Langsamkeit ermöglichen

Dienstag, 17. April 2018, 23:25 152400752811Tue, 17 Apr 2018 23:25:28 +0000, Posted by admin1 in Heft 206, No Comments.

Langsamkeit ermöglichen


Über die Bedeutung von Zeit für Lernprozesse. Notizen einer Lehrperson für integrative Förderung (IF) zu ihrem Unterricht.

Von Susanne Beck

 

8h10: In der Garderobe des Kindergartens begegne ich Tamaro: «Toll! Du bist schon da! Du bist heute der Erste.» – « Ja», erwidert Tamaro stolz, «Weisst du warum?» – «Verrätst du es mir?» – «Ich habe mich gestern Abend schon angezogen, bevor ich eingeschlafen bin».

 

Siddhartas Weisheit

8h15: Die meisten Kinder sind bereits im Klassenzimmer. Ich habe die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sich das Kleiderwechseln der «Nachzügler» nicht in die Länge zieht. Ich klatsche in die Hände und will anspornen: «Husch! Schnell! Kommt! Im Kreis haben sie schon mit dem ‹Zige-zage-zooge› begonnen!» Linus antwortet verschmitzt: «Schnell? Hmm. Ich will langsam sein!» Genüsslich passt er sich die Finken an seine Füsse: «Ich will dir noch etwas sagen: Ich war schon zweimal in Burma und jetzt muss ich wieder dahin». – «Wie ist es in Burma? Ich war noch nie dort?» Linus denkt nach: «Es hat zwar schon mehr Tiere als bei uns…». Im weiteren Gespräch zeigt sich, dass Linus eigentlich gerne in Burma ist, er hat ja seinen Hund, einen richtigen, dort. Hier in der Schweiz hat er nur einen Plüschhund. Aber die Reise im Flugzeug gehe zu lange.

Dank Linus Bekenntnis zur Langsamkeit – sein Zweitname ist übrigens Siddharta – nehme ich mir vor, meine Massstäbe für Geschwindigkeit zu analysieren. Wie oft fühle ich mich gezwungen, rasches Reagieren von Schülerinnen und Schülern einzufordern, obschon eigentlich langsames, durchdachtes Handeln angesagt wäre?

 

Zeitregime mit Schulglocke

8h40: Nach dem Morgenkreisritual bauen wir (drei Kinder mit Auffälligkeiten im Verhalten und ich) Hütten aus Schachteln und Tüchern in einem Raum neben dem Klassenzimmer. Wir sind Bauleute und tauchen ins Rollenspiel ein: «Ich bin der König» – «Ich die Prinzessin» – «Ich will ein Ritter sein» – «Und du?» Die Kinder schauen mich fragend an: «Bist du wieder die Oma, wie letztes Mal?» Voller Eifer und Power holen die Kinder Kartonschachteln vom Keller herauf. Die SchülerInnen steigen gerne in den Keller hinunter. Schachteln herauf transportieren, die zum Teil viel grösser sind als sie selber, ist eine Arbeit, mit der sie sich identifizieren. «Darf ich die grösste Schachtel alleine herauftragen?» Das Bauen und Spielen geschieht mit grosser Intensität. Clemens errichtet sich in Windeseile ein Schloss: «Es ist für mich allein. Ich bin der König». Er wird von den andern beiden bewundert. Prinzessin Lucie jammert: «Das kriege ich nie hin.» Doch, oh weh, als der König in seine Traumresidenz hineinkriecht, stürzt alles über ihm zusammen. Er ist verzweifelt. Ich versuche ihn zu trösten: «Das war eben ein Luftschloss! Wir helfen dir ein neues Schloss bauen, eines, das auf einem starken Fundament steht. Eine Burg, in der der König mit seinen Mitarbeitern zusammenlebt». Nun wird erst wahrgenommen, dass Ritter Kilian bereits ein Schlossfundament errichtet hat. ….

9h35: Kaum in den Bau- und Spielprozess eingetaucht, klingelt eine Glocke. «Zusammenräumen!» – «Was, jetzt?». Enttäuschte Gesichter. Mittendrin muss alles abgebrochen werden und mehr noch: innert fünf Minuten sollte auch bereits aufgeräumt sein. In solchen Momenten, würde ich meinen IF-Auftrag am liebsten an den Nagel hängen. Wie sollen die SchülerInnen das Dranbleiben und Eigeninitiative entwickeln, wenn Stundenplan und Raumverhältnisse jede Tätigkeit zerreissen?

