Lachen der Kinder motiviert Mitarbeitende

Montag, 25. Februar 2019, 22:10 155113263910Mo, 25 Feb 2019 22:10:39 +0100, Posted by admin1 in Heft 210, No Comments.

Lachen der Kinder motiviert Mitarbeitende


Die gemeinsamen Erlebnisse mit den Schülerinnen und Schülern sind für die Mitarbeitenden in Tagesschulen das Schönste an ihrer Arbeit. Jedoch müssen sie oft schwierige Rahmenbedingungen in Kauf nehmen. Das zeigt ein neues Forschungsprojekt der PHBern. 

Von Michelle Jutzi und Regula Windlinger

Vielerorts werden zurzeit Einrichtungen der schulergänzenden Bildung und Betreuung auf- und ausgebaut. Je nach Kanton und Gemeinde gibt es dazu unterschiedliche Vorgaben und Regelungen. Die Angebote sind verschieden ausgestaltet, was nicht zuletzt die vielfältigen Bezeichnungen wie Mittagstisch, Tagesstruktur, Hort, Tagesstätte, Tagesschule usw. verdeutlichen. Allgemein besteht zum Arbeitsalltag in Tagesschulen noch wenig Wissen, deshalb untersucht das Forschungsprojekt «Arbeitsplatz Tagesschule» der PHBern in den Kantonen Aargau, Bern und Solothurn die Arbeitsbedingungen und die -zufriedenheit der Mitarbeitenden1. Im Rahmen dieses Forschungsprojekts berichteten Tagesschul-Mitarbeitende darüber, was sie bei ihrer Arbeit am schönsten und was sie an ihrer Arbeitssituation am schwierigsten finden. Diese schriftlichen Selbstauskünfte zu den Arbeitsbedingungen wurden inhaltsanalytisch2 ausgewertet. 

Die Abbildung 1 zeigt, welche Begriffe die Mitarbeitenden in den Aussagen zum schönsten Aspekt der Arbeit am häufigsten nannten. Hier dominiert die soziale Interaktion – wie zum Beispiel das Team, die Zusammenarbeit, der Austausch oder die Beziehung. Ausserdem werden sozial-pädagogische Tätigkeiten positiv erlebt – wie zum Beispiel die Fortschritte, die Entwicklung, das Lachen, das Begleiten und Unterstützen der Kinder.

1. Was Tagesschul-Mitarbeitende an ihrer Arbeit am schönsten finden
(je grösser die Darstellung, desto häufiger wurde der Begriff genannt)

Wir gingen davon aus, dass die Mitarbeitenden ähnliche motivierende und frustrierende Aspekte der Arbeitssituation nennen und bildeten zwei Dimensionen: Merkmale, die den Beruf zu dem machen, was er ist, verstehen sie eher als Motivatoren. Demgegenüber nehmen sie Anforderungen, die von aussen auf den Beruf wirken und wenig beeinflussbar sind, eher als Frustratoren wahr. Diese Unterscheidung geht auf den Organisationspsychologen Herzberg (1973) zurück. Dieser versuchte herauszufinden, ob es allgemeine Faktoren gibt, welche die Arbeitszufriedenheit eher fördern oder eher einschränken. Ziel unserer Analyse war die Zusammenfassung und Strukturierung der Aussagen von 666 Mitarbeitenden (vgl. Mayring 2015).

Die Abbildung 2 stellt die Häufigkeit der Nennungen in den Subkategorien der vier meistgenannten Kategorien dar. Diese sind mit unterschiedlichen Farbtönen gekennzeichnet. Die Interaktion mit den Kindern (grün) und die Zusammenarbeit (grau) gehören zu den motivierenden Arbeitsinhalten. Die Zusammensetzung der Gruppe der Schülerinnen und Schüler (hellgrün) und die Rahmenbedingungen (dunkelgrün) sind durch äussere Umstände bestimmt und nur wenig beeinflussbar, weshalb sie frustrierend wirken können. In der Abbildung 2 ist die Aufteilung der Aussagen abgebildet. Die Subkategorien, die sich zwischen den beiden Dimensionen befinden, nannten Mitarbeitende sowohl als Motivatoren («das Schönste») als auch als Frustratoren («das Schwierigste»).

Die Abbildung 2 zeigt, dass die gemeinsamen Erlebnisse, die Reaktionen und die Wertschätzung der Kinder (grün, 428 Nennungen) ausschliesslich als Motivatoren genannt wurden. Demgegenüber wurden die meisten Aspekte der Rahmenbedingungen (dunkelgrün, z.B. Lärmpegel, 43 Nennungen) nur als Frustratoren wahrgenommen.

