Schule unterwegs

Wednesday, 10. June 2020, 18:49 159181499906Wed, 10 Jun 2020 18:49:59 +0200, Posted by admin1 in Heft 217, No Comments.

Schule unterwegs


Die Herausforderungen der Corona-Zeit legen es nahe, neue Formen des Unterrichts zu suchen. Ein Bericht aus einer Primarschulklasse.

Von Susanne Beck-Burg

Das heftige Corona-Unwetter verhagelte auch die Schulen. Plötzlich und notstandspflichtig, wurden die Türen unserer öffentlichen Lehranstalten verrammelt. Zum Schutz gegen die Corona-Hagelkörner, aus Furcht vor den Corona-Viren.

Rasant schnell wurde auf digitalen Fernunterricht umgestellt. Mediale Konzepte schossen wie Pilze aus dem Boden. Aber aus welchem Boden eigentlich? Hors-sol! Einem Gemisch aus wässrigen Elementen ohne Bodenhaftung. – Zum Glück ist meine Stellenpartnerin versiert in digitalen Räumen. Ihr verdankt es die erste Klasse im Plänke Schulhaus Biel, dass sie in Windeseile Zugang zu einer virtuellen Lernplattform bekam. Einem «padlet», in das sich die 7-jährigen Studentinnen und Studenten mithilfe ihrer Eltern und einem lustigen Passwort, das sie aus einem Unterrichtsritual kennen, einloggen konnten.

«Ein echter Unterricht,
das wissen alle, entsteht
durch die originale Begegnung.
Wir Lehrkräfte entbehrten
unsere Schüler*innen.»

Blühendes Homeschooling

Zu jedem Fach gab es eine Spalte mit Lernvorschlägen und diversen Verlinkungen zu attraktiven Angeboten, zu coolen Lernvideos. Dank kreativen und aktiven Eltern, die Ausschnitte aus ihrem Homeschooling filmten und aufs padlet luden, sahen die Gspänli täglich mehr in andere Familien-Lernstuben und Kinderzimmer hinein und konnten sich gegenseitig anregen lassen.

Die Kinder sahen und hörten einzelne Mitschüler*innen am Klavier, erfuhren, wie eine andere Familie ihren Garten in eine Hindernislauf-Landschaft verwandelte, lies-sen sich von einem afrikanischen Vater, der mit seinem Sohn die Trommel rührte, zum Tanzen auffordern; wieder andere Familien sammelten Kräuter und entzündeten Feuer im Wald, Rätsel wurden gelöst und kreiert, erste chemische Experimente wurden gefilmt und dokumentiert. Mathematische Serien mit Wettbewerbscharakter wurden angepeilt, Lerntagebücher veröffentlicht. Faszinierend und vielfältig blühte das Homeschooling auf. Unerschöpflich arbeiteten einige Eltern, welche Zeit und die Motivation dazu hatten.

Wir Lehrerinnen und Lehrer konnten vieles lernen von ihnen. Nicht selten hatten wir den Eindruck: «Da wird konzentrierter gearbeitet als es in unserem Klassenzimmer möglich ist, wo auf engem Raum 21 Kinder aufs Mal mit verschiedensten Bedürfnissen und Konstellationen gefördert werden sollen.»

Bereicherung um reale Momente

Stets klarer wurde aber von den Eltern und Kindern rückgemeldet, dass die richtige Schule fehle. Ein echter Unterricht, das wissen alle, entsteht durch die originale Begegnung. Wir Lehrkräfte entbehrten unsere Schüler*innen. Wir waren unseres Métiers beraubt, wir waren entwurzelt. Um die virtuelle Situation wenigstens um ein Weniges in Richtung Realität zu bewegen, starteten meine Stellenpartnerin und ich zu Fuss und per Velo zu einem Quartierrundgang. Wir suchten alle Wohnadressen unserer Schülerinnen und Schüler auf und verteilten Arbeitsmaterial in die Brief- und Milchkästen Aber Ohalätz! Diese Aktion wurde von anderen Kolleginnen als grenzwertig eingestuft: «Ihr verteilt nicht nur Arbeitsdossiers, ihr bringt auch Corona-Viren in Umlauf. Diese haften an den Oberflächen eures Materials, das ihr verteilt. Auch bringt ihr euch selber in Gefahr, wenn ihr Arbeitsblätter zur Korrektur wieder einsammelt. Tragt ihr nicht einmal Handschuhe? Bleibt doch beim digitalen Vermitteln. Dies ist sauber, viren- und risikofrei!» 

Nun denn, die Eltern konnten selber entscheiden, ob sie unsere Post im Milchkasten aus Vorsicht vor etwaigen Viren liegen liessen. Es gab genug definitiv hygienisch einwandfreies Lernmaterial auf dem padlet. Wir zwei Lehrerinnen jedenfalls schwirrten wie Phantome durch die menschenleeren Strassen und verteilten Osterhasen-Arbeits-Dossiers, Springseile und Mathematik-Knöpfe in Stoffsäcklein verpackt. Hinter unserer Post-Tour steckte eine Hoffnung. Diese wurde erfüllt, als ein Kind auf dem Balkon seiner Wohnung im ersten Stockwerk erschien und wir ein paar Worte live mit ihm wechseln konnten. Solche Highlights wiederholten sich ein paar wenige Male. Wir haben aber sehen müssen, dass nicht alle Kinder in der feudalen Lage eines Balkons waren. So mussten wir uns also zufrieden geben, Kinderstimmen durch die Gegensprechanlage wahrzunehmen.

