Digitale Schule?

Samstag, 10. März 2018, 22:19 152072035810Sat, 10 Mar 2018 22:19:18 +0000, Posted by admin1 in Heft 205, No Comments.

Digitale Schule?


Bedingungen, Chancen und Risiken digitalen Lernens.

Von Roland Näf

Die Digitalisierung ist längst in allen Bildungsinstitutionen angekommen, nicht nur mit den Smartphones der Schülerinnen und Schüler. Digitale Hilfsmittel prägen auch die Arbeit der Lehrpersonen: Kommunikation, Unterrichtsvorbereitung und Administration. Ebenso gewinnen bei den Lernenden Internet-Recherchen, Apps zum Üben und Clouds zum Datenaustausch an Bedeutung. Die Fachdiskussion zu Chancen und Risiken bezieht sich auf die Folgen fürs Lernen. Die Prognosen bewegen sich zwischen grossen Ängsten und Euphorie für die Chancen des digitalen Kompetenzerwerbs. Der Neurologe Manfred Spitzer befürchtet, dass Kinder durch Computer und Smartphones «dumm, dick und aggressiv» würden, während die Journalisten Dräger und Müller-Eiselt eine «Digitale Bildungsrevolution» erwarten.

Vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen in der Volksschule formuliere ich im Folgenden Bedingungen für den Einsatz digitaler Lernmedien. Ebenso wichtig sind Überlegungen zum Einfluss digitalen Lernens auf den sozialen Zusammenhalt, das Berufsbild der Lehrpersonen und die Entwicklung sozialer und kreativer Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler. Für eine prognostische Einschätzung der Auswirkungen der Digitalisierung erachte ich einen weiteren Aspekt als sehr wichtig: digitale Kompetenzmessung und Output-Orientierung.

 

Digitale Lehrmittel

Banales zum Einstieg, eine Conditio sine qua non: Wie viele Lehrpersonen ärgern sich täglich über nicht funktionierende Netzwerke, ein langsames WLAN oder zu wenig Geräte? Bevor wir uns mit digitalen Lehrmitteln auseinandersetzen, ist eine ausreichende Infrastruktur sicherzustellen. Das lässt sich nicht erreichen mit ein paar wenigen Geräten und mangelhaftem Support. Es braucht professionelle Betreuung durch Informatik-Fachleute wie in jeder grösseren Firma, sonst werden viele Lehrpersonen auf den Einsatz digitaler Medien verzichten. Die ernüchternden Erfahrungen mit Fremdsprach-Software haben dazu geführt, dass, obwohl diese obligatorisch ist, oft auf die digitale Unterstützung verzichtet wird. Allerdings wird mit der Einführung des Faches «Medien und Informatik» zurzeit an vielen Schulen die teure Infrastruktur ausgebaut und hoffentlich auch professionelle Informatik-Betreuung vor Ort eingeplant.

«Lernende werden in einigen Jahren nicht mehr 80 Prozent der Unterrichtszeit mit Zuhören verbringen»

Eine gut funktionierende Infrastruktur bietet aber noch keine Gewähr für erfolgreiches digitales Lernen. Um Bücher zu ersetzen, müssen digitale Lehrmittel erstens ebenso hohen didaktischen und fachlichen Ansprüchen genügen. Zweitens müssen sie gegenüber dem analogen Lernen einen klaren Mehrwert bieten, sonst lässt sich der Aufwand nicht rechtfertigen. Welche Qualitätsmerkmale belegen diesen Mehrwert? Online-Lehrmittel können sich in Bezug auf die Aktualität der Inhalte profilieren, eine regelmässige Aktualisierung vorausgesetzt. Als Kontrast erwähne ich inhaltlich hoffnungslos veraltete Texte in Lehrmitteln der Unterrichtssprache. Mit älteren literarischen Texten, wie sie nach wie vor an unseren Schulen eingesetzt werden, wecken wir die Lese-Neugierde der digital geprägten Schülerinnen und Schüler selten. Nötig sind aktuelle Inhalte aus möglichst vielen gesellschaftlichen Bereichen. Ein weiterer Mehrwert digitaler Inhalte ist deren Verlinkung. Sie ermöglicht den Lernenden individuellen Interessen zu folgen und das Wissen zu vertiefen.