9h40: Die Zeit hat noch gereicht, dass jedes Kind wenigstens eine Schachtel in den Keller zurücktransportiert und mit einem Gspänli ein Leintuch zusammengefaltet hat. Die SchülerInnen haben sich schnell darauf eingestellt und Enthusiasmus fürs Aufräumen entfacht. Auch diese Tätigkeit kann jedoch nicht zu Ende geführt werden. Die SchülerInnen werden wiederum gebremst. Dieses «Nicht-vollständig-Zusammenräumen» ist äusserst unpädagogisch. Hätte ich anstelle des Bauprojekts mit den drei SchülerInnen zum Beispiel Würfelspiele gemacht, wäre jetzt alles zur Zeit auf den Punkt gebracht und sauber im Schrank versorgt. Ich räume die Baustelle in Eile selber auf, verabschiede mich von der Klasse und eile ins andere Quartierschulhaus. Ausser Atem und ohne Pause erreiche ich das Klassenzimmer der 2. Klasse, wo ich stellvertretend für die erkrankte Lehrperson Lektionen übernehme.

 

Keine Geschichten, sondern Zeichnen

10h10: Motiviert trete ich ins Klassenzimmer, meinen Begrüssungswortschatz memorisierend: «buonas dias, dobar dan, rojbas, günaydin, namastei, goodmorning, dober dan, sabachei, bonjour …» Ich schäme mich, dass ich es noch immer nicht schaffe auf Tigrinya, Kurdisch, Paschtunisch… guten Tag zu sagen. Von den 18 Kindern sprechen zwei Deutsch. Drei Kinder sind in den letzten Wochen noch neu dazugekommen. Welche Nationalitäten haben diese? Ich werde das Begrüssen später einmal für alle zum Thema machen. Das wird helfen, die Konflikte, die sie untereinander austragen, zu mildern.

Die Klasse bemerkt mich kaum. Die Kinder sind aufgewühlt. Was hat sich wohl in der Pause wieder abgespielt? Ich möchte beginnen, will aber nicht in den Lärm hineinlärmen. Ich nehme meine Mundharmonika und beginne zu spielen. Gut, das Beruhigungsmittel ist gefunden. Die Begrüssung und das Bekanntgeben des Programms gehen über die Bühne. Michi meldet sich. Die Schlägerei in der Pause sollte besprochen werden, fordert er selbstbewusst. Ich erkläre, dass ich dies schon vorhätte, aber nicht gerade sofort. Die Klasse ist aber kaum mehr zu bremsen. Alle nehmen unmittelbar Stellung zum Vorfall in der Pause. Ich will aber mein Programm durchsetzen. Ich nehme meine Mundharmonika und stosse sirenenartige Töne in die Luft. Dieser Effekt bewährt sich für einen Augenblick. «Wir beginnen mit dem 1. Punkt des Programms, mit der Geschichte vom Schmied von Fumel», mein Start wird bereits nicht mehr wahrgenommen. Das Stimmengewirr lässt erkennen, dass die Streitereien in der vergangenen Pause die Gemüter erneut beschlagnahmt haben. Ich lasse mich nicht hineinziehen und packe mein Anschauungsmaterial aus. Ich öffne eine Schachtel mit Hufeisen. Mit einem Hammer schlage ich daran. Dann lasse ich Alban damit weiterfahren. Das schlägt ein. Einige zeigen, dass sie dasselbe wie Alban tun möchten. Nun verweise ich auf die Smile-Regeltafel an der Wand, drücke meinen Zeigefinger auf meinen Mund, zische «psssssst» – der Lärmpegel sinkt kaum. Ich verteile weitere Hufeisen und Hämmer an diejenigen SchülerInnen, die still dasitzen. Das hilft endlich. Ich kann den Unterricht beginnen. Wir steigen durch Hufeisenklänge und Rhythmen ins Thema «Schmied» ein. Wir klären Schlüsselbegriffe des Märchens anhand von Bildern und Gegenständen, und schliesslich wage ich es und beginne, die Geschichte zu erzählen. Eine permanente Unruhe bringt mich aber bald aus dem Konzept. «Es verstehen die Geschichte nicht alle. Deshalb die Unruhe», denke ich laut.

