«Ich wollte nichts werden, nur die Verhältnisse verbessern»

Sonntag, 2. September 2018, 3:30 153585900403Sun, 02 Sep 2018 03:30:04 +0000, Posted by admin1 in Heft 208, No Comments.

«Ich wollte nichts werden, nur die Verhältnisse verbessern»


1988 sprach Catherine Aubert als damalige Sektionspräsidentin Zürich Lehrberufe und Autorin unserer Zeitschrift mit dem 95-jährigen Fritz Rüegg. Sie verfasste einen Artikel über sein Leben, der in zwei Folgen in den Nummern 58 und 59 des «Lehrer.innenmagazins» (so hiess unsere Zeitschrift damals) erschien. Fritz Rüeggs Biographie ist geprägt von den gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Zeit, der Geschichte der Arbeiterklasse in der Schweiz. Sein politisches Engagement zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben, an dem sich auch die Geschichte der Schweizer Linken im 20. Jahrhundert ablesen lässt. So war er auch beim Landesstreik aktiv.1

Von Catherine Aubert

 

Fritz Rüegg ist zutiefst von der Armut seiner Kindheit geprägt worden, die mit dem Konkurs und Tod des Vaters über die Familie einbrach, als Fritz achtjährig war. Sein Vater, der zuerst Substitut auf dem Notariat Aussersihl gewesen war, hatte ein eigenes Maklergeschäft eröffnet. Anfänglich florierte der Liegenschaftenhandel noch gut. Zur Zeit als der Vater krank war, litt das Kleinunternehmen unter Zahlungsunfähigkeit und machte dann Konkurs.

«Das Bestattungsamt hat den Vater hinausgetragen- und die Pfändungsbeamten haben alles ausgeräumt, was arme Leute nicht brauchen: Wandbilder, den Bodenteppich, Bücher; sie haben uns gerade 7 Stühle und 6 Betten gelassen, die zwei Kleinen können in einem Bett schlafen.» Die Mutter stand mittellos da mit 6 Kindem, der Älteste 14, der Jüngste 4. Die Vormundschaftsbehörde wollte die Familie auseineinanderreissen und die Kinder weggeben, was die Mutter verhindern konnte. Aber Fritz kam ein Jahr zur Pflege zu seinen Verwandten ins Tösstal – ein Einschnitt in seinem Kinderleben, gegen den kein wehren nützte –, in seinen Erinnerungen benützt er das Verb «deportiert». Es gab ihm das Gefühl, dass man bei Armut niemandem gehörte.

 

Fritz (links) als Soldat

Bibel und Teppichklopfer auf der Strickmaschine

Um die Familie selbst durchzubringen, kaufte sich die Mutter mit geliehenem Geld eine Strickmaschine. «Sie fertigte Socken, Strümpfe, Leibchen, Unterhosen und wunderschöne Pullover an.» Sie verdiente aber doch zu wenig, um auf den Zustupf der städtischen Armenpflege verzichten zu können, obwohl Fritz sich erinnert, dass sie tagein, tagaus, von frühmorgens bis in die Nacht hinein an ihrer Maschine sass. Neben der Strickmaschine lagen die Bibel – geistige Orientierung der gläubigen Waldenserin – und der Teppichklopfer, mit dem sie die Kinder zum Zusammennähen der flachgestrickten Teile anhielt und ihre Sünden bekämpfte. «Die gute Mutter glaubte beweisen zu müssen, dass sie ihre Kinder gut erziehe. Sie lebte in der ewigen Angst, dass man ihr die Kinder wegnehmen wolle.» Fritz, der wie seine Geschwister bei der Hausarbeit, die er nicht ungern tat, und beim Nähen, was ihm nicht gelingen wollte, mithelfen musste, hatte wenig Freizeit, um Freundschaften pflegen zu können. Zuhause fühlte er sich aber auch nicht wohl: «Wir waren eine Familie ohne jeden Zusammenhalt. Keines wusste vom andern, wie es lebte und was es liebte (…). Weil bei uns jegliches Gefühl der Zusammengehörigkeit fehlte, konnten wir auch keine Feste feiern, die Freude und Fröhlichkeit verbreiteten und unsere Herzen erwärmten.»