Das Stichwort Individualisierung führt zum stärksten Argument für die Digitalisierung von Lehrmitteln. Bereits um 1800 verortete Johann Friedrich Herbart das Hauptproblem des Unterrichts mit der «Verschiedenheit der Köpfe». In Bezug auf das «Leiden an der Heterogenität» folgen Lehrpersonen nach wie vor dem Ratschlag des ersten deutschen Pädagogik-Professors, Ernst Christian Trapp: «Den Unterricht auf die Mittelköpfe zu kalkulieren». Auch 2018 sollen Lernende in erster Linie zuhören. Abhängig von den grossen persönlichen Unterschieden langweilen sich viele durch Unterforderung oder klinken sich aus durch Überforderung. Weitgehende Individualisierung gelingt nur sehr engagierten Lehrpersonen mit fragwürdigem Arbeitspensum.

Hier sehen Fachleute den entscheidenden Mehrwert digitaler Lehrmittel; Interaktivität und individuelle Lernführung durch diagnostisches Erfassen des Lernstandes können Unter- oder Überforderung verhindern. Ansätze dazu sehen wir bereits in Online-Lehrmitteln wie bettermarks (Mathematik). Allerdings ist es noch ein weiter Weg zu umfassenden digitalen Lernumgebungen, die hohen Ansprüchen genügen. Wohin es gehen könnte, zeigt die Entwicklung von Videogames. Allerdings fehlen uns Simulationen, welche sich an den in den Lehrplänen definierten Kompetenzen orientieren statt an Gewaltdarstellungen. Sollen wir abwarten, bis Google, Microsoft oder Apple den digitalen Lehrmittelmarkt entdecken? Wäre es nicht besser, sich in Anlehnung an Lehrplan-Konkordate auf die gemeinsame Produktion von Online-Lehrmitteln zu einigen? Ohne Nutzungs-Einschränkungen, ohne nervenaufreibende Lizenzverfahren und mit einer fachkompetenten Steuerung der Inhalte.

 

Lernen in der Gemeinschaft

Verbunden mit der Vorstellung der individuell am Computer Lernenden gibt es viele ernst zu nehmende Vorbehalte. Individuelles digitales Lernen erschwert das gemeinschaftliche Erlebnis und Erfahrungen sozialen Lernens. Viele Kernkompetenzen können nur in der Gemeinschaft erreicht werden. So werden wir dem sozialen Lernen noch mehr Gewicht beimessen müssen. Gewaltlosigkeit, Toleranz, Mitgefühl, emotionale Fähigkeiten wie Frustrationstoleranz und kritisches Denken werden sich auch in Zukunft nur sehr beschränkt am Computer lernen lassen.

Genauso wichtig und in Zukunft noch stärker zu fördern sind Erlebnisse in der Natur, das Experimentieren in der analogen Welt sowie kreative Tätigkeiten. Musik und Sport gewährleisten Gemeinschaftserlebnisse, auf die wir nie verzichten sollten. Es ist deshalb sehr wichtig, dass die Bildungspolitik mehr Ressourcen zur Verfügung stellt. Kürzungen der staatlichen Mittel für Landschulwochen, Exkursionen, Jugendmusik, gestalterische Tätigkeiten oder Sport sind fatal.

 

Rolle der Lehrperson

Die neuen Möglichkeiten individuellen Lernens könnten ehrgeizige Eltern dazu verleiten, das Angebot der Schulen mit einem umfangreichen digitalen Lernangebot zu Hause zu ersetzen. Verlockend dürfte ein Angebot von Eliteschulen mit optimaler individueller Förderung durch massgeschneiderte Software sein. Deshalb müssen die öffentlichen Schulen immer wieder den Nachweis erbringen, dass gemeinschaftliches Lernen der Schlüssel zu einer erfolgreichen persönlichen Entwicklung ist. Zudem werden nur wenige Kinder und Jugendliche mittels Selbststeuerung und digitalen Medien die erwünschten Kompetenzen erwerben. Zur Motivation braucht es bei Kindern oft die Nähe der erwachsenen Bezugsperson. Die Beziehung Lehrperson-Lernende wird sogar noch wichtiger, denn durch die Reduktion des erklärenden bzw. erarbeitenden Unterrichts bleibt mehr Zeit für die motivierende Unterstützung des Einzelnen.

