Minimalstandards für Politische Bildung als gymnasialer Unterricht

Tuesday, 24. September 2019, 23:16 156936699011Tue, 24 Sep 2019 23:16:30 +0100, Posted by admin1 in Heft 213, No Comments.

Minimalstandards für Politische Bildung als gymnasialer Unterricht


Aufruf für eine wissenschaftlich abgestützte Politische Bildung im geplanten Rahmenlehrplan für das Gymnasium.

Von Béatrice Ziegler

Seit einigen Jahren prüfen Bund und EDK den gymnasialen Bildungsgang und planen die Revision des gymnasialen Rahmenlehrplans. Als Bildungsziele schlägt der Bericht der verantwortlichen Steuergruppe zur Bestandesaufnahme neben der «allgemeinen Studierfähigkeit» auch eine «vertiefte Gesellschaftsreife» vor.1 Er hält aber auch gleich fest, dass es dringend sei, die «vertiefte Gesellschaftsreife» konkreter zu fassen. Er kritisiert die bisher schwammige Beschreibung zurecht, weil gerade durch diese die Bedeutung von Fächern nicht wirklich anerkannt wird, die sowohl für die Individuen als auch für die Gesellschaft und für die Demokratie wichtig sind. So etwa Geschichte und Politische Bildung. 

Marginalisierung politischer Bildung

Dass im erwähnten Bericht Politische Bildung als Exkurs (Kap. 5.2.6.) abgehandelt wird, zeigt ihre aktuelle marginale Position und weist auf die Unsicherheit hin, welchen Ort die Domäne Politische Bildung in einem Rahmenlehrplan für das Gymnasium erhalten soll. Diese Unsicherheit bzw. Uneinigkeit setzt sich im Übrigen auch in der Expertenrunde des SBFI fort, die seit einem Jahr an der Klärung eines Rahmens für Politische Bildung gearbeitet hat. Wie anderswo wird auch im erwähnten Bericht darauf hingewiesen, dass Aspekte Politischer Bildung in den aktuell geltenden Lehrplänen der Kantone bzw. einzelner Gymnasien teilweise fachlich verankert sind, teilweise aber auch als Elemente der «Schulkultur» oder im überfachlichen Bereich Berücksichtigung finden. Natürlich soll nicht gegen partizipative Elemente der Schulgestaltung angeschrieben werden, aber es ist doch festzuhalten, dass die dabei geförderten Kompetenzen kaum solche der Politischen Bildung, sondern mehr überfachlicher Natur sind. Die überfachlichen Kompetenzen der Selbst-, Sozial- und Methodenkompetenz sind als Förderungsgegenstand aber eben kein Spezifikum der Politischen Bildung. Ihre Förderung leitet sich vielmehr aus pädagogischen Grundprinzipien her, die für die Gestaltung von Schule und Unterricht wegweisend sein sollen, indem diese insbesondere partizipativ und Individuen wertschätzend sowie autonomiefördernd gestaltet werden sollen. Dabei gibt es Annahmen, die einen Zusammenhang zwischen solcher Schulkultur und methodischer Versiertheit und Wertschätzung von Demokratie durch Lernende sehen. 

