«Mein Vater darf mich schlagen!»

Mittwoch, 7. November 2018, 2:02 154155615002Wed, 07 Nov 2018 02:02:30 +0000, Posted by admin1 in Heft 209, No Comments.

«Mein Vater darf mich schlagen!»


Was sollen Lehrpersonen und Schule tun, wenn Kinder ihre Rechte nicht kennen und in Anspruch nehmen wollen?
Von Susanne Beck-Burg

 

In einer meiner ersten Klassen, die ich unterrichtete, war ein Kind, das durch seinen besonders lebendigen Charakter auffiel. Alle Kinder liebten Phillip. Als ich gegen Ende des Schuljahres fragte, welche Geschichte ihnen bis dahin am besten gefallen hätte, antwortete ein Schüler: «Mir gefällt die Geschichte am besten, die Phillip am besten gefällt.» Dieser Schüler hatte keine Ahnung, welches die Lieblingsgeschichte von Phillip war. Darauf fragte ich die anderen Kinder, und alle ausser einem, Urs, gaben die gleiche Antwort, dass ihnen das gefalle, was Phillip gut finde. – Es waren nicht labile Kinder.

Kleine Kinder orientieren sich vorerst an den Empfindungen und der Sicht anderer. Sie nehmen mit ihren Sinnen ungefiltert und vorurteilslos auf, was in ihrer Umgebung vorgeht. Glücklich sind diejenigen, die «sinnvolle» Verhältnisse vorfinden. Kinder wollen tätig sein. Ihrem Wesen gemäss «kopieren» sie, was an sie herankommt. Das nachahmende Klangliche z.B. führt zum Spracherwerb. In den Emotionen und Willensimpulsen ihrer Bezugspersonen erleben sie ihre Gedankenart und Lebenshaltung, bevor sie eigene Gedanken formulieren können. Kinder fühlen sich angezogen von allem, was sie innerlich und äusserlich zu Bewegung animiert, von allem, was lebendig ist. Dies können auch Geschichten und Märchen sein.

 

Den Eltern ausgeliefert

Die Welt durch die Augen seiner Mitmenschen zu entdecken, entspricht einem kindlichen Ur-Bedürfnis. Dass Kinder vorerst das Gleiche als richtig empfinden möchten wie die Eltern, zeigt die folgende Unterrichtsszene:

In der letzten Deutschstunde vor den Herbstferien blickte ich mit der 2. Klasse auf die Geschichte «Eisenhans» (Grimm) zurück. Darin flüchtet ein Junge aus seinem Elternhaus aus Angst, er werde von seinen Eltern geschlagen. Hatte er doch eine Handlung vollzogen, die gegen den Willen seiner Eltern war. Im Gespräch mit den Kindern liess ich die Bemerkung fallen: «Die Eltern dürfen ihre Kinder nicht schlagen.» Darauf entgegnete Selim, ein türkischer Knabe: «Mein Vater darf mich schlagen!».Überrascht über dieses Votum wiederholte ich, dass die Eltern kein Recht haben dazu. Ebenso zementierte Selim seine Ansicht. Die Klasse geriet in Bewegung. Ein paar Jungs unterstützten Selim, indem sie sich ihm zur Seite stellten. Andere Kinder schüttelten den Kopf und näherten sich dem Lehrerpult an. Ein Mädchen kuschelte sich an mich. Spürte es meine Ratlosigkeit? Mir fehlte jede pädagogische Intuition. Die Pausen- und Ferienglocke läutete. Die meisten Kinder drängten davon. Einige blieben stehen mit Selim. «Warum schlägt dich dein Vater?», wurde er gefragt. «Er schlägt mich, wenn ich einen Auftrag der Mutter nicht gut ausführe».

