Erfolgreiche Proteste gegen Abbau in der Waadtländer Tagesbetreuung

Monday, 25. February 2019, 22:44 155113465010Mon, 25 Feb 2019 22:44:10 +0200, Posted by admin1 in Heft 210, No Comments.

Erfolgreiche Proteste gegen Abbau in der Waadtländer Tagesbetreuung


Als im Herbst 2018 im Kanton Waadt Ressourcen für die Tagesbetreuung reduziert werden sollten, entstand eine regelrechte Protestbewegung unter den BetreuerInnen, die das «Etablissement intercommunal pour l’accueil parascolaire» (EIAP) an den Verhandlungstisch zwang.

VPOD

 

Nach zwei Tagen Aktionen und Streiks sowie einer Grossdemonstration willigte das EIAP endlich in Verhandlungen über den neuen Referenzrahmen für die Tagesbetreuung ein. 

Dies ist ein Erfolg der Protestbewegung: Am 13. November 2018 war eine umfassende Mobilisierung von Betreuungspersonal für Kinder in den Bereichen Hort, Vorschule und Krippe erfolgt. Am Abend waren mehr als 8000 Menschen durch die Strassen von Lausanne marschiert, um sich für qualitativ hochwertige Betreuungseinrichtungen einzusetzen. 

Um den Druck auf das EIAP aufrechtzuerhalten, hatte das Betreuungspersonal in seiner Versammlung vom 19. November für den 7. Januar 2019 einen weiteren Streiktag und eine neue Demonstration angekündigt. In einer Resolution waren die beiden wichtigsten Forderungen des Personals bekräftigt worden: der Verzicht auf die Einführung des neuen Referenzrahmens und die Aufnahme echter Verhandlungen durch das EIAP.

Am 3. Dezember hatte die Protestbewegung nochmals ihre ganze Stärke bewiesen: Rund zwanzig Einrichtungen hatten für den ganzen Tag oder zumindest zeitweise ihre Türen geschlossen – wobei stets ein minimaler Service gewährleistet war. 250 Personen hatten sich an der Streikpostenlinie vor der EIAP-Zentrale abgewechselt; an den Betreuungseinrichtungen waren zahlreiche Informations- und Sensibilisierungsmassnahmen durchgeführt worden. Und dies trotz des Drucks auf die Mitarbeitenden, die Streiks einzustellen. 

Am Dienstag, den 11. Dezember, führte ein Treffen mit dem EIAP schliesslich zu Fortschritten. Es wurde beschlossen, Verhandlungen über einen neuen Referenzrahmen aufzunehmen, dessen Einführung erst einmal verschoben wurde. In der Zwischenzeit wurde im Gegenzug auch die Streikankündigung aufgehoben.


 

Zur Entstehung der Proteste

In Lausanne streikten am 13. November 2018 um 14.00 Uhr alle schulergänzenden Betreuungseinrichtungen (Accueil pour enfants en milieu scolaire APEMS, für Kinder von 6 bis 12 Jahren). Auch die Kitas für 4-6-Jährige schlossen sich für einige Stunden oder sogar den ganzen Tag an. Die Proteste fanden vor allem in Lausanne statt, da 50 Prozent der Arbeitsplätze in diesem Sektor auch in der Kantonshauptstadt angesiedelt sind – die Protestbewegung wurde jedoch auch im übrigen Kanton unterstützt.

In den letzten Jahren hat eine Professionalisierung der Tagesbetreuung stattgefunden. Die Tagesbetreuungseinrichtungen sind auch zu Ausbildungsorten für junge Mitarbeitende geworden, die einen Lehrabschluss (Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis) machen oder eine höhere Schule besuchen. Allerdings gibt es eine starke Fluktuation unter den Mitarbeitenden, die eine Folge der schwierigen Arbeitsbedingungen – Arbeitsunterbrechungen, Arbeitsintensität, aber auch körperliche Belastungen (Haltungen, Gewicht der zu tragenden Kinder usw.), mangelnde Anerkennung – und der niedrigen Löhne ist.

Der vom EIAP neu beschlossene Referenzrahmen sah zudem noch eine Verringerung der Zahl der ErzieherInnen pro Kind vor, aber auch eine Herabsetzung der Anforderungen an das Personal – ein Teil des ausgebildeten Personals sollte durch Hilfskräfte ersetzt werden. Ausserdem war geplant, dass ab dem 1. Januar 2019 Kinder im Alter von 4 bis 6 Jahren aus den vorschulischen in die schulergänzenden Betreuungseinrichtungen überführt werden. Dies würde jedoch auch bedeuten, dass für die Betreuung eine geringere Anzahl von qualifizierten Fachpersonen zur Verfügung stände. Und dies würde dann auch zu einer massiven Verschlechterung der Arbeitsbedingungen – die Löhne inbegriffen – in diesem Sektor führen sowie zu einer Verschlechterung der Qualität der Betreuung. 