Elemente politischer Kompetenz

Schulische Politische Bildung ermöglicht jedoch den Aufbau politischer Kompetenz bei Individuen. Aus fachdidaktischer Sicht setzt sich diese aus der politischen Urteils- und der politischen Handlungskompetenz sowie dem Verfügen über politische Konzepte (politisches Wissen) zusammen, die gemeinsam für das Verständnis der Politik als gesellschaftliche Aushandlungsprozesse wichtig sind. Mit dem Kompetenz- und Konzeptaufbau wird ermöglicht, dass Individuen ihre Teilhabe an der politisch-gesellschaftlichen Gestaltung gemeinschaftlichen Lebens informiert und auf der Grundlage ihrer Interessen und Werte wahrnehmen können. Politische Bildung, die die aktive Teilhabe an Staat und Gesellschaft zum Ziel hat, will Individuen auch politisch zur grösstmöglichen Autonomie führen. Dieses Ziel erfordert das Verständnis für politische Prozesse und die realistische Einschätzung von eigenen (politischen) Handlungsoptionen und Wirkungsmöglichkeiten. Dies beinhaltet die fachliche Spezifität einer allgemeinen Mündigkeit im Sinne des selbstbestimmten Lebens, die als allgemeine Zielsetzung von Bildung gelten kann. Eine derart verstandene Politische Bildung wird allerdings einen wichtigen Beitrag zur «vertieften Gesellschaftsreife» leisten können, die im Übrigen von allen anderen Fächern – insbesondere von Geschichte, Wirtschaft, Recht und Ethik/Philosophie – mit ermöglicht werden muss.

Wertereflexion statt Werteerziehung

So sehr wir uns möglicherweise wünschen würden, dass Politische Bildung nur gemeinschaftsorientierte, demokratisch agierende, die Menschenwürde jedes Einzelnen respektierende und friedliebende Individuen hervorbringe, ist eine solche Zielsetzung, die in der Werteerziehung als Ideal formuliert werden könnte, nicht realistisch. Politische Bildung soll sich nicht an der Werteerziehung, sondern an der Wertereflexion orientieren. Denn seit der Verständigung auf den Beutelsbacher Konsens2 gilt es, dem Überwältigungsverbot in formalen Lernprozessen Geltung zu verschaffen. Lernende werden aber durch Politische Bildung selbst beurteilen können, dass ihr selbstbestimmtes Leben von der Verteidigung und Weiterentwicklung der Demokratie, von der Achtung des auf menschenrechtlichen Grundlagen basierenden Rechtsstaates, von der nachhaltigen Sicherung der Lebensgrundlagen und von friedensfördernden internationalen bzw. transnationalen Beziehungen abhängt. Die Reflexion über den Zusammenhang zwischen den Elementen des demokratischen Systems und zentralen Werten westlich-demokratischen Lebens soll nicht nur Handeln begünstigen, sondern auch die eigene Positionierung in und gegenüber Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und menschenrechtlicher Grundlage ermöglichen. Wie diese bei jedem Einzelnen aussehen wird, kann aber nicht vorhergesagt werden, da dies zur individuellen Freiheit im Rahmen demokratischer Grundlagen gehört. 





«Egal, welche Lehrpersonen Politische Bildung unterrichten: Sie müssen dafür ausgebildet werden. Diese Ausbildung muss fachlich und insbesondere fachdidaktisch sein.»