Ich staunte über Selims differenzierte Ausdrucksfähigkeit. Dieser Junge konnte sich scheinbar klar abgrenzen von der Meinung der Lehrkraft. Dass er aber ein Unrecht verteidigte, das ihm geschah, zeigte, dass er nicht reif ist, um zu erfahren und zu verstehen, welche Rechte er hat. Sein Kindeswohl ist gefährdet. Selim ist fremdbestimmt durch den Vater, der seinerseits auch fremdbestimmt ist – kulturell.1 Vielleicht will sich Selim auch davor schützen zu erfahren, dass sein Vater sich irrt und Fehlhandlungen begeht. Tatsächlich kann es eine bittere Erfahrung sein für Kinder, wenn sie entdecken, dass Erwachsene versagen oder gar lügen.

 

«Klar ist, dass ein inklusives, diskriminierungsfreies Bildungssystem hilft, Gewalt gegen Kinder zu verhindern und dieser zu begegnen.»

 

Wie finden Kinder selbst zum «Kindeswohl»?

Kinder sollten nicht gezwungen werden, eine eigene Meinung zu haben, bevor sie sie aufgrund von Erfahrungsgrundlagen auch tatsächlich selbst bilden können. Oft wird diese Regel nicht beachtet und die Kinder werden ständig vor Entscheidungen gestellt, die sie überfordern. Eine klare Abgrenzung von der Umgebung erfordert intellektuelle Selbständigkeit. Kinder kommen nicht mit einer eigenen Meinung auf die Welt. Die Kompetenz, autonom zu denken, bildet sich nach und nach, für diese müssen erst die Grundlagen durch eine Stärkung der Persönlichkeit geschaffen werden. Dies kann zum Beispiel der Kontakt mit Kunst ermöglichen. Nach Artikel 29 der Kinderrechtskonvention KRK haben die Kinder das Recht, ihre geistigen Fähigkeiten zu entfalten: Dazu gehört, künstlerische Ausdrucksmittel zu finden, die ihnen und ihren Bedürfnissen entsprechen.

Die KRK formuliert die Rechte der Kinder, die zu ihrem Wohl führen sollen. Was der Begriff «Kindeswohl» bedeutet, wird durch die Erkundung der kindlichen Bedürfnisse konkret. Der Fall Selim zeigt allerdings, dass es nicht leicht ist, ein kindliches Bedürfnis wahrzunehmen. Selims Bedürfnis seinen Vater zu lieben, scheint grösser zu sein als dasjenige, über sein Recht aufgeklärt zu werden. Wer weiss, ob Selim, wenn er sein Recht verteidigen würde, erst recht das Opfer von Gewalt würde? Vielleicht würde ihn sein Vater einschüchtern, damit er der Lehrerin nicht mehr erzählt, wenn er geschlagen wird.

Ein anderes Kind, dessen Vater auch Gewalt ausübte, wurde zum Schulpsychologen geschickt auf die Erziehungsberatung. Als es zurückkam, sagte mir der Knabe, (auch ein Zweitklässler): «Es ist mir gelungen, nicht alles zu erzählen.» Dieses Beispiel zeigt mir, wie ich als Lehrperson Verantwortung trage, wenn Kinder sich öffnen. Durch das Weiterleiten an Fachstellen ist die Lösung nicht garantiert. Kinder brauchen Vertrauenspersonen. Ein Schulsozialarbeiter mit seiner Schweigepflicht kann vielleicht mehr bewirken als die Lehrkraft. Allerdings geht die Schweigepflicht schnell in die Meldepflicht bei Gewalt-Verdacht über.

Eine Lehrerin der Oberstufe sagte mir, sie hätte bezüglich Körperstrafen in der 7. Klasse das Gleiche erlebt. Ein Schüler hätte behauptet, dass die Eltern ihre Kinder zu Recht schlagen. Er verstärkte seine Meinung noch durch die Bemerkung, er werde seine Kinder später auch schlagen. Die Lehrerin wies auf die Menschenrechte hin und es entstand ein Gespräch in der Klasse. Am folgenden Tag sei der Junge gekommen und hätte gesagt, er habe es sich überlegt und herausgefunden, dass die Lehrerin recht habe. Mit seiner Behauptung, Schlagen sei ok, suchte er die Auseinandersetzung. Ist es Zufall, dass der Siebtklässler den Dialog über Gewalt in der Erziehung mit seiner Kunstlehrerin führte? Ich denke nicht, künstlerische Betätigung fördert auf jeder Entwicklungsstufe Kompetenzen der Selbstfindung. Vielleicht wäre dies auch für Selim ein Weg.

