maturitätsquote auf das Niveau der lateinischen Schweiz (25-30%).

Dauer der Ausbildung

Der VPOD spricht sich für den Vorschlag aus, für die gymnasiale Ausbildung landesweit eine Mindestdauer von vier Jahren vorzuschreiben. Die Kantone und Regionen, in welchen der Unterricht am Gymnasium bisher nur drei Jahre dauerte – Jura, Neuenburg, Waadt und der Berner Jura –, sollen dieses zusätzliche Gymnasialjahr aber nicht auf Kosten der obligatorischen Schule einführen, was heissen würde, dass die SchülerInnen das letzte obligatorische Schuljahr einfach nicht mehr an der Sekundarschule, sondern am Gymnasium absolvieren würden. 

Der VPOD fordert stattdessen das Modell «11 + » gemäss der Harmos-Zählung: 11 Jahre vom Kindergarten bis zum Ende der Sekundarschule, und danach 4 Jahre Gymnasium als postobligatorische Ausbildung, wie dies auch bei der Berufslehre der Fall ist. Das gegenüber dem jetzigen Zustand gewonnene Schuljahr soll eine bessere Bildung gewährleisten, der Überlastung der SchülerInnen entgegenwirken und das Risiko des Scheiterns verringern. Die Unterstützung von finanziell benachteiligten SchülerInnen und von deren Eltern – in erster Linie durch Stipendien – muss bei einer Verlängerung des Curriculums natürlich ausgebaut werden, damit nicht nur gutverdienende Familien ihre Kinder ins Gymnasium schicken können, was leider in der Schweiz nach wie vor zu häufig der Fall ist.  


Roger Hiltbrunner ist Lehrer für Deutsch und Französisch am Gymnasium Biel-Seeland sowie Mitglied der VPOD-Verbandskommission Bildung Erziehung Wissenschaft.


Foto: studio v-zwoelf / stock.adobe.com

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