Bald einmal kam dann die Empfehlung der Schulleitung mit Wochenplänen zu arbeiten. Kein Problem! Interessanterweise bekamen wir gute Rückmeldungen von Eltern, denen inzwischen die Wahl (Auswahl auf dem padlet) teilweise zur Qual wurde. Sie waren erleichtert, als sie diskussionslos sich auf einen vorgegebenen (Wochen)-Plan einlassen konnten. An einer Klassen-Zoom-Konferenz mit den Schüler*innen kam zum Ausdruck, dass sie, obwohl sie sich darauf gefreut hatten, schnell ermüdeten. Nach einer halben Stunde, als noch nicht einmal alle ein einziges Mal zu Wort gekommen waren, begann eines nach dem andern sich abzumelden: «Ich bin müde, ich möchte mit meinem Bruder spielen.»

Konzeptuelle Überlegungen für den Neubeginn

Der Unwetter-Notstand fand ein Ende, die Aussicht auf schönes Wetter stieg, die Schulen standen vor ihrer Wiedereröffnung, unter Berücksichtigung der kantonal bestimmten Massnahmenpakete! Wir Lehrkräfte studierten die neuen Richtlinien für die Corona-bewusste Gestaltung des Unterrichts und die erwünschten und obligatorischen Hygiene-Vorschriften. Die Schulleitungen arbeiteten auf Hochtouren und regelten, was zu regeln war und noch mehr. Konnte ich als Lehrkraft jetzt also zuversichtlich wieder vor der Klasse stehen? Theoretisch vielleicht! Viele Fragen bedrängten mich aber in den Tagen vor dem Wiedereinstieg. Wie bringe ich die Händewasch-Zeremonien mit 21 Kindern und nur einem Lavabo über die Bühne? Wie werde ich dem zu erwartenden Bewegungsdrang der seit 8 Wochen eingesperrten Kindern gerecht? Wie erfasse und handhabe ich die auseinanderklaffenden Lernstände? Wo hole ich die Kinderschar ab? Was ist als Erstes dran? Welche Inhalte stimmen für welche Kinder? Wie sind alle Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen? Ein Gefühl von Fremdbestimmtsein belastete und liess sich nicht wegdrängen. 

Im Austausch mit einer Kollegin, die an einer Unterstufe in Wetzikon unterrichtet, versuchte ich mir bewusst zu werden, wo der Schuh am meisten drückte. Sie berichtete mir, dass in ihrem Kanton gemäss Verordnung in Halbklassen unterrichtet würde, und dass in ihrer Schule mithilfe von Fachlehrern die Halbklassen noch zusätzlich zu Viertelklassen halbiert würden. Mittwochs sei vorläufig noch unterrichtsfrei, da sich nichts Sinnvolles organisieren liesse. – Ich fragte mich, wie es komme, dass im Kanton Bern nur für zwei Tage Halbklassen-Unterricht vorgesehen ist und nachher wieder «courant normal» herrsche.1 Worauf basieren die verschiedenen Massnahmen-Beschlüsse? Wer kann sie nachvollziehen? Wäre es nicht angebracht, wenigstens zu erproben, ob es wirklich klappt mit einer quasi sofortigen Herstellung der Vor-Corona-Verhältnisse? Und mit Alternativen im Vorrat für den negativen Verlauf der Probezeit. Denn wer weiss, in welchem Zustand die Kinder nach den Homeschooling-Wochen daherkommen. Nicht alle Eltern hatten die Möglichkeit, ihre Kinder sinnvoll zu beschäftigen: Einige sind eventuell der medialen Spielsucht verfallen. Wer weiss, wie lange es braucht, bis eine Klassengemeinschaft sich wieder gefunden hat? Wie realistisch  ist die Umsetzung der  Hygiene- und Abstandsmassnahmen? 

