Schule der Zukunft

Friday, 7. June 2019, 17:39 155992919105Fri, 07 Jun 2019 17:39:51 +0200, Posted by admin1 in Heft 212, No Comments.

Schule der Zukunft


An den EDUZIS-Schulen im Kanton Zürich haben alle SchülerInnen ein iPad, gelernt wird vermehrt mit Lernsoftware und auf digitalen Lernplattformen.

Von Johannes Gruber

 

Im Februar 2018 hatten wir in dieser Zeitschrift zuletzt einen Schwerpunkt zum Thema «Digitalisierung und Bildung». Als ich mich damals in das Thema einarbeitete wurde mir klar, dass sich unser Bildungssystem zu Beginn eines fundamentalen Wandels befindet, das Kulturpessimisten als Anfang vom Ende der Bildung, fortschrittliche Denker dagegen als Beginn eines emanzipatorischen Prozesses begreifen.1 Vor gut einem Jahr hatte ich leider keine Möglichkeit, an einer Schule vor Ort selbst den aktuellen Umgang mit iPads, Lernsoftware und digitalen Medien im Unterricht kennenzulernen. Doch begegnete ich an einer Medienkonferenz von economiesuisse Sandra Monroy, Schulpflegepräsidentin der Sekundarschulgemeinde Niederhasli Niederglatt Hofstetten (EDUZIS), Kanton Zürich, die mich ans Schulhaus Seehalde in Niederhasli einlud, um dort einen Schulunterricht kennenzulernen, der hinsichtlich Digitalisierung auf der Höhe der Zeit ist.

Das Schweizer Fernsehen kam mir jedoch zuvor, im März 2019 berichtete die Sendung «Kulturplatz» über eben diese Schule. In der Reportage wurde gezeigt, wie an der Seehalde neue Formen des Lernens erprobt und ihre SchülerInnen auf die Herausforderungen der modernen Berufswelt vorbereitet werden. Alle SchülerInnen erhalten am ersten Schultag der Sekundarstufe 1 einen iPad zur Verfügung gestellt. Das Lernen erfolgt zu einem grossen Teil auf digitalen Lernplattformen, auf denen sie z.B. Arbeitsblätter bearbeiten und unmittelbar ein Feedback von der Lehrperson bekommen.

Was es braucht und wie die Schule dazu kam

Als wir2 im Mai 2019 schliesslich das Schulhaus Seehalde besuchen, empfangen uns Schulpflegepräsidentin Sandra Monroy, Schulleiter Marco Stühlinger und Schüler Christof. In seiner Präsentation stellt uns der Schulleiter die Arbeitsweise der EDUZIS-Schulen vor. Es wird deutlich, dass es um mehr geht als einfach nur um Computer und iPads. Damit der konsequente Einsatz technischer Geräte und innovativer Lernsoftware im Unterricht auch die gewünschte Wirkung zeigt, braucht es, so Marco Stühlinger, nicht nur ein umfassendes pädagogisches Konzept, sondern auch eine technische Infra-struktur wie ein schnelles, leistungsfähiges Internet, Ressourcen für die Wartung der Geräte und technischen Support. So ist für die EDUZIS-Schulen ein technischer ICT-Supporter (100%) und ein pädagogischer ICT-Supporter (Teilzeit) zuständig. Notwendig sind vor allem aber auch digitale und didaktische Kompetenzen der Lehrpersonen.

Seitdem es im Herbst 2012 zu einem Wechsel der Schulleitung und zu Zugängen im Lehrpersonenteam gekommen war, fand in Niederhasli ein kontinuierlicher Schulentwicklungsprozess statt. Gemeinsam setzten sich die Lehrpersonen mit den Grundlagen von Lernen und Motivation auseinander und entwickelten innovative Lernsettings. Mit dem Schuljahr 2013/14 erfolgte nicht nur die Ausrüstung aller SchülerInnen mit iPads, sondern auch die Auflösung der alten Klassenstrukturen und die Einführung von altersdurchmischten Gruppen. Gleichzeitig war die Einführung von Lernatelierstrukturen ein entscheidender Schritt. Acht bis zwölf Lektionen, also ein Viertel bis ein Drittel ihres Unterrichts, arbeiten die SchülerInnen selbständig an ihrem Arbeitsplatz im Lernatelier, das in der Seehalde «Office» genannt wird. Nach der Präsentation des Schulleiters führt uns der Schüler Christof ins Office und erläutert uns dessen Funktionsweise. Im Lernatelier werden selbständig Aufgaben gelöst, allein oder in Kleingruppen. Immer ist jedoch auch eine Lehrperson anwesend, die bei Bedarf unterstützen kann. Beides zusammen sei wichtig, so Christof, dass das Office selbstbestimmtes Arbeiten vorsehe, aber auch, dass dort Lehrpersonen immer ansprechbar sind.

