Mehr als Naseputzen und Basteln

Montag, 25. Februar 2019, 22:34 155113407910Mo, 25 Feb 2019 22:34:39 +0100, Posted by admin1 in Heft 210, No Comments.

Mehr als Naseputzen und Basteln


Die Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher in der familienergänzenden Betreuung.
Von Christine Flitner

Erzieherinnen in Kitas und Tagesschulen haben eine sehr hohe Identifikation mit ihrem Beruf, aber die Rahmenbedingungen der Arbeit erschöpfen sie unverhältnismäs-sig stark. So könnte man sehr kurz die Erkenntnisse zusammenfassen, welche im deutschen Sprachraum zu diesem Beruf vorliegen.

Normalerweise ist in erster Linie von pädagogischen Aufgaben die Rede, wenn es darum geht, den Beruf von Erzieherinnen in der familienergänzenden Betreuung zu beschreiben. Es ist das Verdienst des Arbeitswissenschaftlers Bernd Rudow, sich erstmalig ausführlich aus dem Blickwinkel der Arbeits- und Organisationspsychologie mit dieser Arbeit beschäftigt zu haben.1 Seine umfassende Studie trägt die vorhandenen Erkenntnisse zu Berufsbild, Tätigkeitsfeldern und Arbeitsbedingungen zusammen und ergänzt sie durch eigene Untersuchungen und Befragungen. Damit wird eine Fülle von Informationen geboten und gezeigt, wo Handlungsbedarf besteht.

Was ist das Besondere an der Tätigkeit der Erzieherinnen (ein Beruf, der zu 95 Prozent weiblich ist) und wie wird die Arbeit von den Ausführenden wahrgenommen? Das sind zwei Leitfragen, welche zu interessanten Ergebnissen führen.

 

Vielfältige Aufgaben

Obwohl bei Erziehungsfragen viele Menschen gerne mitreden, ist den wenigsten die Vielfalt der Dimensionen bewusst, welche den Beruf prägt. Zur Arbeit der Erzieherinnen gehört die Arbeit mit Kindern in festen und offenen Gruppen, die Arbeit mit einzelnen Kindern, die Gestaltung des Betreuungsangebots, die Inklusion von behinderten Kindern und Kindern aus unterschiedlichen Kulturen, die Unterstützung der Kinder bei Übergängen in andere Institutionen, die Weiterentwicklung der eigenen Einrichtung, die Ausbildung, die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen sowie die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen, Eltern und Behörden. Jede dieser Dimensionen, zu denen wohl noch weitere dazu kommen können, setzt andere Kompetenzen, Haltungen und Fachkenntnisse voraus und setzt sich ihrerseits aus zahlreichen Teiltätigkeiten zusammen, welche unterschiedlichste Anforderungen stellen (siehe Kasten S. 9).

Die Tätigkeit von Erzieherinnen ist also im Unterschied zu vielen anderen Berufen durch Aufgabenvielfalt und -komplexität gekennzeichnet, gleichzeitig findet sie unter sehr unterschiedlichen und vielfältigen Bedingungen statt, sowohl in Bezug auf die äusserlichen Rahmenbedingungen als auch in Bezug auf die Anstellungsverhältnisse. 

 

«Bei der Ausführung von Teiltätigkeiten bzw. Handlungen unter bestimmten Bedingungen werden Anforderungen an die Erzieherinnen gestellt. Diese können physischer, psychischer und sozialer Art sein. Physische Anforderungen sind z.B. die Geschicklichkeit (feinmotorische Handlungen), Muskelkraft (Heben und Tragen von Kindern, Mobiliar) und die körperliche Fitness über einen langen Arbeitstag. Psychische Anforderungen umfassen kognitive Fähigkeiten (Problemlösen, Kreativität, Planungsfähigkeit u.a.m.), motivationale und emotionale Kompetenzen (z.B. Einstellungen, emotionale Stabilität, Emotionsarbeit im Umgang mit Kindern). Soziale Anforderungen betreffen vor allem die Kommunikationsfähigkeit, Kooperationsfähigkeit und Empathie.» (Rudow, S. 25)

 

Schlechter Gesundheitszustand

Wie nehmen die Erzieherinnen die komplexen Anforderungen ihres Berufs wahr und wie gehen sie damit um? Bekannt ist, zumindest in Deutschland, der vergleichsweise schlechte Gesundheitszustand der Erzieherinnen. Eine Auswertung von Krankheitsdaten von rund 100‘000 ErzieherInnen aus dem Jahr 2014 zeigt, dass die Berufsgruppe durchschnittlich vier Tage mehr krankgeschrieben ist als der Durchschnitt der übrigen Berufsgruppen. Neben Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems führen in erster Linie psychische Erkrankungen zu überdurchschnittlich vielen Ausfalltagen. Der psychische Gesundheitszustand von Erzieherinnen und Erziehern ist um circa 8 Prozent schlechter als der der sonstigen berufstätigen Bevölkerung Deutschlands.2 Entsprechende Erkenntnisse für die Schweiz gibt es bisher noch nicht.3

