Corona im Bildungsbereich – Wie kommen wir da wieder raus?

Tuesday, 28. April 2020, 18:42 158809934306Tue, 28 Apr 2020 18:42:23 +0200, Posted by admin1 in Heft 216, No Comments.

Corona im Bildungsbereich – Wie kommen wir da wieder raus?


Auch nach der Bewältigung der unmittelbaren Krise werden sich viele Fragen stellen, in welcher Form weiter unterrichtet werden soll.

Von Christine Flitner

Die Umstellung auf Fernunterricht ist von Lehrpersonen und Schulen mit Flexibilität und Improvisationsvermögen gemeistert worden. Einige hatten die digitalen Möglichkeiten schon länger in ihren Unterricht integriert, andere mussten neu anfangen, alles von null aufbauen und den unverzichtbaren direkten Kontakt, der die Qualität von Lernbeziehungen entscheidend bestimmt, nach besten Kräften zu ersetzen suchen. 

Dass beim Fernunterricht die familiäre Situation der einzelnen Schülerinnen und Schüler ein grösseres Gewicht erhalten haben, gehört zu den Sorgenfaktoren. Eltern sind in der Situation des Fernunterrichts präsenter und unterstützen die Kinder nach Möglichkeit und Interesse. Das benachteiligt diejenigen Kinder, deren Familien nicht dazu in der Lage sind. Die wichtige Förderung der Integration und Chancengleichheit durch die Volksschule ist sehr erschwert und bis zu einem gewissen Grad sogar unmöglich gemacht.

Wie schnell die getroffenen Massnahmen jetzt wieder aufgehoben werden, ist in der Politik ebenso umstritten wie unter Lehrpersonen und Eltern. Die unsinnige Aufrechnung von ökonomischen gegen gesundheitliche Kosten hat die Diskussion von Anfang an bestimmt und wurde und wird von den Medien in immer neuen Varianten durchgespielt. So ruft auch die Frage, wie und zu welchem Zeitpunkt die Schulen und andere Bildungseinrichtungen wieder geöffnet werden könne, heftige Kontroversen entlang dieser Linien hervor. Für alle Positionen gab und gibt es (neben viel Panikschüren von Seiten der Wirtschaftsverbände) auch gute, fachliche Gründe, die am Wohl der Schülerinnen und Schüler sowie an der Gesundheit der Lehrpersonen orientiert sind.

Möglicherweise ist die Frage des Zeitpunkts aber weniger wichtig als die Klärung der Fragen, welche Folgen der Unterbruch des Präsenzunterrichts hat und wie wir damit umgehen können. Damit die Rückkehr zum Präsenzunterricht ohne nachhaltige Schäden gelingt, braucht es geeignete Massnahmen und Aufmerksamkeit für bestimmte Punkte.

Chancengleichheit und Integration

Die Volksschule hat einen hohen Anspruch, den sie schon in sogenannt normalen Zeiten nur teilweise erfüllen kann. Der Schulerfolg hängt in der Schweiz, wie immer wieder gezeigt wurde, signifikant vom Engagement und auch vom Bildungshintergrund der Eltern ab. Die Befürchtung ist naheliegend, dass sich solche Tendenzen durch den Unterricht zuhause verstärkt haben.

Schon die Ausstattung der Familien mit den notwendigen Geräten für den Fernunterricht war und ist sehr unterschiedlich. Auch die Frage, wie viele Geschwister und Erwachsene die Geräte gleichzeitig (für Schule, Homeoffice, Freizeit) nutzen müssen, wirkt sich auf die Teilnahme aus. Schliesslich konzentriert sich der Fernunterricht notgedrungen auch verstärkt auf Inhalte und Aufgaben, die kognitiv zu bewältigen sind.

Diskussion, Austausch, soziales Lernen, gemeinsames Entwickeln von Lösungen wie auch die manuellen oder physischen Anteile des Unterrichts sind reduziert oder fallen ganz weg. Und auch das soziale Zusammensein mit den anderen Kindern, der Austausch, Streit, gegenseitige Hilfe, Konflikte, Freundschaften und Feindschaften im direkten Austausch können nicht stattfinden oder sind auf die sozialen Medien reduziert. 

Die Schule muss daher in den nächsten Wochen und Monaten einiges nachholen und wieder ausgleichen. Es darf nicht geschehen, dass die Pandemie-Massnahmen je nach Herkunft zu mehr oder weniger gros-sen Bildungsdefiziten führen, welche sich auf die weitere Bildungslaufbahn auswirken. 

