Es gilt, keine Zeit zu verlieren

Tuesday, 6. April 2021, 0:32 161766914112Tue, 06 Apr 2021 00:32:21 +0200, Posted by admin1 in Heft 221, No Comments.

Es gilt, keine Zeit zu verlieren


Ein Gespräch mit Lena Bühler über den Stand der Schweizer Klimabewegung. 

Von Johannes Gruber

Die Entstehung der globalen Klimabewegung «Fridays for Future» hatte eine atemberaubende Dynamik. Demonstrierte erstmals am 20. August 2018 Greta Thunberg noch alleine vor dem schwedischen Reichstag für die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens, so bildeten sich schnell weltweit Gruppen von Schüler*innen und Studierenden, die sich anschlossen. 

Als im Dezember 2018 die ersten Klimademos und -streiks in der Schweiz stattfinden, ist Lena Bühler 15 und besucht die zweite Klasse eines Gymnasiums im Kanton Bern. Freundinnen laden sie per Chat ein, Teil der Bewegung zu werden. Der Klimawandel hat Lena bereits seit längerem beschäftigt, nun merkt sie, dass dies die Gelegenheit ist, selbst aktiv zu werden und engagiert sich. Gemeinsam mit Kolleg*innen gründet sie an ihrer Schule eine Klimagruppe. Zusammen fahren sie mit dem Zug auf die Demos und Aktionen in Bern, organisieren Bildungsprojekte oder kämpfen für mehr vegane Menüs in der Mensa. An ihrem Gymnasium werden ihre Anliegen anerkannt, dies zeigt sich auch in der Thematisierung des Klimawandels im Schulunterricht – in Geografie, Biologie, Geschichte etc. Zwar müssen die zuständigen Lehrpersonen gemäss Schulreglement auch die Absenzen der Schüler*innen eintragen, die sich an Klimademos und Aktionen beteiligten, doch das Fernbleiben vom Unterricht hält sich ohnehin in engen Grenzen. Aus strategischen Gründen entscheidet sich die Schweizer Klimabewegung gegen einen systematischen freitäglichen Schulstreik. Stattdessen wird inhaltlich gearbeitet und für grössere Anlässe mobilisiert, an denen dann tatsächlich auch School-Walk-outs stattfinden. 

Die Corona-Pandemie erschwert ab Frühjahr 2020 die Proteste. Doch auch wenn diese in der Öffentlichkeit weniger präsent sind, gehen die Arbeiten weiter. Es gilt, keine Zeit zu verlieren. Im September 2020 wird unter dem Motto «Rise up for change!» der Bundesplatz besetzt. Doch die meiste Zeit bilden sich die Aktivist*innen weiter und entwickeln Strategien für die Weiterführung der Protestbewegung, wie Lena berichtet:  «Wichtig ist, dass wir in dem Moment bereit sind, wenn die Lockerungen kommen, damit wir nach Corona sofort das Klima wieder ganz oben auf die Agenda setzen können.» 

Klimaaktionsplan

Besonders beeindruckend ist die Veröffentlichung des Klimaaktionsplans im Januar 2021. Auf Initiative der Klimabewegung haben zuvor über ein ganzes Jahr hinweg 60 Wissenschaftler*innen an Vorschlägen für Massnahmen gearbeitet, mit denen die Klimakrise angegangen werden soll. 

Durch jährlichen Abbau von Emissionen soll bis 2030 das Ziel der «Netto-null-Emissionen» erreicht werden: Das heisst, dass ab diesem Zeitpunkt die Menge der durch Menschen verursachten Treibhausgas​emissionen nicht höher ist als die Menge, die durch Reduktionsmassnahmen wieder aus der Atmosphäre entfernt werden kann. Erst dann würde die Klimabilanz der Erde netto, also nach den Abzügen, null betragen. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es den Stopp des Baus und der Finanzierung fossiler Infrastruktur und Industrie sowie die Transformation des globalen Energiesystems hin zu erneuerbaren Energien.

