In den Schulen angekommen

Friday, 7. June 2019, 23:35 155995052711Fri, 07 Jun 2019 23:35:27 +0200, Posted by admin1 in Heft 212, No Comments.

In den Schulen angekommen


Digitale Werkzeuge und Materialien schaffen im Unterricht neue Möglichkeiten. Dies ist bereichernd, aber neben allen Veränderungen bleibt doch auch vieles gleich.


Von Katrin Meier

Vor nicht allzu langer Zeit standen die Fragen im Zentrum: «Braucht jede Schülerin und jeder Schüler ein eigenes Tablet?» oder «Gehören Medien und Informatik in die Lektionentafel?» Heute ist im Kanton Zürich mit der Umsetzung des Lehrplan 21 das Fach Medien und Informatik in – und ab Sommer 2019 ab – der 5. Klasse fixer Bestandteil im Stundenplan und in vielen Gemeinden dürfen Schülerinnen und Schüler der 5. Klasse einen Schullaptop ihr Eigen nennen, zumindest leihweise bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit. Die Digitalisierung ist definitiv in der Schule angekommen.

Hardwarefragen

Teilweise digitalisierte Lehrmittelteile für die Lehrerinnen und Lehrer, Computer für die Schulzimmer und Lernapps für die Schüler-innen und Schüler haben schon länger in den Schulen Einzug gehalten. Nun wird mit den neusten Technologien auf- aber auch schon nachgerüstet, je nach Möglichkeiten der Gemeinden in unterschiedlicher Qualität und Quantität. Mit einiger Skepsis habe ich dieser Entwicklung entgegengesehen. 

Das Bereitstellen der notwendigen Infrastruktur liegt in der Verantwortung der einzelnen Gemeinden, eine Verpflichtung, die insbesondere bei der ICT in Zukunft wesentlich teurer wird. Dies hat zur Folge, dass in den einen Gemeinden – wie beispielweise in der Stadt Zürich für die 5. und 6. Klasse – jedem Kind leihweise ein Tablet oder ein Laptop zu Verfügung gestellt wird, in anderen Gemeinden aber das Prinzip BYOD (Bring Your Own Device) gilt. 

«Bildschirmzeiten in der Schule? Wenn die Kindealle Angebote der Schule nutzen würden, würden sie die zeitlichen Empfehlungen der Ratgeber jetzt schon um das drei- bis vierfache übersteigen […]» 

BYOD bedeutet, dass die Schülerinnen und Schüler ihre eigenen mobilen Computer wie Smartphones, Notebooks oder Tablets in die Schule mitbringen, um damit zu arbeiten und zu lernen. Auch wenn vorab die wichtigsten Fragen betreffend Sicherheit oder Trennung von privaten und schulischen Daten geklärt werden, wiegt der eine Vorteil, dass die Kinder und Jugendlichen so auf den ihnen schon bekannten Geräten arbeiten können, die vielen Nachteile aus meiner Sicht nicht auf. Ich stelle mir vor, wie die Schülerinnen und Schüler auf ihren Smartphones Texte schreiben oder formatieren: Auch wenn ihre jungen Augen noch um ein Vielfaches besser sind als meine, ist die Anwendung von Textverarbeitungsprogrammen auf so kleinen Bildschirmen nicht gerade sinnvoll. Ich kenne natürlich auch Lernapps, welche problemlos auf einem Handy anwendbar sind. Trotzdem ist mir die Vorstellung, dass in meinem Schulzimmer mehrere verschiedene Betriebssysteme aktiv sind, die ich, sollten sie nicht funktionieren, zum Laufen bringen sollte, nicht geheuer.

Das Hauptargument, welches gegen BYOD spricht, ist aber der im Volksschulgesetz festgehaltene Grundsatz, dass die Volksschule unentgeltlich ist. Auch wenn den Kindern, die kein Gerät von zu Hause mitbringen können, eines zu Verfügung gestellt wird, werden sich Eltern unter Druck gesetzt fühlen. Wer will denn nicht das beste und neuste mobile Gerät für sein Kind? Oder umgekehrt gefragt: Welches Kind möchte mit dem allenfalls etwas langsamen, leicht veralteten Computer der Schule lernen? 