Dann unterbreche ich und weise darauf hin, dass die Bilder, die an die Tafel geheftet sind, abgezeichnet werden können. «So sollten wenigstens alle etwas zu tun haben». Ich erzähle weiter. Die Unruhe setzt sich wiederum durch. Ich unterbreche wieder. «Ich sehe niemanden zeichnen. Warum?» Marcel meldet sich: «Viel zu schwierig!» – «Aha. Wir zeichnen also zusammen.» Erlöstes Nicken. Ich nehme die Kreide und zeichne langsam ein Pferd. Jetzt zeichnen die meisten mit. Sie sehen, wie die Zeichnung entsteht und können Schritt für Schritt mitmachen. Ich frage: «Wer hat schon ein Pferd gesehen?» Alle strecken auf, einige lachen. «Wer hat schon ein wirkliches Pferd gesehen, nicht eines vom Telebildschirm?» Einige Zeigefinger senken sich zögernd. Die ursprünglich geplante Erzählstunde wird zu einer erfreulichen Zeichenstunde.

11h: Wir gehen auf den Pausenhof. Wir machen das beliebte «Boydyguard-Spiel». Die Kinder, die in der Pause geplagt wurden (von Kindern einer andern Klasse) werden von «Bodyguards» (Spielgruppe mit roten Bändeli) umringt, und diese versuchen als Leibwächter ihre Schützlinge «heil» auf die andere Seite des Pausenhofes zu bringen. Während die andere Gruppe, die Räuber (Spielgruppe mit grünen Bändeli), versucht, in den Schutzring einzudringen und die Schützlinge zu berühren. Allerdings riskieren die Angreifer dabei «ihr Leben». Denn die Bodyguards haben den Auftrag, die sich heranpirschenden Räuber durch Berührung zum Erstarren zu bringen.
Ich verspreche der Klasse schliesslich, mit der Lehrperson der anderen Klasse, die am Pausenkonflikt beteiligt war, Kontakt aufzunehmen.

11h45: Konferenzartige Mittagspause im Lehrerzimmer.

 

«Wer es wagt langsam zu sein, hat die besten Chancen einmal schnell zu werden.»

 

Notenallergie und Wissensdurst

13h45: Ich werde in einem anderen Quartierschulhaus zu einem Besuch in die 3. Klasse gebeten, um Vitus zu beobachten und zu unterstützen. Er bekomme halbstündige Krämpfe, wenn er eine mittelmässige, anstatt, wie er es selber von sich fordert, eine gute bis eine sehr gute Note in Empfang nehmen müsse. In der Handarbeit würde heute der Notenschnitt der bisherigen Semesterarbeiten bekannt gegeben. Spontan habe ich bereits zurückgemeldet, man könne in Erwägung ziehen, Vitus vorübergehend von den Noten zu befreien. Warum sollten nur Kinder mit allzu schlechten Noten von der Noten-Normierung «befreit» werden? Ich treffe Vitus in der Garderobe und wir gehen zusammen zum Handarbeitszimmer. Ich versuche Kontakt zu ihm zu finden. «Was machst du am liebsten?», frage ich. «Denken», antwortet Vitus, ohne zu zögern. Im Klassenzimmer gibt die Lehrperson bekannt, dass sie ihren Laptop vergessen habe, und folglich in dieser Stunde die Notenwerte nicht bekannt geben könne. Die Kinder schneiden aus einem Stoffe Portraits aus und nähen diese mit oder ohne Nähmaschine auf andere Stoffe auf, welche auf Kartons aufgespannt werden. Vitus und ich arbeiten zusammen und tauschen Gedanken aus über die Arbeit und auch deren bevorstehende Bewertung. Zum Schluss sagt Vitus zu mir, er glaube nicht, dass er seinen Notenschnitt in dieser Lektion verbessert hätte, aber er hätte Freude an seiner Arbeit. Ich frage ihn: «Was hast du dir eigentlich für ein Portrait ausgesucht?» – «Es ist die Grossmutter eines Polizisten.» – «Habt ihr Polizisten in der Verwandtschaft oder im Bekanntenkreis?» – «Nein, es ist einfach die Grossmutter eines Polizisten.» Er lächelt geheimnisvoll.