Fritz‘ Leidenschaft und Interesse waren die Bücher. Er las, was ihm «Gedrucktes in die Hände kam». Groschenromane, Leihgaben von Schulkameraden, Geschichten von «heldenhaften Detektiven, Kapitänen und Indianern», die, von der Mutter erwischt, auch als Schund im Stubenofen landeten. Fritz las aber auch fleissig die Bibel der Mutter oder Romane, welche die älteren Schwestern aus der Bibliothek heimbrachten. Da er lieber las als nähte, wurde er von der strengen Mutter und den Geschwistern moralisch getadelt. In seinen Erinnerungen schreibt Fritz: «Am Anfang unseres Jahrhunderts wurde dem Volk Mässigkeit in allen Dingen gepredigt. Die natürlichsten, lebensnotwendigsten Triebe, die man befriedigen muss, um existieren zu können, wurden als Sünde erklärt. Gutes Essen und Trinken war Völlerei, schöne Kleider waren sündhafte Hoffart, die Befriedigung des Geschlechtstriebes war Hurerei. (…) Besonders ich war in ihren (der Mutter) Augen ein Sack voll Sünde, sündhaft lesesüchtig, sündhaft trotzig und widerstrebend, sündhaft ungehorsam, weil ich die für mich sinnlosen Tisch- und Nachtgebete nicht auswendig lernen wollte.»

 

Leseratte und Geschichtenerzähler – der geborene Lehrer

Zu Ende seiner obligatorischen Schulzeit sollte Fritz über seine Zukunft entscheiden, obwohl er damals noch ein Kind war. Seine Mutter führte ihn zu einem Kranioskopiker (Berufsberater gab es damals noch nicht), der vorgab, die Berufung eines jungen Menschen nach dessen Schädelstruktur herausfinden zu können. Dieser stellte ihm einige Fragen und befand sodann, Fritz‘ Schädelform weise auf eine grosse Kinderliebe hin, mit dem Lesen und Geschichtenerzählen der eindeutige Fall eines prädestinierten Lehrers! Wie sehr dieser Beruf ihn erfüllt hat, weiss ich nicht, immerhin hat er ihn über 40 Jahre ausgeübt. Jedenfalls sein Sekundarlehrer machte ihm nicht die geringste Hoffnung, dass er den Übertritt ins Seminar schaffen würde. «Es war sicher meiner naiven Weltfremdheit zuzuschreiben, dass ich unbeschwert, ohne die geringste Examensangst in die Prüfungen stieg und sie bestand.» Trotz grosser Geldnot in der Familie haben doch alle Rüegg-Geschwister eine richtige Berufsausbildung gemacht. Die zwei älteren Schwestern unterstützten mit ihrem Lohn die Familie, bis Fritz seinen ersten Lehrerlohn erhielt und er für die Mutter und den jüngsten Bruder aufkam.

 

Vom neuen Testament zur Sozialdemokratie

«Die Bibel ist schon recht, wenn man den lieben Gott weglässt». Durch die Frömmigkeit der Mutter und die Bibellektüre war Fritz schon früh mit dem Glauben konfrontiert. Aber schon als Kind schienen ihm die Gebete und frommen Sprüche sinnlos: An den lieben Gott konnte er nicht glauben. Gewisse Bibelinhalte wie «Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen» sprachen ihn dagegen sehr an; aus dem neuen Testament schöpfte er die Ethik, die ihm Grundlage zu seinem Pazifismus wurde.

Die Verinnerlichung der erlebten Armut liess Fritz über das Leben, dessen Sinn und Zweck nachdenken. Er suchte die Lösung in den Büchern. Nach der Bibel, die ihn zum Pazifismus geführt hatte, versuchte er es mit Schriften der Philosophie. Aber er fand keinen Weg. Er war 20, Lehramtskandidat und Pazifist voller Ideale. Im Deutschaufsatz an der Seminarendprüfung schrieb er hoffend, seine künftige Tätigkeit «in den Dienst des arbeitenden Volkes» stellen zu können. «Das klang: in den Ohren der Herren Professoren verdächtig revolutionär; obwohl ich keine Ahnung von der Bedeutung einer Revolution hatte.» Später, als Fritz schon als Lehrer arbeitete und im Krieg Aktivdienst leistete, sagte er von sich selbst, dass er wohl die Armut, die Unterdrückung und Ausbeutung des werktätigen  Volkes sah und erkannte, dass die Reichen daran Schuld hatten, aber «die turbulenten Vorgänge am Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem Welttheater, Balkan-, Kolonialkriege usw. konnte ich nicht deuten.»