 

2. Motivator oder Frustrator? Einordnung der Subkategorien zwischen den beiden Dimensionen 

Die anderen Subkategorien weisen sowohl Codierungen aus dem Bereich «das Schönste» wie auch aus dem Bereich «das Schwierigste» auf. Das heisst, sie können sowohl motivieren als auch frustrieren. Die sozial-pädagogischen Tätigkeiten (grün) zum Beispiel werden in 209 Aussagen als motivierend, in 83 Nennungen aber als frustrierend beschrieben. Ebenso verhält es sich mit der Arbeitskultur (grau), der Zusammenarbeit (Vorgesetzte, Eltern, Lehrpersonen; grau) und der bedürfnisorientierten respektive der herkunftsbedingten Heterogenität (hellgrün). 

 

Interaktion mit den Kindern motiviert

Eine der wichtigsten Motivationen für Mitarbeitende in Tagesschulen ist die intensive Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern. Viele der offenen Antworten auf die Frage, was das Schönste an ihrer Arbeit ist, lautet ganz einfach: «Die Kinder!». Erlebnisse mit den Kindern, deren Reaktionen und Wertschätzung sind die meistgenannten positiven Aspekte der Arbeit in den Tagesschulen. Aussagen, die sich auf die Reaktionen der Schülerinnen und Schüler beziehen, erwähnen typisch kindliche Ausdrucksweisen von Freude, Wohlergehen und Zustimmung. Dazu gehört zum Beispiel das Lachen und Strahlen der Kinderaugen. Eine Mitarbeiterin sagt, sie sei zufrieden, «wenn ich die zu betreuenden Kinder glücklich machen und ihre strahlenden Augen sehen kann». Die Mitarbeitenden interpretieren diese non-verbalen Reaktionen als Bestätigung ihrer Arbeitsweise. Ausserdem wird das kindliche Verhalten an sich als positiv wahrgenommen, zum Beispiel sagt eine andere Mitarbeiterin: «Die Lebendigkeit der Kinder, ihre ungeschminkten Fragen und Antworten, ihre Fantasie, aber auch ihre sozialen Verhaltensweisen sind für mich jede Woche von neuem der wichtigste Faktor in meiner Arbeit». Auch die Energie, Spontaneität und Lebensfreude der Kinder sind für die Mitarbeitenden wichtig. 

Eine zweite Gruppe von Nennungen zu Interaktion mit Kindern beinhaltet sozial-pädagogische Tätigkeiten wie Spielen, Gespräche, Kinder begleiten. Viele Mitarbeitende sehen ihre Motivation darin, «die Kinder auf ihrem Lebensweg ein Stück begleiten zu dürfen. In ihrer Freizeitgestaltung mitzuwirken, ihnen hilfreich zu sein, diese nach ihren eigenen Ideen und Interessen zu gestalten». Es gibt aber auch Aspekte der Arbeit mit den Kindern, die sie als «das Schwierigste» des Arbeitsalltags wahrnehmen. Als Herausforderungen der pädagogischen Arbeit in Tagesschulen gelten Aspekte, welche die Gestaltung der Beziehung, die Rolle der Mitarbeitenden und Konflikte betreffen – sogenannte «erzieherische Probleme». Oft sind es pädagogische Fragen, die für die Mitarbeitenden schwierig zu lösen sind. Dazu gehören beim Lernen unterstützen, motivieren und animieren, Grenzen setzen, Selbstständigkeit fördern und gleichzeitig strukturelle Herausforderungen (wie Lärm oder Stress) ausblenden.

 

Unterschiedliche Erwartungen an Zusammenarbeit

Die Zusammenarbeit im Tagesschul-Team beschreiben viele Mitarbeitende als positiv: «In einem Team zu arbeiten und gemeinsame Ziele zu haben» ist für sie wichtig. Oft erwähnen sie das gute Arbeitsklima, dazu gehört gelingende Kooperation, gegenseitiges Vertrauen, Respekt, gegenseitige Wertschätzung, Hilfsbereitschaft, ein freundlicher Umgang und eine «schöne Stimmung». Zu einer gelingenden Teamarbeit gehört auch ein gemeinsames pädagogisches Verständnis. Eine fehlende pädagogische Leitlinie nehmen Mitarbeitenden als negativ wahr.

