Soziale Selektivität in Zeiten von Corona

Saturday, 14. November 2020, 21:44 160539025409Sat, 14 Nov 2020 21:44:14 +0100, Posted by admin1 in Heft 219, No Comments.

Soziale Selektivität in Zeiten von Corona


Durchmischung und Kompetenzorientierung in der Schule.

Von Katrin Meier, Giuliana Lamberti, Piera Maggi und Oliver Dlabac 

Die Auswertung des Schul-Barometers der PH Zug drei Wochen nach Schulschliessung im März 2020 machte klar: einem Drittel der Schüler*innen fiel es leicht, eigenverantwortlich Zeit für das Lernen zuhause aufzuwenden, während ein Drittel die Schliessung als starke Belastung empfand und wenig bis gar nichts lernte. Dabei gehen die Autoren der Studie von Schereneffekten aus, wonach Unterschiede zwischen Schüler*innen, häuslichen Ressourcen, Lehrpersonen sowie Schulen insgesamt in der Krise stärker zum Tragen kommen. Entsprechend wird auch nach der Wiedereröffnung erwartet, dass sich Lehrpersonen besonders um die zurückgefallenen Schüler*innen kümmern, Schulleitungen den Austausch über (digitale) individualisierte Unterrichtsformen fördern, während die Schulbehörden die besonders belasteten Schulen unterstützen.

Unterschiede zwischen Schulen

Tatsächlich sind die Herausforderungen besonders für Lehrpersonen und Schulen mit hohem Anteil an benachteiligten Schüler*innen enorm. In einigen Fällen konnte gemäss der Studie nicht mal die Hälfte der Schüler*innen digital erreicht werden, womit diese Lehrpersonen nicht nur vereinzelte Schüler*innen emotional und stoffmässig abholen müssen, sondern gleich die halbe Klasse. Gut möglich, dass ausgebaute Tagesstrukturen in dieser Situation eine gewisse Entlastung bringen. Weniger klar ist, ob die zuvor propagierte Öffnung der Schulen gegenüber ausserschulischen Institutionen («Bildungslandschaften») auch in der Krise Bestand hat. Sicher ist hingegen, dass bestehende kantonale Förderprogramme für sozialräumlich belastete Schulen nicht ausreichen, um die Unterschiede auszugleichen. Vielmehr zeigen sich gerade in der Corona-Krise die Grenzen solcher rein kompensatorischen Massnahmen, welche ungünstige Zusammensetzungen der Schulen als unvermeidbar hinnehmen.

Dass städtische Schulen bislang ungenutztes Integrationspotenzial haben, zeigt eine Studie, welche der UZH-Forscher und Vereinsmitglied Oliver Dlabac an unserer letztjährigen Veranstaltung zu sozialer Selektivität in Zürich präsentierte. Anhand eines neu entwickelten datengestützten Verfahrens wurden am Beispiel der Stadt Zürich alternative Einzugsgebiete erstellt, mit dem Ziel besser durchmischter Schulen, bei weiterhin kurzen und sicheren Schulwegen gemeinsam mit den Nachbarskindern. Der anfängliche Widerstand gegen entsprechende Untersuchungen auch durch Schulbehörden anderer Schweizer Städte zeigt, dass er mit seinem Team bestehende unhinterfragte Privilegien im Kern getroffen hat. Umso erfreulicher ist es, dass gegenwärtig eine Umsetzung durch zwei Stadtzürcher Schulkreise sowie durch drei weitere Schweizer Städte geprüft wird.

Selektives Schulsystem

Soziale Selektivität spielt aber nicht nur bei der Wohnortswahl von Familien und damit für die Zusammensetzung der Schulen eine Rolle, sondern noch entscheidender bei schulischen Beurteilungen, Erwartungshaltungen, Förderung und Laufbahnentscheiden. Dies gilt umso mehr im schweizerischen stark und früh selektionierenden Schulsystem, wie wir dies auch dem Bildungsbericht Schweiz und den Handlungsempfehlungen des Schweizerischen Wissenschaftsrats entnehmen können. Im Kanton Zürich wird dieses System auf die Spitze getrieben: Privilegierte Eltern pushen ihren Nachwuchs mit privaten Vorbereitungskursen direkt von der Primarschule an das selektive Gymnasium, während Jugendlichen aus benachteiligten Familien mit der Zuteilung in den anforderungsschwächsten Sekundarschultyp künftige berufliche Wahl- und Entwicklungsmöglichkeiten zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend verbaut wurden.

Obwohl die Entscheide für den Übertritt in die Oberstufe zum Zeitpunkt der Schulschliessungen bereits feststanden und von Wiederholungen des Schuljahrs vorerst abgesehen wurde, dürften sich die kumulierten Lernrückstände benachteiligter Schüler*innen auch noch auf künftige Zuteilungen und Herabstufungen innerhalb der Oberstufe auswirken. Umso wichtiger wären nicht nur kompetenzorientierte Unterrichtsformen in alters- und leistungsdurchmischten Klassen (z.B. Mosaik-Schulen) und der konsequente Verzicht auf Sekundarschultypen (Stadt Luzern), sondern auch eine förderorientierte und notenfreie Beurteilung (Gesamtschule Schüpberg). Ein differenzierter Lernbericht gibt Schulabgänger*innen fairere Chancen bei der Lehrstellensuche, als dies gegenwärtig durch die sozial selektive Zuweisung von Schultyp oder durch einseitige und tagesformabhängige Testergebnisse der Fall ist. Ein fairer Zugang wäre umso wichtiger, als Experten für 2021 von einem Rückgang an Lehrstellen um zehn bis zwanzig Prozent ausgehen.

Es bleibt zu hoffen, dass die Corona-Krise die öffentliche Sensibilität für die Herausforderungen und Benachteiligungen im heutigen Schulsystem schärft, womit auch bereits existierende Alternativen in breiteren Kreisen denkbar und annehmbar werden. Immerhin sind wir in der Schweiz stolz auf die egalitäre Volksschule, welche von breiten Bevölkerungskreisen besucht wird. Setzen wir alles daran, dass die Volksschule nicht nur breit genutzt wird, sondern dass sie auch allen gleichermassen gute Lernbedingungen bietet.   


Katrin Meier, Giuliana Lamberti, Piera Maggi und Oliver Dlabac nehmen am Zürcher VSoS-Stammtisch teil.


Mehr zu sozialer Selektivität: https://www.vsos.ch/gleiche-bildungschancen-fuer-alle-soziale-selektivitaet-in-der-schule/


Foto: Samuel Bauhofer

Teil der «Bildungslandschaft» in Zürich Altstetten und Schwamendingen: Lernförderung durch den Verein Bildungsmotor nach Öffnung der Schulen.

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