Bildungspolitik  in Zeiten der  Corona-Pandemie

Tuesday, 28. April 2020, 19:14 158810125207Tue, 28 Apr 2020 19:14:12 +0200, Posted by admin1 in Heft 216, No Comments.

Bildungspolitik in Zeiten der Corona-Pandemie


Eindrücke aus dem Kanton Bern.

Ausgerechnet an einem Freitag, dem 13. beschliesst der Bundesrat, dass alle Schulen, Berufs- und Fachhochschulen sowie die Universitäten ab dem darauffolgenden Montag (16.3.) geschlossen werden. Schulleitungen und Lehrpersonen haben nicht viel mehr als ein Wochenende, um den Schulbetrieb auf E-Learning umzustellen. Und auch für viele Eltern bedeutet die Schulschliessung eine organisatorische Höchstleistung. Wer übernimmt die Aufsicht beim Homeschooling? Wer die Betreuung in der Freizeit? Die Grosseltern dürfen nicht einspringen, der Kontakt zu ihnen ist nicht erlaubt. Gemeinsamer Unterricht mit NachbarInnen wird bald untersagt, wenn mehr als fünf Kinder beisammen sind. 

Der Regierungsrat des Kantons reagierte rasch und schaltete laufend aktualisierte Informationen für die MitarbeiterInnen der kantonalen Verwaltung auf. Die Bildungs- und Kulturdirektion folgte mit spezifischen Informationen für Schulleitungen und Lehrpersonen. 

Fragen und Forderungen

Für die GewerkschaftssekretärInnen bedeutet die Pandemie in allen den Bereichen, die wir betreuen, viele Fragen und Beratungen, auch im Bildungsbereich: «Ich bin als Stellvertreter angestellt – verliere ich die Stelle, wenn die Kollegin ihren Bildungsurlaub nicht antreten kann?», «Ich arbeite als Klassenhilfe und Stundenlohnbasis – wie wird mein Lohn jetzt berechnet, habe ich überhaupt Anspruch auf Lohnfortzahlung?», «Ich arbeite im Schulsekretariat – kann der Schulleiter mich am Sonntagabend anrufen um zu sagen, dass ich am Montag nicht zur Arbeit kommen muss?» … Dies sind nur ein paar Beispiele und es sind Fragen, die rasch beantwortet werden können. Schwieriger wird es, wenn sich KollegInnen melden und über die zusätzliche Arbeitsbelastung klagen. Homeschooling bedeutet für die Lehrpersonen nicht nur, sich mit Technik herumschlagen zu müssen. Die Vorbereitung des Lernstoffes, weg vom direkten Unterricht in der Klasse, muss neu gedacht werden. Und ganz besonders braucht die 1:1-Betreuung von zuhause aus viel mehr Aufmerksamkeit und Gespür der Lehrperson und viel mehr zeitlichen Aufwand. Häufig kann diese 1:1-Betreuung erst nach dem «Klassenunterricht» stattfinden. Und schliesslich verleitet der Fernunterricht auch dazu, dauernd präsent zu sein. Für die Anliegen der Eltern, für die der SchülerInnen. Der Austausch mit dem Kollegium ist eingeschränkt. Die Abgrenzung fordert viel Kraft. 

Der VPOD Bern fordert deshalb alle Lehrpersonen auf, die Arbeitszeit zu erfassen. Zum Selbstschutz, zur Selbstreflexion und auch, um den Mehraufwand zu einem späteren Zeitpunkt allenfalls gegenüber der Schulleitung und vielleicht sogar gegenüber der Politik belegen zu können. Aus Sicht des VPOD werden die Schuldirektionen nach der Pandemie Homeschooling, dessen Umsetzung und die Konsequenzen für die Arbeit der Lehrpersonen genau analysieren und für die Zukunft Konzepte erarbeiten und bereithalten müssen. 

Lernen in und von besonderen Umständen

Wie Lehrpersonen, Schulleiter, Eltern und Kinder diese noch nie dagewesene Situation erleben, wie sie damit umgehen und welche Schlüsse sie für die Zukunft ziehen, das ist eindrücklich in den folgenden Interviews (S. 9-14) zu lesen. 

Der Lehrberuf lebt vom Kontakt mit den SchülerInnen. Soziale Kontakte sind durch nichts zu ersetzen, das gilt ganz besonders auch für SchülerInnen, Lernende und Studierende. Und das gilt ebenso für den Unterricht vor Ort – denn Lernen bedeutet auch, über das Anfassen von Dingen etwas zu verstehen und zu begreifen. In diesem Sinne hoffen wir, wie die beiden Kinder im Interview S. 14, dass die «richtige» Schule bald wieder öffnen kann. 

Allen Lehrerinnen- und Lehrern, Dozierenden und Schulleitungen an dieser Stelle ein grosses MERCI für ihr riesiges Engagement. Den Eltern wünschen wir viel Kraft und Geduld mit ihren Kindern beim Homeschooling, Eltern und Lehrpersonen viel Verständnis für ihre jeweiligen Herausforderungen in dieser speziellen Zeit – und hoffentlich darüber hinaus.   


 Béatrice Stucki, VPOD-Regionalsekretärin Bern


Stets aktualisierte Infos für Schulleitungen und Lehrpersonen unter: https://www.erz.be.ch/erz/de/index/direktion/ueber-die-direktion/dossiers/pandemie.htmlh

Für kantonale Angestellte: https://www.besondere-lage.sites.be.ch/besondere-lage_sites/de/index/corona/index.html

Alle werden auch regelmässig über das «BEinfo-Flash» über Neuerungen informiert. 


