Nicht mehr als ein erster Schritt in die richtige Richtung

Donnerstag, 19. Juli 2018, 21:34 153203604609Thu, 19 Jul 2018 21:34:06 +0000, Posted by admin1 in Heft 207, No Comments.

Nicht mehr als ein erster Schritt in die richtige Richtung


Die neu beschlossene «Integrationsagenda» des Bundes ist noch keine Gewähr einer gleichwertigen Bildung für junge Geflüchtete. Hierzu besteht weiterhin ein grosser Bedarf an Investitionen und Massnahmen. Ein Kommentar zur Bildungssituation von 16-25-jährigen jungen Flüchtlingen.

Von Markus Truniger

 

Der Bundesrat hat am 30. April 2018 mitgeteilt: «Bund und Kantone einigen sich auf gemeinsame Integrationsagenda».1 Der Bund habe sich bezüglich der Integration von Vorläufig Aufgenommenen und anerkannten Flüchtlingen (VA/Fl) mit den Kantonen auf deutlich erhöhte Investitionen, auf konkrete Wirkungsziele sowie auf einen für alle verbindlichen Integrationsprozess geeinigt. Einfache Grafiken illustrieren, wie «bildungsfähige Jugendliche» von einer Vorbereitung zu einer Ausbildung gelangen, «arbeitsfähige Flüchtlinge» in den Arbeitsmarkt eintreten und «Übrige» noch sozial integriert werden. Ein Bericht mit Anhängen, die Details und quantitative Berechnungen enthalten, wurde ebenfalls veröffentlicht.
Was ist von diesem Vorstoss zu halten, wenn als leitender Grundsatz ein diskriminierungsfreier Zugang zu einer gleichwertigen Bildung für alle Menschen gelten soll?

 

Was ist das Positive?

Der Bund, die Konferenz der Kantonsregierungen (KDK), die SozialdirektorInnenkonferenz (SODK) und die ErziehungsdirektorInnenkonferenz (EDK) haben sich zusammengerauft und geben nun ein klares Statement ab, dass die Integration und Bildung von Vorläufig Aufgenommen und anerkannten Flüchtlingen (VA/Fl) verstärkt gefördert werden sollen. Der Bundesrat hat den Beschluss gefasst, die Integrationspauschale von bisher 6’000 auf 18‘000 Franken pro Person mit Status VA/Fl zu verdreifachen. Diese Erhöhung soll voraussichtlich ab 2019 in Kraft treten.
Die Pauschalen und die damit zu finanzierenden Massnahmen sollen neu auch schon für Asylsuchende (Status N) mit Bleibeperspektive gelten, was bisher nicht der Fall ist. Die Massnahmen sollen damit rascher als bisher einsetzen. Zudem sollen auch die Beiträge für Mineurs non Accompagnés (MNA) erhöht werden. Mit mehr Bundesgeld – und in der Erwartung, dass die Kantone mitziehen – sollen Massnahmen wie Erstinformation, Beratung, Potenzialabklärung und Coaching insbesondere für «bildungsfähige» 16-25-Jährige verstärkt werden.
Der Bund bestätigt zudem, dass das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) auch einen Ausbau der Berufsvorbereitungsjahre (BVJ) für diese Zielgruppe in den Kantonen mitfinanzieren werde. Das soll über die regulären Kredite geschehen, das heisst über die Bundesbeiträge an die Berufsbildung, die 25 Prozent der Kosten decken. Die BVJ sollen im Einzelfall neu auch um ein zweites Jahr verlängert werden können, was für viele spät Zugewanderte notwendig ist. Zurzeit sind die Berufsvorbereitungsjahre auf nur ein Jahr beschränkt.

«Gleichwertige Bildung für junge Leute im Alter von 16-25 Jahren müsste vollzeitliche Bildungsgänge bedeuten. Es ist zu vermuten, dass man diese Fragen [aus Kostengründen] nicht deutlich anspricht.»

 

Wird das reichen, um die heutige höchst unbefriedigende Situation junger Flüchtlinge zu verbessern?

