Wie die Tagesschule einen Mehrwert darstellt

Dienstag, 17. April 2018, 23:10 152400665611Tue, 17 Apr 2018 23:10:56 +0000, Posted by admin1 in Heft 206, No Comments.

Wie die Tagesschule einen Mehrwert darstellt


Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren haben entwicklungsspezifische Bedürfnisse. Eine gute Tagesschule muss diese berücksichtigen.

Von Christine Neresheimer

 

Emma ist verzweifelt. Dicke Tränen kullern über ihre Wangen. Sie hat vergessen, ihr neues Stickeralbum in die Schule zu bringen und ausrechnet heute ist doch der «Zeigitag». Die Erstklässlerin besucht die Tageschule Bubental in Wallisellen und hat Glück, dass sie rasch Hilfe erhält. Die Lehrperson, welche die Auffangzeit am Morgen leitet und Emma nach dem Frühstückstisch in Empfang genommen hat, reagiert prompt und ruft zu Hause an. Die grosse Schwester kann das Album auf dem Schulweg vorbeibringen. Damit sind die Tränen rasch getrocknet und Emma nimmt ein Spiel mit ihrer Freundin auf.

So oder ähnlich könnte es ablaufen in einer Tagesschule. Natürlich geschehen solche Szenen auch an anderen Schulen und es wird ähnlich prompt reagiert. Dennoch: Tagesschulen brauchen in der Summe andere Rahmenbedingungen als herkömmliche Schulmodelle.

Was benötigen denn Kinder im Alter von sechs bis zehn Jahren, damit eine Tagesschule ein Ort des Miteinanders sein kann? Welche Kompetenzen und Fähigkeiten bringen Kinder in diesem Alter schon mit? Was könnten mögliche Gelingensbedingungen sein, die eine gute Tagesschule für diese Alterssparte ausmachen?

 

Wertschätzende Atmosphäre

Christian Goetz, Schulleiter der Schule Bubental, nennt an erster Stelle, dass die Zusammenarbeit im Team, insbesondere die gemeinsamen Haltungen und Werte, der zentrale Faktor ist, wenn eine Tageschule für alle ein Ort des Miteinanders werden soll. «Dazu braucht es ein eingespieltes, am besten langjähriges Team, welches sich vertrauen kann und Verschiedenartigkeit lebt und respektiert», so Goetz. Das Schulhaus, das vier Kindergärten und sechs Unterstufenklassen umfasst, hat erst vor zwei Jahren auf das Modell Tagesschule umgestellt, die Umstellung aber schrittweise realisiert. Im ersten Jahr wurde nur der oberste Stock eine Tagesschule, das restliche Schulhaus blieb eine herkömmliche Schule. «Durch diese Erfahrungen konnten wir laufend Anpassungen vornehmen und gleichzeitig zeigen, dass das Modell Tagesschule in unseren Augen einen pädagogischen Mehrwert darstellt. Die Kinder sind generell ruhiger, wir haben deutlich weniger Disziplinarprobleme und es herrscht den ganzen Tag über eine familiäre Atmosphäre. Das rührt sicherlich auch daher, dass Betreuende und Lehrpersonen von allen als gleichwertig angesehen werden und die gleichen Regeln vertreten», so Goetz weiter.

 

Altersgerechte Infrastruktur

Betrachtet man den Entwicklungsstand von Unterstufenkindern, dann ist nicht nur eine wertschätzende Atmosphäre von Bedeutung. Eine altersgerechte Infrastruktur, welche den Bedürfnissen von Unterstufenkindern gerecht wird, ist vermutlich ebenso zentral. Die körperliche und motorische Entwicklung von Kindern in diesem Alter ist gekennzeichnet durch eine rasche Zunahme von Körperkraft und Bewegungsfähigkeit. Dadurch zeigen die Kinder einen hohen Bewegungsdrang. Beliebte Körperspiele bei beiden Geschlechtern sind Lauf- und Ballspiele oder Spiele mit schnellen oder gezielten Bewegungsabfolgen. «Wir haben viel Platz und Raum für solche Spiele, sowohl drinnen wie auch draussen. Wichtig für uns ist, dass die Kinder sich mehrmals am Tag draussen aufhalten, unabhängig vom jeweiligen Wetter», betont Christian Goetz.