Viel Arbeit für die Klassenlehrpersonen

Ein Interview mit Katrin Zurbuchen, Lehrerin an einer 1. Klasse der Schule Altikofen, Worblaufen.

Katrin Zurbuchen, Lehrerin an einer 1. Klasse der Schule Altikofen, Worblaufen. Foto: zvg

Seit Mitte März sind die Schulen geschlossen, der Unterricht erfolgt virtuell. Wie ist die Umstellung an deiner Schule verlaufen? Die Umstellung kam etwas plötzlich für uns. Wir wussten nicht recht, wo mit der Arbeit anfangen. Es gab auch keine allgemeinen Tipps und Tricks, denn es ist ein Riesenunterschied, ob ich an einer Unterstufe oder Mittelstufe unterrichte. Ich persönlich habe damit gekämpft, ein möglichst ausgeglichenes Programm zusammenzustellen, das so selbsterklärend wie möglich ist. Ich wusste, dass viele die Sprache schlecht verstehen und die Kinder auf die Hilfe der Eltern angewiesen sind Nicht alle meiner Kinder haben einen Computer zur Verfügung. Die älteren Schülerinnen und Schüler (SuS) haben mehr Möglichkeiten, direkt mit der Lehrperson Kontakt zu haben.

Deine Arbeit als Lehrerin «lebt» vom direkten Kontakt mit den SuS. Fehlen sie dir? Wie gehst du damit um? Ja, vor allem am Anfang haben mir die Kinder sehr gefehlt. Nun habe ich aber zunehmend Freude daran bekommen, Ideen auszutüfteln und meine Kreativität einzusetzen. Ich habe täglich per Whatsapp Geschichten erzählt. Später werde ich ein Morgenturnen per Video anbieten und vielleicht ein kleines Video zu «Kochen und Backen». Ich bekomme viele Feedbacks und so fühle ich mich mit den SuS verbunden. Ich stehe in engem Kontakt mit den Eltern und zum Teil auch mit den Kindern. Ich habe alle angerufen, um zu fragen, wie es bei ihnen läuft und was sie von mir allenfalls zusätzlich brauchen. Jeden Tag bekomme ich Nachrichten und Aufgaben zugeschickt. Ab und zu ruft ein Kind an, um etwas zu fragen. Gestern habe ich einen langen Spaziergang gemacht, um allen SuS ein dickes Couvert mit Material in den Briefkasten zu legen. Teilweise lerne ich die Kinder und Eltern noch besser kennen als im täglichen Unterricht, wo alles oft recht stressig ist.

Auch das Kollegium ist wichtig. Wie organisiert ihr euch? Wir kommunizieren regelmässig und tauschen Ideen aus.

Für die Eltern ist Homeschooling ebenfalls neu. Habt ihr Zeit und Möglichkeiten sie zu unterstützen, zu beraten? Die Eltern melden sich, um Erklärungen zu bekommen. Teilweise gibt es auch Familienbegleiter und Heilpädagoginnen, die noch gezielter helfen, indem sie z.B. versuchen, die Eltern zu coachen, damit ihre Kinder eine gute Tagesstruktur bekommen. Falls das Homeschooling nach den Ferien weitergeht, werden wir uns im Klassenteam die Arbeit für regelmässige Anrufe und Erklärungen aufteilen, eventuell auch für Unterrichtssequenzen via Telefon oder ähnliches.

Für Kinder aus bildungsferneren Familien oder für Kinder mit Lernschwierigkeiten bedeutet Homeschooling wahrscheinlich, dass sie ihre Lernziele nicht erreichen werden. Kennst du betroffene Kinder in deiner Klasse und kannst du sie gezielt begleiten? In meiner Klasse gibt es mehrere solche Kinder. Ich kann noch nicht so abschätzen, ob sie wirklich grössere Lücken haben werden, als wenn sie den Regelunterricht in einer grossen Klasse besucht hätten. Es gibt Kinder und Eltern, die ich sehr regelmässig unterstütze. Die Kinder machen wahrscheinlich teilweise grosse Fortschritte, was die Selbständigkeit angeht. Vielleicht haben einige Kinder gewisse Lernziele Ende Jahr nicht erreicht, dafür andere Fertigkeiten erworben. Ich sehe das nicht so eng.

Habt ihr an eurer Schule Szenarien entwickelt, wie ihr sie gezielt fördern wollt, wenn die Schule wieder öffnet? Das haben wir noch nicht besprochen. Ich stelle mir vor, dass wir schauen werden, wo die einzelnen SuS stehen und dann entsprechende Massnahmen ergreifen müssen. Zum Beispiel gezielte Förderung bei der Heilpädagogin oder in kleinen Gruppen. Sicher wird das stärker im Vordergrund stehen, was jetzt nur beschränkt möglich ist: Das Soziale, die Arbeit in Gruppen, gemeinsames Singen, sportliche Aktivitäten…

Hast du Forderungen an die Politik für den (zukünftigen) Umgang mit solchen Krisensituationen? Wie auch während des normalen Unterrichts liegt ein grosser Teil der Arbeit an den Klassenlehrpersonen. Die Zeit, die ich für meine Klasse aufwende, liegt bei rund vier Stunden pro Woche. Bezahlt bekomme ich eine Wochenlektion. Da gibt es Handlungsbedarf!


Gefahr, dass uns die Politik in den Rücken fällt

Ein Interview mit Martina Meier, Lehrerin für Biologie am Gymnasium Lerbermatt, Köniz.

Martina Meier, Lehrerin für Biologie am Gymnasium Lerbermatt, Köniz.