Auch die Eltern haben mit uns zusammen gegen diese geplanten Verschlechterungen mobilisiert. Dies ist Ausdruck eines grundlegenden Wandels unserer Gesellschaft. Für Familien ist eine hochwertige Tagesbetreuung unerlässlich, da in unserem Kanton 80 Prozent der Frauen arbeiten! Und die ausserschulische Betreuung ist ein entscheidender Ort für die Sozialisation und das Wohlbefinden der Kinder, aber auch für ihre Bildung – und damit ihre Zukunft. Dies gilt insbesondere für Kinder aus Familien mit prekären Lebensbedingungen!

Hier besteht ein echter Widerspruch zwischen dem Bewusstsein der Betreuungsfachpersonen und Eltern einerseits sowie den Vorstellungen einiger Kommunen und des EIAP andererseits, die fünfzig Jahre hinterherhinken und als absolut prioritäres Ziel eine Kostenminimierung verfolgen. Hier treffen zwei völlig unterschiedliche Realitäten und Weltanschauungen aufeinander.

In der Resolution der Arbeitnehmenden in der ausserschulischen Tagesbetreuung vom 19. November 2018 wurde festgehalten, dass der Streik und die Mobilisierung am 13. November historisch waren: «Hunderte von Arbeitnehmenden in der Tagesbetreuung waren im Streik, symbolische Aktionen fanden statt, es wurde mithilfe von Informationsständen mobilisiert, Einrichtungen schlossen vor der Zeit ihre Tore und am Abend fand eine Demonstration statt, an der mehr als 8000 Menschen teilnahmen, darunter viele unterstützende Eltern mit ihren Kindern. Dabei war unsere klare Botschaft, dass die Verschlechterung des Betreuungsrahmens durch die EIAP inakzeptabel ist.»

von Maria Pedrosa, SSP-Waadt


 

Eindrücke vom Streik am 3. Dezember 2018

Am 3. Dezember 2018 führte das Personal in der schulergänzenden Tagesbetreuung im Kanton Waadt einen zweiten Tag mit Aktionen und Streiks durch. Wieder wurden die Fachpersonen erfolgreich mobilisiert: gegen den Abbau von Stellen sowie die Verschlechterungen von Arbeitsbedingungen und Betreuungsqualität. Auf einem Transparent war zu lesen, «Wir werden dieses Spiel nicht mitspielen!»

«Wir helfen Kindern auf respektvolle Art und Weise, die Fähigkeiten zu erwerben, die sie in einer Gemeinschaft benötigen. Unsere Arbeit geht weit über eine einfache Betreuung oder gar Verwahrung hinaus. Falls die neuen Vorgaben der EIAP tatsächlich umgesetzt werden sollten, laufen wir jedoch Gefahr, dass all unsere Bemühungen vergeblich sind. Und dies nur deswegen, weil die Kommunen um jeden Preis Geld sparen wollen!»
(Céline Bellenot Richner, Erzieherin und Direktorin des «Centre de vie enfantine (CVE) Sallaz»)

 

«Diejenigen, die über den neuen Referenzrahmen entschieden haben, kennen unser Berufsfeld nicht. Von aussen mag die Betreuung von Kindern einfach erscheinen. Aber es ist eine heikle Aufgabe. Es ist notwendig, eine sichere Umgebung zu schaffen und gleichzeitig zu vermeiden, dass wir das Kind nach unseren Wünschen manipulieren. Wenn diese Arbeit von ungeschultem Personal ausgeführt wird, kann es zu einer Katastrophe kommen.»
(Carolina, Pädagogin)

 

«Wir brauchen professionelles Know how für den Umgang mit Familien und für die Bewältigung komplexer Situationen, die immer wieder einmal auftreten. Täglich müssen wir uns angemessen und einfühlsam verhalten, um die Entwicklung der Kinder zu unterstützen. Diese Fähigkeiten haben wir nicht durch Geburt, wir mussten sie erlernen. Wenn du die professionellen Verhaltensweisen nicht einübst, wirst du schnell autoritär, es besteht die Gefahr, dass du auf fatale, vorgestrige Verhaltensweisen im Umgang mit Kindern zurückgeworfen wirst.»
(Cécile, Erzieherin in Ausbildung)

 

«Je mehr wir die Zahl der Kinder pro ErzieherIn erhöhen, desto weniger Zeit haben wir für sie (…). Die professionelle Betreuung einer Gruppe von Kindern funktioniert anders als die Betreuung durch die Eltern. Im Rahmen meiner Ausbildung habe ich das für meine Praxis notwendige Know how erwerben können. Durch sie habe ich auch Zugang zu Wissenschaften gefunden wie Soziologie, Psychologie, Philosophie und Poliologie. All dieses Wissen ist auch notwendig, für eine gute Kinderbetreuung.»
(Jérémie, Pädagoge an einer Einrichtung für schulische Tagesbetreuung von Kindern im Alter von 4 bis 6 Jahren).

 

«Ich arbeitete als Hilfskraft in einer APEMS-Tageseinrichtung, dann in einem CVE. Wenn man keine angemessene Ausbildung erhalten hat, wie ich, ist es schwierig zu wissen, was man für Kinder tun soll.»
(Claudia, seit mehreren Jahren Hilfskraft in der Tagesbetreuung).

 


Fotos: Valdemar Verissimo

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