Das eine ist, die Noten fürs laufende Semester auszusetzen und die Kinder auf der Grundlage der Erfahrungsnoten aus dem ersten Semester zu versetzen oder abschlies-sen zu lassen. Ebenso wichtig ist es aber, kurzfristig und mittelfristig ergänzende Massnahmen (Stützunterricht u.a.) vorzusehen, damit alle Kinder die Nachteile der Fernunterrichtsphase ausgleichen können. 

Prüfungen und Noten

Politik, Fachleute und Verwaltung haben in bewundernswertem Eiltempo für die verschiedenen Stufen und Ausbildungsgänge Regelungen ausgearbeitet, die sichern sollen, dass Absolventinnen und Absolventen des Jahrgangs 2020 ihre Prüfungen machen können, ihr Lehrabschlusszeugnis erhalten oder in die nächste Schule, Stufe oder Klasse versetzt werden können. 

Bei manchen Regelungen schimmern die üblichen grundsätzlichen Diskussionen durch. So finden die Branchenverbände bei den Lehrabschlussprüfungen vor allem die (leichter durchführbare) theoretische Prüfung verzichtbar, während sie nun ein ausgefeiltes und umständliches System für die praktischen Prüfungen aufbauen, obwohl man meinen sollte, dass die praktischen Fähigkeiten nach einer 3-4-jährigen Lehre durchaus auf der Grundlage von Erfahrungswerten zu beurteilen wären. Und die Idee, dass ein ganzer Jahrgang von Schülern und Schülerinnen ohne Tests und Noten versetzt werden soll, lässt einige Bildungspolitiker über notwendige Erhöhung der Repetitionsraten und minderwertige «Kriegsmaturen» phantasieren. 

Für die AbsolventInnen ist es vor allem wichtig, dass ihre Zeugnisse national und international vorbehaltlos anerkannt sind und den Zugang zur entsprechenden nächsten Stufe des Bildungssystems eröffnen. 

Und für alle anderen Schüler und Schülerinnen wird es darum gehen, dass im kommenden Schuljahr die zusätzlichen Ressourcen zur Verfügung stehen, mit denen allfällige Defizite aus dem laufenden Jahr aufgefangen werden können. Die notwendige Reduktion der Kinderzahl pro Klasse könnte in diesem Sinne eine Chance sein.

Und Eltern und Gesellschaft haben die grossartige Möglichkeit festzustellen, dass Kinder und Jugendliche mit der richtigen Anleitung durchaus auch ohne Notendruck und Versetzungsstress bereit sind zu lernen, sich mit Inhalten auseinanderzusetzen und ihren Horizont zu erweitern. 

Schöne neue digitale Schulwelt

Die brachiale Umstellung auf den Fernunterricht hat die Anwendung digitaler Mittel in der Schule notgedrungen innerhalb von kürzester Zeit auf 100 gebracht, mit allen Nebenerscheinungen, die eine unvorbereitete Reform mit sich bringt. 


«Die brennende Frage, wo überall Daten gesammelt werden, wer Zugriff darauf hat und was damit geschieht, muss dringend öffentlich diskutiert werden.»

Viele Fragen des Datenschutzes und der Datensicherheit blieben in dieser Situation erstmal ungeklärt. Zahlreiche private Geräte mit unklaren Schutzprogrammen kommen zum Einsatz, Software mit datenrechtlich zweifelhaftem Ruf wird massenhaft benutzt, Schulen werfen ihre bisherigen Prinzipien (beispielsweise das Verbot, ausländische Server zu nutzen) flugs über Bord.

Dabei sind die vielen Fragezeichen, welche die digitalen Medien im Bereich der Schule aufwerfen, nicht neu. Der VPOD hat schon 2018 dazu verschiedene Forderungen und Überlegungen formuliert, die nach wie vor aktuell sind. Unter anderem geht es darum, den Nutzen der digitalen Medien für die Lernbeziehungen klar im Auge zu behalten, die Auswirkungen auf die Arbeitsorganisation kritisch zu begleiten, Ausstattung und Support genügend Aufmerksamkeit zu geben und mit den Schülerinnen und Schülern einen reflektierten Umgang mit den Medien zu erarbeiten.

Grosse ungeklärte Themen sind bis heute jedoch insbesondere die Fragen der Datensicherheit und des Schutzes – und je grösser die möglichen und vorhandenen Datensammlungen sind, desto dringlicher ist es, sich kritisch damit zu beschäftigen. 