Wie hast du reagiert, als du von der Schulschliessung erfahren hast? Ich fand es richtig. Wie viele andere BürgerInnen auch, versuchte ich mich so gut wie möglich zu informieren. Die Schulleitung unseres Gymnasiums, bestehend aus mehreren Personen, schrieb allen über 100 Lehrkräften am Freitagabend, nachdem der Regierungsrat des Kantons Bern die Umsetzung der Bundesratsverordnung bekanntgegeben hatte, per Mail, wann wir uns am Montag, 16.3. treffen würden. Am Wochenende folgte dann die Präzisierung: Die Hälfte des Kollegiums am Mittag, die zweite Hälfte nach dem Mittag, damit wir die Abstände einhalten konnten. Ich fand die Organisation gut und schätzte auch, dass die Schülerinnen und Schüler ebenfalls direkt von der Schulleitung informiert wurden.

Ihr hattet gerade mal ein Wochenende Zeit für die Umstellung. Wie lief das für dich? Ich ordnete meine Unterlagen für die sechs Klassen und schrieb mir auf, welches Material ich in der Schule holen musste. Ich nahm mir vor, die Schülerinnen und Schüler (SuS) in der ersten Woche nicht mit Schulstoff zu belasten, sondern nur über das Virus zu informieren (als Biologielehrerin fühlte ich mich schon ab Mitte Februar mitverantwortlich für die adäquate Aufklärung rund um die Pandemie). Ich schrieb am Wochenende also meine Infoblätter.

Konntet ihr im Kollegium mitbestimmen, wie man sich in der neuen Situation organisiert? Ja und nein. Verständlicherweise konnten wir nichts dazu sagen, wie der 16. März gestaltet wurde, denn da wäre Basisdemokratie nur hinderlich gewesen. Die mehrköpfige Schulleitung (SL) hatte sich übers Wochenende abgesprochen und teilte uns die wichtigsten Dinge an der LehrerInnen-Konferenz in der Aula mit. Eine Diskussion gab es nicht, wir konnten einfach Rückfragen stellen. 

Was ich aber sehr schätzte, war, dass uns kein bestimmtes Unterrichtsinstrument aufgezwungen wurde. Es hiess ausdrücklich, wir könnten frei wählen, wie wir mit unseren SuS den Unterricht aus der Ferne gestalten. Es wurde einfach informiert, welche KollegInnen bereits welche Tools gut kannten und sich zur Verfügung stellten, um andere darin zu unterrichten. Weiter fand ich gut, dass die SL betonte, wir könnten von den SuS nicht dasselbe erwarten wie im Präsenzunterricht. Sie forderte uns auf, die Lernziele anzupassen, ohne dies an die grosse Glocke zu hängen. Ich war auch froh, gab es bisher keine weiteren Konferenzen. Die wichtigsten Infos teilte unsere SL uns per Mail mit.

Wie haben die Schülerinnen und Schüler reagiert? Wie schaffst du es, dein Fach anschaulich zu unterrichten? Am Gymnasium haben wir ja den grossen Vorteil, dass alle SuS eine funktionierende E-Mail-Adresse haben, über ein Notebook verfügen und auch gewohnt sind, selbständig zu arbeiten. Ich kann von direkten und indirekten Rückmeldungen schliessen, dass es für die SuS so in Ordnung war. Auch andere Lehrkräfte berichteten, dass es bei ihren Leuten soweit gut lief. Ich schickte einmal in der Woche Infoblätter und Übungsfragen, später legte ich auch Powerpoints auf dem Sharepoint ab. Zuerst vor allem zu Immunbiologie und Epidemiologie, in zwei Klassen dann auch zu anderem Schulstoff. Ich benutzte keine Tools, für die ich zuerst einen Kurs hätte besuchen müssen. Ich versuchte erst gar nicht, Echtunterricht mit digitalen Mitteln zu imitieren, um dann doch bloss zu scheitern. Ich verhielt mich eher nach dem Motto: Weniger ist mehr. Ich machte relativ viele freiwillige Angebote (darunter auch attraktive wie draussen beobachten), liess die SuS ihre Übungsaufgaben selbst korrigieren (nachdem ich das Lösungsblatt geschickt hatte) und verlangte nur eine summarische Bestätigung, dass sie meine Unterlagen erhalten haben. Bei denen, die mir – obwohl ich es nicht verlangte – ihre Aufgaben schickten, sah ich das, was auch im SOL-Unterricht (Selbstorganisiertes Lernen) oft passiert: Die Aufgaben wurden oberflächlich gemacht, das Wichtige wurde oft übersehen. SuS sind – aus verständlichen Gründen, weil unsere Gesellschaft so funktioniert – im Abhak- und Erledigungsmodus. Dies kann ich im Echtunterricht ein bisschen aufweichen, im Fernunterricht ist dies nicht mehr möglich. Ich muss also damit leben, dass ich den schwächeren SuS die Dinge weniger gut erklären kann und generell Zusammenhänge und Modellvorstellungen schlechter vermitteln kann.

Viele Lehrpersonen betonen, Homeschooling bedeute einen grossen Mehraufwand für sie. Wie siehst du das? Das ist ohne Zweifel so, insbesondere, wenn man neue digitale Instrumente ausprobiert und die SuS mit spielerischen Angeboten ständig zu motivieren versucht. Zusätzlich kommt die Schwierigkeit der Bewertung und der Rückmeldungen. Im Prinzip müsste man jedem Schüler, jeder Schülerin die Aufgabenblätter und Übungen korrigiert zurückschicken, oft auch noch mit einem Kommentar, wie er/sie sich verbessern kann. Hat man ein volles Pensum, wären das am Gymnasium in Biologie circa 190 SuS, die vielleicht 1-2 Mal pro Monat eine schriftliche Rückmeldung bräuchten. Das ist schlicht nicht zu schaffen. Der Kanton Bern gibt für die Gymnasien die Zahl der Noten vor, was  im Prinzip darauf hinausläuft, dass ich in vielen Klassen noch eine digitale Probe durchführen sollte (wie ich dies bewerkstellige, ist mir jedoch noch unklar).

