Wo kommt der Mut her?

Sonntag, 2. September 2018, 1:30 153585184301Sun, 02 Sep 2018 01:30:43 +0000, Posted by admin1 in Heft 208, No Comments.

Wo kommt der Mut her?


Entscheidungen im Landesstreik.

Von Annette Hug

 

Als ich persönlich einem Streik am nächsten kam, habe ich mich gefürchtet und ich war doch nur die Gewerkschaftssekretärin. Im Betrieb hatten einige Angst, gekündigt zu werden und mit der Anstellung auch gleich die Aufenthaltsbewilligung zu verlieren. Andere wussten: Mit der Sous-Chefin haben sie’s gut, das ist im Alltag viel wert, wird aber nicht so bleiben. Ein Streik wäre so etwas wie eine Scheidungsdrohung. Und dann gibt’s noch die Kundinnen, das Geld – die Nerven! Der Mut hat nicht gereicht. Wir zogen es vor, ein Jahr lang auf Verhandlungen zu pochen, um dann einige kleine Verbesserungen zu erreichen.

 

250’000 mussten sich entscheiden

Rundherum blies auch niemand zum Aufstand. Es litt niemand Hunger. Europa war zwar im Umbruch, aber eine Revolution war nicht in Sicht. Die Situation war also ganz anders als im November 1918. An der SGB-Tagung (vgl. S. 10), die 99 Jahre später, am 15. November 2017 stattfand, wurde die Situation von damals nochmals ausgebreitet, anschaulich und pointiert: Die Hungerdemos der Arbeiterinnen in Zürich im Frühling 1918. Die vielen kleinen Proteste und Streiks im Laufe des Sommers. Die Hetze gegen sozialistische Flüchtlinge, die angeblich die Schweiz unterwanderten. Die Befürchtung der Regierung, die russische Revolution könnte auf die Schweiz überspringen. Das Militäraufgebot. Der Aufruf zum Landesstreik. Die Forderungen des «Oltener Aktionskomitees»: AHV, Frauenstimmenrecht, 48-Stundenwoche, Proporzwahlrecht und so weiter. Paul Rechsteiner erzählte von Eisenbahnern, die ihm vor 30 Jahren die «Schatzkiste» ihrer Sektion zeigten, darin lagen Dokumente aus dem Landesstreik: Urteile gegen streikende Lokführer, die zu Gefängnisstrafen verurteilt worden waren. Aber diese Sicht einzelner Männer und Frauen, die viel riskiert haben, verschwindet in den meisten historischen Arbeiten. Das «Oltener Aktionskomitee» steht oft nicht nur im Zentrum, es scheint den Streik geradezu darzustellen. Große Figuren stehen für politische Machtblöcke und die Verschiebungen darin. Wie genau kam’s zum Ultimatum, zur Entscheidung des Streikabbruchs? Was wurde im Bundesrat, bei den Arbeitgebern, in der Streikleitung verhandelt?

 

«[…] die Kraft einer Gewerkschaft beruht auf fragilen Vorgängen in allen Verästelungen der Organisation.»

 

Aber jeder und jede, der aktives Mitglied einer Gewerkschaft ist, weiss, dass wegen einem Beschluss der Gewerkschaftsspitze noch lange keine Kampagne stattfindet, geschweige denn ein Generalstreik. Die taktischen Fragen auf oberster Ebene sind eines, die Kraft einer Gewerkschaft beruht auf fragilen Vorgängen in allen Verästelungen der Organisation. Da müssen Hunderte und Tausende von Vorstandsmitgliedern, Obmännern, Agitatorinnen – sprich: Kolleginnen und Kollegen – einen Aufruf verbreiten. Nicht als Befehl, sondern als Aufforderung. Mussten sie damals viel reden und überreden? Wie sind sie gegen die Angst angetreten, die geherrscht haben muss, schliesslich standen in Zürich schon die Soldaten? Es waren 250’000 Leute, die ganz persönlich einen Entscheid fällten.

In diesem Jubiläumsjahr kommt ihre Sicht interessanterweise im Theater am stärksten zur Geltung. In Olten spielen fast 100 Leute lokale Szenen aus dem Streik nach: Aus den Archiven rekonstruierte Momente. Aus andern Kantonen kommen weitere Theatergruppen an, bei jeder Aufführung sind es zwei, und sie bringen eine Geschichte aus ihrer Gegend mit. Eine Gruppe aus dem Thurgau, zum Beispiel, bringt die Milch, die damals nicht mehr nach Zürich geliefert wurde, weil die Bauern den Streikenden den Hahn abdrehen wollten.

 

Bleibende Fragen

Auch wenn jetzt viel Interessantes über den Landesstreik gesprochen und geschrieben wird, scheinen die Fragen nicht auszugehen. Im Gegenteil. Allein an der SGB-Tagung waren es einige: Gab es Soldaten, die sich weigerten, gegen die Streikenden aufzumarschieren? Wer waren die Beamten in Basel, die mittellosen Müttern und ihren Kindern Lebensmittelhilfe verweigerten, wenn sie nicht mit einem Arztzeugnis körperliche Schäden, also echte Hungerleiden, nachweisen konnten? Wie war das auf den Zürcher Banken, wo die kleineren Angestellten streikten und die Oberen gehindert wurden, ihre Büros am Paradeplatz zu betreten? Wie sind die sich nachher begegnet? Wie kam das Schimpfwort «rastaquouère» – ein Zuhältertyp südländischen Aussehens – in den bürgerlichen Diskurs der Westschweiz? Wer genau bildete die rechte Bürgerwehr, die in der Kirche Muri, Aargau, ein Waffenlager einrichtete?

Und schon ist die Geschichte noch lokaler geworden. In der neueren Geschichtsschreibung werden aber transnationale Arbeiten gefordert, das Sprengen des Röhrenblicks auf die Schweiz. Vielleicht ist das kein Widerspruch zum genauen Blick auf einzelne Entscheidungen. Was hatte im November 2018 ein Sektionspräsident der Eisenbahner oder die Agitatorin eines Protests in München gemeinsam mit ihresgleichen in St. Gallen, in Petersburg oder Shanghai? Die Welt wird grösser. 

Und vielleicht wächst auch der Mut zu streiken irgendwann wieder an.

 


Annette Hug lebt als freie Autorin in Zürich. Nachdem sie in Zürich Geschichte, in Manila Women and Development Studies studiert hatte, arbeitete sie als Fundraiserin und dann als Dozentin. Von 2009 bis 2014 war sie Zentralsekretärin der Gewerkschaft VPOD. Ihr dritter Roman, «Wilhelm Tell in Manila», wurde 2017 mit dem Schweizerischen Literaturpreis ausgezeichnet.


Foto: Schweizerisches Bundesarchiv

 

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