 

«Acht bis zwölf Lektionen, also ein Viertel bis ein Drittel ihres Unterrichts, arbeiten die SchülerInnen selbständig an ihrem Arbeitsplatz im Lernatelier […]»

 

Insgesamt wird an der Seehalde ein Mix aus innovativen und konventionellen Lernformen angeboten: Während der restlichen 22-26 Lektionen besuchen die SchülerInnen den Fachunterricht. Wie Sandra Monroy in der erwähnten Fernsehreportage feststellt, ist der Unterricht an der Seehalde weniger Ausdruck eines anderen Schulmodells, als vielmehr Resultat einer Haltungsänderung, des Bemühens von Lehrpersonen und politisch Verantwortlichen, Schule zeitgemäss zu gestalten. Vieles wird in einem solchen Projekt neu gedacht und verändert, die klassische Unterrichtssituation des 19. Jahrhunderts, der standardisierte Frontalunterricht, Unterricht nach Lehrbuch werden so teilweise überwunden oder zumindest sinnvoll ergänzt. Doch nicht alles ändert sich mit dem Einsatz digitaler Medien, auch die Vermittlung künstlerischer, musischer, handwerklicher und sportlicher Fähigkeiten hat nach wie vor ihren festen Platz im Lehr- und Lernalltag der Seehalde.

 

Kommunikations- und Lernformen kein Selbstzweck

Die Kommunikation mit SchülerInnen und Lehrpersonen erfolgt an der Schule über Beekeeper (Chats, Gruppenchats, Postings). Zusammenarbeit findet oftmals via Google-Apps auf Google Drive statt, Lehrmittel und Lerndossiers sind über «itunesU» und «ibooks» zugänglich. Über die Lernplattform EDULO können von den Lehrpersonen Übungen erstellt und geteilt werden, gleichzeitig ist diese auch eine Datenbank für und mit Übungen. Diese Übungen sind ein Beitrag zur Individualisierung des Lernens: Mittels automatischer Korrekturen wird der Leistungsstand jedes einzelnen Schülers und jeder Schülerin abgebildet und sodann zusätzlich spezifisches Material zur Verfügung gestellt. Im Unterricht werden Lernfilme, Verknüpfungen und Apps eingesetzt. Um die Medienkompetenz der SchülerInnen zu fördern, werden Social Media nicht nur angewendet, sondern sind auch Gegenstand des Unterrichts und werden kritisch reflektiert.

 

«Um tatsächlich die Lernerfolge zu vergrössern, müssen die ICT auch den Unterricht in Methode, Stil und Aufbau verändern.»

 

Doch die blosse Verfügbarkeit von Informations- und Kommunikationstechnik allein hat nicht automatisch eine positive Auswirkung auf die Kompetenzen von SchülerInnen. Im Gegenteil bestehe die Gefahr, so Marco Stühlinger, dass ICT zwar die herkömmliche Lerntechnik ersetzt, aber eine unzulängliche Anwendung der neuen Technologien zu schlechteren Resultaten als der herkömmliche Unterricht führt. Um tatsächlich die Lernerfolge zu vergrössern, müssen die ICT auch den Unterricht in Methode, Stil und Aufbau verändern.

Dass technologische und methodische Innovationen wie das «selbstregulierte Lernen» kein Selbstzweck sind, wird auch auf der Homepage der EDUZIS-Schulen ausgeführt, auf der ausführlich die Organisation, das pädagogische Konzept wie auch das didaktische Instrumentarium dargestellt werden. Links zu Ausführungen des Erziehungswissenschaftlers John Hattie wie auch zu den Soziologen Niklas Luhmann und Heinz Bude deuten darauf hin, wie intensiv und grundlegend die Beschäftigung mit Schulentwicklung an den EDUZIS-Schulen gewesen sein muss. Hinsichtlich des Verständnisses von schulischem Lernen wird auf den Text «Möglichkeiten und Grenzen selbstregulierten Lernens in der Schule»3 des Zürcher Erziehungswissenschaftlers Jürgen Oelkers verwiesen. In diesem betont der Autor, wie wichtig es sei, bei jeder Innovation die konkreten Erfahrungen zu berücksichtigen und ein methodisches Dogma zu vermeiden. Der Text liest sich streckenweise wie eine unmittelbare konzeptionelle Fundierung der EDUZIS-Schulen:

«Die Internetrevolution wird in wenigen Jahren auch die Formen des Lehrens und Lernens in öffentlichen Schulen grundlegend verändern. Lernen mit Smart Boards, elektronischen Plattformen und in Laptop-Lernumgebungen sind bereits heute in nicht wenigen Schulen Praxis. Die Lehrmittel werden sich in elektronische Aufgabenkulturen verwandeln, die mit Rückmeldesystemen verbunden sind. Die Schülerinnen und Schüler lernen nach individuellem Tempo und damit auch unabhängig von einem schulisch vorgegebenen Zeittakt. Die Lernfortschritte werden dokumentiert und transparent gemacht, das gilt ebenso für die von den Schülerinnen und Schülern angefertigten Produkte.» (Oelkers, 20)