 

Lernförderung durch Interaktion

Eine Schule ist aber nicht nur ein Ort des Bewegens und Spielens, auch die Förderung des Denkens und der kognitiven Entwicklung sind zentral in diesem Alter. Die Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit und die Gedächtnisleistungen nehmen in der Entwicklung weiterhin rasch zu. Kinder sind zunehmend in der Lage, Gedächtnisstrategien zu entwickeln und mehrere Aspekte einer Situation zu erfassen. Daneben zeigen sich in dieser Entwicklungsphase Verbesserungen in den kognitiven Kontrollleistungen. Das bedeutet, dass sie immer besser lernen, relevante Informationen zu behalten. Sie können damit bereits begonnene und automatisierte Handlungen bewusst stoppen. Zudem gewinnen sie eine zunehmende Flexibilität bei der Bewältigung von kognitiv herausfordernden Aufgaben. Ein zentraler Aspekt in der kognitiven Entwicklung ist, dass Kinder in Tests signifikant besser abschneiden, wenn sie mit der Umwelt handelnd interagieren können, also eine komplexe Aufgabe auch mit konkreten Materialien durchführen können (z.B. aus Dreiecken Quadrate zu bilden o.ä.)1.

«Tagesschulen sind in unseren Augen in hohem Masse lernfördernd. Die Kinder sind nicht nur während des Unterrichtes kognitiv herausgefordert, sie haben auch in den betreuten Zeiten immer eine Bezugsperson, welche Angebote aller Art machen kann, wenn die Kinder das wünschen. Das kann das gemeinsame Musizieren, das Verfassen eines Textes am Computer oder das Legen eines Memorys sein», so Goetz.

 

Umgang mit Emotionen

Zwei weitere Entwicklungsbereiche sind für Kinder der Unterstufe von grosser Bedeutung, die soziale und emotionale Entwicklung. Emotionen sind gekennzeichnet durch körperliche Reaktionen, subjektive Gefühle, mit diesem Gefühl zusammenhängende Kognitionen und häufig dem Wunsch, etwas unmittelbar zu tun2. Kinder entwickeln bereits im Alter von 18 Monaten selbstbezogene Emotionen wie Verlegenheit, Stolz, Scham oder Schuld. Im Vorschul- und Schulalter differenzieren sich diese selbstbezogenen Emotionen immer mehr. Selbstbezogene Emotionen spielen bei der erfolgreichen oder misslungenen Erledigung von Aufgaben eine wichtige Rolle für den Aufbau von Motiven (z.B. der Leistungsmotivation) und beeinflussen damit neben dem Selbstwert auch die Selbstwirksamkeit.

Ein wichtiger Schritt in der emotionalen Entwicklung ist die Regulierung von Emotionen. Der Einsatz effektiver Strategien zur Regulation und Bewältigung von negativen Emotionen, die nun auch durch beispielsweise soziale Vergleiche entstehen können, ist im Hinblick auf den Selbstwert von Heranwachsenden wichtig. Kinder im Kindergarten und der Unterstufe sind in dieser Hinsicht zum Teil noch stark auf die Emotionsregulation von Bezugspersonen angewiesen. Im Austausch mit Bezugspersonen lernen sie beispielsweise immer besser mit negativen Ereignissen umzugehen. «Kinder werden häufig überschätzt in der Regulierung von Emotionen. Von Unterstufenkindern wird erwartet, dass sie sich selber über lange Zeit beherrschen können, was eben häufig nicht der Fall ist», so die Psychologin Karin Zopfi Bernasconi. «Kinder brauchen verlässliche Bezugspersonen, welche in ähnlichen Situationen ähnlich reagieren. Nur so lernen Kinder, ihre Emotionen zu regulieren», so Zopfi Bernasconi weiter.

Das Soziale wird in der Tagesschule Bubental grossgeschrieben: «Wir haben ein eigenes Lied komponiert, welches oft gesungen wird. Darin enthalten sind unsere Werte und was uns wichtig ist», so Christian Goetz. Er selbst beobachtet, dass sich in den zwei Jahren seit Beginn der Tagesschule vermehrt stabile Freundschaften unter den Kindern bilden, dass sich Kinder eher respektieren und generell umgänglicher geworden sind.

 

Fazit

Last but not least muss erwähnt werden, dass Entwicklung, Förderung und das Wohlbefinden von Kindern stark abhängig von der jeweiligen Umwelt ist, in welcher die Entwicklung stattfindet. «Ohne die Partnerschaft mit den Eltern, der Schulpflege, den Diensten der Gemeinde und allen weiteren Akteuren des Schulfeldes, kann keine gelingende Tagesschule entstehen. Nur wenn alle kooperieren, gelingt das Projekt Tagesschule und die Kinder fühlen sich wohl», ist sich Goetz sicher. Oder mit den Worten von Emma, auf die Frage, wo sie sich wohl fühle: «Ich fühle mich an zwei Orten wohl, im Familien-Zuhause und im Schul-Zuhause.»

Christine Neresheimer ist Psychologin und leitet an der Pädagogischen Hochschule Zürich den Bereich «Bildung und Erziehung (Lernen und Entwicklung) Primarstufe».

 


Foto: Christian Goetz

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