Enseigner la grève générale de 1918

Sonntag, 2. September 2018, 3:03 153585743003Sun, 02 Sep 2018 03:03:50 +0000, Posted by admin1 in Heft 208, No Comments.

Enseigner la grève générale de 1918


Der VPOD publiziert diesen Herbst auf Französisch ein kleines, an Lehrpersonen gerichtetes Buch über den Landesstreik. Hierzu ein Interview mit dem Autor Dominique Dirlewanger.

Von Philippe Martin

 

Als der VPOD Dir den Vorschlag gemacht hat, anlässlich der Hundertjahrfeier des Landesstreiks ein Buch zu schreiben, hast du sofort zugesagt und viel in dieses Projekt investiert. Weshalb?

Dominique Dirlewanger – Dieses Ereignis nimmt in der Geschichte der Schweiz einen wichtigen Platz ein. Während drei Tagen, vom 11.-14.11.18, haben etwa 250 000 Personen am Landesstreik teilgenommen. Diese Zahl entspricht einem Drittel der damaligen Arbeitnehmenden unseres Landes. Im europäischen Rahmen gesehen ist das Jahr 1918 von vergleichbarer Bedeutung wie die Gründung des Bundesstaates. Die drei Tage des Landesstreiks stellen in der Tat einen ähnlich intensiven Moment sozialer Spannungen dar wie die revolutionären Tage von 1848.

Die Bestrebungen der Arbeiterbewegung nehmen einen wichtigen Teil der sozialen und politischen Geschichte der Schweiz des zwanzigsten Jahrhunderts vorweg. Hatte 1914 der Ausbruch des Krieges in einem Klima des verschärften Nationalismus die Durchsetzung sozialer Forderungen verhindert, eröffnete das Ende des 1. Weltkrieges eine Zeit der Hoffnungen und möglichen Veränderungen… Das Gedenken an den Streik ist eine Gelegenheit, hervorzuheben, zu welchen Vorschlägen Gewerkschaften fähig sind.

Deshalb war es von Nutzen, ein an Lehrpersonen gerichtetes Buch zu verfassen…

Ja. Es gibt zwar über die Entstehung der modernen Schweiz leicht zugängliche Dokumente für den Unterricht. Sobald es aber um den Landesstreik geht, bestehen zahlreiche Schwierigkeiten. Aus diesem Grund finde ich es gut, ein Mittel zur Verfügung zu stellen, das die Beschäftigung mit diesem grundlegenden Ereignis der Schweizer Geschichte des 20. Jahrhunderts erleichtert. Meine Erfahrungen der letzten Jahre beim Unterrichten junger Erwachsener auf der Sekundarstufe II im Kanton Vaud haben mir gezeigt, dass dieses Thema von grossem Interesse für die Schülerinnen und Schüler ist.

Wie stellt sich das im Buch enthaltene Dossier im Detail zusammen?

Es enthält mehr als 40 zeitgenössische Dokumente – vorwiegend Fotos, Plakate und Presseartikel, die mit einigen Zahlenangaben ergänzt werden. Nur wenige Bücher versammeln so viele, mit dem Landesstreik verbundene Quellen. Dies wurde auch dank ergänzenden Informationen und Ratschlägen von Historikerkollegen möglich. Alle diese Dokumente werden in zeitlicher Reihenfolge präsentiert und in vier Gruppen gegliedert: die Schweizer Arbeiterbewegung vor 1918, die Kriegsjahre, der Hintergrund des Ausbruchs des Landesstreiks und, schlussendlich, die Folgen dieses Streiks. Alle Quellen und Referenzen werden erwähnt. Ausserdem wird diese Dokumentation von zwei erläuternden Beiträgen ergänzt: der erste stammt von Julien Wicki und der zweite von Hans Ulrich Jost. […]

Könntest Du ein paar Aspekte erwähnen, die man im Unterricht aufgreifen kann?

