Kinder besser schützen  – auch in der Familie

Wednesday, 20. November 2019, 21:51 157428671209Wed, 20 Nov 2019 21:51:52 +0100, Posted by admin1 in Heft 214, No Comments.

Kinder besser schützen – auch in der Familie


In der Schule gelten Schläge längst als Sakrileg. In der Familie aber werden sie immer noch als erlaubt betrachtet, oft gar als legitimes Erziehungsmittel verteidigt. Das muss sich ändern.

Von Barbara Heuberger

Der Verein «Gewaltfreie Erziehung» wurde 2018 gegründet. Er sammelt Unterschriften für eine Petition, die ein gesetzlich verankertes Recht auf gewaltfreie Erziehung im Zivilgesetzbuch verankern will. Derzeit haben bereits 9200 Menschen die Petition unterzeichnet haben. 
Weitere Informationen und Unterschriftenbögen unter
www.keine-gewalt-gegen-kinder.ch

Jede Lehrerin, jeder Lehrer weiss, dass Kinder in der Schule nicht geschlagen werden dürfen. «Körperstrafen sind heute in keiner Weise gestattet, auch Ohrfeigen nicht, gleichgültig, ob die Schulgesetzgebung sie ausdrücklich verbietet oder ob sie sich ausschweigt», schreibt Herbert Plotke, juristischer Berater von Schulen, Behörden und Eltern.1 Ebenso seien alle anderen entehrenden oder entwürdigenden Strafen (in der Ecke knien usw.) zu unterlassen.

Seit Jahren streitet man hierzulande über die Frage, ob Ohrfeigen einem Kind schaden oder nicht und ob sie auch in der Familie ausdrücklich verboten werden müssten. Zwar wurde in der Schweiz das Züchtigungsrecht der Eltern 1978 abgeschafft. Ein explizites Züchtigungsverbot existiert allerdings nicht. Höchste Zeit also für ein Umdenken, eine neue gesetzliche Regelung ausserhalb des Strafrechts und eine Sensibilisierungskampagne, umso mehr, als gemäss einer ZHAW-Studie2 ein Fünftel der Jugendlichen in der Schweiz zu Hause schwere Gewalt erlebt. Hinzu kommt, dass Gewalt unter Erwachsenen im Familienkreis – Stichwort «Häusliche Gewalt» – absolut verpönt ist. Weshalb soll dies gegenüber Kindern anders sein?  

Körperstrafen sind schädlich

Fachleute sind sich einig: Körperstrafen können die Beziehung zwischen Eltern und Kind in vielen Fällen massiv stören. Der Griff zur Gewalt schwächt das Selbstvertrauen des Kindes, stört seine soziale, intellektuelle und emotionale Entwicklung und fördert aggressives Verhalten. «Gewalt ist weder halt- noch legitimierbar», betont Andreas Brunner, ehemaliger Oberstaatsanwalt des Kantons Zürich. «Von Körperstrafe als Erziehungsmethode kann nicht die Rede sein: Entweder wir sprechen von Gewalt oder von Erziehung. Erziehung mit Gewalt ist ein Widerspruch in sich», betont er. Brunner ist Präsident des Vereins «Gewaltfreie Erziehung», der sich dafür einsetzt, dass das Recht der Kinder auf gewaltfreie Erziehung im Zivilgesetzbuch verankert wird.

Gute Erfahrungen mit Gesetzesartikel in Deutschland

«Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Massnahmen sind unzulässig.»3 Diesen Artikel hat Deutschland im November 2000 in sein Bürgerliches Gesetzbuch, das unserem Zivilgesetzbuch (ZGB) entspricht, aufgenommen. «Das Gesetz fördert nicht nur kritische Einstellungen zur Gewalt, sondern sensibilisiert Eltern obendrein für Gewalt in der Erziehung», schreibt Kai D. Bussman in seiner Studie zu dessen Auswirkungen.4 Darin belegt er, dass die Gewalt an Kindern seit der Einführung des Gesetzes in Deutschland gesunken ist. 

Manche Politikerinnen und Politiker wie Eltern im Allgemeinen wehren sich aber gegen einen solchen Gesetzesartikel. Denn sie befürchten, bestraft zu werden, sollte ihnen einmal die Hand ausrutschen. Bussmanns Kommentar dazu: «Das gesetzliche Verbot hat in Deutschland zu keiner Ausweitung der Kriminalisierung von Eltern geführt, obwohl durch seine Einführung häufiger auf Fälle von Misshandlung in der näheren sozialen Umwelt reagiert und immer weniger weggeschaut wird.» Man wolle Eltern, die ihre Kinder schlagen, helfen, sie aber nicht kriminalisieren. 

Diese Haltung vertritt auch der Verein «Gewaltfreie Erziehung»: «Wir wollen niemanden kriminalisieren, deshalb wollen wir das Recht auf gewaltfreie Erziehung im Zivilgesetzbuch verankern und nicht im Strafgesetzbuch», sagt Andreas Brunner. Von einem entsprechenden Gesetzesartikel verspricht er sich eine hohe Signalwirkung und längerfristig einen Wandel der Denkmuster in dieser Frage. Dies vor allem auch, weil ein solcher Artikel dem Bund ermöglichen würde, Informations- und Sensibilisierungskampagnen anzustossen und zu unterstützen.

Harzige Umsetzung der UN-Konvention

Seit der Unterzeichnung der UN-Konvention für die Rechte des Kindes durch die Schweiz sind 22 Jahre vergangen. Die Umsetzung kommt nur schleppend voran. Die Schweiz ist von der Uno bereits zweimal gerügt worden, weil sie dieses Recht bisher nicht auf Gesetzesebene festgeschrieben hat. Mehrere Motionen, die eine gesetzliche Verankerung des Rechtes auf gewaltfreie Erziehung im ZGB forderten, sind im Nationalrat gescheitert. Bundesrat und Parlament lehnen bis heute alle Vorstösse mit der Begründung ab, die derzeitige Gesetzeslage genüge. Dem widersprechen die Erfahrungen vieler Fachpersonen im Bereich Kindesschutz, aber auch zahlreiche Studien zum Thema Gewalt an Kindern.

Demnächst erhält der Nationalrat eine neue Chance: Die Walliser CVP-Nationalrätin Géraldine Marchand-Balet fordert in einer Motion vom Juni 2018 erneut ein Gesetz, das körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Massnahmen gegenüber Kindern als unzulässig erklärt. 

Philip Jaffé, Direktor des Centre of Childrens Rights an der Universität Genf und seit 2018 Mitglied im UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes, macht eine klare Ansage: «Die Schweiz liebt ihre Kinder. Und wir sind ein reiches Land. Also sollten wir der Welt zeigen, dass die Rechte unserer Kinder Priorität haben.»   


Barbara Heuberger ist freie Journalistin mit dem Thema «Kinderrechte». Sie hat den Verein «Gewaltfreie Erziehung» gegründet.


1 Herbert Plotke: Schweizerisches Schulrecht. Bern: Haupt, 2003.

2 Dirk Baier: Studie zur Entstehung von politischem Extremismus unter Jugendlichen in der Schweiz, ZHAW, 2017.

3 Bürgerliches Gesetzbuch, § 1631 Abs. 2 Satz 2.

4 Kai D. Bussmann: Auswirkungen des Verbots von Gewalt in der familialen Erziehung in Deutschland 2010.


Foto: Markus Bormann / Adobe Stock

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