Geschlechtergerechtigkeit  von Lehrmitteln

Sunday, 21. April 2019, 17:33 155586803005Sun, 21 Apr 2019 17:33:50 +0200, Posted by admin1 in Heft 211, No Comments.

Geschlechtergerechtigkeit von Lehrmitteln


Studien zeigen, dass nach wie vor in vielen Lehrmitteln traditionelle Geschlechterrollen reproduziert werden. Der Abbau von geschlechterstereotypen Darstellungen in Lehrmitteln ist bildungspolitisch geboten.
Von Elena Makarova, Jana Lindner und Nadine Wenger

Lehrmittel sind ein zentraler Bestandteil des Unterrichts. Ihnen kommt eine wichtige didaktische Funktion zu, nämlich als Unterrichtsgrundlage die Wissens-aneignung der Schülerinnen und Schüler zu unterstützen. Da Lehrmittel Lernziele verfolgen und fachliches Wissen vermitteln, werden diese regelmässig auf ihre Fachinhalte kontrolliert und aktualisiert. 

Sozialisationswirkung von Lehrmitteln Weniger im Fokus der Überarbeitung von Lehrmitteln stehen Inhalte, die sozialisatorischer Art sind. Solche Inhalte vermitteln gesellschaftliche Normen und Werte und können durch klischeehafte Bilder von Mädchen und Jungen, Männern und Frauen Geschlechterstereotype und Geschlechterkonventionen reproduzieren und verfestigen. Die in Schulbüchern verwendeten Beispiele handeln oftmals von Familien, Eltern, Kindern und der Berufswelt. Sie nehmen Bezug zu Alltagserfahrungen und bilden sowohl sprachlich als auch visuell eine Lebenswelt ab, die Fremd- und Selbstbilder der Schülerinnen und Schüler prägt. Vorherrschende Geschlechternormen finden Eingang in die Darstellung von Geschlechtern, von geschlechtsspezifischen Rollen- und Berufsbildern. In Folge dessen portiert das Lehrmittel, welche Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit in der Gesellschaft akzeptiert und welche Lebensentwürfe für Frauen und Männer typisch sind. 

Geschlechterdarstellung in Lehrmitteln Da Lehrmittel auch nicht intendierte Lerneffekte erzeugen, wird unter anderem vom «heimlichen Lehrplan» gesprochen (Bühlmann 2009). Gemeint ist damit ein Lehrplan, der durch implizite und subtile Inhalte Mädchen und Frauen diskriminiert und eine hierarchische Geschlechtererziehung vermittelt (Moser 2016). Im Zuge der amtlichen Zulassung von Schulbüchern wurde der «heimliche Lehrplan» zum bildungspolitischen Gegenstand der Diskussion in den späten 1960er und frühen 1970er-Jahren (Fichera 1996). Die Schulbuchforschung befasste sich in ihren ersten Studien damit, eben jene verborgenen Botschaften aufzudecken. Untersucht wurden dabei unter anderem der Anteil weiblicher und männlicher Charaktere in Bildern und/oder Texten, berufliche und familiäre Rollen sowie Aktivitäten und Verhalten der Personen (Moser 2016). Studien, die Schulbücher für die Grundschule analysierten, kamen zum Ergebnis, dass die untersuchten Lehrmittel keine geschlechtergerechte Darstellung von weiblichen Protagonistinnen und männlichen Protagonisten beinhalteten (Herzog/Makarova/Fanger 2019). Weibliche Protagonistinnen traten lediglich als Randerscheinung auf, wohingegen der Anteil von Männern und Jungen überdurchschnittlich stark vertreten war. Noch drastischer zeigt sich das Ungleichgewicht der Geschlechter in Lehrmitteln für höhere Schulstufen. So schwinden weibliche Protagonistinnen in Lehrmitteln mit zunehmender Schulstufe. Auf Sekundarstufe fehlen Frauen fast gänzlich (Meyer/Jordan 1984). Dieses Ungleichgewicht der Geschlechter in Lehrmitteln lässt sich trotz massiver Kritik bis in die 1990er Jahre feststellen. 

Gleichstellungspolitische Vorstösse und gesellschaftlicher Wandel bewirken jedoch einen positiven Trend in der Sensibilisierung für die Fragen der Geschlechtergerechtigkeit, auch in Bezug auf die Lehrmittel. Im Jahr 1993 empfahl die Schweizerische Konferenz der Kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK 1993, 1) eine vielfältige und offene Darstellung der Geschlechter im Unterricht und in den verwendeten Lehrmitteln: «Im Unterricht und in den Unterrichtsmitteln ist die Lebens- und Berufswelt beider Geschlechter offen und in ihrer Vielfalt zu behandeln». Fortan ist eine Angleichung in der Darstellung der Geschlechter in Lehrmitteln zu verzeichnen, zumindest, was den Anteil dargestellter Mädchen und Jungen betrifft. Erwachsene Frauen hingegen stellen weiterhin eine Minderheit in Lehrmitteln dar. Traditionelle Geschlechterrollen bleiben bestehen, wonach Frauen überwiegend als Mütter und Hausfrauen gezeigt werden, die Familien- und Erziehungsarbeit leisten, während Männer Erwerbsverdiener und «Ernährer der Familien» verkörpern (Moser 2016).