Ältere Lernende werden immer weniger bereit sein, viele Stunden Wissensvermittlung durch erklärenden bzw. erarbeitenden Unterricht über sich ergehen zu lassen. Dozierende werden sich eingestehen, dass es in jedem Fachgebiet MOOCs (Massive Open Online Course) oder Youtube-Videos gibt, welche den Sachverhalt kompetenter und anschaulicher darstellen. Ganz abgesehen von der individuellen Abrufbarkeit und Sequenzierung. Lernende werden in einigen Jahren nicht mehr 80 Prozent der Unterrichtszeit mit Zuhören verbringen, wie das aktuell noch vorkommt. Ebenso wenig werden sie einen grossen Aufwand zum Erwerb einer lesbaren Handschrift betreiben.

Vor diesem Hintergrund sehe ich den Lehrberuf nicht in Gefahr. Die Schule ist für den gemeinschaftlichen Zusammenhalt die wichtigste Institution. Es wird sie auch 2050 nach wie vor dringend brauchen.

 

Digitale Kompetenzerfassung

Zwei Tätigkeiten würden Lehrpersonen wohl gerne reduzieren: Korrigieren und Beurteilen. Wenn die Kompetenzen algorithmisch beschreibbar sind, könnten digitale Testverfahren Lernkontrollen ersetzen. Diese Entwicklung wird durch die Output-Orientierung neuer Lehrpläne unterstützt. Allerdings ist immer wieder zu betonen, dass auch in Zukunft nur ein beschränkter Teil der Kompetenzen messbar sein wird. Gegen den Wahn der uneingeschränkten Messbarkeit oder die Reduktion des Menschen aufs Messbare sollten wir uns auflehnen.

Allerdings hat das Erfassen von Kompetenzen über digitale Messverfahren auch in der Volkschule bereits Eingang gefunden. So unterstützt Bern zusammen mit vielen anderen Kantonen die Webplattform www.stellwerk-check.ch/ und empfiehlt Lernende im Rahmen der Berufswahlabklärungen diese Tests absolvieren zu lassen. Das nutzen Betriebe und verlangen Einsicht in die Resultate. Die Bedeutung solcher Verfahren ist auch eine Folge der Lernberichte. Ab Sommer 2018 beschränken sich Schulberichte im Kanton Bern auf wenig aussagekräftige Noten. Trotzdem hat der Berner Erziehungsdirektor von einem «Ersatz für Multicheck» gesprochen. Das sehen die Firmen verständlicherweise ganz anders, sie werden zukünftig digitalen Messverfahren mehr Bedeutung zumessen. Stellenbewerbende haben keine Chance sich dem zu entziehen. Multicheck ist erst der Anfang, ob uns das gefällt oder nicht.

 

Kompetenz-Portfolio und Datensammlung

Unternehmen profitieren auch zunehmend von selbstlernenden Computerprogrammen, welche grosse Datenmengen nach Informationen über Arbeitnehmende durchsuchen. Die Treffsicherheit von Prognosen nimmt zu und die Bedeutung der Intuition in Assessment-Verfahren ab. Wer gute Chancen haben will, muss seine Kompetenzportfolios auf LinkedIn und anderen Portalen freigeben, trotz Datenschutz-Bedenken. Aus Sicht des Datenschutzes besonders heikel sind Online-Lernplattformen, welche aufgrund der Arbeit der Lernenden aussagekräftige Profile über diese erstellen. Dabei ist die Anonymität sicherzustellen: Ich empfehle, dass die Registrierung auf Lernportalen mit Pseudonym und falschen Angaben erfolgen sollte.

Beispielhaft für die wachsende Bedeutung von Kompetenz-Portfolios ist das europäische Sprachenportfolio. Schon heute glauben Firmen genau zu wissen, wie es bei einem B2 oder einem C1 um die Fremdsprachkenntnisse steht. Neu ist nur, dass auch bei Fremdsprachen der Computer zunehmend das Messen und Selektionieren übernehmen wird. Entsprechende Verfahren finden zukünftig wohl auch Eingang in der Schule, trotz der berechtigten Skepsis gegenüber dem ständigen (digitalen) Messen. Aber wäre es so schlecht, wenn sich Lehrpersonen damit dem Dilemma zwischen Förderung und Selektion entzögen? Wenn wir es nicht schaffen, die fragwürdige Selektion abzuschaffen, sollten wir meiner Ansicht nach diese besser externen (digitalen) Institutionen übergeben und konsequent auf den Kern von Pädagogik, die Förderung fokussieren.

Das Sammeln von Kompetenz-Daten wird längerfristig auch das gesellschaftliche Qualifikationssystem verändern. Digitale Kompetenz-Profile werden den Wert von Masterabschlüssen, Titeln und Diplomen mindern. Was zählt, sind glaubwürdig erfasste Kompetenzen. Neue Firmen werden daraus ein gutes Geschäft zu machen wissen.