Heute ist die nachobligatorische Bildung der jungen Flüchtlinge ein Flickenteppich mit vielen Löchern. Diese jungen Menschen durchlaufen meist einen Parcours, der aus befristeten und oft nur teilzeitlichen Bildungsprogrammen besteht, unterbrochen immer wieder durch Wartezeiten und Zeiten des Nichtstuns. In vielen Fällen wird so die Zeit, die diese für das Lernen einsetzen könnten, schlecht genutzt. Gerade Wege vom Deutschlernen in die Berufsvorbereitung und in eine Vorlehre oder Berufslehre sind zurzeit die Ausnahme und nicht die Regel. Die neue Integrationsagenda macht keine klaren Aussagen, wie dies systematisch und für die grosse Zahl der Zielgruppe geändert werden soll. Viel und wolkig ist zwar von Beratung und individuellen Bildungslösungen die Rede. Es ist jedoch kein klarer Plan formuliert, diesen jungen Leuten in der Regel – von der es selbstverständlich auch Ausnahmen geben wird – ein Jahr vollzeitliches Sprachlernen und Allgemeinbildung, ein bis zwei Jahre vollzeitliche Berufsvorbereitungsjahre und dann den Eintritt in eine Vorlehre und in eine Berufslehre – oder für die Lernleistungsstarken auch in eine Mittelschule – zu ermöglichen. Es fehlen Aussagen über wirksame Bildungsprogramme mit ihren Inhalten und mit ihren zeitlichen Umfängen.
Gleichwertige Bildung für junge Leute im Alter von 16-25 Jahren müsste vollzeitliche Bildungsgänge bedeuten. Es ist zu vermuten, dass man diese Fragen darum nicht deutlich anspricht, weil vollzeitliche Bildungsprogramme, die spät Zugewanderte während drei Jahren besonders unterstützen, viel kosten. Die Kosten pro Person für drei Jahre belaufen sich auf schätzungsweise total 60‘000 Franken, was von der neuen Pauschale bei weitem nicht abgedeckt werden kann. Die Kantone ziehen darum gerne kostengünstigere, teilzeitliche – damit aber auch weniger wirksame – Programme vor. Die entscheidende Frage, welche Programme mit welchem Umfang anzubieten seien, wird den Kantonen weiter überlassen, obwohl ein fachlicher Konsens besteht, dass in vielen Fällen vollzeitliche Programme während drei Jahren nötig sind, um das erklärte Ziele einer Integration in die Berufsbildung zu erreichen. Zudem entspricht es weder einer fachlichen Einschätzung noch den hochgesteckten Zielen, dass der Bund unter den jungen Flüchtlingen von einem Anteil «ohne Ausbildungspotenzial» ausgeht. Bekanntlich gibt es auch für junge Menschen mit grösseren Handicaps berufliche Ausbildungswege.

 

Sind die Schnittstellen gut geklärt?

Bund und Kantone erklären, dass die Integrationsagenda eine klare Zuteilung von Zuständigkeiten vornimmt: In der nachobligatorischen Bildung sollen für «Massnahmen zur Erreichung der Ausbildungsfähigkeit» (Deutschlernen bis Niveau A2 und Ergänzen der Allgemeinbildung) zukünftig die Instanzen der Integrationsförderung (Staatssekretariat für Migration SEM und kantonale Fachstellen für Integration) zuständig sein, für die Berufsvorbereitung, Vorlehren und Berufslehren gemäss Berufsbildungsgesetz die Instanzen der Berufsbildung. Grundsätzlich ist dazu anzumerken, dass Bildungsprogramme auch für die Gruppe der jungen Flüchtlinge besser im regulären Berufs- (und Mittelschul-)Bildungssystem anzugliedern wären, als dass für eine erste Phase (für «Massnahmen zur Erreichung der Ausbildungsfähigkeit») im Integrationssektor eigene parallele Bildungsstrukturen aufgebaut werden. Zum Vergleich: In der Volksschule ist auch die Erstintegration von neu Zugewanderten integrierter Teil des allgemeinen Schulwesens; es braucht dafür zwar eine unterstützende Struktur (Unterricht in Deutsch als Zweitsprache DaZ und Aufnahmeklassen), aber kein Parallelsystem im Integrationswesen. Dasselbe wäre auch auf der Sekundarstufe II sinnvoll. Die Schnittstelle zwischen Integrationsstellen und Bildungswesen ist demnach mit der Integrationsagenda nur suboptimal geklärt.