Handlungsbedarf zur Lehrmittelüberarbeitung Angesichts der starken und persistenten Untervertretung von jungen Frauen in Fächern wie Physik und Mathematik auf der Sekundarstufe II sowie bei MINT-Abschlüssen im tertiären Bereich (Bildungsbericht Schweiz, 2018) erscheint das Gender-Bias in Lehrmitteln für mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer besonders gravierend. In diesem Zusammenhang sieht die OECD dringenden Handlungsbedarf und rät in ihrem Bericht zur Gleichstellung der Geschlechter, den Unterricht in MINT-Fächern für Mädchen mit Hilfe einer geschlechtergerechten Konzeption der Lehrmittel interessanter zu gestalten, «indem Geschlechtsstereotypen aus den Lehrbüchern entfernt, weibliche Rollenmodelle gefördert und Lehrmittel eingesetzt werden, die Mädchen ansprechen» (OECD 2013, 80).

«In analysierten Physik- und Chemieschulbüchern fehlen Frauen als Naturwissenschaftler-innen praktisch gänzlich […]»

Dass der Handlungsbedarf, Lehrmittel für Schülerinnen und Schüler gleichermassen ansprechend zu gestalten, nach wie vor dringend ist, zeigt eine Schweizer Studie. Im Mittelpunkt stand die Analyse der textlichen und bildlichen Darstellung der Geschlechter in Lehrmitteln der Sekundarstufe II für die Fächer Mathematik, Physik und Chemie. Die Studie schlussfolgert, dass in allen analysierten Schulbüchern die männlichen Protagonisten im Vergleich zu den weiblichen Protagonistinnen in Text- und in Bilddarstellungen zahlenmässig überrepräsentiert sind. Auch bei mehreren Personen (sowohl textlich als auch bildlich) bestehen die dargestellten Gruppen überwiegend aus Männern (Makarova/Aeschlimann/Herzog 2016). In analysierten Physik- und Chemieschulbüchern fehlen Frauen als Naturwissenschaftlerinnen praktisch gänzlich und auch bei den Berufsbezeichnungen wird fast ohne Ausnahme das generische Maskulinum verwendet (z.B. Wissenschaftler, Physiker). Auf den Bildern werden erwachsene Männer bei der Erwerbstätigkeit dargestellt, während Mädchen und junge Frauen in der Freizeit und im Haushalt abgebildet werden. Zudem stammen die verwendeten Zitate im Physikschulbuch durchweg von männlichen Autoren. Dies trifft auch für das untersuchte Chemieschulbuch zu. Die Studie belegt, dass auch aktuelle Lehrmittel stereotype Darstellungen und Geschlechterungleichheit reproduzieren. Die Erfahrungswelt männlicher Jugendlicher dominiert in der Darstellung der Fachinhalte (Herzog/Makarova/Fanger 2019). Was die Wirksamkeit von Lehrmitteln angeht, zeigen Studien, die sich mit der Wirkung der Sprache beschäftigen (Heise 2000; Stahlberg/Sczesny 2001), dass das generische Maskulinum (z.B. Physiker) bei Versuchspersonen beider Geschlechter eindeutig stärker mit den mentalen Repräsentationen von männlichen Personen assoziiert wird, verglichen mit alternativen Formen wie dem Binnen-I (z.B. PhysikerInnen) oder der Schrägstrich-Form (z.B. Physiker/innen). Im Weiteren vermögen Darstellungen von egalitären und vielfältigen Geschlechterrollen in Lehrmitteln die Entwicklung von Berufswahlpräferenzen, die nicht durch geschlechterstereotype Zuschreibungen eingeengt sind, zu begünstigen. Ausserdem zeigt sich, dass eine geschlechtergerechte Lehrmittelgestaltung dazu beitragen kann, Lerninhalte für Mädchen in Chemie verständlicher zu machen und ihnen positive Identifikationsmöglichkeiten zu bieten (Moser 2016). Somit können geschlechtergerechte Lehrmittel einen positiven Einfluss auf die Berufswahl von Jugendlichen haben, was einen wichtigen Anhaltspunkt darstellt, um dem drastischen Anstieg des Fachkräftemangels im MINT-Bereich entgegenzusteuern. Demzufolge lohnt es sich, den Fokus vermehrt auf bislang wenig erforschte Schulbücher für den naturwissenschaftlichen Unterricht der Sekundarstufe II zu legen (Weller 2006).