Die Beschäftigung mit dem Landesstreik ermöglicht einen Ansatz kritischer Geschichte. So kann man der Frage nachgehen, welche Rolle die Schweiz in der europäischen Arbeiterbewegung spielte. So können auch  verschiedene Dynamiken des 1. Weltkrieges einbezogen werden, wenn es darum geht den Ausbruch und die Entwicklung sozialer Konflikte ab 1915 zu erklären. Schliesslich ermöglicht diese Vorgehensweise die Beschäftigung mit der Neutralitätspolitik, der Frage der Vermögensverteilung und mit dem politischen System der Schweiz. Themen, die mit dem Westschweizer Lehrplan (PER) verbunden sind, gibt es reichlich!

Unter den neun Forderungen des Oltener Aktionskomitees erkennt man Elemente jener Politik, die im Laufe des 20.  Jahrhunderts mit viel Mühe umgesetzt wurde: Wahlen nach dem Proporzsystem, Altersversicherung, Frauenstimmrecht, Versorgungsicherheit… Auch wenn die wirtschaftlichen und politischen Behörden den Forderungen nach Verhandlungen nicht nachgaben und sich den Streikenden mit grösster Entschlossenheit entgegenstellt haben, so darf man dennoch die Beiträge von 1918 nicht unterschätzen.

Dieser kritischer Umgang mit Geschichte stellt viele vorgefasste Meinungen infrage: das Ausbleiben von Streiks in unserem Lande, die Abkoppelung der Schweizerischen Eidgenossenschaft von europäischen Fragen, das für die mit unserem Land verbundenen Vorstellungen grundlegende Bild der Schweiz als Insel des Reichtums… Auf diese Weise zeigt Geschichte auf, dass die Geschehnisse in der Schweiz, trotz Neutralität, integraler Bestandteil der Geschichte des 1. Weltkrieges sind…

Die präsentierten Dokumente beschränken sich nicht auf Quellen, die aus der Arbeiterbewegung stammen…

Untersucht man den bürgerlichen Blick auf den Streik auf der Basis von Presseartikeln, Stellungnahmen von politischen Behörden oder auch von Wirtschaftsverbänden, dann kann man die Fremdenfeindlichkeit eines Teils der Schweizer Eliten erkennen sowie ihren starken Antisozialismus.

In Verbindung mit der Bauernschaft haben die konservativen Kreise und die Arbeitgeberverbände in den folgenden Jahrzehnten einen zentralen Platz im politischen System erlangt. Während des 2. Weltkriegs haben sich Wirtschaft und Politik fortwährend vor einer Wiederholung des Streiks gefürchtet. 1918 spielte deshalb auch in den Kollektivverhandlungen der Nachkriegszeit eine zentrale Rolle. Auch ist es wohl Ausdruck hartnäckig fortbestehenden Antikommunismus‘, dass die Debatte über Asyl- und Einwanderungsfragen von der Angst beeinflusst wurde, dass aus dem Ausland Unruhen importiert werden. Dies sind einige sehr unterschiedliche Vermächtnisse des Landesstreiks.

Die von uns gesammelten Materialien sollen zur Beschäftigung mit diesen wichtigen Ereignissen der Schweizer Geschichte ermutigen, sie bekräftigen auch unser Interesse an einer Geschichte von unten. Der Landesstreik darf nicht aus dem Gedächtnis des 20. Jahrhunderts gelöscht werden. 

(Übersetzung aus dem Französischen)


Dominique Dirlewanger ist Dozent für Geschichte. Er ist Autor von «Tell me : la Suisse racontée autrement» (UNIL, 2010).


Das Buch mit dem Titel

«La grève générale de 1918 – Matériaux pour l’enseignement. Histoire d’un événement fondateur du XXe siècle en Suisse» ist ab dem 11. Oktober 2018 erhältlich.

Bestellt werden kann es ab sofort auf der Homepage:
www.ssp-vpod.ch/enseigner1918

 

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