 

Wie geht es Selim?

Selim, der 8-jährige türkische Schüler, erlebt, wie am Schulfest seine Lehrerin auf seinen Vater zugeht und ihm die Hand zur Begrüssung geben will. Dieser zieht die seine explizit zurück. Was geht dabei in Selim vor? Entsteht ein Konflikt in ihm: Wer hat recht? Beschäftigt ihn, was seine Lehrerin und einige Gspänli zum Verhalten seines Vaters sagen? Wie geht er um mit diesem Konflikt? Selim ist aufgeweckt und kann seine Gedanken auffallend prägnant formulieren. Empfindet er einen Zwiespalt? Bricht für ihn etwa eine Welt zusammen? Erkennt er, dass sein Vater im Unrecht ist? Er möchte so gerne das gut finden, was sein Vater tut. Dass er sich direkt mit dem Vater austauscht, ist jedoch eher unwahrscheinlich. Vielleicht dauert es bis zur Pubertät, bis der Konflikt ausbricht. Im Moment überwiegt bei Selim wohl die Harmoniebedürftigkeit, er will sich zu Hause fühlen und nicht, wie im Märchen «Eisenhans», flüchten müssen.

Ich empfinde Groll aufsteigen gegenüber dem Vater von Selim. Ist er also der Sündenbock für mich und schuld, wenn Selim Unfug treibt im Unterricht und mich so zwingen will, auch Druck auszuüben? Ich wende konsequent gewaltfreie Erziehungsmethoden an, aber diese sind bei Kindern, die Gewalt gewöhnt sind, sehr herausfordernd für die Lehrkräfte. Spüren solche Kinder mehr Freiheiten, als sie es üblicherweise kennen, überborden sie zuerst. Es braucht Geduld, bis sie ihre Mitte finden.

 

Aufklärung der Eltern

In der Schweiz ist ein Netzwerk von 50 Organisationen bemüht für die Umsetzung der Kinderrechtskonvention. Pro Juventute und Unicef haben vieles in Gang gesetzt. Es sind Lehrmittel entstanden mit praktischen Lektions-Beispielen zur Umsetzung der Kinderrechte. Darin finden sich viele gute Ideen und pädagogische Konzepte. Wie man jedoch auf der Unterstufe kindergerecht klar macht, dass Körperstrafen erniedrigend und verboten sind, ist mir bis jetzt nirgends begegnet. Wie Selim zeigt, ist dies vermutlich für die Unterstufe kein geeignetes Thema. Mir ist klargeworden, dass die Bekanntmachung von Kinderrechten für dieses Alter noch keine Lösung ist. Je kleiner die Kinder sind, desto mehr Schutz brauchen sie. Sie sind drauf angewiesen, dass die Grossen für ihre Rechte sorgen. Hier müsste dringend und nachhaltig bei der Aufklärung der Eltern angesetzt werden. Es ist die Aufgabe der Erwachsenen, das Wesen der Kinder zu erkunden, um ihnen gerecht zu werden. Gerade in dem Zeitraum, in dem Kinder ihre Rechte noch nicht verstehen können. Das Recht auf gewaltfreie Erziehung ist eine Grundlage für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit, ihres Urteilsvermögens und Rechtsbewusstseins.

Ich erinnere mich an Selims Zustand vor den Sommerferien. Er lebte wochenlang in der Angst, er bringe eine mittelmässige anstatt eine gute Leistung nach Hause, und werde deshalb als Strafe nicht in die Sommerfamilienferien in die Türkei mitreisen dürfen. Diese Panik gründete auf vorangegangenen Ferien, in denen er tatsächlich zu Hause bleiben musste.