14h35: Für die letzte Lektion eile ich wieder ins andere Schulhaus zurück, um mit drei Kindern aus der 1. Klasse das Erkennen der Buchstaben zu üben. Dazu hole ich sie aus der Klasse heraus. Ein viertes Kind gesellt sich zu uns. Es ist Rudolf – bei ihm wird eine Hochbegabung vermutet. Ich schaue ihn an und er fragt mich: «Darf ich auch mitkommen? Ich kenne alle Laute schon gut. Aber ich möchte sehen, wie du die Buchstaben einführst.» Die Lehrkraft zwinkert mir zu. Er kann mitkommen. Er wird den andern eine Unterstützung sein.

 

Im eigenen Tempo lernen

Abends nehme ich mir Zeit zum Reflektieren. Damit Tamaro morgens schnell genug ist, zieht er sich schon am Vorabend an. Wie originell! Linus will langsam sein. Wie selbstbewusst! Clemens lernt langsamer und dafür stabiler zu bauen. Was für ein wichtiger Prozess! Die Kinder wollen ihre Kulissen zum Spielen selber anfertigen. Deshalb geht die Lektion zu schnell vorbei. Die Erzählstunde kann ich nicht so schnell beginnen wie geplant. Für die vielsprachige Klasse muss zuerst eine Erlebnis- und Begriffsgrundlage geschaffen werden. Dadurch wird das Programm verlangsamt. Das macht so aber Sinn. Nach der Pause lernen die SchülerInnen, dass ein Problem nicht immer sofort gelöst werden kann. Es braucht Zeit, bis die Lehrkräfte sich treffen können. Vielleicht wäre es gut für die «Psych-Hygiene», wenn die Lehrkräfte in der Mittagspause zusammen etwas Sport treiben und dann gemütlich essen würden, anstatt alle Probleme gleich während dem Picknick lösen zu wollen. Muss eine Lehrkraft die Noten einem Kinde bekannt geben, solange dieses gefährdet ist, Krämpfe zu bekommen? Vitus braucht etwas Zeit, bis er gedanklich den Weg gefunden hat, auch mit mittelmässigen Noten leben zu können. Sollen Kinder, die die Buchstaben im ersten Halbjahr noch nicht erkennen, separiert üben? Wie schnell muss ein Kind lesen können? Die Schnellen lernen viel, indem sie den Langsamen helfen. Das ist eine alte pädagogische Tatsache.

Für die IF-Lehrperson gilt vor allem, dafür zu sorgen, dass die Kinder, dort wo sie stehen, in ihrem Tempo Schritte machen können. Ich darf und muss Langsamkeit vertreten und ermöglichen in meinem Beruf. Die Kinder haben das Recht, mit ihren Lernprozessen dort anzusetzen, wo sie stehen. Ihr Lerntempo sollte vorerst keine Rolle spielen. Es wird sich in individueller Gestalt herauskristallisieren und dann das richtige sein. Wer es wagt, langsam zu sein, hat die besten Chancen, einmal schnell zu werden.

Mediengeschädigte Kinder lechzen nach urtümlichen Spielerfahrungen. Kinder, die noch nie ein Pferd gesehen haben, sollten auf den Bauernhof gebracht werden und auf elementare Weise die Natur kennenlernen. Kinder, die nicht mehr stillsitzen können, sollten draussen Bewegungsspiele machen. Tätigkeiten, die früher selbstverständlich in der Freizeit abgedeckt wurden, muss die Schule heute nachholen. Dies braucht Zeit und verlangsamt vorübergehend scheinbar das Lernprogramm. Diese Zeit kann aber wieder eingespart werden. Denn die Schule muss heutzutage nicht mehr so viele Informationen vermitteln wie früher. Die SchülerInnen holen sich diese mittlerweile sehr schnell selber im Internet.

Das soziale Lernen ist dagegen heute in Kleinfamilien nur noch beschränkt möglich. Wo können die SchülerInnen aber lernen, ihre eigene Rolle zu bestimmen und zu leben und Konflikte gewaltfrei zu lösen? Wenn man im Unterricht an solchen Grundfesten bauen will, braucht es auch dafür vor allem eines: Zeit.

Susanne Beck arbeitet seit zwei Jahren als IF-Lehrperson in Biel. Zuvor war sie in verschiedenen alternativen Schulprojekten tätig. Mit 57 Jahren absolvierte sie die Pädagogische Hochschule als «Quereinsteigerin», nachdem sie mit 17 aus dem Lehrerseminar ausgestiegen war.


Foto: giulietta73 / photocase.de

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