#encolèretantquilfaudra

Monday, 22. April 2019, 2:00 155589844302Mon, 22 Apr 2019 02:00:43 +0200, Posted by admin1 in Heft 211, No Comments.

#encolèretantquilfaudra


Wir sind wütend – solange dies nötig ist! Vorbereitungen für den Frauenstreik in der Westschweiz.

Von Cora Antonioli

Unsere Gewerkschaft VPOD-SSP engagiert sich seit Jahrzehnten für die Rechte von Frauen, für ihre Arbeits- und Lebensbedingungen. Wir tun dies gemeinsam mit den Frauen, an ihrer Seite. Dass dieses Engagement für uns sehr wichtig ist, zeigt sich konkret: Sowohl bei der gewerkschaftsinternen Gleichstellung als auch in den Verhandlungen mit den Arbeitgebern. Vor allem aber in unserer politischen Arbeit. Dass der VPOD von Anfang an eine führende Rolle bei der gegenwärtigen Mobilisierung für den Frauenstreik* gespielt hat, macht deutlich, dass wir uns auch zukünftig weiterhin für die Frauen einsetzen werden.
In den Organisationsbereichen des VPOD-SSP gibt es viele Arbeitnehmerinnen; vielfach bilden die Frauen in diesen sogar die grosse Mehrheit: Insbesondere in Bereichen, in denen die Arbeitsplätze schlecht bezahlt und/oder prekär sind (Kinderbetreuung, Pflege, Gesundheit). Unsere Gewerkschaft ergreift deshalb regelmässig die Initiative, um Verbesserungen für die dort beschäftigten Frauen (und Männer) durchzusetzen. Der VPOD-SSP engagiert sich gerade auch für Arbeitnehmerinnen mit Migrationshintergrund, die oftmals besonders stark prekarisiert sind.

Auf zum Streik am 14. Juni…
Seit dem 14. Juni 1981 schreibt unsere Bundesverfassung vor, dass «Männer und Frauen gleichberechtigt sind» und «das Recht auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit haben». In der Praxis sind wir jedoch von einer tatsächlichen Gleichstellung noch weit entfernt. Weil sie es satthaben, geduldig darauf zu warten, dass sich die Dinge auch nur ein wenig ändern, werden am 14. Juni 2019 in der ganzen Schweiz Tausende von Frauen* streiken, um Gleichheit, Respekt und Solidarität einzufordern.
Da aber eine solch gross angelegte Mobilisierung nicht spontan geschehen kann, treffen sich bereits seit mehreren Monaten regelmässig Frauen*, um sich zu organisieren und zu koordinieren. Seit Beginn der Bewegung spielen die MilizionärInnen und SektretärInnen des VPOD-SSP eine führende Rolle beim Kampf um die Verwirklichung der Gleichstellung: Nicht nur was den Service public betrifft, sondern für alle Arbeitsplätze und alle Lebensbereiche.

Gleichstellung ist auch in den Schulen noch nicht verwirklicht
Was die Geschlechterungleichheit betrifft, so bildet der Bildungssektor keine Ausnahme. Im Kampf um die Förderung der Gleichstellung von Jungen und Mädchen kommt den Schulen jedoch eine Schlüsselrolle zu. Dass wir noch weit von der Realisierung der Gleichstellung entfernt sind, lässt sich beispielsweise an der Darstellung von Frauen in Lehrmitteln erkennen. Zumindest in einigen ist diese weiterhin stereotyp und sexistisch, oft sind Frauen unsichtbar oder sie werden als unterlegen gezeigt. Wenn auch in der Westschweiz den Lehrpersonen der obligatorischen Schule spezielles Unterrichtsmaterial für die Thematisierung der Gleichstellung zur Verfügung steht, so wird dies in der Regel nur von KollegInnen verwendet, die bereits für dieses Thema sensibilisiert sind. Deshalb müssen wir dafür Sorge tragen, dass auch alle Lehrmittel eine Perspektive einnehmen, die Gleichstellung als nötig und wichtig erachtet. Darüber hinaus mangelt es stark an Ressourcen, Hinweisen, Handbüchern etc., die Werke und Leistungen von Frauen sammeln, präsentieren oder auch nur einbeziehen!
Auch andere Probleme müssen noch gelöst werden, so wird zum Beispiel der Unterricht stark geschlechtsspezifisch geprägt, insbesondere in den Fächern mit den meisten Lektionen (Männer unterrichten vor allem Mathematik oder experimentelle Naturwissenschaften, Frauen unterrichten dagegen oft Sprachen usw.). Dies fördert unter den Studierenden die Tradierung von Stereotypen und hierarchisch differenzierten Wertzuschreibungen.
In der beruflichen Bildung spiegelt das Geschlecht der Lehrpersonen die Ungleichheiten in der Arbeitswelt wider: In den technischen Lehren sind in den jeweiligen Branchen die meisten Lehrkräfte Männer, während es in den sozialen oder kommerziellen Lehren mehrheitlich Lehrerinnen hat.

