Solidarität, Gerechtigkeit und sich zu Wehr setzen!

Wednesday, 30. June 2021, 18:22 162507734006Wed, 30 Jun 2021 18:22:20 +0200, Posted by admin1 in Heft 222, No Comments.

Solidarität, Gerechtigkeit und sich zu Wehr setzen!


Seit 1. Februar ist Fabio Höhener neu als VPOD-Zentralsekretär für den Bereich Bildung, Erziehung und Wissenschaft zuständig.

vpod bildungspolitik: Von wo bist du?

Fabio Höhener: Aufgewachsen bin ich in Widen, eine Gemeinde auf dem Mutschellen. Das ist der tiefste Pass der Schweiz, der früher die wichtigste Verkehrsachse von Zürich nach Bern war. Max Frisch war dort im Aktivdienst stationiert, was er in einigen seiner Werke eindrücklich beschreibt. Obwohl wir einen Katzensprung jenseits der Zürcher Kantonsgrenze lebten, fühlten wir uns kulturell und sprachlich immer dem Kanton Zürich zugewandt. Politisch gehört die Gemeinde aber trotz 8000er-Postleitzahl zum Kanton Aargau. 

Was hast du für einen Bildungsweg durchlaufen? Einen mit vielen Wendungen! Was auch dem aargauischen Schulsystem geschuldet war. Der Kanton selektioniert die Schüler:innen bereits früh in die drei verschiedenen Leistungsstufen Real-, Sekundar- und Bezirksschule. Nach der Primarschule wurde ich mit einem Schnitt von 4.9 in die Sekundarschule eingeteilt. Für eine Empfehlung für die Bezirksschule, deren Abschluss zum Eintritt in eine Maturitätsschule nötig ist, hätte es eine 5 benötigt. Dank genügendem Notenschnitt konnte ich nach vier Jahren Sekundarschule ein Jahr an der Bezirksschule anhängen. Dort wurden alle «aufgestiegenen» Sekschülerinnen und -schüler in eine Klasse zusammengefasst. Neben den gestanden «Bezklassen» fiel unsere Klasse leistungsmässig so ab, dass wir kurz vor der Abschlussprüfung am Freitagnachmittag statt in den Sportunterricht in die Mathematik-Nachhilfe mussten. 

Und dann fand der Übertritt ins Gymnasium statt? Nein, so einfach war es nicht. Auch hier stand mir mein Notenschnitt im Weg. Mein Ziel war der Eintritt in die Diplommittelschule (DMS), Vorgängerin der Fachmittelschule. Dort waren die Notenanforderungen tiefer als für das Gymnasium. Gereicht hat es trotzdem nicht. Ich musste den Umweg über die Aufnahmeprüfung gehen. Nach den schriftlichen und mündlichen Prüfungen reichte es dann nicht nur für die DMS, sondern auch zum Eintritt ins Gymnasium. So fand ich mich nach Abschluss der Matur schliesslich eher überraschend in der akademischen Welt wieder. Als Werkstudent mit Anstellungen zwischen dreissig und achtzig Prozent absolvierte ich dann ein Bachelor- und Masterstudium in Politik- und Sozialwissenschaften an der Uni Zürich. 

Welche Schulerfahrungen hast du? Meine persönliche Erfahrung ist ein Musterbeispiel für das, was wissenschaftlich klar belegt ist: Es wird zu viel und zu früh selektioniert. Die Übergänge zwischen den Leistungsstufen sind alles andere als durchlässig. Ich musste Enormes leisten, um diese Hürden zu überwinden. Zusätzlich benötigte ich auch noch Prüfungsglück.

Wenn alles wie damals sozial üblich verlaufen wäre, wäre wahrscheinlich eine Berufslehre – vermutlich im kaufmännischen Bereich – herausgekommen. Damals hörte man oft: «Lieber ein guter Sekschüler, als ein schlechter Bezschüler». Es ist deshalb verständlich, dass meine Eltern diese Einschätzung der Lehrerin übernommen und nicht auf der Bezirksschule bestanden haben – im Gegensatz zu anderen Eltern mit Kindern mit schlechteren Zeugnissen. Heute weiss ich, dass ich kein Sekschüler war, sondern in den vier Jahren einer wurde. Ich blieb es aber auch nach meinem Bezabschluss. Rückblickend möchte ich diesen Weg nicht missen. Ich denke, er hat mich positiv geprägt.

Und nach der obligatorischen Schule?

Im Gymi hat sich bei mir der Knopf gelöst. Ich hatte hervorragende Lehrer:innen, die mich nicht nur für das Studium, sondern auch für die Welt vorbereitet haben. Das Studium fiel mir dann eher leicht, so konnte ich mit Erwerbsarbeit meinen Lebensunterhalt verdienen und mich politisch engagieren.