1915 lernte er einen neuen, zehn Jahre älteren Lehrerkollegen, Otto Kunz, kennen. «Mit ihm konnte man über Dinge reden für die ich bei andern Kollegen kein Gehör fand. Er war ein Sozialdemokrat. Er machte mich mit dem sozialdemokratischen Schrifttum bekannt, das mir den Weg zu einer Politik öffnete, die den Sozialismus erstrebte. Unter Sozialismus verstand ich den Gemeinbesitz aller Güter dieser Erde, die Gleichheit und Verbrüderung der Menschheit. Ich zögerte nicht, mich unbedingt für dieses Ideal einzusetzen.» So ging Fritz im Tösstal von Haushalt zu Haushalt und warb für die Partei. 1916 konnte er mit Otto Kunz und den überzeugten Textilarbeitern die SP-Sektion Wila gründen.

Fritz Rüegg bei einer Rede zur Jubiläumsveranstaltung 50 Jahre VPOD Zürich Lehrberufe.

Schulisches zwischen 1900 und 1920 im Kanton Zürich

Fritz‘ Erzählungen über seine Schulzeit und seine erste Stelle als Junglehrer vermitteln bezeichnende Eindrücke des Schulalltags der ersten 20 Jahre dieses Jahrhunderts.Fritz erinnert sich an seinen ersten Schultag und dass ihm das Schulzimmer so gross wie ein Tanzsaal vorgekommen ist, ein Tanzsaal voller Kinder. Die 3. Klasse, die er in Bauma besuchte, war zusammen mit der ersten und zweiten Klasse. Fritz erinnert sich, dass der Lehrer sagte, als alle drei Klassen gleichzeitig im Zimmer sassen, es seien jetzt 101 Schüler im Zimmer! In der vierten Klasse, wieder in Zürich, waren sie um die siebzig Schüler, die in zwei Gruppen aufgeteilt waren: in die A-Gruppe der Gescheiten und die B-Gruppe der Weniger-Gescheiten, die entsprechend behandelt wurden.

Zu seiner Zeit im Seminar schreibt Fritz: «Unter uns Schülern herrschte kein reges geistiges leben. Nie ereiferten wir uns über Fragen der Weltanschauung oder des Weltgeschehens. Aber auch von der Lehrerschaft kam nie ein diesbezüglicher Anstoss. Über Afrika wusste unser Geographielehrer nichts anderes zu berichten als: ‹Hä, da unten in Afrika, nichts als Urwald.›» Gesamthaft beurteilt er seine eigene Schulzeit folgendermassen: «Und in der Schule, du meine Güte, da wurde von unten bis oben gepaukt, zuerst das Einmaleins und das Abc, dann von Stufe zu Stufe weitere Schulfächer, Geschichte, Geographie, ein paar Löffelchen voll von den Naturwissenschaften; ‹höhere› Mathematik, hu, alles ohne einen Sinngehalt und einen Zusammenhang gegeben. Alles ohne ein Warum und Wozu.»

Die Klassengrössen haben sich geändert. Wie steht es mit dem Blick auf andere Kontinente, wie steht es mit den Sinngehalten und Zusammenhängen heute?

 

Von der Unmöglichkeit, 50 SchülerInnen acht verschiedener Schulstufen erfolgreich zu unterrichten

«Mein Amtsantritt Ende April 1913 wurde ohne grosses Zeremoniell vorgenommen. Ich ging einer Aufgabe entgegen, von der ich nicht die leiseste Ahnung hatte. Fünfzig Schüler, acht verschiedene Klassen, acht Altersstufen, acht verschiedene Lehrplanziele und Unterrichtsstoffe in Sittenlehre, Sprache, Rechnen, Schreiben, Gesang und Turnen in allen Klassen, in der Mittel- und Oberstufe, dazu noch Geometrie, Naturkunde, Geographie, Geschichte und Zeichnen. ( … ) Nun stand ich allein vor meinen 50 Schülern. Die Achtklässler waren nur wenig jünger als ich und einige überragten mich an Körpergrösse. ( … ) Ich hielt in meiner Schulstube auf Ruhe, Ordnung und saubere Arbeit. ( … ) Ich bemühte mich, jede Lektion für jede Klasse sorgfältig vorzubereiten. Auch wenn man, wo immer möglich, Klassen zusammenzog, Naturkunde, Schreiben, Turnen, Gesang, Geographie usw.; so mussten doch durchschnittlich pro Schultag bis 20 Lektionen gehalten werden. Die Hefte mussten daneben noch korrigiert werden. Ich arbeitete oft bis nach Mitternacht und an den freien Nachmittagen und Sonntagen für die Schule. Trotzdem erzielte ich nach meiner Meinung keine befriedigenden Ergebnisse.»