 

Sozialer Selektivität entgegenwirken

Jürgen Oelkers verweist in seinem Text auch darauf, dass von den SchülerInnen selbst regulierte Lernformen dazu tendieren, herkunftsbedingte Ungleichheiten zu reproduzieren und weiter zu vergrössern. Während SchülerInnen aus «bildungsnahen» Elternhäusern oftmals bereits von Beginn an die entsprechenden Kompetenzen und die Motivation mitbringen, ihre Lernprozesse selbst zu steuern, fällt dies unterprivilegierten Kindern und Jugendlichen ungleich schwerer. Um dem entgegenzuwirken und die produktiven Aspekte der offenen Lernformen zu nutzen ohne die soziale Selektivität mit diesen zu vergrössern, braucht es durchdachte Lernsettings. Nach eigenem Bekunden arbeiten die EDUZIS-Schulen an solchen «Lernsettings in Fach- und pädagogischen Teams, um unseren Lernenden ein optimales Lernen im 21. Jahrhundert zu ermöglichen […] Wir sind auf dem Weg, setzen um, analysieren, verbessern und lernen.»4

Ebenfalls auf der Homepage aufgeschaltet ist ein Film des Lehrers Davide Carls, in dem verschiedene SchülerInnen befragt werden, wie sie ihre Schule finden. In der Tendenz besonders von diesen geschätzt werden die Freiheiten beim Lernen im Office, aber auch die Instrumentarien wie zum Beispiel das Lernbuch und die Agenda, mit denen die SchülerInnen ihr Lernen steuern und kontrollieren können. So verweist eine Schülerin, darauf, dass die von den SchülerInnen selbst vorgenommene Dokumentation ihres Lernstands mittels «Kann-Liste» es den Lehrpersonen ermögliche, bei Bedarf gezielt zu helfen. Auch die Möglichkeit in Fachberatungen oder in Coaching-Gesprächen individuellen und direkten Austausch mit den Lehrpersonen zu haben, wird von den SchülerInnen für sehr wertvoll befunden.

 

Kein Abschluss ohne Anschluss

Besondere Aufmerksamkeit widmen die EDUZIS-Schulen auch dem Übertritt an weiterführende Schulen oder in die Berufslehre. Die Quote für den Übertritt an das Gymnasium und die Berufsmaturitätsschule liegt zusammengenommen bei circa acht bis zehn Prozent. Erst unlängst wurden die Vorbereitungs- und Förderkurse der Schule optimiert. Sandra Monroy ist der Ansicht, dass auch die Neuausrichtung in diesem Bereich für die höheren Erfolgsquoten bei den aktuellen Aufnahmeprüfungen verantwortlich ist: So haben 2019 zwölf der 18 Schülerinnen und Schüler, die die entsprechenden Vorbereitungskurse besucht haben, auch die Aufnahmeprüfung zum Gymnasium bestanden, was mit einer Erfolgsquote von 66.6 Prozent deutlich über dem kantonalen Mittel liegt. Auch haben 2019 sieben von 16 Schülerinnen und Schüler, die an den Vorbereitungskursen zur Berufsmaturitätsschule teilnahmen, die BMS-Aufnahmeprüfung bestanden.

Aufgrund dieses Ergebnisses sehen sich die EDUZIS-Schulen, so Sandra Monroy, darin bestärkt, die Prüfungsvorbereitung weiterhin in dieser Form anzubieten. Doch die Übertrittsquoten an BMS und Gymnasium sind nicht die entscheidenden Kriterien für die Qualität einer Schule. Letzlich, und darin sind sich Schulleiter und Schulfpflegepräsidentin einig, gehe es darum, für jede Schülerin und jeden Schüler eine adäquate Anschlusslösung zu finden. Und im Schulbezirk Dielsdorf ist dies traditionell bei vielen Jugendlichen nach wie vor die Berufslehre. 

 


1 Die emanzipatorischen Potentiale des Gebrauchs von digitalen Medien im Unterricht betont etwa Michel Serres (vgl. vpod bildungspolitik 205, «Mit digitalem Knowhow Platons Höhle verlassen», S. 6-7). Ein Beispiel für fundamentalen Kulturpessimismus hinsichtlich methodischer und technologischer Unterrichtsinnvovationen scheint mir das gerade erschienene Buch des Psychiaters Michael Winterhoff, «Deutschland verdummt», darzustellen.

2 Am Besuch der EDUZIS-Schule Seehalde nahm neben mir noch Katrin Meier, Primarschullehrerin und Präsidentin der VPOD-Sektion Lehrberufe Zürich sowie der Verbandskommission Bildung, teil.

3 Download unter: eduzis.ch/unsere-schule/vertiefung/lernen/. Der Text stellt eine Verschriftlichung eines Vortrags in der Schule Moosseedorf am 15. Oktober 2012 dar.

4 Ebd.: eduzis.ch/unsere-schule/vertiefung/lernen/

 

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