Lernen im Freien

Als ich von einer Kollegin (aus einem anderen Schulorganismus) aufschnappte, dass in ihrem Schulhaus aufs Singen verzichtet werden müsse, da durch zu starke Luftbewegung Viren unvorteilhaft verteilt würden, hätte ich fluchen können. Inwieweit werden wir Lehrkräfte abhängig und zu Marionetten? Auch noch in der Nachnotstandszeit! In unserem Schulhaus sind die Massnahmen zwar nicht auf solche Art ins Absurde ausgewachsen. Aber warum sollte ich mich unter total unberechenbaren Umständen mit 21 Lernenden in unser zu kleines Klassenzimmer einpferchen lassen? Inmitten der Stadt Biel, vom Lärm oft so belästigt, dass die Fenster geschlossen bleiben müssen. Mit einem wegen einer Baustelle (Turnhallenbau) sehr eingeschränkten Pausenhof. Das Modell Frontalunterricht mit räumlicher Abgrenzung des Lehrerpults konnte mich nicht überzeugen. Welch einschränkende, armselige Perspektive! Sollte ich pflichtbewusst, ergeben und resigniert vor mich hinlabern: «Es ist, wie es ist! Da kannst du nichts ändern.» – Ich entschloss mich zur Flucht nach vorn. Für meine Situation sah diese so aus: Outdoor-Unterricht im Freien für alle Lektionen und Fächer; zumindest für die Lektionen, für die keine Möglichkeit zu einem entflechtenden Teamteaching zu organisieren war. Ich unterbreitete meiner Schulleitung mein Anliegen und die konzeptionellen Ideen dazu: Sich wiederfinden als Klasse durch Erlebnispädagogik, bewegten nachhaltigen Unterricht im Freien um dem Bewegungsmangel bei untersagter Turnhallenbenutzung entgegenzuwirken. Ganzheitliches, nachhaltiges, lebensnahes Lernen mit Sinneswahrnehmungen. Stärkung der Klassengemeinschaft, salutogenetisch.

Da die Schulleitung einverstanden war, sind wir seit der Wiedereröffnung der Schule für circa 12-15 Lektionen pro Woche und bei jedem Wetter unterwegs und lehren und lernen im nächstgelegenen Wald, Park auf einem Spielplatz oder auf dem Falbringer Bauernhof. Weil wir keinen ÖV benutzen dürfen und die Kinder sich die Hände nicht geben sollten, halten sich immer 2 Kinder via Springseil in der Zweierkolonne. So schaffen wir den erforderlichen zivilisierten Gang durch die Bieler Strassen. Wir nehmen dabei bis zu einer Dreiviertelstunde Fussweg zu unsren ausgewählten Plätzen für den Outdoor-Unterricht in Kauf. Die Kinder sind wetterfest und mit Rucksack ausgerüstet. Darin wird ausser dem persönlichen Znüni, Waldheft und Etui (sowie eventuell einem Sitzkissen) noch Allgemeinmaterial mitgeschleppt, das heisst Schiefertafeln, Kreiden, Schwämme, Wasserflaschen, Wasserbecken, laminiertes Schulmaterial, Planen, trockenes Holz (je nach Wetter), Pfanne, Teigwaren zum Kochen, Tücher, Planen, Seile und Schnüre, Säge, Zeckenspray, Taschenapotheke, Lupen, Bücher und Becher, Plastikhandschuhe, Taschen für Sammler etc. Wir experimentieren und stützen uns auf Erprobtes. So schrieben etwa alle den gewohnten Math-Blitztest auf ihrem Niveau im Pavillon oberhalb Biel.

Nötiges Gegengewicht

Das Vorantreiben des Outdoor-Erlebnis-Unterrichts scheint mir notwendiger denn je, als dringend erforderliches Gegengewicht zur digitalen Lernkultur und dem Fernunterricht, die im Begriff sind, sich schnell und raffiniert zur Selbstverständlichkeit zu entwickeln. Der Einstieg ins naturverbundene, die Persönlichkeit stärkende Outdoor-Lernen ist vorerst für viele mit Vorstellungen ungewohnten Aufwands verbunden. Auch Vorurteile darüber, was schulisches Lernen beinhalten soll und was nicht, müssen weggeräumt werden. Die tiefe nachhaltige Zufriedenheit der Schüler*innen mit der Schule, das steigende Selbstvertrauen, das Stark-Werden, das gute Echo von Eltern spornt an, weiter in diese Richtung zu gehen und beim Organisieren und Durchführen einer «Schule unterwegs» weitere Fortschritte zu machen. – Genaueres über den Ablauf einzelner Schulmorgen draussen eventuell in einer Fortsetzung.

Worben, 30.5.2020     


Susanne Beck-Burg führt zur Zeit, zusammen mit einer Stellenpartnerin, eine 1. Klasse in Biel, wo sie seit 2016 bereits als IF-Lehrkraft arbeitete. Sie war in verschiedenen alternativen Schulprojekten tätig. Mit 57 Jahren absolvierte sie die Pädagogische Hochschule als «Quereinsteigerin», nachdem sie mit 17 aus dem Lehrerseminar ausgestiegen war. Susanne Beck-Burg ist Mitglied des «Vereins für eine Schule ohne Selektion» und der Redaktionsgruppe der «vpod bildungspolitik».


1 Dass der Kanton Bern den Schulen Spielraum für die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts gelassen haben soll, wie Béatrice Stucki auf Seite 7 schreibt, kam bei den Lehrpersonen an unserer Schule nicht an. Aus dem damaligen Leitfaden der Bildungs- und Kulturdirektion wurde das jedenfalls nicht deutlich, dort heisst es, «Die ersten beiden Tage des Präsenzunterrichts (11. und 12. Mai 2020) werden im Halbklassenunterricht organisiert […] Ab Mittwoch, 13. Mai 2020 wird der Unterricht grundsätzlich in allen Fächern aufgenommen.»


Foto: Beat Beck

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