Die Arbeit des Junglehrers Rüegg, der sieben Jahre lang in dieser Gemeinde unter diesen Bedingungen unterrichtet hat, waren durch seine militärisch angeordneten Absenzen beeinträchtigt. Um Geld zu sparen, wurde von der Gemeinde kein Vikar für alle Aktivdienstabwesenheiten abgeordnet. Vor den Ferien wurde jeweils, um diesen nicht bezahlen zu müssen, der Vikar entlassen und nach den Ferien ein neuer angestellt. So hatten die Klassen immer wieder neue Lehrer. Obwohl Fritz seine Lehrerfolge nicht allzu hoch einschätzt, scheint der Unterricht gut gegeben worden zu sein; disziplinarische Probleme hatte er mit den Kindern keine und die Bezirksgemeindeschulpfleger waren mit seiner Schulführung zufrieden. «Begreiflicherweise, war ich doch mit meinem Ordnungs- und Arbeitsfimmel ein getreuer Verwalter der Staats- und Gesellschaftsinteressen. Nur gelegentlich muckte ein Schulpfleger auf, wenn es ruchbar wurde, dass ich die Meinung vertreten haben soll, der Gemeinbesitz des Bodens wäre heute so notwendig wie zur Zeit der Alemannen oder andere kritische Auffassungen äusserte.»

 

«Meine hohe Stellung als Streikführer im mittleren Tösstal machte mich im Kanton herum mehr berüchtigt als berühmt.»

 

1916-1918: Dienst am Volke, nicht alle Soldaten gegen Streikende einsatzbereit

An die Rekrutierung erinnert sich Fritz ganz genau und wie er dem Obersten, der ihn zu der Infanterietruppe einteilen wollte, sagte, wenn er zu einer schiesspflichtigen Mannschaft zugeteilt werde, würde er den Militärdienst verweigern. So kam Fritz zur Sanität. Als Sanitätsgefreiter im Aktivdienst pflegte er erfolgreich hunderte von an Grippe Erkrankten, ohne je selbst zu erkranken. Und er war einer der wenigen, die keinen Toten zu verzeichnen hatten.

«Je länger der Krieg dauerte, desto revolutionärer wurde die Stimmung unter den Soldaten. Löhne wurden keine ausbezahlt. Die Angehörigen der Dienstpflichtigen mussten sich mit den schäbigsten Almosen zufriedengeben. Als unsere Kompagnie in Dornachbrugg lag, sollte sie gegen Streikende in Basel eingesetzt werden. In meinem Krankenzimmer traten die klassenbewusstesten Mitrailleure zusammen, um den Widerstand zu organisieren. Die wichtigsten Posten wurden mit den zuverlässigsten Leuten besetzt. Anderslautenden Befehlen wurde kein Gehör geschenkt. Unsere Vorgesetzten wagten sich nicht mehr unter die untergebene Truppe zu mischen.» Diese Kompagnie erhielt dann, wen wundert’s, den Einsatzbefehl nie.

 

Generalstreik 1918 – Streikleiter im Tösstal

Den Generalstreik hat Fritz folgendermassen erlebt: Junge auswärtige Burschen seien ins Dorf gekommen, sind von Fabrik zu Fabrik gegangen und hätten den Streik ausgerufen. Als sie von den lokalen Gewerkschaftsverantwortlichen niemanden fanden («die waren alle verschwunden»), tauchten sie am Montagmorgen in seiner Schulstube auf und meinten, er solle als Lokalpräsident der SP die Streikleitung übernehmen. «Da ich mich der Arbeitersache verpflichtet fühlte, übernahm ich diese gewiss nicht leichte Aufgabe. Ich stellte die Schule für einen halben Tag ohne amtliche Erlaubnis ein, um den Streik zu organisieren.» Anfänglich seien die Fabriken stillgestanden, aber dann hätten die Unternehmer die Belegschaft versammelt und gesagt: «Gut, es ist Generalstreik, wer streiken will, soll jeder einzeln hier hinstehen, und wer arbeiten will, wie es sich gehört, dorthin: Das Resultat war natürlich, dass hier ein kleiner Haufen Leute war und dort ein grosser Haufen. Und dann hiess es: ‹Also, es wird gearbeitet bei uns›. Gestreikt wurde eigentlich nur in ganz kleinen Buden, dort wo es gut organisierte, hauptsächlich Gewerkschafter hatte.» Fritz sagte, er sei damals der Situation «völlig hilflos gegenübergestanden», weil er gar nicht wusste, wo gestreikt wurde, und dazwischen wieder seine 50-Schüler-Klasse unterrichten musste. Das Kavallerieaufgebot war jedoch auch in Wila beträchtlich.