Auch die gelingende Zusammenarbeit mit Vorgesetzten, Eltern oder den Lehrpersonen kann motivieren. Herausfordernd ist sie dann, wenn Leitungspersonen und Mitarbeitende unterschiedliche Ansichten haben oder wenn die Leitung als praxisfern erlebt wird. Bezüglich der Zusammenarbeit mit den Lehrpersonen berichten die Mitarbeitenden der Tagesschule, dass hier der Austausch noch zu wenig stattfindet: «Weiter finde ich schwierig, dass die Schule und die Tagesschule so klar voneinander getrennt werden. Ich denke, es hätte grosses Potenzial, wenn man dies mehr miteinander verbinden würde und sich Lehrer und Tagesschul-Mitarbeitende regelmässig auch austauschen würden». Die Vorstellung der Eltern hinsichtlich der Erziehung der Schülerinnen und Schüler weichen zum Teil stark von denjenigen der Tagesschulmitarbeitenden ab, was die Kommunikation zwischen den beiden Gruppen erschweren kann. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wie allen Kindern in der Gruppe gerecht werden? 

Vielen Mitarbeitenden ist es ein wichtiges Anliegen «allen Kindern eine angenehme Zeit in der Tagesschule zu ermöglichen». Es gibt jedoch verschiedene Merkmale der Zusammensetzung der Gruppe der Schülerinnen und Schüler, welche die Umsetzung dieser Zielsetzung im Alltag erschweren können. Zum einen sind dies die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder. Diese kommen beispielsweise dadurch zustande, dass Kinder und Jugendliche unterschiedlichen Alters gleichzeitig die Tagesschulen besuchen. Sie befinden sich alle in derselben Gruppe, jedoch unterscheidet sich ihr Wissen und Können sehr deutlich. Die Mitarbeitenden sind gefordert, ein «spannendes Freizeitangebot für Kinder von 4 – 15 Jahre [anzubieten]; so dass die Kleinen nicht überfordert und die Grossen nicht unterfordert sind». Ein wichtiges, aber herausforderndes Ziel ist es für die Mitarbeitenden: «Jedem Kind gerecht [zu] werden wie z.B. die ruhigen Kinder nicht zu vergessen». Nicht alle Kinder beanspruchen gleich viel Aufmerksamkeit. Die Mitarbeitenden bemerken oder befürchten oft, dass sie die Aufmerksamkeit nicht gerecht zwischen den Schülerinnen und Schülern aufteilen, sondern stärker auf solche fokussieren, die sich durch auffälliges Verhalten in den Vordergrund stellen. «Manchmal ist es schwierig, verhaltensauffällige Kinder in der Gruppe so zu integrieren, dass die anderen Kinder nicht zu kurz kommen. Sie brauchen sehr viel Aufmerksamkeit». Etwas weniger im Vordergrund steht die Heterogenität bezüglich der Herkunft der Kinder. Diese erleben einige Mitarbeitende aber auch als herausfordernd – sowohl bei der Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern als auch im Umgang mit den Eltern. Merkmale der Gruppe der Schülerinnen und Schüler nennen sie nur sehr selten als positive Aspekte, wie zum Beispiel in der folgenden Aussage: «verschiedene Altersstufen – von Kindergarten bis Realstufe – sowie die verschiedenen Herkunftsländer und Kulturen finde ich eine Bereicherung». 

 

Rahmenbedingungen sind schwierig

Was die Mitarbeitenden bezüglich Rahmenbedingungen als schwierig beschreiben, sind verschiedene Aspekte, die oft miteinander zusammenhängen und sich gegenseitig beeinflussen: «Viele Kinder auf engem Raum» führen zu einem hohen Lärmpegel, welcher einer der wichtigsten belastenden Faktoren zu sein scheint. Insbesondere sind einige Mitarbeitende frustriert, weil sie auf diese Bedingungen wenig Einfluss haben. Sie sehen es als eine grosse Herausforderung, «das Optimale aus unseren engen, zu kleinen Platzverhältnissen in der Tagesschule herauszuholen». Eine weitere Herausforderung ist, dass von den Mitarbeitenden eine hohe Flexibilität und Einsatzbereitschaft erwartet wird: Die Mitarbeitenden leisten kurze Arbeitseinsätze und müssen damit rechnen, dass sich ihr Pensum verändert: «Die Unsicherheit, wie viel ich im nächsten Jahr/ Semester stundenmässig noch arbeiten kann, da es abhängig ist von den Anmeldungen der Kinder. Schwierig finde ich auch die Teambildung, wenn es viele Wechsel gibt». 

Nur wenige Aussagen beziehen sich in einem positiven Sinn auf die Rahmenbedingungen und verfügbaren Ressourcen in den Tagesschulen. Mehrfach werden eine zweckdienliche Organisation der Infrastruktur, ansprechende Räumlichkeiten oder die Arbeit im Aussenbereich an der frischen Luft als positive Rahmenbedingungen der Arbeit in Tagesschulen genannt.