Grundsätzlich ist die Unterrichtsvorbereitung viel aufwändiger: Dinge, die man der Klasse kurz mündlich erklären kann, muss man umständlich schriftlich formulieren; wenn man mit digitalen Plattformen arbeitet, hat man – vor allem zu Beginn – einen enormen Aufwand, bis alles funktioniert. Weiter sind die Absprachen zwischen den Lehrkräften aufwändig: Dies trifft die Gymnasien weniger, das gilt vor allem für die Sek I sowie für die Primarschule. Diese Lehrkräfte arbeiten zur Zeit extrem hart, denn sie müssen zudem mit den Eltern zusammenarbeiten, selber neue digitale Tools lernen, den Kindern oder deren Eltern helfen, diese Tools zu bedienen – und dies dann, wenn die Eltern mal eine Minute Zeit haben (das kann unter Umständen erst abends um 21 Uhr sein). Dazu sollten sie auch jedem Kind einmal oder mehrmals pro Woche zu den Aufgaben eine Rückmeldung schicken. Das läuft darauf hinaus, dass man Stunden und Tage am Telefon und an Videokonferenzen verbringt und dann die eigentliche Arbeit, das Vorbereiten und das Korrigieren, noch nicht gemacht ist. Ein Albtraum.

Wie gehst du damit um? Ich habe akzeptiert, dass während der Corona-Epidemie ein normaler Unterricht mit all seinen Qualitäten nicht zu leisten ist. Ich versuche auch, standfest zu bleiben und mich von keiner Seite unter Druck setzen zu lassen. Weiter schreibe ich konsequent meinen Arbeitsaufwand auf.

Welche, allenfalls politischen, Massnahmen siehst du für den Umgang mit derartigen Extremsituationen? Welche müssen oder können getroffen werden für die Zukunft? Ich denke, die Bildungsdirektionen müssten den SchulleiterInnen und Lehrkräften den Rücken stärken und zulassen, dass die Lehrpläne nicht erfüllt werden können. Weiter wäre es hilfreich, wenn man darauf verzichten würde, dass die Lehrkräfte ständig Rückmeldungen zu Leistungen geben müssten. Jede Schule, die noch nicht professionelle IT-Verantwortliche hat, müsste solche gestellt bekommen, denn es kann nicht sein, dass das Lehrerkollegium X gut funktioniert, weil zufällig der Schulleiter ein Informatikcrack ist, und Schule Y grossen Stress hat, weil dort niemand viel Vorwissen zu digitalen Tools besitzt.

Als ersten Schritt sollten die Behörden sehen, wer wie viel Mehrarbeit leistet. Deshalb wäre es gut, wenn alle Schulleitungen ihre Lehrpersonen auffordern würden, die Arbeitszeit zu erfassen.1

Sehr wichtig ist auch, dass man den Wert des Präsenzunterrichts oder «Echtunterrichts», wie ich ihn nenne, adäquat einschätzt. Nachdem wir diese Pandemie hoffentlich glimpflich überstanden haben werden, soll es nicht heissen, der Fernunterricht war ja kein Problem, wir können auf den als altmodisch empfundenen Präsenzunterricht weitgehend verzichten.2 Dies wäre fatal. Fernunterricht mit geeigneten digitalen Mitteln bietet für gewisse junge Menschen tatsächlich einige positive Aspekte, die man gerne für die Zukunft mitnehmen darf. Aber: 

• Sehr viele Eltern können ihren Kindern die Unterstützung, die sie im Fernunterrichtssystem oder bei gewissen selbständigen Arbeiten brauchen, nicht geben – bestehende Ungleichheiten werden also verstärkt.

• Die allermeisten SuS sind direkt auf die Präsenz von MitschülerInnen und physisch anwesenden Lehrkräften angewiesen, weil Lernen eben ein sozialer Akt ist. 

• Vieles ist virtuell nicht vermittelbar. Für eine ganzheitliche, menschliche Bildung ist die konkrete Anwesenheit der Lernenden sowie auch der Lehrenden unabdingbar. Für viele Fächer führt Digitalunterricht zu einer Qualitätsverschlechterung, z.B. für Hauswirtschaft, Sport, Zeichnen, Biologie usw.

Es besteht von mir aus gesehen die echte Gefahr, dass die Politik den Lehrkräften in den Rücken fällt. Deshalb sollten wir uns wehren: Die Bildungsdirektionen dürfen keinen Druck auf die Schulen ausüben, sich Hals über Kopf zu digitalisieren! Weiter muss der Aufwand für das Dokumentieren von Leistungen (damit man gültige Zeugnisse abgeben kann) in Grenzen gehalten werden. Den Lehrpersonen muss offiziell erlaubt werden, vom Lehrplan abzuweichen. Wie auch Margrit Stamm sagte: Es ist eine Illusion zu glauben, dass die Kinder und Jugendlichen in der Coronazeit die im Lehrplan formulierten Ziele erreichen können. Dafür werden sie Anderes gelernt haben, das auch wertvoll ist.   


