Den geflüchteten Jugendlichen Lehrabschlüsse erlauben!

Saturday, 8. June 2019, 21:20 156002880209Sat, 08 Jun 2019 21:20:02 +0200, Posted by admin1 in Heft 212, No Comments.

Den geflüchteten Jugendlichen Lehrabschlüsse erlauben!


Es häufen sich die Fälle, dass Behörden abgewiesenen jugendlichen Asylsuchenden verwehren, ihre Ausbildung fortzusetzen, abzuschliessen oder auch nur erst anzutreten. In einigen Kantonen formiert sich Widerstand unter Lehrlingen, Arbeitgebern, Lehr- und Fachkräften sowie Patenfamilien: Ein Aufruf wurde lanciert.

Von Ulrich Burri

Im Mai hat sich eine Gruppe besorgter Bürger und Bürgerinnen aus vielen Landesteilen der Schweiz in Olten getroffen. Die zweisprachige Veranstaltung wurde vom Zusammenschluss «Eine Lehre – Eine Zukunft» aus Lausanne organisiert. Auf deren Initiative hatten sich bereits im Februar 2019 circa 200 Teilnehmende in Lausanne zusammengefunden, wo sie einen Aufruf verabschiedeten. Zwischenzeitlich wurde dieser von über 2200 Menschen unterschrieben. Beidseits der Saane entstanden Medienbeiträge. Der Text und das Unterschriftenformular kann unter www.einelehre-einezukunft.ch als PDF in Deutsch, Französisch und Italienisch heruntergeladen werden.

Vernetzung und Aufbau politischen Drucks

Die Teilnehmenden der Veranstaltung in Olten waren Jugendliche, Arbeitgeber, Lehrpersonen, Pflegeeltern und Vertreter aus bürgerlichen Parteien. Der Anstoss war die Betroffenheit über negative Asylentscheide des Bundesamtes, welche zur Folge hatten, dass Jugendliche eine Lehre abbrechen müssen oder eine zugesicherte Lehre gar nicht erst antreten dürfen. Ziel der Tagung war der Aufbau einer gesamtschweizerischen Vernetzung von Menschen, die sich politisch für die geflüchteten Jugendlichen engagieren möchten. Am Treffen wurden diverse Einzelschicksale aus Sicht von betroffenen Pflegeeltern sowie Arbeitgebern vorgestellt. Jugendliche mussten ihre Lehre abbrechen und von zum Teil selbst finanzierten Individualunterkünften in Kollektivunterkünfte umziehen. Es gab Fälle, in denen der negative Asylentscheid eine Woche nach der Lehrantrittsbewilligung eintraf.

Die meisten der von Lehrabbrüchen Betroffenen sind Geflüchtete aus Eritrea, aus dem Tibet, Iran, Irak, Afghanistan und Syrien. Für diese ist eine gewaltsame Rückschiebung in ihr Heimatland für längere Zeit unrealistisch, was auch die momentane Politik so sieht.

Im Zentrum des Engagements für diese Jugendlichen muss der Aufbau politischen Drucks stehen, um durchzusetzen, dass diese ihre Lehre abschliessen oder antreten können. Die Vielfalt der am Treffen Teilnehmenden aus verschiedenen Kantonen und Bereichen der Zivilgesellschaft ermöglicht eine breit abgestützte Vernetzung. Gegenwärtig gibt es hunderte von Gruppen mit ähnlichen Stossrichtungen; diese gilt es zusammenzuführen. Die Vernetzung hat noch viel Luft nach oben! Ein jeder kann in seinem Einflussbereich Menschen, Gruppen oder Medien mittels Kontaktaufnahme, Beiträgen, Leserbriefen usw. ansprechen. Von jungen Menschen wurde zudem auf die sozialen Medien als Kommunikationskanäle hingewiesen.

Zynische Willkür

Persönlich möchte ich anfügen, dass die aktuelle Situation unbefriedigend ist. Die individuellen Anhörungen werden teils sehr chaotisch gehandhabt. Die sogenannte und angebliche «Unglaubwürdigkeit», auf der viele Ablehnungen basieren, hängt oftmals mehr von der Qualität des Übersetzers, als von der individuellen Situation eines Asylsuchenden ab. Viele Übersetzer stammen aus der ersten Generation eritreischer Flüchtlinge, welche das aktuelle Regime unterstützen und kein Verständnis für die heutigen Fluchtgründe ihrer Landsleute aufbringen.

Der Status «F – Vorläufig Aufgenomme» ist explizit für Asylsuchende mit abgelehnten Anträgen gedacht, die aus Ländern stammen, in welche auf absehbare Zeit keine Rückschaffungen möglich sind, da die Rechtslage vor Ort unsicher ist. Ein Bundesrat, der die Migrationsfrage besonders bewirtschaftet, wird mit den Worten zitiert «Wenn sie schon hier sind, sollen sie auch arbeiten». Der Begriff «Erhaltung der Rückkehrfähigkeit» als Begründung für die Verweigerung einer Arbeit oder Lehre und somit die Abschiebung in die Nothilfe scheint mir sehr zynisch. Viele der Betroffenen haben sich um eine Integration bemüht und zum Teil schon als UMA (unbegleitete minderjährige Asylsuchende) gute Sprach- und Landeskenntnisse erworben sowie sich um Arbeit oder eine Lehrstelle bemüht. In der Statistik werden sie jedoch unfairerweise als «noch immer in der Sozialhilfe» aufgeführt.

Veränderung durch Wahlen

Um politisch etwas bewirken zu können, müssen wir im Herbst ein anderes Parlament wählen! Dabei hoffe ich auf eine hohe Stimmbeteiligung. Wenn alle Stimmbürgerinnen und Stimmbürger, welche der Meinung sind «Die da oben machen ja doch, was sie wollen», wählen gehen, könnten die da oben nicht mehr «machen, was sie wollen». Versuchen wir doch alle Bekannten und Verwandten an die Urne zu bringen, um für geflüchtete Jugendliche eine grosszügigere Vergabe des «Status F» oder der Anerkennung als «Härtefall» zu erwirken. Dies, damit sich Legalität und Gerechtigkeit wieder etwas annähern.

Für eine Kräfteverschiebung nach den Parlamentswahlen im Herbst brauchen wir eine möglichst grosse Wahlbeteiligung, um so die Chancen auf einen Wandel zu erhöhen. 

Bis im Herbst an der Urne!  

Ulrich Burri, ist Diplomingenieur ETHZ und lebt in Biel.


VPOD-TAGUNG

Der VPOD veranstaltet am 7. September 2019 in Bern die Tagung «Geflüchtete – Bildung, Integration und Emanzipation», an der wir eine kritische Bestandsaufnahme der aktuellen Situation von Geflüchteten und von deren Bildungsmöglichkeiten vornehmen. Gemeinsam werden wir dort Forderungen an die Politik erarbeiten, wie das Recht auf gleichwertige Bildung für alle durchgesetzt und die Diskriminierung von Geflüchteten verhindert werden kann.

Weitere Informationen und Anmeldungen unter:

http://www.vpod.ch/fachtagung-gefluechtete-bildung


Der Aufruf, dass die jungen abgewiesenen Asylsuchenden ihre Lehre fortsetzen und beenden dürfen, kann unterzeichnet werden unter:

http://www.einelehre-einezukunft.ch

Zusätzliche Links zu Mitorganisatoren:
www.giveahand.ch
www.eritreischer-medienbund.ch
www.emk-schweiz.ch

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