Relativ harmlos waren das Ausmass des Streikes in Wila und die unmittelbaren Konsequenzen für den streikführenden Lehrer (Verweis der Schulpflege für «unentschuldigtes Fernbleiben von der Schule», und als Sanktion verlangte sie den Verzicht auf das SP-Präsidium), nicht jedoch die Folgen für seinen Ruf. «Meine hohe Stellung als Streikführer im mittleren Tösstal machte mich im Kanton herum mehr berüchtigt als berühmt. Nicht einmal unter Sozialdemokraten und Gewerkschaftern erntete ich damit Lorbeeren. Sie fanden, dass ein senkrechter Sozialdemokrat so etwas nicht mache, besonders nicht als Lehrer. Nur ein Bolschewiki könne sich so bedingungslos für die kämpfende Arbeiterschaft einsetzen. Derweilen hatte ich keine blasse Ahnung, was man unter einem Bolschewiki verstand.» Als «Nachwehen» konnte er, der seine Acht-Klassen-Schule in Wila verlassen wollte, nicht, wie er es gewünscht hätte, eine Stelle in einer grösseren Landgemeinde übernehmen. Nur im linken Schulkreis 5 in Zürich fand er eine neue Stelle, jedoch mit der Vorwarnung des sozialdemokratischen Schulpflegers, sich nicht allzu sehr ins politische Geschehen einzumischen.2 


 

Biographische Daten

Fritz Rüegg

9.7.1893 Geburt in Zürich-Aussersihl an der Langstrasse im Jahr der Eingemeindung. Er ist das 5. der 6 Kinder der Familie Rüegg-Armbrust

1900 Einschulung

1901 Tod des 39-jährigen Vaters

1902 muss Fritz für ein Jahr nach Bauma zu Verwandten

1909 Eintritt ins Seminar Küsnacht

1913 Schulabschluss und Antritt seiner ersten Stelle, einer 8-Klassenschule von 50 Schülern in Wila im Tösstal

• Rekrutenschule im Herbst

• Während des 1. Weltkrieges leistet Fritz insgesamt um die 680 Tage Aktivdienst

1916 Eintritt in die SP, Gründung der SP-Sektion in Wila

1918 Generalstreik, Fritz wird lokaler Streikleiter im Tösstal

1920 Schulwechsel nach Zürich 5, wo Fritz bis zu seiner Pensionierung unterrichten wird (im Ämtler- und Hohlstrasse-Schulhaus)

• Erste Heirat

1924 Geburt seines Sohnes Friedrich

1929 Scheidung

1930 heiratet er seine Kollegin, die Primarlehrerin Martha Steiner

1931 Eintritt in den VPOD, bei der Gründung der Sektion Lehrer war er dabei

1925-31 Mitglied des Gemeinderates

1932-35 Mitglied des Kantonsrates

1945 Austritt aus der SP und Eintritt in die neugegründete PdA

1951 Ausschluss aus dem Zürcher Lehrerverein wegen seiner Parteizugehörigkeit

1955 Schlaganfall seiner Frau Martha, die fortan an den Rollstuhl gebunden ist und nicht mehr sprechen kann

1957 Ausschluss aus dem Kantonalen Lehrerverein aufgrund des Antrages des städtischen Lehrervereins

1961 Pensionierung

1975 Tod von Martha

1988 stirbt Fritz Rüegg in Ötwil am See

 


1 Grundlage des Artikels, den wir hier in Auszügen wieder abdrucken, bildeten neben den Gesprächsnotizen 30 Seiten unveröffentlichte Erinnerungen, die er 1975 verfasste und mir zur Verfügung stellte. Sowie das im Buch von R. Dindo «Niemals vergessen» (1975) publizierte Interview mit ihm. Zudem hatte ich 320 Minuten Tonbandaufnahmen von Fritz Rüegg zur Verfügung, PdA-Genossen aus der 68er-Generation hatten ihn 1980 über sein Leben befragt. Mündliche Zitate von ihm und Auszüge aus den erwähnten Quellen stehen in Anführungszeichen.

2 Wer sich für den ungekürzten Artikel von Catherine Aubert interessiert, findet diesen unter vpod-bildungspolitik.ch als PDF. In der Originalfassung wird unter anderem auch auf die Wandlung der SP in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts eingegangen – auf die Fritz Rüegg mit einem Wechsel zur PDA reagiert – sowie die Zeit des kalten Kriegs in der Schweiz behandelt.


Foto oben:

Fritz Rüegg als Junglehrer mit Schülerinnen und Schülern

Fotos: Reprint aus Ausgabe 59/1988.

 

Promote Post

Enjoyed this post?


`
http://vpod-bildungspolitik.ch/wp-content/themes/press