«Auch im Bildungsbereich sind die Berufe, in denen Frauen mehrheitlich vertreten sind, die schlechtest-gestellten.»

Arbeitsbedingungen
Auch im Bildungsbereich sind die Berufe, in denen Frauen mehrheitlich vertreten sind, die schlechtestgestellten: In der Grundschule, in der 85 Prozent des Lehrpersonals Frauen sind, sind die Gehälter am niedrigsten. Am höchsten sind sie dagegen in der Sekundarstufe II, auf der die Lehrerinnenquote bei nicht mehr als 40 Prozent liegt.
Darüber hinaus ist, unabhängig vom Bildungsniveau, Teilzeitarbeit bei Frauen viel häufiger anzutreffen. Dies wirkt sich nicht nur auf die Löhne, sondern auch auf die Renten aus. Was die Aussichten auf Beförderungen betrifft, so sind diese für Frauen ebenso viel schlechter.
Es muss leider immer wieder erwähnt werden, dass Lehrerinnen nach wie vor zu wenig Unterstützung erhalten, wenn sie versuchen, Beruf und Privatleben zu vereinbaren.
Wie so viele andere Frauen sind Lehrerinnen am Arbeitsplatz und in weiteren Lebensbereichen sexistischen Bemerkungen ausgesetzt, bei einigen geht dies bis zur expliziten Belästigung.

Mobilisierung in den Schulen
Vor einigen Monaten hat in vielen Schulen der Westschweiz die Sensibilisierungs-, Informations- und Mobilisierungsarbeit begonnen, je nach Kanton unterschiedlich schnell und mehr oder weniger stark. Über den Erfolg dieser Mobilisierung entscheidet, ob es gelingt, in möglichst vielen Schulen AktivistInnen erfolgreich zu vernetzen und anschliessend dieses Netzwerk weiter auszubauen. Äusserst hilfreich hierfür wäre es, ein branchenspezifisches Argumentarium bereitzustellen, das sich auf die Arbeitsbedingungen und die pädagogische Praxis bezieht. Mit einem solchen könnte das Bewusstsein der Lehrpersonen geschärft und damit so viele Menschen wie möglich dazu bewegt werden, sich für gleiche Arbeitsbedingungen am gleichen Ort zu engagieren.
SSP-Lehrberufe Waadt hat quantitative Daten über den Stand der Gleichstellung gesammelt, zudem hat die Gruppe eine Umfrage unter den Lehrkräften im Kanton gestartet, um weitere Informationen zu bekommen. Beides zusammen soll ermöglichen, einen Überblick über den Stand der Gleichstellung von Männer und Frauen* an den Waadtländer Schulen zu erhalten. Die Umfrage dient darüber hinaus auch dazu, die Befragten zum kritischen Nachdenken anzuregen und so das Netzwerk zu erweitern.

