Wer baut die siebenstündige Schule?

Dienstag, 17. April 2018, 22:35 152400454010Tue, 17 Apr 2018 22:35:40 +0000, Posted by admin1 in Heft 206, 1 Comment.

Wer baut die siebenstündige Schule?


Tagesschulen – oder auch Ganztagsschulen – sind das Gebot der Stunde. Es ist keine Frage, ob sie kommen, sondern wie schnell, in welcher Qualität – und auf wessen Kosten.

Von Christine Flitner

 

Die Argumente für Tagesschulen sind nicht zu widerlegen, und nur hartnäckige Retros halten daran fest, sie im Prinzip zu bekämpfen oder den Bedarf zu bestreiten. Bei der konkreten Umsetzung gibt es aber viele Fragezeichen, und so finden sich gerade bei den direkt Betroffenen neben flammenden BefürworterInnen auch klare KritikerInnen – mit beachtenswerten Gründen. Während sich die öffentliche Diskussion um Berufstätigkeit von Eltern, Verschleuderung von Human Ressources und Sprachförderung von Kindern dreht, ist wenig von den Arbeitsbedingungen der Personen die Rede, welche die Sache zum Laufen bringen müssen – das Betreuungspersonal, die Lehrpersonen, wie auch die Schulhauswarte und das Reinigungspersonal.

In Abwandlung zu Bertolt Brechts lesendem Arbeiter ist man geneigt zu fragen:

Wer baut denn die siebenstündige Schule?

In den Zeitungen liest man die Namen von Politikern. Stehen die im Klassenzimmer?

Die Parteien sorgen für einen Mittagstisch. Hat es nicht wenigstens eine Köchin dabei?

Die Fraktionen engagieren sich für die Förderung der Kinder. Wer engagiert sich ausser ihnen? Wer bezahlt die Spesen? Und wer räumt am Abend auf? So viele Fragen!*

Die Bedingungen der Personen, welche in der Tagesschule arbeiten, werden zu wenig thematisiert. Dabei gibt es aus der Sicht des Personals einige konkrete Probleme, welche gelöst werden müssen, wenn die Tagesschule einen echten pädagogischen Mehrwert bieten soll, denn die Qualität der Tagesschule steht in engem Zusammenhang mit den Personen, welche sie im Alltag umsetzen. Nahezu alle Kantone und Gemeinden verfolgen zurzeit ein Modell der Tagesbetreuung, welches Schule und Betreuung getrennt betrachtet. Das führt zu Fragen, welche sich nur lösen lassen, wenn sie gezielt angegangen werden. Worum geht es?

 

Zerstückelte Pensen

Das Denken in Blöcken und getrennten Zuständigkeiten führt dazu, dass das Betreuungspersonal mit zerstückelten Kleinpensen konfrontiert ist. Morgenschichten vor der Schule, Mittagstischbetreuung und je nachdem noch eine bis mehrere Stunden am Nachmittag ergeben kein ganzes Pensum, sondern zwingen zur Teilzeitarbeit, manchmal mit grossen Löchern dazwischen. Arbeitgeber – auch öffentliche wie die Stadt Zürich – verlangen ausserdem immer häufiger, dass auch Teilzeitkräfte an vier bis fünf Tagen der Woche zur Verfügung stehen. Es ist für die Betroffenen also kaum möglich, eine weitere Stelle anzunehmen.

«[…] dass die Vereinbarkeit von Familien- und Berufsarbeit […] einen hohen Preis hat, der von anderen Frauen bezahlt wird.»

Erzwungene Flexibilität und unattraktive Pensen führen dazu, dass sich vor allem Personen für die Arbeit interessieren, die keine andere Wahl haben, typischerweise Frauen mit Verpflichtungen, welche ihre Einbindung in den Arbeitsmarkt mit erhöhter Flexibilität zu geringen Löhnen erkaufen müssen. Gut ausgebildete und abgesicherte Personen kehren dem Beruf den Rücken.

Auch das Reinigungspersonal ist von einer solchen unfreiwilligen Flexibilität betroffen und muss immer häufiger Kleinpensen zu familienfeindlichen Abendzeiten hinnehmen.

Pointiert kann man sagen, dass die Vereinbarkeit von Familien- und Berufsarbeit, welche für die Frauen durch Tagesschulen ermöglicht werden soll, einen hohen Preis hat, der von anderen Frauen bezahlt wird.

 

Konzepte für Zusammenarbeit

An den meisten Orten gibt es noch zu wenig Überlegungen zur Zusammenarbeit der Lehrkräfte und Betreuungspersonen, und auch keine Gefässe dafür. Jede Schule müsste dazu ein Konzept haben. Dieses muss unter anderem beantworten, wann und wo der Austausch zwischen Lehrpersonen und Betreuungspersonen stattfindet, wie die Verantwortlichkeiten geregelt sind und wie die Kommunikation nach aussen geschieht. Auch der Austausch über pädagogische Fragen und Vorstellungen muss stattfinden.  Zudem braucht es Ideen, wie die Lehrkräfte in die Betreuung und wie das Betreuungspersonal in den Unterricht einbezogen werden. Für die Lehrerinnen und Lehrer ist daran auch die Frage geknüpft, wie die Mitarbeit in der Betreuung an ihre Arbeitszeiten angerechnet und wie sie bezahlt wird.