 

Arbeitsinhalt motiviert trotz schwieriger Rahmenbedingungen

Als weitere Motivatoren erwähnten die Mitarbeitenden die Tätigkeitsvielfalt der Arbeit und die pädagogische Gestaltungsfreiheit. Die Anstellungsbedingungen (Salär, Anstellungsgrad, Verteilung der Arbeitszeiten) und die fehlende gesellschaftliche Anerkennung des Berufs nannten sie als weitere frustrierende Aspekte. 

Die Auswertung der Aussagen von Tagesschul-Mitarbeitenden lässt darauf schliessen, dass der Inhalt der pädagogischen Arbeit vor allem als motivierend wahrgenommen wird. Die Mitarbeitenden arbeiten gerne mit den Kindern. Sie freuen sich darüber, wenn ihre Arbeitsmethoden funktionieren, wenn sie sich selbst als wirksam und fähig erleben und dafür den Dank, die Wertschätzung und Anerkennung der Kinder und ihrer Eltern, der Teammitglieder aber auch der Leitungspersonen und Lehrpersonen der Schule erhalten. Sozial-pädagogische Aspekte stehen bei Tagesschul-Mitarbeitenden im Vordergrund. Sie wollen sich gerne für die Beziehung zu den Kindern einsetzen und ihnen ein anregendes, positives Lern- und Erfahrungsfeld bieten. Überfordernd oder frustrierend wird die Arbeit, wenn Ressourcen fehlen und Rahmenbedingungen vorgegeben sind, die wenig Ermessens- und Handlungsspielraum ermöglichen. Da die motivierenden Aspekte die Aussagen der Mitarbeitenden deutlich dominieren, scheint es, dass diese dafür in ihrer Arbeit eine hohe Lärmbelastung, wenige Ressourcen und ungeeignete Räume in Kauf nehmen. Die Leidenschaft für die pädagogische Arbeit wiegt offenbar vieles auf. Inwiefern diese Frustratoren aber weiterreichendere und längerfristige Auswirkungen auf die Gesundheit der Mitarbeitenden haben, untersucht das Projekt «Arbeitsplatz Tagesschule» der PHBern in den nächsten Monaten weiter. Deutlich wird aber ohnehin: Bessere Rahmenbedingungen würden die Arbeit vieler Mitarbeitender deutlich erleichtern!  


 

Dr. Michelle Jutzi ist Erziehungswissenschaftlerin, Dozentin im Bereich Kader- und Systementwicklung des Instituts für Weiterbildung und Medienbildung und Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Schwerpunktprogramm «Governance im System Schule» des Instituts für Forschung, Entwicklung und Evaluation der PHBern. Michelle Jutzi befasst sich mit Partizipation, Kooperation und Innovationsbereitschaft in Tagesschulen sowie mit der Entwicklung von Ganztagesschulen. Forschungsprojekt «Erfahrung Ganztagesschule»
www.phbern.ch/erfahrung-ganztagesschule

Regula Windlinger ist Arbeits- und Organisationspsychologin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Schwerpunktprogramm «Governance im System Schule» des Instituts Forschung, Entwicklung und Evaluation der PHBern. Regula Windlinger leitet das Forschungsprojekt «Arbeitsplatz Tagesschule».Forschungsprojekt «Arbeitsplatz Tagesschule»
www.phbern.ch/arbeitsplatz-tagesschule

Aktuelles Kursangebot der PHBern zum Thema Tagesschulangebote:
www.phbern.ch/weiterbildung/tagesschulen

 


Literatur

Herzberg, F., B. Mausner and B. Snyderman. 1973. The motivation to work. New York: John Wiley.

Kuckartz, U., 2014. Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung. Grundlagentexte Methoden. Weinheim: Beltz Juventa.

Mayring, P., 2015. Qualitative Inhaltsanalyse: Grundlagen und Techniken. Neuausgabe, 12., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Weinheim: Beltz Pädagogik. 


 

1 Für weitere Informationen zum For-schungsprojekt siehe www.phbern.ch/arbeitsplatz-tagesschule.

2 Die thematischen Hauptkategorien des Kategoriensystems wurden deduktiv – das heisst mittels eines theoretischen Kategoriensystems – hergeleitet. Im weiteren Verlauf des Auswertungsprozesses wurden diese Hauptkategorien anhand eines mehrstufigen Verwahrens induktiv (das heisst datengeleitet) weiterentwickelt (vgl. Kuckartz 2014, 75).


Foto: Adrian Moser

 

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