Naturwissenschaft ist (auch) Frauensache!  Es besteht also weiterhin Notwendigkeit, geschlechterstereotype Darstellungen in den schulischen Lehrmitteln abzubauen, um beiden Geschlechtern die Identifikation mit den Fachinhalten zu bieten. Das laufende Projekt «Naturwissenschaft ist (auch) Frauensache!», das vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) finanziell unterstützt wird, setzt an dieser Stelle an und verfolgt das Ziel, einen Kriterienkatalog (Gender Equality School Book Index) zur Analyse der Gendergerechtigkeit von Lehrmitteln im naturwissenschaftlichen Unterricht zu entwickeln sowie ein Physikschulbuch nach den Kriterien der Gendergerechtigkeit zu überarbeiten. Angestrebt wird dabei, auf eine ausgewogene Verwendung von weiblichen und männlichen grammatikalischen Formen zu achten, Fachinhalte mit den sozialisationsbezogenen Vorerfahrungen und Interessen von Schülerinnen und Schülern zu verknüpfen, berufliche Vorbilder beider Geschlechter abzubilden und Protagonistinnen und Protagonisten in zeitgemässen, vielfältigen Geschlechterrollen zu zeigen (Wenger/Makarova 2019).

Die aktuelle Überarbeitung eines Lehrmittels wird durch eine Interviewstudie mit Lehrpersonen und Schülerinnen und Schülern begleitet, um die Wirkung von Geschlechterdarstellungen in Lehrmitteln und die Stossrichtung der Lehrmittelüberarbeitung empirisch zu evaluieren. Die Ergebnisse werden in eine Handreichung für Lehrpersonen zur gendergerechten Unterrichtsgestaltung in den naturwissenschaftlichen Fächern einfliessen.  

Prof. Dr. Elena Makarova ist Direktorin des Instituts für Bildungswissenschaften der Universität Basel.

Jana Lindner ist wissenschaftliche Assistentin am Institut für Bildungswissenschaften der Universität Basel.

Nadine Wenger ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Bildungswissenschaften der Universität Basel.


Literaturverzeichnis:

Bühlmann, M. (2009). Geschlechterrollenstereotype in Lesebüchern. Eine quantitative Inhaltsanalyse von Schulbuchtexten aus drei Generationen von Schweizer Lesebüchern. In Swiss Journal of Sociology 35, S. 593-619.

EDK (1993). Empfehlungen der EDK zur Gleichstellung von Frau und Mann im Bildungswesen. Im Amtlichen Schulblatt veröffentlicht am 15. Dezember 1993. Verfügbar unter: 

http://www.sgv-sg.ch/fileadmin/user_upload/PDF_Handbuch/04_Schulunterricht/4.6.2-neu_empfehlungen_der_edk_zur_gleich.pdf (zuletzt geprüft am 31.03.2019).

Fichera, U. (1996). Die Schulbuchdiskussion in der BRD – Beiträge zur Neugestaltung der Geschlechterverhältnisse. Bestandesaufnahme und Sekundäranalyse. Frankfurt am Main: Peter Lang.

Heise, E. (2000). Sind Frauen mitgemeint? Eine empirische Untersuchung zum Verständnis

des generischen Maskulinums und seiner Alternativen. Zeitschrift für Sprache & Kognition,

19(1/2), S. 3-13.

Herzog, W., Makarova, E. & Fanger, F. (2019, Buch im Druck). Darstellung der Geschlechter in einem Physik- und in einem Chemieschulbuch für die Sekundarstufe II. In E. Makarova (Hrsg.), Gendersensible Berufsorientierung und Berufswahl: Beiträge aus der Forschung und Praxis. Bern: Hep-Verlag.

Makarova, E., Aeschlimann, B. & Herzog, W. (2016). Wenn Frauen in MINT-Studiengängen fehlen: Mathematisch-naturwissenschaftlicher Unterricht und die Studienwahl junger Frauen. In H. Faulstich-Wieland (Hrsg.), Berufsorientierung und Geschlecht. Weinheim: Juventa-Verlag, S. 39-57.

Meyer, B. & Jordan, E. (1984). Gutachten über die Darstellung von Mädchen und Frauen in Hamburger Schulbüchern (Rev.ed. Heide Vogt). Hamburg: Im Auftrag der Leitstelle Gleichstellung der Frau. Weinheim: Juventa-Verlag.

Moser, F. (2016). Schulbuchanalysen unter Geschlechtergesichtspunkten. In EEO – Enzyklopädie Erziehungswissenschaft Online. Weinheim und Basel: Beltz Juventa, S. 1-24.

OECD (2013). Gleichstellung der Geschlechter: Zeit zu handeln. Paris: OECD Publishing.

SKBF (Hrsg.) (2018). Bildungsbericht Schweiz. Aarau: SKBF.

Stahlberg, D. & Sczesny, S. (2001). Effekte des generischen Maskulinums und alternativer Sprachformen auf den gedanklichen Einbezug von Frauen. Psychologische Rundschau, 52(3), S. 131-140.

Weller, I. (2006). Geschlechterforschung in der Chemie. Spurensuche in der Welt der Stoffe. In S. Ebeling & S. Schmitz (Hrsg.), Geschlechterforschung und Naturwissenschaften. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, S. 117-137.

Wenger, N. & Makarova, E. (2019, Buch im Druck). Gendergerechtigkeit von Lehrmitteln in naturwissenschaftlichen Fächern. In E. Makarova (Hrsg.), Gendersensible Berufsorientierung und Berufswahl: Beiträge aus der Forschung und Praxis. Bern: Hep-Verlag.

Foto: sör alex / photocase.de

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