Der Klimaaktionsplan1 umfasst 138 Massnahmen in Bereichen wie Mobilität, Industrie, Energieversorgung, Landwirtschaft und Ernährung – aber auch hinsichtlich des Finanzsektors, wirtschaftlicher und politischer Strukturen, internationaler Zusammenarbeit sowie Bildung. Auf über 300 Seiten werden klimapolitische Antworten auf die Herausforderung des Klimawandels formuliert. 

Lena ist es besonders wichtig, dass hier nicht nur technische Fragen im Mittelpunkt stehen, sondern ein umfassender Systemwechsel angestrebt wird. Es reiche nicht, einfach nur die Hausdächer mit Solarpanels auszustatten – entscheidend sei auch, dass der Konsum nicht immer weiter zunehme. Eine Volkswirtschaft dürfe nicht mehr ausschliesslich am Bruttoinlandsprodukt gemessen werden, sondern vielmehr daran, wie sehr sie die Bedürfnisse der Menschen erfüllt und wie nachhaltig sie im Umgang mit den natürlichen Ressourcen ist.

Strike for Future

Der Strike for Future ist dieses Jahr für den 21. Mai vorgesehen.2 Noch ist unklar, in welcher Form Aktionen durchgeführt werden können. Falls die Pandemie es zulässt, sollen den ganzen Tag über Veranstaltungen stattfinden. Von grossen Demonstrationen am Vormittag, einem Klimaalarm am Mittag und Bildungsevents wie Podiumsdiskussionen am Abend. Für den Fall, dass auch in der zweiten Maihälfte die Beschränkungen von politischen Veranstaltungen weiter andauern, wird ein Plan B ausgearbeitet, nach dem Aktionen vor allem dezentral stattfinden, auf Quartiersebene, an den Schulen und auch online. 

Ein Ziel des Strike for Future wird es sein, verschiedene Organisationen zusammenzubringen, so die Kräfte zu bündeln und gemeinsam mehr Schlagkraft zu entwickeln. Zudem soll die Bewegung in allen Gemeinden, an allen Schulen dauerhaft verankert werden. Gelingt dies, wird die Umsetzung konkreter Massnahmen vor Ort wie auch die zukünftige politische Mobilisierung leichter.

Lena ist eine der Aktivist*innen, die den Strike for Future vorbereiten. Längst nicht alle ihrer Generation würden sich als Teil der Klimabewegung verstehen, sagt sie, doch immerhin sei das Thema bei den jungen Menschen sehr präsent. Wenn in den nächsten Wochen Lena ihre Matur abgeschlossen haben wird, werden die Schüler*innen jüngerer Jahrgänge die Arbeit in der Klimagruppe ihrer Schule fortführen – so viel steht jetzt schon fest.


Fussnoten
1 Abrufbar unter climatestrike.ch
2 strikeforfuture.ch


Weitere Informationen zur Schweizer Klimabewegung finden sich auf den Websites climatestrike.ch und strikeforfuture.ch

Wer sich für Fridays for Future interessiert, dem seien die beiden Publikationen von Sebastian Haunss und Moritz Sommer («Fridays for Future – Die Jugend gegen den Klimawandel. Konturen der weltweiten Protestbewegung») respektive David Fopp («Gemeinsam für die Zukunft. Fridays for Future und Scientists for Future») empfohlen.


Sebastian Haunss und Moritz Sommer (Hg.) (2020). Fridays for Future – Die Jugend gegen den Klimawandel. Konturen der weltweiten Protestbewegung. transcript Verlag, Bielefeld. 264 Seiten, circa Fr. 29.–

David Fopp, Isabelle Axelsson, Loukina Tille (2021). Gemeinsam für die Zukunft. Fridays for Future und Scientists for Future. transcript Verlag, Bielefeld.
320 Seiten, circa Fr. 29.–

Im Sammelband von Haunss/Sommer analysieren Sozialwissenschaftler*innen die Dynamik, Organisationspraxis und das Selbstverständnis der neuen Protestbewegung. Den Erfolg von Fridays for Future sehen die Herausgeber darin, Themen gesetzt, die Berichterstattung in den Medien geprägt und das Verhalten zu Politik und Konsum verändert zu haben. Für Deutschland konstatieren sie auch einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das Regierungshandeln. 