Aus verschiedenen Befragungen wird deutlich, welche Faktoren zum schlechten Gesundheitszustand beitragen und von den Erzieherinnen als belastend empfunden werden. Zu den stressenden Faktoren des Berufs gehören Zeitdruck, die fehlende Zeit für die Vor- und Nachbereitung der unmittelbaren pädagogischen Arbeit, zu grosse Gruppen, nicht ausreichende Betreuungsschlüssel und Personalmangel, die zunehmende Anzahl von Kindern mit erhöhtem Betreuungs- und Förderbedarf, fehlende Erholungsmöglichkeit im Arbeitstag und die körperlichen Anforderungen. Zu letzteren gehört unter anderem der Geräuschpegel in den Einrichtungen, der das Gehör belastet und lautes Sprechen nötig macht; ausserdem das auf Kinder zugeschnittene Mobiliar, die Notwendigkeit, häufig gebeugte oder gedrehte Arbeitshaltungen einzunehmen, das Heben und Tragen von Kindern und andere körperliche Hilfestellungen. Auch dass an vielen Orten die Arbeitsaufgaben und Anforderungen nicht klar definiert sind, wird als belastend wahrgenommen.

 

Fragen der Anerkennung

Gerade die unklare Definition der Arbeitsaufgaben ist ein Grundproblem der Tätigkeit, eng verknüpft mit dem unklaren Berufsbild der Erzieherinnen in der familienergänzenden Betreuung. Ein klares Berufsbild drückt das Selbstverständnis eines Berufs aus und ist immer auch ein Zeichen für dessen öffentliche Anerkennung. Dem Beruf der Erzieherinnen wird die Professionalität nur teilweise zuerkannt, die Nähe zur Familienarbeit, der hohe Frauenanteil und die unklaren Zugangsvoraussetzungen tragen dazu bei – ebenso die Tatsache, dass es keine einheitlichen und festgelegten Berufswerte und Verhaltensnormen gibt.

Bis zur vollständigen beruflichen Anerkennung als ernstzunehmende Profession auf der Grundlage von spezifischen Fachkenntnissen muss sich noch einiges tun. Sehr verkürzt muss dazu eine Reihe von Voraussetzungen erfüllt sein: Unter anderem braucht es die exakte Beschreibung der Tätigkeiten; die Bewertung der Erziehungsarbeit als gesellschaftlich wertvoller, komplexer und schwieriger Tätigkeit; klare Anforderungsprofile; wissenschaftlich begründetes Fachwissen; anerkannte Qualitätskriterien und die Definition von Berufswerten, also eine Art Berufskodex.4 Und es braucht einen Berufsverband, der sich stark macht für die Definition und Verbreitung seiner Grundlagen und so die Diskrepanz zwischen beruflichen Anforderungen und öffentlicher Anerkennung verkleinert.

Möglicherweise stehen wir hier vor einem typischen Frauenproblem: Die Erzieherinnen in der familienergänzenden Betreuung leisten gute Arbeit, aber sie tun zu wenig für die öffentliche Anerkennung. Der Prinz soll selber merken, dass sie gut sind. Das wird er leider nicht. Es ist daher hohe Zeit, dass sich ein paar engagierte Frauen und Männer zusammentun und einen Berufsverband «Familienergänzende Betreuung» gründen, welcher das Berufsbild und die Anforderungen an den Beruf definiert und ihm öffentliche Nachachtung verschafft. 

 

Gute Rahmenbedingungen schaffen!

Dass trotz der hohen Belastungen in der Betreuung engagierte und befriedigende Arbeit gemacht wird, liegt an den beglückenden Anteilen der Arbeit. Dazu gehört aus Sicht der Erzieherinnen in erster Linie die direkte Arbeit mit den Kindern, die damit verbundene Sinnhaftigkeit und Ganzheitlichkeit, die Vielfalt der Anforderungen, der Tätigkeitsspielraum und die selbständige Arbeit in einem guten Team. Das macht deutlich: die pädagogische Arbeit mit allem, was dazu gehört, wird von den meisten Erzieherinnen positiv wahrgenommen. Problematisch sind die Rahmenbedingungen, unter denen sie vielerorts stattfindet. Die gute Nachricht dabei ist: die Rahmenbedingungen lassen sich ändern. 

 


Buch:

Bernd Rudow: Beruf Erzieherin/ Erzieher – mehr als Spielen und Basteln. Arbeits- und organisationspsychologische Aspekte. Ein Fach- und Lehrbuch.

Waxmann, Münster 2017.
366 Seiten, circa Fr. 53.–

 


1 Bernd Rudow: Beruf Erzieherin/ Erzieher – mehr als Spielen und Basteln. Arbeits- und organisationspsychologische Aspekte. Ein Fach- und Lehrbuch. Münster (Waxmann) 2017.

2 Vgl. Rudow, S. 63.

3 Untersuchungen bei Lehrpersonen in der Schweiz zeigten aber ähnliche Ergebnisse: Der Gesundheitszustand von Lehrpersonen ist schlechter als der der Durchschnittsbevölkerung. Vgl. https://vpod.ch/themen/bildung/arbeitsbelastung-in-der-schule/

4 Vgl. Rudow, S. 71.


Foto: Buchcover

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