1) Ich habe meine Schulleitung gebeten, die Arbeitszeiterfassung anzuregen. Dies wurde positiv aufgenommen und im Newsletter der Schule allen Lehrkräften mitgeteilt. 

2) In der NZZ äussern sich Kommentatoren dahingehend, dass die Krise endlich den digitalen Schub in die Schulen gebracht habe, der längst fällig gewesen sei. Auch der Leiter der PISA Studien der OECD, Andreas Schleicher, machte die Lehrkräfte schlecht, weil sie bisher zu wenig in «digitale pädagogische Konzepte» investiert hätten (Echo der Zeit, 6.4.2020). Hier liegt eine fatale Verwechslung vor: Pädagogische Konzepte können digitale Mittel fürs Lernen einschliessen, stellen selbst jedoch kein pädagogisches Konzept dar…


Die Schwächsten verpassen im Fernunterricht am meisten

Ein Interview mit Stefan Müller. Lehrer Allgemeinbildender Unterricht und Fachunterricht InformatikerIn EFZ, gibb Berufsfachschule Bern.

Stefan Müller. Lehrer Allgemeinbildender Unterricht und Fachunterricht InformatikerIn EFZ, gibb Berufsfachschule Bern.

Du unterrichtest ABU (allgemeinbildender Unterricht) für BerufsschülerInnen. Was ist beim E-Learning die grösste Herausforderung? Wie die meisten Berufsfachschulen ist auch die gibb Bern seit einiger Zeit am E-Learning dran. Die Basisinfrastruktur stand bereits. Unsere Lernenden können in der Regel gut mit Informatikmitteln umgehen, und was Videokommunikation angeht, hatten viele von uns LehrerInnen mehr zu lernen als unsere Lernenden. 

«Weil im virtuellen Klassenzimmer die Peer-Hilfe viel weniger greift, benötige ich viel Zeit für die 1:1-Betreuung.»

Die grösste Herausforderung ist für mich nicht das E-Learning, sondern das Distant-Teaching. Über Videokonferenzen ist es viel schwieriger, rechtzeitig herauszufinden, dass der Lernende A die Aufgabenstellung nicht begreift und die Lernende B sich zwar im virtuellen Klassenzimmer eingeloggt, heute aber absolut null Bock auf ABU hat.

Natürlich kann man da in der Sek-II-Stufe auf Freiwilligkeit, Eigenverantwortung und so pochen. Aber mit meinem persönlichen Lehrer-Selbstverständnis stimmt das nicht überein. Es sind gerade die Schwächsten, diejenigen mit den schwersten Rucksäcken, die im Fernunterricht am meisten verpassen. Deshalb, und weil im virtuellen Klassenzimmer die Peer-Hilfe viel weniger greift, benötige ich viel Zeit für die 1:1-Betreuung.

Baust du Themen rund um die Pandemie in den ABU-Unterricht ein? Das hängt von der Klasse ab. Für viele Lernende ist das Thema derart omnipräsent, dass sie mich baten, einfach ABU gemäss Lehrmittel zu machen. In einer anderen, sehr engagierten Klasse kamen sogar die verfassungsrechtlichen Aspekte der Bundesratsbeschlüsse zur Sprache! Für mich wichtiger ist, dass ich mit allen Lernenden regelmässig 1:1-Kontakt habe und dabei fragen kann, wie es ihnen im Betrieb geht, ob sie Homeoffice machen, wie die Situation zuhause ist, etc. 

Spürst du, dass Jugendliche Angst haben, den Job zu verlieren? Ich unterrichte momentan hauptsächlich Informatik-Lernende, und diese sind in Bezug auf den Arbeitsmarkt generell optimistisch eingestellt. Das ist bei anderen Berufen sicher schwieriger. Aber immerhin hat der Bundesrat beschlossen, Kurzarbeit auch für Lehrverhältnisse anzuwenden. 

Welchen Eindruck hast du, wie die Jugendlichen mit der aktuellen Situation umgehen? Mit der Situation am Arbeitsplatz können meine Lernenden erstaunlich gut umgehen. Für die Abschlussklassen war wichtig zu wissen, dass die Lehrabschlüsse gesichert sind. Die Einschränkungen in der Freizeit werden bedauert – bisher verspüre ich aber viel Verständnis. Ich glaube, die Bilder aus Bergamo haben vielen die Augen geöffnet. Und dann hilft sicher auch, dass ihre Peer-to-Peer-Kommunikation schon lange in den sozialen Medien stattfindet, obwohl wir Alten das immer kritisierten.   


Online-Fernunterricht zehrt an den Kräften

Ein Interview mit Erwin Hurni, Musikschullehrer (Sologesang) an der Musikschule Region Gürbetal, Belp.

Erwin Hurni, Musikschullehrer
Erwin Hurni, Musikschullehrer (Sologesang) an der Musikschule Region Gürbetal, Belp.

Die Corona-Pandemie trifft auch die Musikschulen. War die Schule darauf vorbereitet? Unsere Musikschule hatte den genau gleichen Vorlauf wie die anderen Schulen auch. Man wusste, dass da was im Anmarsch sein könnte. In der Woche vom 9. März war der Unterricht mit den verschärften Weisungen schon erschwert. Am Freitag, den 13. März wurden wir dann kurz vor 17 Uhr von unserer Schulleitung informiert, dass am Montag Präsenzunterricht nicht mehr stattfinden darf und man sich auf Fernunterricht einstellen solle. Also: Die Schule war nicht auf eine Pandemie solchen Ausmasses vorbereitet.