Austausch und Zusammenarbeit braucht es aber auch mit den weiteren Berufsgruppen: Wenn die Schulräumlichkeiten auch durch die Betreuung genutzt werden, wirkt sich das auf die Arbeitszeiten der Hauswarte und des Reinigungspersonals aus. Auch die (wünschenswerte) Nutzung der Pausenflächen, Turnhallen oder Werkräume braucht Absprachen und Klärung nicht nur zwischen Lehrkräften und Betreuung, sondern auch mit dem technischen Dienst. Die Mehrarbeit, welche so für den Hausdienst entsteht, muss berücksichtigt und honoriert werden, je nach Umfang auch mit Aufstockung der Stellen.

Wenn Klassenzimmer mehrfach genutzt werden, braucht es ebenfalls Absprachen und feste Gefässe für den Austausch zwischen Lehrkräften und Betreuung. Wenn die Betreuung ausserhalb des Schulhauses stattfindet, muss geregelt sein, wer die Verantwortung für Schulwege und gegebenenfalls Begleitung hat.

Schliesslich ist auch immer wieder von der Zusammenarbeit mit Drittanbietern die Rede – Musikschulen, Sportvereinen, Jugendzentren. Grundsätzlich ist es sinnvoll, gerade bei älteren Kindern, diese Angebote in der Tagesschule mitzudenken und sie einzubinden. Aber es braucht klare Abmachungen und Verträge mit den Anbietern, welche den Rahmen und wiederum die Verantwortlichkeiten regeln.

 

Verdichtung

Tagesschulen und Tagesbetreuung sind ein Erfolgsmodell. Wo immer sie verlässlich und bezahlbar angeboten werden, steigt die Nachfrage der Eltern steil an und wirft schnell mal die Budgetplanung der Gemeinden über den Haufen. Statt mehr zu investieren und die notwendige Qualitätsentwicklung voranzutreiben, führt das an den meisten Orten zur «Verdichtung»: Mit den gleichen Mitteln sollen mehr Kinder betreut werden. Die Folgen: mehr Kinder pro Betreuerin, weniger Platz und weniger Rückzugsmöglichkeiten für die Kinder, weniger Zeit für die einzelnen Kinder, Zwei-Schichten-Betrieb beim Mittagessen, mehr Lärm, weniger ausgebildetes Personal.

Man könnte meinen, es gebe keine Erkenntnisse dazu, was pädagogisch nützlich und sinnvoll ist, welche Rahmenbedingungen förderlich für Kinder sind und was es braucht, damit sinnvolle Beziehungen zwischen Kindern und ihrer Betreuung entstehen. Die Erkenntnisse gibt es (wie auch die Beiträge in diesem Heft zeigen), aber sie fliessen in die Planung zu wenig ein. Nach wie vor gibt es in keinem Kanton und in keiner Gemeinde pädagogisch begründete Stellenschlüssel – Bildung und Förderung der Kinder werden als Mitnahme-Effekt angesehen, der gratis dazu kommt, wenn man den Kindern ein Mittagessen gibt. Das ist natürlich Unsinn, wird aber trotzdem so gehandhabt. Leidtragende sind die Kinder und das Personal.

Tagesschulen sind wichtig, notwendig, kinder- und familienfreundlich und sie haben ein enormes Potential – aber nur, wenn das Personal nicht auf der Strecke bleibt!

Christine Flitner ist VPOD-Zentralsekretärin und  Präsidentin des Vereins «Bildung und Betreuung Schweiz».

*  Das Originalgedicht von Bertolt Brecht «Fragen eines lesenden Arbeiters» können wir hier leider nicht abdrucken, aber es findet sich im Internet und verdient es, (mal wieder) gelesen zu werden.


Foto: zettberlin / photocase.de

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1 Comments

Dienstag, 3. Juli 2018 13:43

Dominique Blickenstorfer

Sehr geehrte Frau Flitner!

Ihre VPOD-Homepage habe ich mit sehr grossem Interesse gelesen. Und stelle mir zum Thema Bildungspoltik folgende Frage: Trotz einigen erreichten -auch auf staatlicher Schulebene -erreichten Fortschritten in der schulischen Individualbegabungs-Förderung verharren viele Schulen und insbesondere die Gymnasien auf reine Wissensreproduktion statt Verknüpfung mit den Interessen und Begabungen der Lernenden.

Wobei dies noch zurückgeht auf den deutschen Humanismus des 15.Jahrhunderts. Demgegenüber plädieren Pestalozzi, Rousseau und Plato für das demokratische Staats,-und Bildungsbürgertum, nach welchem jedes Individuum nach seinen Interessen und Begabungen seinen Beitrag zum Gemeinwohl leisten soll. Wie lässt sich für Letzteres die Werbetrommel rühren? Gerne würde ich mit Ihnen darüber austauschen-sei es über leopard.blicky@gmail.com oder auch persönlich. Lassen Sie mich einfach wissen, wann in diesem Monat oder nach den Sommerferien 2018 Gelegenheit dazu bietet

Gruss Dominique Blickenstorfer

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