 

Chancengerechtigkeit

Welche Auswirkungen hat das digitale Lernen auf die Chancengerechtigkeit? Etwas Positives zuerst: Unabhängig vom Wohnort, den finanziellen Möglichkeiten und der sozialen Herkunft sind Top-Lernangebote den meisten zugänglich. Ob in Indien, der Schweiz oder in Namibia: Ein Internetanschluss genügt. Diese Vorstellung eines «Harvard für alle», wie frohlockt wird, scheint mir aber zu optimistisch zu sein. Entscheidend für den Lernerfolg sind nach wie vor persönliche Voraussetzungen und nicht die Verfügbarkeit von Wissen und Lerngelegenheiten. Ohne Erwerb von Basiskompetenzen geht nichts. Sie werden auch in Zukunft durch gute Volksschulen und frühe Förderung in bildungsnahen Familien optimiert.

Ohne Bildungs-Engagement des sozialen Umfelds werden auch digitale Medien die Voraussetzungen für den sozialen Aufstieg nicht erleichtern. In Bezug auf Veränderungen bei der sozialen Mobilität bin ich pessimistisch. Engagierte, bildungsnahe Eltern werden dafür sorgen, dass ihr Nachwuchs mit kluger Lernsoftware gefördert wird, während benachteiligte Kinder ihre Zeit mit Gewaltspielen und dem Versenden von Fotos auf Snapchat oder Instagram verbringen. Digitale Medien können gute Werkzeuge zum Lernen sein, bieten aber auch die Möglichkeit sich in der Online-Grausamkeit und dem Online-Narzissmus zu verlieren. Zusammengefasst befürchte ich, dass mithilfe digitaler Medien Kinder in bildungsnahen Familien zwar besser gefördert werden können, die Risiken für Kinder aus bildungsfernen Familien jedoch steigen.

 

Fazit

Digitales Lernen wird ausgelöst durch neue Lehrmittel, erfolgreich eingesetzt dank genügender Infrastruktur. Alles andere wird folgen, zum Beispiel Veränderungen bei der Rolle der Lehrpersonen und die Abkehr vom Lektionen-Raster zu Gunsten von Projektunterricht. Die Entwicklung digitaler Lehrmittel und komplexe Instrumente zur Kompetenzmessung werden zu lukrativen Geschäftsmodellen. Wirtschaftliche Interessen drohen sich gegen die Bedenken zu Output-Orientierung und ungenügendem Datenschutz durchzusetzen.

In Bezug auf Chancengerechtigkeit dürfen wir nur wenig erhoffen. Eher werden digitale Medien den Graben bezüglich sozialer Herkunft noch vertiefen. Verbesserungen bei der sozialen Mobilität erreichen wir nur durch eine staatliche Unterstützung der benachteiligten Familien mittels Frühförderung.

Auch mit der Digitalisierung werden sich die öffentlichen Schulen als wichtigste Instanz des gesellschaftlichen Zusammenhalts behaupten. Denn soziales Lernen und die emotionale Entwicklung unserer Kinder lassen sich auch mithilfe der klügsten Software nicht genügend beeinflussen. Die Bedeutung der Beziehung zwischen Lehrperson und Lernenden – sowie  auch die der Lehrgemeinschaft – wird wachsen. Wissensvermittlung rückt eher in den Hintergrund, während die Fähigkeiten zu motivieren und Kreativität anzustossen wichtiger werden.

Auch bei der Digitalisierung in der Bildung gilt es die pädagogischen Chancen pragmatisch zu nutzen und Risiken wie mangelhafter Datenschutz, die Vermessung der Lernenden und abnehmende Sozialkompetenz mit einer klugen Bildungspolitik entgegenzutreten.   

Roland Näf, lic. phil. I, ist Grossrat und Präsident der Bildungskommission des Kantons Bern. Er arbeitet an der Schule Seidenberg in Gümligen. Roland Näf befasste sich früh mit dem Einsatz digitaler Medien im Unterricht. Im vorliegenden Artikel verbindet er seine Erfahrungen mit Überlegungen aus Erziehungs- und Politikwissenschaft.

Promote Post

Enjoyed this post?


Posting your comment...

Kommentar schreiben


Ihr Kommentar via Email senden
`
http://vpod-bildungspolitik.ch/wp-content/themes/press