 

Nächste Aufgaben: Umsetzung ist genau zu verfolgen

Die Umsetzung der Integrationsagenda ist den Kantonen überlassen. Es wird nun zu beobachten sein, was dort – auch mit dem zusätzlichen Geld – geschieht. Im schlechten Fall wird mit dem Bundesgeld das bisherige Flickwerk mit etwas mehr Geld finanziert, und die Kantone werden so finanziell etwas entlastet. Das Ziel muss jedoch ein anderes sein: Die Massnahmen für junge Flüchtlinge sollten verstärkt, besser verbunden und erfolgreicher werden. Die Programme sind deshalb in den Kantonen auszubauen und mit einer ausreichenden Anzahl von Plätzen anzubieten, sodass alle jungen Flüchtlinge damit versorgt werden. Wieweit das in jedem Kanton nun geschehen wird, ist zu verfolgen. Ein Monitoring ist vorgesehen. Dafür braucht es regelmässig Daten pro Kanton über die Zahl junger Menschen mit Status VA/Fl, die in Massnahmen der «Erstintegration» (Sprache und Allgemeinbildung) sowie in Berufsvorbereitungsjahren, in (Integrations-)Vorlehren und in Berufslehren sind. Die Anteile aller jungen VA/Fl, die damit versorgt werden, sollen ausgewiesen werden. Im Moment sind die Anteile der spät zugewanderten jungen VA/Fl, die ein BVJ und eine Berufslehre absolvieren, noch sehr klein. Es ist zudem zu beobachten, inwieweit die Programme vollzeitlich sind und inwieweit Anschlüsse ohne Wartezeiten gewährleistet werden.

 

Fazit

Die Integrationsagenda ist für die Bildung von jungen Flüchtlingen zwar ein Fortschritt, aber sie ist nicht ausreichend klar. Das Prinzip der gleichwertigen Bildung – das bedeutet in der Regel einen Besuch von vollzeitlichen Bildungsgängen bis zu einem Abschluss auf Sekundarstufe II – ist für 16-25-jährige Flüchtlinge damit noch nicht gesichert.

Es ist nötig, dass Massnahmen der Integration und der Bildung für alle 16-25-jährigen spät Zugewanderten geklärt werden – auch für diejenigen, die ausserhalb des Asylwesens einwandern. Das hat der Bund eigentlich auch so beabsichtigt; doch hat der Bundesrat die Behandlung dieser zweiten Zielgruppe, die zahlenmässig noch einiges grösser ist, vorerst auf später verschoben.

Mehr Tempo in der Klärung der offenen Fragen und bei der Investition in die Bildung von spät zugewanderten jungen Menschen ist angezeigt, um mehr Bildungsgerechtigkeit zu erreichen, aber auch um beizutragen, den Fachkräftemangel zu verringern und Sozialkosten zu reduzieren.

 


1 www.sem.admin.ch/sem/de/home/themen/integration/integrationsagenda.html


Markus Truniger; Fachexperte für Schule und Migration; Ausbildung und Berufserfahrung als Lehrer; war 30 Jahre Mitarbeiter der Bildungsdirektion des Kantons Zürich, zuständig für Migration und multikulturelle Volksschulen.

 


Foto: moinmoni / photocase.de

 

Promote Post

Enjoyed this post?


Posting your comment...

Kommentar schreiben


Ihr Kommentar via Email senden
`
http://vpod-bildungspolitik.ch/wp-content/themes/press