Donnerstag, 19. Juli 2018, 21:26 153203560909Thu, 19 Jul 2018 21:26:49 +0000, Posted by admin1 in Heft 207, No Comments.

Wo der Schuh drückt


Fehlende Ressourcen führen zur Aushöhlung der öffentlichen Schule und gefährden die Gesundheit der Lehrpersonen. Wie dies zukünftig verändert werden kann.

Von Christine Flitner

 

Lehrpersonen sind ÜberzeugungstäterInnen. Sie zeigen in Umfragen eine überdurchschnittliche Motivation für ihre Arbeit und legen sich ins Zeug, um diese Arbeit richtig gut zu machen, vor allem die direkte Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern. Daran wollen sie auf keinen Fall Abstriche machen.
Aber diese Arbeit wird immer belastender, wie verschiedene Studien in den letzten Jahren bestätigt haben. Viele Lehrpersonen sind am Rande der Erschöpfung oder gesundheitlich angeschlagen, und der Gesundheitszustand der Lehrpersonen ist deutlich schlechter als der der Gesamtbevölkerung. Voreingenommene Schulhasser ziehen daraus gerne den Schluss, dass die Lehrpersonen Jammerlappen sind oder einfach zunehmend verweichlichen.

 

Mehrarbeit ohne zusätzliche Ressourcen

Das ist natürlich Unsinn und dient vor allem rechten Stimmungsmachern, welche die Aushöhlung der öffentlichen Schule betreiben. Tatsache ist: Die Belastungen nehmen seit Jahren zu und die durchschnittliche Wochenarbeitszeit beträgt in regulären Schulwochen zwischen 45 und 51 oder mehr Stunden pro Woche. Das ist vorübergehend problemlos machbar, aber als wochen- oder monatelange Dauerbelastung gesundheitsschädigend, selbst wenn in den Ferienzeiten teilweise ein Ausgleich möglich ist.1 Belastend finden viele Lehrpersonen vor allem die Zunahme an administrativen Arbeiten sowie das Anwachsen der Integrationsaufgaben ohne ausreichende Ressourcen. Und da sie bei der Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern auf keinen Fall Abstriche machen wollen, bleibt die eigene Gesundheit auf der Strecke.
Nicht zufällig haben sehr viele Lehrpersonen eine Teilzeitstelle. So beträgt die Teilzeitquote im Kanton Bern beispielsweise 74.5 Prozent. Damit versuchen die Lehrerinnen und Lehrer das Problem individuell zu lösen, indem sie ihre Arbeitszeit reduzieren. Allerdings funktioniert diese Lösung nicht wirklich. Eine Studie zur Arbeitszeit der Lehrpersonen im Auftrag des LCH hat schon 2006 gezeigt, dass die individuelle Arbeitszeitreduktion nicht wirklich zu weniger Arbeit führt, im Gegenteil.2 Die Arbeitszeit von Lehrpersonen mit Teilzeitpensen und solchen mit Vollzeitpensen unterschied sich in der Untersuchung lang nicht so stark, wie dies der Unterschied im Unterrichtspensum nahegelegt hätte. Die Pensenreduktionen (wie auch Altersentlastungsstunden) werden von den Lehrpersonen offenbar nicht zur Erholung genutzt, sondern wieder in die Unterrichtsvorbereitung investiert, so dass die TeilzeiterInnen zwar weniger Lohn, aber nicht weniger Arbeit haben.

 

Partizipation, Unterstützung und Anerkennung

Es müssen daher gesellschaftliche Lösungen für das Problem gefunden werden. Dazu müsste man die Lehrpersonen erstmal wirklich anhören. Wie üblich ist die Situation je nach Kanton etwas anders, so dass für die Lehrpersonen auch unterschiedliche Fragen im Vordergrund stehen. Es gibt aber doch wiederkehrende Themen: die zunehmende administrative Last wurde schon erwähnt. Hier gäbe es vonseiten der Lehrpersonen zahlreiche Vorschläge zur Verbesserung, wenn man sich die Mühe nehmen würde, sie zu befragen. Sehr wichtig wäre in diesem Zusammenhang, dass Sondermassnahmen und Unterstützung für besondere Anforderungen schneller und mit weniger bürokratischem Aufwand zu haben wären. Die Anpassung der Klassengrössen an die jeweiligen Anforderungen ist eine weitere Massnahme, welche Abhilfe schaffen könnte. Schliesslich braucht auch der neue Berufsauftrag Verbesserungen, damit er vor Mehrarbeit schützt anstatt weitere Arbeit auszulösen. Unterstützung und Anerkennung vonseiten der Vorgesetzten und der Schulbehörden sind ebenfalls wichtige Themen.
Die Petition des VPOD «Lasst uns endlich wieder unterrichten!» bringt zum Ausdruck, wo der Schuh drückt, und hat ein paar Vorschläge zusammengefasst, welche grosse Entlastung bringen könnten, wenn sie umgesetzt würden. Zurzeit werden noch Unterschriften gesammelt. Zum Schuljahrsende wird das Gespräch mit der EDK gesucht. Die Kampagne ist damit aber keineswegs abgeschlossen. Schliesslich geht es um zwei fundamental wichtige Dinge: die Möglichkeit, den Schülerinnen und Schülern eine gute Schule zu bieten, und die Gesundheit der Lehrpersonen.

www.lasst-uns-unterrichten.ch        

www.laissez-nous-enseigner.ch

 


Christine Flitner ist VPOD-Zentralsekretärin für den Bereich Bildung, Erziehung, Wissenschaft.


1 Eine Zusammenstellung der Studien zum Thema Belastung und Stress von Lehrpersonen findet sich auf unserer Webseite www.lasst-uns-unterrichten.ch

2 Charles Landert: Die Arbeitszeit der Lehrpersonen in der Deutschschweiz. Ergebnisse einer einjährigen Erhebung bei 2500 Lehrerinnen und Lehrern verschiedener Schulstufen und Kantone. Im Auftrag des Dachverbandes Schweizer Lehrerinnen und Lehrer LCH, 2. aktualisierte Auflage 2006, www.lch.ch

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