Durch meine Arbeit an einer altersdurchmischten Mittelstufe bin ich ab dem kommenden August in der komfortablen Lage, dass immer etwa zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler ein geliehenes Tablet besitzen. In diesem Jahr besitzen erst die Schülerinnen und Schüler der 5. Klasse, also ein Drittel, ein eigenes, diese werden zum Glück von den Fünftklässlerinnen und -klässlern mit den Kindern der ganzen Klasse geteilt, so dass wir auch jetzt schon meistens genügend Geräte zu Verfügung haben. Im Gegensatz zu vor einem Jahr bin ich heute der Meinung, dass das Verhältnis Computer zu Kind mit 1:1 natürlich toll wäre, dass es aber mit 2:1 ebenfalls reichen würde. Ich hätte jedenfalls lieber pro zwei Kinder ein hochwertiges Tablet, also Qualität statt Quantität!

Bildschirmzeit begrenzen

Von Fachkräften wird Eltern empfohlen, mit ihren Kindern Bildschirmzeiten festzulegen, also gemeinsam abzumachen, wie lange das Kind pro Tag oder in der Woche am Bildschirm sitzen darf. Wenn man sich nach den Empfehlungen diverser Ratgeber richtet, dürfen Kinder im Primarschulalter zwischen 30 bis 60 Minuten täglich erst einmal TV und die dazugehörenden Webseiten von Fernsehsendern auf dem Computer nutzen, ab dem Alter von zehn Jahren kommen Smartphone, Spielkonsole oder Tablet dazu. Wenn diese Angaben für zu Hause sinnvoll sind, und davon gehe ich aus, haben die Schulen mit diesen Werten ein Problem: mit den neuen Lehrmitteln sind die Schülerinnen und Schüler in vielen Fächern während der Schulzeit und den Hausaufgaben ebenfalls am Bildschirm. Am Beispiel des neuen Lehrmittels «Dis Donc!» im Fach Französisch lässt sich bestens aufzeigen, was unsere Schülerinnen und Schüler alles am Bildschirm machen können. Zu fast jeder Seite im Schüler_innenbuch findet sich in der digitalen Ausgabe des Lehrmittels zusätzliches Material. Hier können die Kinder Texte und Verse hören und mitlesen, Filme ein zweites Mal schauen, zu jeder einzelnen Kompetenz mindestens eine Online-Übung lösen, Lieder anhören und mitsingen, mittels Spielen Wörtchen lernen und zum Schluss können sich die Schülerinnen und Schüler mit dem «Bilan électronic» auf die Lernzielkontrolle vorbereiten. Diese Angebote sind eine tolle Ergänzung zum gedruckten Lehrmittel, keine Frage, über die Menge hingegen lässt sich diskutieren. Eine Nebenerscheinung der Digitalisierung der Lehrmittel: Übereifrige Eltern können sich sämtliche Arbeitsblätter und Lernspiele zum zusätzlichen Üben auch zu Hause ausdrucken. 

Aber nicht nur Französischübungen zum vorher gemeinsam erarbeiteten Schulstoff, sondern auch Kopfrechnen im individuell gewählten Zahlenraum, Tutorials im Fach Natur, Mensch, Gesellschaft oder das Englischwörtchenlernen mit Quizlet erfolgt am Computer. Logischerweise sind die Schülerinnen und Schüler auch während den Lektionen im Fach Medien und Informatik die meiste Zeit an den Screens, denn die «Unplugged»-Lektionen machen nur einen kleinen Teil der Lektionen aus, und auch das fächerübergreifende Arbeiten an den digitalen Kompetenzen erfolgt sinnvollerweise an den Tablets. Bildschirmzeiten in der Schule? Wenn die Kinder alle Angebote der Schule nutzen würden, würden sie die zeitlichen Empfehlungen der Ratgeber jetzt schon um das drei- bis vierfache übersteigen, obwohl die neuen, digitalen Lehrmittel erst am Entstehen sind!

Unterstützen, aber nicht ersetzen

Natürlich sehe ich in den digitalen Werkzeugen und Materialien viel Positives! Einiges an Arbeit, insbesondere beim Individualisieren von Aufgaben und Lernwegen, wird mir als Lehrerin vereinfacht. Die Schülerinnen und Schüler können ihr Tempo sowie den Schwierigkeitsgrad und die Art der Aufgaben selbst auswählen. Tutorials können jederzeit und immer wieder zum Lernen oder Repetieren angeschaut werden. Die Schülerinnen und Schüler eignen sich digitale Kompetenzen an, welche in der Berufswelt je länger je mehr gefragt sind und dass Lehren und Lernen vermehrt multimedial stattfindet, ist ebenfalls eine klare Bereicherung.

