Inklusion – ein Gewinn für alle!

Monday, 15. February 2021, 21:12 161342353009Mon, 15 Feb 2021 21:12:10 +0200, Posted by admin1 in Heft 220, No Comments.

Inklusion – ein Gewinn für alle!


Wie meiner Tochter die «Integrative Sonderschulung» half und deren Abbruch zum Ausschluss aus dem Dorf führte.

Von Nadine Maibach

Wer schon mal die ansteckende Freude dieses 8-jährigen Mädchens erlebt hat, wenn es im Schulhaus begrüsst wird, weiss: Genau hier gehört es hin! Ein High Five hier, ein spezielles Handschlagritual mit den Jungs dort, ein fröhliches «Hallo Larina», ein freundschaftlicher Schubser oder einfach nur ein Winken und Lächeln, Inklusion.

Zurzeit sind auch diese berührenden Momente leider nicht mehr möglich: Die Schwester ist langsam zu gross, um abgeholt zu werden. Und Larina selbst darf nicht mehr hier zur Schule gehen, sie hat Trisomie 21. Sie darf nicht am Morgen mit den anderen Kindern schwatzend loslaufen, in der gros-sen Pause spielen, mit ihnen Lieder singen oder beim Theater mitspielen.

Diskriminierende Argumente

Sie brauche ein Vis-à-vis und bessere individuelle Förderung, waren Argumente zur Auflösung der Integrativen Sonderschulung. Genaueres könnte ich in meinen Notizen nachschlagen. Aber ich hüte mich davor, diese tiefen Verletzungen und Diskriminierungen nochmal zu lesen. So viel Frust, Wut und Verzweiflung widerspiegelten die Aussagen und Entscheidungen der letzten Wochen vor den Ausschluss. Als anderer Grund wurden immer wieder fehlende Ressourcen genannt. Dabei hätten noch fünf Lektionen mehr gesprochen werden können, mehr als ein ganzer Morgen! Doch es hiess, wenn ein Kind eine 1:1-Betreuung brauche, wäre es für die Integration nicht geeignet. Ich frage mich, warum diese Lektionen dann in diesem Pool zur Verfügung stehen. Wann und für wen werden diese gesprochen, wenn nicht jetzt für dieses Mädchen, das sich schon ein Jahr erfolgreich in der Integration behauptet hat? Wäre dies nicht auch eine Geste der Anerkennung gegenüber den Kindergärtnerinnen gewesen? Diese haben sich nämlich weit über ihr Pensum hinaus mit Energie und Herzblut engagiert! 

Doch nun auf einmal waren die Ressourcen aufgebraucht, wurde das gegenseitige Vertrauen gebrochen, verkündet, dass eine Weiterführung unter diesen Umständen nicht mehr möglich sei und so das Projekt an die Wand gefahren. Um dieser schwierigen Klassensituation Linderung zu verschaffen, sahen also die Verantwortlichen nur die Möglichkeit, mitten im zweiten Kindergartenjahr das behinderte Kind rauszuschmeissen.

Es braucht das ganze Dorf

Es wäre allerdings vermessen hier vorzugaukeln, dass nur diese fünf Lektionen das Zünglein an der Waage gewesen wären. Integrative Sonderschulung ist ein filigranes System. Auf den Schultern ein paar weniger Lehrpersonen und der Eltern liegend, droht es schnell zu kippen. Darum geht Inklusion die ganze Schule an, eigentlich das ganze Dorf! Inklusion muss laut werden und sichtbar, damit Herausforderungen auf vielen Schultern getragen werden können. 

Und was wurde nun aus diesem Vis-à-vis und der entsprechend besseren Förderung für Larina? In die heilpädagogische Schule ging Larina nur einige Wochen. Unser Gefühl und die Reaktionen unseres Mädchens veranlassten uns, nach anderen Möglichkeiten zu suchen. Wir empfanden den Verlust grösser als den Gewinn. Da muss sich jeder vor Ort ein eigenes Bild machen. So oft reden wir uns in der Verzweiflung Dinge schön, die wir gar nicht wirklich kennen, nie wirklich gesehen und gefühlt haben.

Was ich aber ganz sicher kenne, ist der Gewinn der Inklusion! Dabei sein, dazu gehören, sich mitten in die Kinder stellen oder vom Rand aus einfach zuschauen, ihnen zuhören und von ihren Sprachkompetenzen profitieren, ihre Sätze nachsagen oder die Wirkung der eigenen Worte erkennen, sich ihnen auch ohne Worte mitteilen und auf Interesse und Verständnis stossen, eine helfende Hand nehmen zum Klettern, ihr Wetteifern bewundern und dadurch angespornt zuhause üben, seine eigenen Grenzen spüren und eigene Wege finden, sich mit der natürlichen Durchmischung arrangieren und seinen Platz in der Gesellschaft finden usw. Ich könnte noch lange davon weiter schwärmen! Ein Gewinn von unschätzbarem Wert und einfach unersetzlich!

Inklusion geht uns alle an!

Wir hatten das grosse Glück für Larina an einer reformpädagogischen Privatschule ein bewertungsfreies Umfeld zu finden, in dem sich die Kinder frei entfalten können und nicht untereinander schulisch konkurrenzieren, sich nicht gegenseitig unter Druck setzen müssen. Klingt doch wunderbar, oder? Ist es auch! Und trotzdem ist es für uns zugleich anstrengend, schwierig, aufwändig, sehr kostspielig und nicht zu vergessen filigran. Es braucht auch hier sorgfältige Begleitung, Antworten auf Fragen, Erklärungen von Besonderheiten, mal Übersetzung in Gebärdensprache oder die Begleitung von Frust, wenns mal nicht klappt.

Inklusion, 35 Autominuten von unserem Zuhause entfernt. Aber in unserem Dorf gehört Larina nicht mehr dazu. Denn Ausschluss aus der Integration heisst auch Ausschluss aus dem Dorf, aus der Gesellschaft. Das finden Sie übertrieben? Ja, so dachte ich auch, als mir das eine befreundete Mutter vor Jahren frustriert über ihre Tochter erzählte. Ich fand, sie könne doch trotzdem noch ins Tanzen, am Nachmittag auf dem Pausenplatz spielen, die Kinder im Dorf treffen. Und genau das stimmt eben nicht! Die Kinder im Dorf haben so viel Unterricht, daneben noch Hobbys, ihre Schulfreunde, Hausaufgaben oder Tagesschule. Abmachen würden sie gerne, aber es fehlt die Zeit und auch die Übung! Denn wie alles, was man nur selten macht, haben die Kinder verlernt Larina zu begegnen, mit ihr zu spielen und zu kommunizieren ohne Worte. Ich sehe, wie sie hilflos sind, wie es ihnen peinlich ist. Auch ihnen wurde die Chance genommen, Inklusion zu lernen. Auch für sie wären diese fünf Lektionen wichtig gewesen! Denn Inklusion geht uns alle an!    


Nadine Maibach, Mutter dreier Kinder, Lehrerin, Inkluencerin auf Instagram @hemdsaermlig   Regioleitungsteam Insieme 21 Bern


Der Verein «Volksschule ohne Selektion» engagiert sich für eine inklusive Schulentwicklung. 
VSoS.ch


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