Fachdidaktik wichtig

Wer soll Politische Bildung am Gymnasium unterrichten? – Traditionell ist die Domäne an das Fach Geschichte gebunden worden. Dies aus naheliegenden Gründen, gibt es doch Überlappungen dieser Domänen, die vermuten lassen, dass ein besonderes Interesse und Verständnis von Geschichtslehrpersonen für Politische Bildung vorhanden ist. Die erst wenige Monate angelaufenen Forschungen zum fächerübergreifenden Unterricht von Geschichte mit Politischer Bildung weisen darauf hin, dass Politische Kompetenz nur wenig aufgebaut wird, wenn die Lehrpersonen nicht selbst in der Didaktik der Politischen Bildung ausgebildet werden. Es lässt sich sogar zuspitzen: Egal, welche Lehrpersonen Politische Bildung unterrichten: Sie müssen dafür ausgebildet werden. Diese Ausbildung muss fachlich und insbesondere fachdidaktisch sein. 
Mittels welcher Methoden und Gefässe die Politische Bildung vermittelt werden soll, ist grundsätzlich von der Didaktik der Politischen Bildung zu erforschen und zu diskutieren und auf dieser Grundlage von Lehrpersonen abgestimmt auf die verschiedenen Stufen zu entscheiden. Dabei ist ein stärkeres Gewicht als bisher auf die Fähigkeit, Fertigkeit und Bereitschaft der Lernenden zu legen, sich mit politischen Prozessen, ihren Akteuren und den politischen Themen, der eventuellen eigenen Partizipation, der Reflexion hinsichtlich demokratischer Praktiken und demokratie-verletzender Diskurse und Handlungen zu befassen und sich positionieren zu können.
Ob dann gewisse ausserschulische Programme für die jeweils vorgesehene Kompetenzförderung geeignet erscheinen und die Lehrpersonen diese deshalb in ihren Unterricht einbeziehen möchten, muss der Lehrperson als einer professionellen Fachperson überlassen bleiben. Fachdidaktische Untersuchungen und Beratungen können sie dabei unterstützen.
Wie wichtig die fachdidaktischen Untersuchungen auch für Politische Bildung sind – so wie für die anderen Schulfächer auch – zeigt das Beispiel des Klassenrats auf der Stufe Sek I. Als ideales Gefäss zur Förderung des Demokratieverständnisses eingeführt, entpuppte es sich in verschiedenen Studien in erster Linie als ein sehr gutes Gefäss sozialen Lernens. Politisches Lernen aber erfolgt im Klassenrat nur, wenn das Geschehen darin mittels Analyse-Konzepten der Politischen Bildung reflektiert und kritisch eingeordnet und beurteilt wird. Welche Effekte der SchülerInnenrat an Gymnasien hat, wäre also zu untersuchen.

Fachkompetenz und feste Lektionenzahl nötig

Die Öffentlichkeit und die Bildungspolitik haben einen berechtigten Anspruch darauf, bei den Bildungszielen von Schule und damit auch von Fächern, also auch von Politischer Bildung, mit zu beraten. Ob und wie aber solche Ziele erreicht werden könnten, muss innerhalb der Diskussion und Forschung zur Didaktik der Politischen Bildung untersucht werden. Die Ergebnisse müssen wiederum in die Definition der Ziele und der Gestaltung der Rahmenbedingungen einbezogen werden. Eine fest zugesicherte Stundendotation für Politische Bildung würde mit Sicherheit den Rahmen für eine Fokussierung auf die Auseinandersetzung der Lernenden mit politischen Fragen und mit ihrer Positionierung in politischen Prozessen eröffnen. Ob und wie dann zusätzlich auch im fächerübergreifenden Unterricht gewisse Kompetenzen weiter aufgebaut und fachliche Konzepte vertieft werden können, bedarf weiterer Klärung. Der Wunsch ausserschulischer Akteure, an Politischer Bildung beteiligt zu werden, kann dabei kein Kriterium sein. Der Verzicht auf die Stundendotation und das Ausweichen auf nicht-fachlichen «besonderen» Unterricht aufgrund der Problematik knapper Stundenzahlen, ist ebenfalls kein gangbarer Weg. Es sind die Lehrpersonen als professionell ausgebildete Fachkräfte, die im Rahmen einer soliden Didaktik der Politischen Bildung sich an den Lehrzielen unter Berücksichtigung der Eigenheiten ihrer Lernenden orientieren und auf dieser Basis entscheiden, welchen Unterricht sie wie durchführen wollen, um die Politische Kompetenz der Lernenden zu fördern.  


1 Auslegeordnung zur Weiterentwicklung der gymnasialen Maturität. Bericht der Steuergruppe im Rahmen des Auftrags von EDK und WBF vom 6. September 2018 «Weiterentwicklung der gymnasialen Maturität: Mandat für eine Auslegeordnung zu den Referenztexten». http://www.edk.ch/dyn/12475.php [konsultiert 16.08.2019].

2 https://www.bpb.de/die-bpb/51310/beutelsbacher-konsens.

Foto: Ingo Bartussek / Adobe Stock

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