Als einen der Faktoren für den Erfolg von Fridays for Future sehen sie die Idee des Schulstreiks an: «Gerade zu Beginn der Bewegung Anfang des Jahres 2019 sorgte die demonstrative Abwesenheit vom Schulunterricht für Diskussionsstoff und Kontroversen auf den Schulhöfen und in den Klassenzimmern ebenso wie in den Medien und der Politik. Mit der Aktionsform des Schulstreiks gelang es der Bewegung zum einen, mediales und gesellschaftliches Interesse zu wecken und so ihre Forderungen zu platzieren. Darüber hinaus wirkte diese besondere Spielart des zivilen Ungehorsams von Beginn an identitätsstiftend für den Kern der Bewegung.» (S. 242)

Entscheidend für die enorme Mobilisierungsfähigkeit sei aber das Framing gewesen, das auch einen Bezug zur eigenen Zukunft jungen Generation hergestellt habe: «Die Diagnose lautet: Der Klimawandel sei eine Gefahr für Frieden und Wohlstand weltweit, und trotz der klaren wissenschaftlichen Ausgangslage habe es die Politik versäumt, effektive Massnahmen zur Einhaltung der Ziele des Pariser Abkommens zu ergreifen (diagnostic framing). Um zu verhindern, dass die Kipppunkte im Klimasystem überschritten werden, müsse die Politik schnell und umfassend handeln (prognostic framing). Das Framing des Klimawandels als Generationenfrage (‹Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut.›) stärkte gerade zu Beginn den Zusammenhalt der jungen Aktivist_innen. Und im Sinne des motivational framing wird die Verantwortung der Jungen betont, einerseits Druck auf die Politik auszuüben und andererseits das eigene Konsumverhalten zu reflektieren und im Sinne eines klimaschonenden Lebensstils anzupassen. So verschiebt sich der geografische Fokus von den oft weit entfernten, schon jetzt vom Klimawandel betroffenen Regionen des Globalen Südens auf den eigenen Lebensraum.» (S. 244)

Angesichts der Corona-Pandemie stehe Fridays for Future vor neuen Herausforderungen. Nachdem die Teilnehmendenzahlen an den Protestveranstaltungen im Herbst 2019 bereits im Sinken begriffen waren, verstärkte sich der Trend dadurch, dass die Grossveranstaltungen im Frühjahr 2020 pandemiebedingt abgesagt werden mussten. Zwar verlagerte sich der Protest mittels durchaus innovativer Protestformen ins Netz, doch dies konnte nicht verhindern, dass seitdem der Widerhall in der Öffentlichkeit abnahm. Es ist keineswegs gesichert, dass dies sich nach Ende der Pandemie wieder ändert.

Das von David Fopp verfasste Buch thematisiert das Verhältnis von Zivilgesellschaft und Wissenschaft respektive dessen Bedeutung für die Klimastreikbewegung. Während im ersten Teil deren Geschichte rekonstruiert wird und im zweiten Teil die kommenden Herausforderungen in den Blick genommen werden, enthält der dritte Teil unter dem Titel «Gemeinsam in die Zukunft» ein Gespräch des Autors mit den Aktivistinnen Isabelle Axelsson und Loukina Tille über die Ziele der Klimastreikbewegung und das Verhältnis von Jugendlichen und Erwachsenen. In einem Überblick macht Fopp drei Pfeiler und zwei Prinzipien aus, auf die die Klimastreikbewegung seiner Ansicht nach zu setzen habe:

a) Faire globale und lokale Treibhausgas-Emissions-Budgets zusammen mit Aktionsplänen für sofortige Senkungen, 

b) Einen globalen Vertrag, um die fossilen Brennstoffe im Boden zu halten und fossile Infrastrukturen zurückzubauen,

c)   Eine von der öffentlichen Hand finanzierte schnelle Transformation des Energiesystems, das 100 Prozent erneuerbar werden soll.

Alle diese Umstellungen müssen sich, so Fopp, an den Prinzipien sozialer Gerechtigkeit und der Demokratie orientieren.  


Foto: climatestrike.ch

Promote Post

Enjoyed this post?


Posting your comment...

Kommentar schreiben


Ihr Kommentar via Email senden
`
http://vpod-bildungspolitik.ch/wp-content/themes/press