Wie weit hängt die Unterrichtsqualität von der IT-Affinität der Lehrperson ab? Die Möglichkeiten der IT werden sehr unterschiedlich genutzt. Ich weiss von Lehrkräften, die per Telefon und Festnetzanschluss unterrichten. Es gibt aber viele, die schon vor Covid-19 verschiedene digitale Mittel nutzten. Diese Personen verstärkten nun den Einsatz dieser Kanäle und bauten ihre Nutzerfertigkeiten aus.

Bekommt ihr die notwendigen Einrichtungen und genügend Support? Da wir es gewohnt sind, Einzelkämpfer zu sein, haben wir selbst individuelle Wege und Lösungen gesucht. Es wurden einzelne Hilfen zur Verfügung gestellt, die aber entweder fast gar nicht genutzt werden oder meiner Meinung nach nicht anwendbar sind.

Musikunterricht via Homeschooling. Wie muss ich mir das vorstellen? Bei mir funktioniert es im Moment mit den meisten Schülerinnen und Schülern (SuS) so: Zur ausgemachten Zeit lade ich die Schülerin oder den Schüler zu einem Meeting auf der Plattform Zoom ein (hier ist die Tonqualität am besten). Ich sitze daheim am Klavier, Kopfhörer und Mikrofon sind montiert. Erst wird besprochen, was gearbeitet wurde, ob alles klar und verständlich war; dann werden allfällige Fragen geklärt. Da es wegen dem Delay (Zeitverzögerungseffekt bei Online-Video-Kommunikation) fast unmöglich ist, die SuS am Klavier zu begleiten, habe ich mit fast allen SuS andere Schwerpunkte als singen gesetzt. Es wird an Songs geschrieben, Klavier geübt oder Theorie und Diktion geübt.

Ist Homeschooling aus deiner Sicht aufwändiger als Unterricht «face to face»? Ja. Da die Konzentration abnimmt und der Frust über die Faiblessen des Internets nach 20 Minuten zunimmt, vereinbare ich mit allen zwei Meetings pro Woche. Durch die Weiterbetreuung via Text- und Videonachrichten hat sich meine Präsenzzeit mehr als verdoppelt.

Wie geht es dir damit? Und wie den SuS? Der Online-Fernunterricht zehrt unglaublich an den Kräften. Kann ich mit Präsenzunterricht locker sechs SuS nacheinander unterrichten, sind es im Moment höchstens drei. Dieser Mikro-Focus auf den Bildschirm mit unsäglicher Qualität verhindert fast völlig, das zu bieten, was ich kann. Es ist eine leidige Überbrückungslösung, die völlig unbefriedigend ist. Die SuS nehmen es gelassener. Es fällt mir nun aber auf, dass bei vielen langsam eine Sättigung einsetzt. 

Wie sieht es mit dem Datenschutz aus? Der Datenschutz wird im Moment völlig vernachlässigt, und das finde ich bedenklich. Vor der Pandemie war eine grosse Skepsis gegenüber WhatsApp vorhanden, man bekam Empfehlungen, auf andere Apps auszuweichen, die nicht mit Facebook verlinkt sind, Schulen sollten WhatsApp gar nicht nutzen. Das wurde nun alles mehr oder weniger stillschweigend und sehr schnell über Bord geworfen. WhatsApp wird empfohlen, die unsägliche Datenkrake Zoom auch. Es scheint auch überhaupt kein Problem mehr zu sein, wenn Unterrichtende sich per Video-Chat ins Kinderzimmer der SuS einklinken…

Einige Musikschulen beantragen Kurzarbeit. Warum und was hat das bei dir und deinen KollegInnen ausgelöst? Die Erklärungen, die mit der Mitteilung, dass unsere Musikschule Kurzarbeit beantragt, geliefert wurden, waren ungenügend. Die Verunsicherung war gross. Wir hatten weniger als zwölf Stunden Zeit, unser OK dazu zu geben. Was sind die Konsequenzen? Ist das rechtlich sauber, was da läuft? Ich war froh, vom VPOD sofort Antwort auf meine Fragen erhalten zu haben. 


Schnelle Lernprozesse

Ein Interview mit Roland Näf, Schulleiter Schule Seidenberg, Muri-Gümligen, Grossrat SP.

Roland Näf Grossrat SP.
Roland Näf, Schulleiter Schule Seidenberg, Muri-Gümligen, Grossrat SP.

Kam die Schliessung der Schulen für dich als Schulleiter überraschend? Ja, ich rechnete nicht damit, dass der Bundesrat so weit gehen würde. Die Information kam am Freitagnachmittag zu einem Zeitpunkt, als viele Schülerinnen und Schüler (SuS) bereits auf dem Heimweg waren. Ich war auch überrascht von diesem harten Entscheid, weil die Auswirkungen für viele Familien und insbesondere die Kinder schwierig sind. Aber vor dem Hintergrund der Gefahr des Virus habe ich Verständnis für diesen Entscheid.

Informatik ist dein «Steckenpferd» als Lehrer. Wie sieht es im Kollegium aus? Ist E-Learning eine Herausforderung für die Lehrpersonen? Es ist eine grosse Herausforderung. Gleichzeitig bin ich überrascht, wie schnell die Lehrpersonen und die SuS dazulernen und nach wenigen Tagen mit den technischen Möglichkeiten sehr kompetent umgehen. Was ich teilweise während über 20 Jahren als Schulleiter nicht «schmackhaft» machen konnte, ist jetzt selbstverständlich. Erwähnen muss ich aber auch, dass wir an unserer Schule über ausgezeichnete technische Möglichkeiten verfügen. Alle SuS haben zuhause einen Laptop der Schule und können über «Microsoft Teams» kommunizieren, Projekte bearbeiten und Aufträge umsetzen. Die Erfahrungen mit E-Learning im Fernunterricht werden sich auf den Unterricht nach der Corona-Krise auswirken, und zwar wird der stärkere Einbezug des E-Learnings die Individualisierung fördern.

