Donnerstag, 19. Juli 2018, 21:18 153203508509Thu, 19 Jul 2018 21:18:05 +0000, Posted by admin1 in Heft 207, No Comments.

Solidarität heisst das Heilmittel gegen Burn-out


An der VPOD-Verbandskonferenz beschäftigten sich die Lehrpersonen im Zusammenhang mit steigenden Arbeitsbelastungen auch mit dem Phänomen «Burn-out»: einem Übel, das im Berufsstand stark verbreitet ist.

Ein Interview mit Viviane Gonik, Expertin für Ergonomie und Gesundheit am Arbeitsplatz.

[Interview: Guy Zurkinden, Übersetzung aus dem Französischen: Johannes Gruber]

 

Was ist das, «Burn-out»?

Viviane Gonik – Burn-out oder das Syndrom «Erschöpfung durch Arbeitsbelastung» wurde vom Psychoanalytiker Herbert Freudenberger als eine Art inneres Ausbrennen bezeichnet, das die letzten Ressourcen einer Person verbraucht und eine grosse Leere im Innern eines Menschen zurücklässt, auch wenn dessen äussere Hülle weiter intakt scheint.
Burn-out-Symptome sind zuerst eine Form von Müdigkeit, der Demotivierung, des Verlustes von Fähigkeiten. Man schafft es auf einmal nicht mehr, seine Arbeit zu erledigen. Sobald sich ein Burn-out einstellt, kommt es zum Verlust emotionaler Fähigkeiten. Man kann für die, denen man helfen sollte, keine Empathie mehr aufbringen. Aber es kommt auch zu einem Verlust der Selbstachtsamkeit. Dies kann sehr weit führen, bis in die Depression, ja sogar bis zum Selbstmord.
Die ersten Studien charakterisierten den Burn-out als etwas, das nur in Berufen auftritt, in denen man mit Menschen arbeitet – bei Lehrpersonen, Care-ArbeiterInnen, ErzieherInnen. Dies wurde erklärt durch die Diskrepanz zwischen dem hohen Anspruch an sich selbst – also einer starken Identifizierung mit dem eigenen Beruf – und der Wahrnehmung des eigenen Scheiterns.
Heute bemerkt man, dass sich das Phänomen «Burn-out» in allen Berufsgruppen ausbreitet, etwa auch auf den Baustellen und in den Fabriken. Inzwischen sind zehn bis zwanzig Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung betroffen. Die Organisationen der Arbeitswelt sollten sich dafür engagieren, dass hier vermehrt Ursachenforschung betrieben wird.

Auf welche Weise kann Erwerbsarbeit Burn-out verursachen?

In allen Berufsfeldern wissen die Arbeitnehmenden, dass sie mit Schwierigkeiten konfrontiert werden: eine Pflegerin weiss, dass sie dem Tod gegenüberstehen wird, ein Lehrer weiss, dass er Schüler haben wird, die in der Schule scheitern. Das ist für sich genommen keine Quelle des Leidens oder der Erkrankung. Anders ist dies jedoch, wenn Sie es nicht schaffen, das zu tun, was Sie aufgrund Ihres Berufsverständnisses als angemessen empfinden, weil Ihnen dies Ihr Arbeitgeber nicht erlaubt. Das ist der Moment, in dem sich Arbeit in Leiden verwandeln kann.
Das ist einer der Hauptpunkte beim Burn-out: die Kluft zwischen den Ansprüchen der Menschen an ihre eigene Arbeit und den tatsächlichen Bedingungen, unter denen sie ihre Arbeit machen. Das ist das, was wir Sinnverlust am Arbeitsplatz nennen.

Wie kommt es zu diesem Sinnverlust?

Der Sinn von Arbeit ist stark verbunden mit Anerkennung. Der Psychiater Christophe Desjours betont, dass diese Anerkennung durch die Einschätzung als nützlich erfolgt («Das, was ich mache, ist nützlich»), die von den Vorgesetzten und den Kunden kommt. Als zweiter Gesichtspunkt kommt ein ästhetisches Urteil hinzu («Ich mache eine gute Arbeit»), das von Kolleginnen und Kollegen geäussert wird und die Zugehörigkeit zu einem Arbeitskollektiv bestätigt.
Seit den 1980er Jahren wurden unter dem Rentabilitätsdruck bestehende Organisationsformen der Arbeitswelt verstärkt über den Haufen geworfen. Die Werktätigen wurden immer stärkeren Konkurrenzbeziehungen und immer grösserem Effizienzdruck unterworfen. Man verlangt von ihnen immer mehr, es soll immer schneller gehen, immer mehr Angestellte werden dazu genötigt bei ihrer Arbeit zu pfuschen – entgegen ihrem Berufsstolz und ihrer Lebenseinstellung. All diese Elemente tragen dazu bei, dass es zu einem Sinnverlust am Arbeitsplatz kommt.