Dabei geht es nicht nur um den Schutz der Einzelnen und ihr Recht darauf, grundsätzlich selbst über die Preisgabe und Verwendung der eigenen personenbezogenen Daten zu bestimmen. Viel wichtiger ist die Frage der mehr oder weniger unkontrollierten Sammlung und Verknüpfung von Daten aller Art, die, wie es scheint, schon jetzt kaum noch kontrollierbar ist. 

Gerade Anbieter digitaler Lehrmittel und weiterer Dienstleistungen sammeln offenbar bereits heute detaillierte Daten zu Lernverhalten und -erfolg von Schülerinnen und Schülern und nutzen sie meist exklusiv. Die Nutzerinnen und Nutzer sind sich über den Umfang und die Art der Datensammlung häufig gar nicht im Klaren. 

So fallen bei der Interaktion mit den weit verbreiteten Lernplattformen, über die auch Prüfungen abgewickelt und Leistungen bewertet werden, grosse Mengen Daten an, die grundsätzlich dazu verwendet werden können, detaillierte Leistungs- und Verhaltensprofile der Schülerinnen und Schüler zu erstellen. 

In einem Beitrag von Rainer Mühlhoff auf Netzpolitik.org («Plattform für digitale Freiheitsrechte») wird aufgezeigt, inwiefern die Unterscheidung von anonymen und personenbezogenen Daten in Bezug auf den Datenschutz heute überholt ist. 

Im Hinblick auf die zur Zeit diskutierten Tracking-Apps (zur Identifizierung von Kontakten Corona-Infizierter) hält der Autor fest, dass eine mögliche Re-Identifikation einzelner Personen weit weniger schlimm ist als die Nutzung solcher Daten zum Training künstlicher Intelligenzen und sogenannter prädiktiver Analysen: «In dem Moment, wo Verhaltensdaten fast flächendeckend anfallen und (sei es auch anonymisiert) erhoben werden, sind die prädiktiven Modelle, die damit trainiert werden, dazu in der Lage, ganze Populationen in Risikogruppen einzuteilen und algorithmisch zu verwalten.» So können die Algorithmen die Gesellschaft einteilen, zum Beispiel in Bezug darauf, wer aufgrund seiner Bewegungsmuster vermeintlich ein besonderes Sicherheits- oder Gesundheitsrisiko darstellt (zum Beispiel weil das Bewegungsprofil erkennen lässt, dass jemand das Virus besonders verbreitet hat), wer aufgrund seines Lernverhaltens an Schule oder Universität für bestimmte Jobs vermeintlich besonders geeignet ist oder welches Kind mit höherer Wahrscheinlichkeit Opfer häuslicher Gewalt wird und deshalb präventiv vom Jugendschutz beobachtet werden sollte. (https://netzpolitik.org/2020/warum-wir-gerade-jetzt-eine-debatte-ueber-datenschutz-brauchen/

Es ist offensichtlich: Das Corona-Virus kann eingedämmt werden, aber die digitalen Nebenwirkungen sind beachtlich. Die brennende Frage, wo überall Daten gesammelt werden, wer Zugriff darauf hat und was damit geschieht, muss dringend öffentlich diskutiert werden.   


Christine Flitner ist als VPOD-Zentralsekretärin für den Bildungsbereich zuständig.



Rainer Mühlhoff: Digitale Grundrechte nach Corona – Warum wir gerade jetzt eine Debatte über Datenschutz brauchen:
https://netzpolitik.org/2020/warum-wir-gerade-jetzt-eine-debatte-ueber-datenschutz-brauchen/

VPOD-Bildungspolitik zur Digitalisierung:
https://vpod.ch/site/assets/files/0/19/826/212_h.pdf

«Daten in der Bildung – Daten für die Bildung, Grundlagen und Ansätze zur Entwicklung einer Datennutzungspolitik für den Bildungsraum Schweiz», Bericht der Fachagentur Educa.ch, im Auftrag des Koordinationsausschusses Digitalisierung in der Bildung (KoA Digi) (gemeinsamer Ausschuss des Eidgenössischen Dept. für Wirtschaft, Bildung und Forschung und der EDK. https://www.educa.ch/sites/default/files/uploads/2019/08/daten_in_der_bildung_high.pdf 

Promote Post

Enjoyed this post?


Posting your comment...

Kommentar schreiben


Ihr Kommentar via Email senden
`
http://vpod-bildungspolitik.ch/wp-content/themes/press