«Mit der Schulschliessung werden Lehrpersonen zu Handwerkern, denen der Werkzeugkoffer geklaut wurde!»

Wie ist die Umstellung auf diese Art Schulunterricht abgelaufen? Mit den ausgezeichneten technischen Voraussetzungen sind wir privilegiert, es ist sehr gut angelaufen. Allerdings habe ich die Lehrpersonen gebeten, beim Erteilen von Aufträgen in erster Linie an die Gesundheit von SuS sowie von ihnen selbst zu denken. Aus meiner Sicht wäre es der falsche Ansatz, sich an den Fächern bzw. dem Lehrplan zu orientieren. Ich empfehle, sich bei Aufträgen und Projekten im Fernunterricht von folgenden vier Bereichen leiten zu lassen: Kreativität, Spiel und Bewegung, Digital Learning, Lesen/Hören. Anzumerken ist, dass wir alle am Lernen sind und Perfektion nicht das Ziel sein kann.

Ein besonderes Merkmal – und Plus für viele Lehrpersonen – ist der direkte Kontakt mit den SuS. Das fällt jetzt praktisch weg. Wie gehen sie damit um? Wie begleitest du sie in dieser Situation? Fernunterricht kann niemals die Präsenz vor Ort ersetzen, wir würden sozial verkümmern. Zwar ist mit den digitalen Kommunikationsmöglichkeiten wie Videokonferenzen und Internetplattformen der Kontakt weiterhin möglich und wird auch stark genutzt. Aber worauf beruht der Erfolg des Unterrichts, mit dem Lehrpersonen ihre SuS «bei der Stange halten»? Ein aufmunterndes Lächeln, ein kurzes Nicken, eine vielsagende Geste oder eine klare Forderung in ihrem Blick, der Motor des Alltags im Schulzimmer und das, was die Pädagogik mit «Beziehungsebene» zusammenfasst. Wir wissen, was auch bei Erwachsenen rhetorische Präsenz und Empathie bewirkt. Was gute Schule ebenfalls ausmacht, ist das Gemeinschaftliche, das Zusammensein. Das fällt weg! Mit der Schulschlies-sung werden Lehrpersonen zu Handwerkern, denen der Werkzeugkoffer geklaut wurde! Das bedeutet Stress.

Mein Beitrag als Schulleiter ist auch in dieser Situation der gleiche wie im gewohnten Schulalltag: die Lehrpersonen unterstützen und ihnen den Rücken freihalten, damit sie sich dem Unterricht widmen können. Gleichzeitig berate ich Lehrpersonen oft auch technisch in Bezug auf den Einsatz der Informationstechnologien.

Ende Schuljahr wirst du pensioniert – eine heftige Herausforderung zum Abschluss deines Berufslebens?Ja, es ist ein eigenartiger Abschluss meines Berufslebens. Ich erlebe ihn nicht in erster Linie als Herausforderung, denn Zeit habe ich genug und die Informatik im Griff. Aber mir fehlen wie wohl vielen anderen die direkten sozialen Kontakte am Arbeitsplatz. In diesem Sinn gewöhne ich mich schon etwas an die Zeit nach der Pensionierung. Viele soziale Kontakte werden wegfallen, umso mehr ich mich vermehrt in der Heimat meiner Partnerin, in Spanien, aufhalten werde.

Hast du, nach den Erfahrungen mit dieser Pandemie, Forderungen an die Politik? Für Massnahmen in den Schulen/der Bildung? Der Fernunterricht zeigt noch verstärkt, wie stark der Schulerfolg von den familiären Verhältnissen und der Unterstützung zuhause abhängt. Die wichtigsten Rezepte zur Unterstützung der sozial benachteiligten Kinder sind Frühförderung und Ganztagesschulen für alle. Bezüglich Frühförderung und ausserfamiliärer Betreuung sind wir in der Schweiz nach wie vor ein Entwicklungsland. Es gibt zwar viele Ideen, aber die politische Mehrheit im Kanton verweigert das Geld für den konsequenten Ausbau. Es wird zwar über Nachteilsausgleich diskutiert, aber die am stärksten Benachteiligten werden in den Verordnungen zum Nachteilsausgleich nicht einmal erwähnt: Kinder aus bildungsfernen Familien.   


Einblicke in das Homeschooling

Ein Interview mit Familie Frish, Bern: Salomé Frish, 39, Assistenzärztin; Mikail Frish, 42, Sozialarbeiter (in Weiterbildung zum Schulsozialarbeiter); sowie von oben nach unten: Rona Frish, 5 ½, 1. Jahr Kindergarten Kirchacker; Lorin Frish, 7 ½, 1. Klasse Schulhaus Höhe; Miron Frish, 9, 2. Klasse Schulhaus Höhe.

Rona Frish, 5 ½, 1. Jahr Kindergarten Kirchacker
Lorin Frish, 7 ½, 1. Klasse Schulhaus Höhe
Miron Frish, 9, 2. Klasse Schulhaus Höhe

Freude auf die Schule – Fragen an Miron und Lorin 

Was lernt ihr gerade? Miron: Multiplizieren und Rechnen mit Zahlenreihen. Lorin: Mathematik mit Zahlen bis 100, Schreiben und Lesen. Schreiben ist mein Liebstes. Miron… und auch Schreiben und Lesen

Mit welchen Hilfsmitteln lernt ihr? Lorin: Rechnen tu ich mit den Fingern. Miron: Ich mit dem Kopf. Und mit den Schulheften und dem Material, das Mama in der Schule holen musste.