Hast du familiäre Bezüge zur Gewerkschaftsbewegung? Nein, nicht direkt. Meine Mutter ist gegen Ende der Salazar-Diktatur und dem Estado Novo von Portugal in die Schweiz ausgewandert und hat neben der Betreuungsarbeit für zwei Kinder in Restaurants und in Wäschereien gearbeitet. Mein Vater war fast sein ganzes Berufsleben Buchhalter im selben KMU-Betrieb. Politik war am Familientisch kein grosses Thema. Meine Eltern haben aber, auch durch ihre Biografien, mein Gerechtigkeitsempfinden gestärkt. Was im Umgang zwischen zwei Menschen richtig ist, kann für die ganze Welt nicht falsch sein. Solidarität, Gerechtigkeit und sich zu Wehr setzen, habe ich von unseren Eltern gelernt, bevor sie eine politische Dimension angenommen haben. Diese Werte verdanke ich insbesondere ihnen. Mittlerweile sind auch gewerkschaftliche Themen an Familientreffen nicht mehr wegzudenken. Auch dank meiner Schwester, die als Sozialarbeiterin selbstverständlich auch Mitglied im VPOD ist. 

Du bist schon einige Zeit beim VPOD. Wie bist du auf die Idee gekommen, bei einer Gewerkschaft zu arbeiten?

Durch reinen Zufall. Ich war zuvor seit längerem politisch aktiv, insbesondere in der JUSO. Während meines ersten Jahres im Studium hat mir meine damalige Freundin und JUSO-Genossin gesagt, dass der VPOD einen Werber für den Bereich «Fachangestellte Gesundheit /Fachangestellte Betreuung» sucht. Sie wiederum wusste das nur, weil sie bei ihrer Tante – die Gewerkschaftssekretärin beim VPOD war – ein Praktikum absolvierte. Ein Nebenjob um Studium, Wohnung und Lebensunterhalt zu bezahlen und dann noch mit politischer Arbeit! Das hat mich gereizt. Ich habe mich dafür beworben und 11 Jahre später bin ich immer noch da. 

Wie bist du im Bildungsbereich gelandet?Als in Zürich eine Stelle für einen Sekretär für den Volksschulbereich frei wurde, war klar, dass ich mich bewerbe. Ich habe mir in vier Jahren als Werber die Sporen verdient und alle Facetten des VPOD kennengelernt. 

Gleichzeitig war ich mit 25 Jahren bereits mehrere Jahre Präsident der Volksschule Widen. Dort hatte ich Einblick in den Schultag. Ich habe Schwierigkeiten miterlebt wie die Umsetzung neuer Behördenvorgaben, Gefährdungsmeldungen, anspruchsvolle Eltern, Konflikte im Team und mit der Schulleitung. Motiviert, mich für den Bildungsbereich gewerkschaftlich zu engagieren, haben mich Solidarität und Engagement des Kollegiums sowie die oftmals nur geringe Anerkennung der Berufsleute. 

Was waren deine bisherigen Arbeitsschwerpunkte als Sekretär für die Sektion «Zürich Lehrberufe»? An der Zürcher Volksschule waren wir in den letzten Jahren mit grossen Reformen konfrontiert, welche die Arbeitsbedingungen der Lehrpersonen wesentlich verändert haben. Kaum war ich gestartet, stand ich bereits mit der Lohnklage Kindergarten vor dem Bundesgericht. Auch der neue Berufsauftrag der Lehrpersonen beschäftigt die Lehrpersonen und damit auch mich seit vielen Jahren. Bis heute ist dieser der grösste Auslöser für Beratungsanfragen.

Darüber hinaus steht in unserer Sektion ein Generationenwechsel an. Die Mitgliederstruktur unserer Sektion ist stark von 68er-Lehrer:innen geprägt. Die haben in ihren vielen Mitgliedsjahren ein unglaubliches Engagement entwickelt, das bis heute anhält. Jedes Jahr wieder scheidet aber ein starker Jahrgang auf Grund von Pensionierung aus dem Beruf aus und deshalb braucht es neue aktive Mitglieder. Bis jetzt gelingt uns das gut. Die Sektion wächst und die Mitglieder werden im Schnitt jünger. Das ist auch unserem Superteam mit meiner Kollegin Anna-Lea Imbach, unserer Präsidentin Sophie Blaser, den Vorständen und aktiven Mitgliedern zu verdanken. 

Was sind deine ersten Erfahrungen und Eindrücke als Verantwortlicher für Bildung, Erziehung, Wissenschaft?

Meine Arbeit hat sich in kürzester Zeit um eine bildungspolitische und geografische Dimension erweitert. Nationale Bildungspolitik ist insbesondere von Berufsbildungs- und etwas Hochschulpolitik geprägt. Bereiche,  die ich zuvor lediglich oberflächlich bearbeitet habe. Dazu kommen 26 verschiedene Volksschulsysteme inklusive Röstigraben.

Da aber immer so viel läuft, werde ich schnell in allen Themen drin sein. Zudem bin ich auch nicht allein. Ich habe mit der Verbandskommission BEW und ihrer Präsidentin Katrin Meier ein grosses Reservoir an Expertise. Und schliess sehe ich viel, was uns als Bildungsgewerkschaft national verbindet: Ob in einem Kindergarten in Bern-Betlehem, an der Universität Lausanne oder am Bildungszentrum Limmattal, schlussendlich geht es immer um Respekt, Zeit und Geld.