Eine ernsthafte Gefährdung der Streikbereitschaft
Ein Streik an den Schulen ist durchaus denkbar, von den betroffenen KollegInnen wurde im Hinblick auf diesen jedoch schnell ein Punkt als besonders problematisch eingestuft: So könnte die Durchführung von Prüfungen die KollegInnen dazu veranlassen, den Streik abzubrechen. Auf diese Weise würde auch verhindert, dass die Studierenden an der Mobilisierung teilnehmen. Die Gruppe SSP-Lehrberufe Waadt hat deshalb die Initiative ergriffen und einen Brief an die Erziehungsdirektorin gesandt, in welchem sie diese darum bat, die für diesen Tag vorgesehenen Prüfungen zu verschieben. Dem Antrag wurde entsprochen. Später wurde unserem Anliegen auch in den Kantonen Neuenburg und Jura stattgegeben.
Damit dürfte wohl das grösste Hindernis für den Streik beseitigt sein, sodass die KollegInnen nun energisch die Vorbereitungen für den Streik weiter vorantreiben können.


Forderungen, Massnahmen und Eingriffe bis zum 14. Juni
Was die institutionelle Ebene betrifft, so wurden an mehreren Schulen Streikkomitees gebildet. In einigen organisieren sich Frauen und Männer zusammen, in anderen Frauen allein. Die Komitees treffen sich und organisieren im Vorfeld des 14. Juni Versammlungen, Konferenzen, Vorführungen und Gleichstellungstage sowie verschiedene Aktionen an ihren Arbeitsplätzen. Teilweise sind die Veranstaltungen auch offen für Studierende. Die Komitees stellen bereits jetzt Überlegungen an, was genau sie am 14. Juni tun werden und wie die Hauptforderungen an ihren Arbeitgeber lauten. An manchen Orten hat sich inzwischen die Idee eines gemeinsamen Streiks von Frauen* und solidarischen Männern durchgesetzt, sodass dort bereits über die konkreten Aktivitäten nachgedacht wird, die wir am 14. Juni den ganzen Tag über – vom Morgen an bis zur Zeit der Demonstration am frühen Abend – durchführen werden. An anderen Orten fragen wir uns noch, welche Form von Aktionen wir anstreben: Dort schwanken wir zwischen einem echten Streik und Protestaktionen, und überlegen, auf welche Weise wir mehr Lehrpersonen mobilisieren können – und auch welcher Zeitpunkt am besten geeignet ist. Viele Lehrpersonen nutzen den VPOD-SSP, um an ihrer Schule tätig zu werden: Sie treffen sich mit ihren KollegInnen, um über Gleichstellungsfragen zu diskutieren und die Vorbereitungen für den 14. Juni gemeinsam in Angriff zu nehmen.
Jede Lehrerin* beteiligt sich dabei in ihrem eigenen Tempo, nach den ihr verfügbaren Mitteln, nach ihren Vorstellungen und Stärken.
So tragen zurzeit die Lehrpersonen in mehreren Waadtländer Schulen freitags rot – für Gleichberechtigung und Solidarität mit allen Frauen. Dies ist eine Aktion, die von den Zürcher KollegInnen ins Leben gerufen wurde und die SSP-Lehrberufe Waadt von diesen übernommen hat – für den 8. März und jeden Freitag bis zum 14. Juni. Und der Hashtag #encolèretantquilfaudra beginnt seinen Weg in soziale Netzwerke und in obligatorische und postobligatorische Bildungseinrichtungen zu finden. Auf diese Weise fordern wir gemeinsam ein Ende der sozialen Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen*. So kommen wir auch mit Studierenden und KollegInnen ins Gespräch und provozieren Reaktionen, schärfen deren Bewusstsein und erweitern so unsere Bewegung auf dem Weg zum Streik- und Aktionstag am 14. Juni. Ein Streik an den Schulen ist notwendiger denn je – wie auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen.

Cora Antonioli ist Gymnasiallehrerin in Lausanne und stellvertretende Präsidentin des VPOD-SSP.

Foto: Eric Roset

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