Wie habt ihr Kontakt zu eurer Lehrerin? Miron: Die Lehrerin ruft einmal in der Woche an. Lorin: Meine Lehrerin hat diese Woche erst einmal angerufen. Sie ruft mich noch einmal an.

Gefällt es euch, zuhause zu lernen? Lorin: Nicht so wie in der echten Schule. Die echte Schule gefällt mir viel besser. Miron: Mir gefällt beides. 

Helfen euch die Eltern beim Lernen? Miron: Ganz wenig, nein – mittel. Zum Beispiel, als ich das Mal-Rechnen noch nicht so richtig begriffen hatte, hat mein Papa mir einen Tipp gegeben und erklärt, wie das Mal-Rechnen geht. Das ist eben nicht Plus und nicht Minus. 

Korrigiert die Lehrerin eure Arbeiten? Lorin: Ja, Mama oder Papa müssen die Hefte vor den Ferien der Lehrerin bringen. Sie korrigiert dann unsere Aufgaben. 

Habt ihr Kontakt zu Kindern aus eurer Klasse? Lorin: Ja klar! Miron: Mit dem Handy rufen wir an, mit Kamera. Lorin: Aber telefonieren finde ich nicht so cool wie die Kollegen richtig treffen! Miron: Und manchmal spielen wir auch zusammen. 

Freut ihr euch, wenn die Schule wieder aufgeht? Beide: Jaaaa!

Am meisten fehlen die FreundInnen – Fragen an Rona

Bekommst du auch Aufgaben, die du zuhause lösen musst? Ich habe Bilder bekommen mit Zahlen und wir müssen dazu etwas zeichnen. Und ein Blatt mit Vögeln, wir müssen sie von zuhause aus beobachten. 

Du hast mit deinem Kindergärtner telefoniert. Über was habt ihr gesprochen? Er hat gefragt, wie es mir geht und was ich mache. 

Der Kindergarten fehlt dir. Was am meisten? Meine Freundinnen und Freunde!

Kinder lernen individuell unterschiedlich – Fragen an die Eltern Salomé und Mikail 

Wie erlebt ihr diese neue Situation, nicht ausschliesslich Eltern, sondern gleichzeitig auch Lehrperson zu sein? Es ist wie nochmals eine neue Aufgabe. Wir sind näher am Schulstoff als vorher und sehen, wo die Kinder dran sind, wie sie lernen und auch, wie unterschiedlich die Kinder lernen. Sie haben unterschiedliche Aufgaben und wir müssen schauen, dass alle dranbleiben. Wir sehen, wie herausfordernd es für eine Lehrperson mit verschiedenen Kindern sein kann. Wir haben nur drei Kinder, auf die wir eingehen müssen. Eine Lehrperson hat bis zu 25 Kinder in einer Klasse. Wir verstehen jetzt gut, wie schwierig das ist.

Wie unterstützt euch die Schule? Die Schule hat uns Lernmaterial mit nach Hause gegeben. Und die Lehrerinnen rufen jede Woche an. Wir könnten uns für Fragen oder Unterstützung und sogar für Betreuung jederzeit bei ihnen melden. 

Reicht das aus? Ja, für uns reicht das gut. Wir sind fast ein wenig übersättigt mit Stoff, denn sie bieten auch online Schulstoff an, nebst den Schulbüchern. Es besteht eigentlich sogar ein Überangebot. Wir müssen entscheiden, was von alldem wir auswählen. Bis jetzt halten wir uns deshalb an die analogen Lehrmittel. Da wird ein Resultat sichtbar von dem, was die Kinder gemacht haben. 

Gibt es gemeinsame Lektionen mit anderen Familien? Das haben wir zu Beginn der Schulschliessung gemacht, während der ersten Woche. Aber mit der Zuspitzung der Corona-Krise und der Weisung, dass pro Gruppe maximal fünf Kinder zusammen sein dürfen, konnten wir das nicht weiterführen. Es war eine interessante Erfahrung, weil wir sehen konnten, wie andere Kinder lernen. Wir machten einen etwas alternativeren Unterricht und hielten uns nicht an den Lernstoff der Schule. Den Kindern hat das gefallen, es war viel spielerischer als das jetzige Homeschooling.

Wie sieht euer aktuelles Fazit zum Homeschooling aus? Lehrerinnen und Eltern versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Es ist für alle schwierig, aber alle geben sich sehr viel Mühe. Vielleicht ist es eine Chance, die digitalen Medien voranzutreiben und mehr in den Schulalltag zu integrieren. Wir sollten offen sein dafür, die Schulstrukturen zu überdenken und neue Lernmethoden, neue Lernformen einzuführen.

Zum Beispiel? Vielleicht kommt man wieder zurück zu weniger Schulstunden, dafür einzelne Hausaufgaben, wenn sich jetzt zeigt, dass dies für einige Kinder förderlich war. Vielleicht wird es möglich, jedes Kind viel individueller zu betrachten: Braucht ein Kind Unterstützung, so soll es die Hausaufgaben in der Schule machen können. Ein Kind, das zuhause Hilfe bekommt oder zuhause besser lernt, soll sie zuhause machen können. Vielleicht entwickelt sich ein fliessender Übergang zwischen Schule und dem Zuhause.   

«Wir sollten offen sein dafür, die Schulstrukturen zu überdenken.»


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