Welche Funktionen haben diese neuen Organisationsformen von Arbeit?

Sie beziehen sich auf eine Logik der Macht. In unserer Gesellschaft ist die Arbeit die einzige Quelle des Reichtums. Deren Kontrolle ermöglicht die Ausübung von Macht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat der Taylorismus die Arbeit in kleine Einheiten zerstückelt, um den Werktätigen die Kontrolle über ihre Arbeit zu entziehen. Heute findet stattdessen ein permanenter Wandel statt, der das Wissen und die Erfahrung der Werktätigen entwertet und sie der Willkür der Firmenleitung ausliefert.

Was können wir gegen den Burn-out tun?

Der Burn-out ist auch eine Krankheit der Vereinsamung. Die Einsamkeit der Angestellten, die Schwierigkeiten am Arbeitsplatz begegnen, wird durch die Individualisierung der Arbeitsbeziehungen und den allgemeinen Konkurrenzdruck noch gesteigert.
Ein wirksames Gegenmittel gegen die Einsamkeit ist die Solidarität untereinander. Wir müssen solidarische Beziehungen am Arbeitsplatz aufbauen. Der erste Schritt in diese Richtung ist es, mit den Kolleginnen und Kollegen über dieses Vorhaben zu sprechen: Diskussionen darüber zu führen, was eine gute Arbeitsqualität ausmacht, welche Werte die Grundlage für den entsprechenden Beruf bilden. Nicht zuletzt darüber, wie man die Umgangsweisen miteinander verbessern kann und welche anderen Massnahmen man ergreifen sollte.
Um die Arbeit nicht als individuelles Problem zu behandeln, braucht es einen wirklichen Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen über ihre Anliegen. Das ist der erste Schritt. Danach kann man damit beginnen, konkrete Forderungen auszuarbeiten.
Parallel dazu muss man eine weitere Baustelle eröffnen: den Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz, für den seit dem 19. Jahrhundert die SUVA zuständig ist. Dieser ist voller Lücken und zudem veraltet.
Es ist notwendig, dass wir die Kriterien für die Definition von Berufskrankheiten ändern, insbesondere, um die psychischen Probleme und Krankheiten einzubeziehen, die mit der Berufstätigkeit verbunden sind.
Wenn die Unternehmen für diese Krankheiten zahlen müssen, wird dies auch den Arbeitsalltag verändern. Die Gewerkschaften sind an der SUVA beteiligt. Deshalb ist eine gewerkschaftliche Debatte über diese Frage notwendig.

 

Lehrpersonen sind von Erschöpfung bedroht

 

In einigen Studien finden sich besorgniserregende Hinweise zur Gesundheit der Lehrpersonen…

Ja, in der neuesten Erhebung, die vom Institut de santé au travail im Auftrag des Westschweizer Lehrpersonenverbandes (SEV) durchgeführt wurde, geben die Lehrerinnen und Lehrer an, kränker zu sein als die Bevölkerung im Allgemeinen. Was Burn-out betrifft, so sind die Messwerte weit über dem gesellschaftlichen Durchschnitt. Für zwei Drittel der befragten Lehrpersonen ist ihre Berufsarbeit eine Quelle von Stress. Und mehr als sechs von zehn stellen eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen in den letzten fünf Jahren fest.

Wie lassen sich diese Ergebnisse erklären?

Gerade der Service public ist grundlegenden Restrukturierungen unterworfen. Organisationsformen aus der Privatwirtschaft und die Verknappung finanzieller Mittel nehmen zu. Der Bildungsbereich ist von diesen Tendenzen nicht ausgenommen.
Hinzu kommen ständig wachsende, neue Anforderungen, die von Personen ausserhalb des Berufsstandes, z.B. aus der Betreuung oder der Politik, an die Lehrpersonen herangetragen werden. In diesem Kontext werden manche Anweisungen von den Angestellten als eine Nichtanerkennung ihrer Kompetenz und Erfahrung aufgefasst. Zudem werden sie durch diese daran behindert, ihre Arbeit gut zu machen: Wenn eine Lehrperson immer mehr Zeit für administrative Aufgaben aufwenden muss, hat sie nicht mehr genügend Zeit, sich ihren SchülerInnen zu widmen.
Im Jahr 2000 zeigte eine Studie, die im Kanton Waadt durchgeführt wurde, dass jene Lehrpersonen, die am stärksten Burn-out-gefährdet sind, mehr Strafaufgaben verteilten und häufiger das tiefe Niveau ihrer Schülerinnen und Schüler beklagten. Der Burn-out kann mit dazu beitragen, dass Lehrpersonen gegenüber ihrem Beruf und den ihnen Anvertrauten eine zynische Haltung entwickeln. Dabei handelt es sich um eine Abwehrhaltung, mit der die zu grosse emotionale Belastung bewältigt werden soll.   

 

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