Ist es ein Vor- oder ein Nachteil, dass du Regional- und Zentralsekretär bist? 

Ich glaube, für den VPOD ist dies ein Vorteil. Die beiden Teilanstellungen ermöglichen Synergien. Ich brauche nur einen Arbeitsplatz und bin täglich erreichbar. Ich kann so schnell zwischen den beiden Rollen wechseln, abhängig davon, wo es mich gerade braucht. Diese Gleichzeitigkeit ist aber auch enorm anspruchsvoll und benötigt viel Organisation. Durch meine Erfahrung weiss ich, was die Regionen vom Zentralsekretariat erwarten und versuche das umzusetzen. Ich kann dabei auch von der hervorragenden Arbeit meiner Vorgängerin Christine Flitner profitieren. 

Natürlich muss ich lernen, die Zürich-Brille abzulegen und Verständnis für die anspruchsvolle Arbeit der kleineren VPOD-Regionen entwickeln, mit kleinen Sekretariaten und wenigen Mitgliedern aus dem Bildungsbereich. Falls das nicht immer klappen sollte, werden die Sekretariate sich melden – und das ist gut so.

Welche gewerkschaftlichen Herausforderungen siehst du im Bildungsbereich? 

Was ist im Bildungsbereich schon nicht herausfordernd? Die Liste ist lang: Dauerbrenner auf allen Schulstufen ist die Belastung der Lehrpersonen und die Frage der Arbeitszeit. Auch der bestehende Fachkräftemangel mildert sich lediglich kurzfristig in einzelnen Bereichen etwas ab, nur um sich längerfristig an einem anderen Ort zu verschärfen. Es braucht daher auf allen Stufen und in den verschiedenen Funktionen mehr ausgebildetes Personal. Natürlich auch mehr Mitsprache des Kollegiums statt einem neoliberalen Führungsverständnis. 

In den Berufsschulen besteht Reformbedarf, was immer auch eine Gefahr darstellt, gute Dinge zu verschlechtern. Handlungsbedarf gibt es auch bei prekären Anstellungen, ob für Vikar:innen, Kindergartenlehrpersonen oder im Hochschulbereich. Der Ausbau der Schulen zu Tagesschulen steht auf der Tagesordnung. Nach der Pandemie droht eine austeritäre Finanz- bzw. Abbaupolitik anstatt der benötigten grösseren Ressourcen für mehr Chancengerechtigkeit. Und darüber hinaus müssen wir den Megatrend Digitalisierung bewältigen. Für den Bildungsbereich im VPOD gilt es, auf nationaler Ebene mehr Bedeutung zu gewinnen – so wie es der Gesundheitsbereich im letzten Jahr erfolgreich geschafft hat. Es gibt viel zu tun, packen wir es an. 

Wie können wir als Gewerkschaft in den Lehrberufen wieder wachsen?  Ganz wichtig scheint mir die Erkenntnis, dass wir es selbst in der Hand haben. Fatalismus, der sich manchmal in aussterbenden Branchen bei der gewerkschaftlichen Organisation von Angestellten breit macht, dürfen wir uns nicht erlauben. Schliesslich wächst der Bildungsbereich seit Jahren und damit das Organisationspotential. 

Ausserdem strömt eine hochpolitische und gerechtigkeitsbewusste Generation in das Erwerbsleben. Das ist unsere historische Chance. Wir gewinnen junge Personen, indem wir verkrustete Strukturen aufheben und dafür mehr Bewegungscharakter in die Organisation einbringen. Die junge Generation will sich engagieren, wenn auch eher thematisch und nicht strukturell. Wir werden nur schwer eine neue Kassierin oder einen Aktuar finden. Wenn wir auf der Strasse präsent, im Betrieb vernetzt und am Verhandlungstisch erfolgreich sind, gewinnen wird dafür Aktivistinnen, Rebellen und Vertrauensleute. In Zürich sind wir auf gutem Weg: Das Durchschnittsalter der Mitglieder sinkt, aber die Sektion wächst. 

Was ist dir persönlich wichtig an deiner Gewerkschaftsarbeit? Der VPOD ist eine Basisgewerkschaft und das nehme ich ernst. Unsere Aufgabe als Sekretär:innen ist es, die Mitglieder bei ihrer Selbstorganisation zu unterstützten. Natürlich leisten wir Rechtshilfe und verhandeln mit den Behörden im Sinne unsere Mitglieder. Wir sind aber keine Stellvertreterorganisation oder gar eine Versicherung. Wir gewinnen keine Arbeitskämpfe aus dem Sekretariat heraus. Der VPOD, das sind die Mitglieder. Das Sekretariat ist lediglich ein Instrument, wenn auch ein wichtiges und wirkungsvolles.

Mein grundsätzliches Arbeitsverständnis lässt sich dabei frei nach J.F. Kennedy folgendermassen formulieren: «Fragt nicht, was der VPOD für euch tun kann – fragt, was ihr für die Gewerkschaftsbewegung tun könnt. Fragt nicht, was der VPOD für euch tun wird, sondern fragt, was wir gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen und eine gerechtere Welt tun können».   

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