Mit Lernlupe auf der Primarstufe sowie dem Stellwerk und dem darauf aufbauenden Lernpass auf der Sekundarstufe haben zwei weitere computerunterstütze Lernsysteme die Schule fest im Griff. Stellwerk und Lernlupe überzeugen mit ihren adaptiven Aufgaben – beim korrekten Lösen der Aufgabe wird die darauffolgende Aufgabe schwieriger, bei falschen Antworten werden die Fragen einfacher. Eigentlich grossartig…. nein, nicht eigentlich, zum Lernen sicher gut geeignet. Aber helfen mir die Punktzahlen am Schluss beim Beurteilen der Schülerinnen und Schüler? Was ich mit Sicherheit weiss, ist, dass es keinen Algorithmus gibt, welcher einen Text interpretieren und beurteilen kann, dazu braucht es nach wie vor eine Leserin, welche den Text deutet und der Autorin oder dem Autor Rückmeldungen und Tipps für die Weiterarbeit gibt. Ich werde also auf keinen Fall überflüssig, als Lehrerin und Bezugsperson taugt der PC nämlich nicht, er kann mich nicht ersetzen, aber unterstützen.

Keep cool

Gelehrt haben mich das erste Jahr mit den eigenen Tablets für die Schülerinnen und Schüler und mit dem Fach Medien und Informatik, dass ich Neues in aller Ruhe auf mich zukommen lassen kann. Vieles regelt sich von selbst: die anfängliche Faszination der eigenen Tablets hat sich schon rasch gelegt. Zu Beginn waren die Tablets in den Pausen kaum mehr von den Pulten wegzudenken, unterdessen verschwinden viele in ihren Hüllen und tauchen nur vereinzelt zwischen Fussball spielen, Bücher (keine e-books!) lesen, miteinander spielen und plaudern in der unterrichtsfreien Zeit auf. Im Unterricht sind gemeinsames Musizieren und Lernen, Theaterspielen, Sport und Gestalten immer noch spannende und unterhaltsame Lektionen, da gehört das Programmieren mit Scratch einfach zu einem von vielen Highlights. 

Die Schule im digitalen Wandel – trotzdem ist vieles gleichgeblieben: Wie andere Abmachungen auch gehören Verträge zum «Umgang mit den Tablets» gemeinsam im Klassenrat erarbeitet und verschriftlicht. Inhaltlich stehen zum Schluss in etwa die gleichen Punkte drauf, wie beispielsweise auf den vorgedruckten Verträgen der Stadt Zürich. Der grosse Unterschied: Die Schüler-innen und Schüler kennen die partizipativ formulierten Regeln und verstehen sie auch, nicht nur sprachlich… die Regeln sind für die Schülerinnen und Schüler nachvollziehbar, das Einhalten Ehrensache.

Auch gleichgeblieben ist, dass ich meine Schülerinnen und Schüler auf ihrem Weg zu selbständigen, interessierten und in vielen Dingen kompetenten Jugendlichen begleiten und unterstützen darf. Neu kommt die Medienkompetenz hinzu, zu welcher drei Grundpfeiler gehören. Als erstes müssen die Schülerinnen und Schüler Medien kennen. Auch zukünftig sowohl Printmedien als auch elektronische Medien und sie müssen deren vielseitige Nutzungsmöglichkeiten kennen: sich austauschen, lesen, sich mitteilen, sich und andere informieren, spielen oder hören. Der zweite Grundpfeiler ist Medien verstehen. Kinder und Jugendliche müssen verstehen, wie Daten übertragen werden, sie müssen sich eine Basis an technischem Wissen erarbeiten. Die Schülerinnen und Schüler sollen verstehen, wo ihre Daten überall zu finden sind oder auftauchen können. Der dritte Pfeiler ist Medien beurteilen: Schülerinnen und Schüler müssen lernen, ihre diversen Quellen für Informationen kritisch zu hinterfragen, sie sollen ihren Medienkonsum beurteilen können und wissen, wie sie ihre eigenen Daten verwalten und diese – und somit auch sich selber – sichern können. Medien kennen, verstehen und beurteilen: Je besser und je früher diese drei Punkte besprochen, diskutiert und angewendet werden, desto besser können Schüler-innen und Schüler mit Medien bewusst und verantwortungsbewusst umgehen. 

Digitaler Wandel? Das kriege ich hin, ich versuche, ganz gechillt Schritt zu halten!  

Katrin Meier ist Präsidentin der VPOD-Verbandskommission Bildung, Erziehung, Wissenschaft und der Sektion Lehrberufe Zürich. Sie arbeitet als Primarschullehrerin in Zürich. 

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