Viele Fragen bestürmen mich, bis zu Schuldgefühlen, die sich melden: «Was habe ich bis jetzt unternommen, um solche Väter aufzuklären?» Ich werde mit der Schulleitung sprechen und in den Akten nachschauen. Der Austausch im Lehrerzimmer erleichtert mich ein wenig, eröffnet aber neue Baustellen. Wieweit kann die Erziehung solcher Väter an öffentlichen Elternabenden stattfinden? Ist es nicht eine Zumutung für eine Lehrerin, solche Kinder zu erziehen? Sollte dies nicht Männern übergeben werden, die dann auch die Väter besser unterweisen könnten? Würde aber nicht gerade dies Patriarchen in ihrer Rolle unterstützen? Ich werde mich weiterbilden, weiterhin Anregungen und den kollegialen Austausch zum Thema «Vermittlung von Kinderrechten für und an 8-9-Jährige» suchen, vielleicht finde ich Hilfe und Unterstützung.

Die Meinungen, wie Lehrpersonen handeln sollen, wenn Eltern ihre Kinder schlagen, gehen auseinander: «Telefoniere sofort den Eltern!», «Mache gar nichts selber!», «Wende dich an die Schulsozialarbeit zur Abklärung, ob eine Gefährdungsmeldung angebracht ist!». Körperliche Gewalt sei nicht schlimmer als psychische, sagen einige. Dies stimmt gewiss. Doch nichtsdestotrotz müssen dringend Massnahmen gegenüber körperlicher Gewalt ergriffen werden, ebenso wie gegenüber den weniger offensichtlichen, psychischen Formen von Gewalt.

Klar ist, dass ein inklusives, diskriminierungsfreies Bildungssystem hilft, Gewalt gegen Kinder zu verhindern und dieser zu begegnen. Und vor allem braucht es die nötigen Ressourcen, um mit diesem grossen Problem umzugehen – insbesondere angemessen ausgebildete Fachkräfte. 

 


Susanne Beck-Burg arbeitet seit zwei Jahren als IF-Lehrperson in Biel. Zuvor war sie in verschiedenen alternativen Schulprojekten tätig. Mit 57 Jahren absolvierte sie die Pädagogische Hochschule als «Quereinsteigerin», nachdem sie mit 17 aus dem Lehrerseminar ausgestiegen war. Susanne Beck-Burg ist Mitglied des «Vereins für eine Schule ohne Selektion» und der Redaktionsgruppe der «vpod bildungspolitik».


1 In unserem Kulturkreis wollen nur Masochisten geschlagen werden. Aber ist es wirklich so einfach? Ja, UN-Kinderrechtskonvention, Zivilgesetzbuch und Organisationen wie der «Kinderschutz» bringen klar zum Ausdruck, dass Körperstrafen verboten sind. Trotzdem wird auch in der Schweiz auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Gremien immer wieder diskutiert, wieweit Körperstrafen noch zu tolerieren seien. Obschon Artikel 11 der Bundesverfassung die Unversehrtheit von Kindern und Jugendlichen unter Schutz stellt und im ZGB Art. 302, Abs. 1 Tätlichkeiten, Ohrfeigen, Faustschläge, Fusstritte explizit verboten sind, muss man sagen, dass unsere Rechtsordnung hinsichtlich Körperstrafen Grauzonen aufweist. Tatsächlich gehört die Schweiz bis heute leider nicht zu den 29 Ländern, die jede Körperstrafe im Erziehungsverhältnis rechtlich verbieten. Dagegen ist seit dem Jahr 2000 die BR Deutschland («Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung») einer dieser fortschrittlichen Staaten – Österreich bereits seit 1989. Vorreiter war nochmals zehn Jahre früher Schweden. Dass in besagten Ländern deshalb oft Eltern wegen des Schlagens ihrer Kinder verfolgt würden, heisst dies natürlich noch nicht. Doch die rechtlichen Grundlagen dazu wären gegeben.


Foto: estherm / photocase.de

 

 

 

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