Zug um Zug zu einer besseren Filmbildung

Donnerstag, 9. November 2017, 19:29 151025575107Thu, 09 Nov 2017 19:29:11 +0000, Posted by admin1 in Heft 204, No Comments.

Zug um Zug zu einer besseren Filmbildung


In der Schule sollten die Kinder und Jugendlichen lernen, sich in der Bilderwelt unserer visuellen Kultur zurechtzufinden. Die Beschäftigung mit Film im Unterricht wird jedoch kantonal sehr unterschiedlich gefördert, im Lehrplan 21 ist diese lediglich als Möglichkeit vorgesehen. Es braucht eine bildungspolitische Offensive für mehr integrative Filmdidaktik.

Von André Grieder

 

Schach fördert die Konzentration, die Geduld, den Sinn für Kreativität, das Gedächtnis, die analytischen Fähigkeiten, die Entschlusskraft und wirkt integrativ. Die Forschung behauptet weitere positive Wirkungen des alten Brettspiels.

Vor ein paar Jahren, als der Lehrplan 21 noch in der Vernehmlassung stand, ersuchten Vertreter des Schweizerischen Schachbunds und einer Stiftung bei der Bildungsdirektion des Kantons Zürich um ein Gespräch. Sie wollten Schach als Schulfach etablieren. «Leider nein, weil bildungspolitisch absolut chancenlos», war die Antwort.

Auch die Filmbildung wird in absehbarer Zeit nicht in der Stundentafel auftauchen. Ihre Wirkung ist wenig erforscht, ihr Inhalt umstritten, ihre Ziele sind diffus. Die Schule nutzt Film vor allem inhaltistisch, als Wissensträger. Oder als unterhaltende Belohnung für gutes Lernen. Seine Gestaltungsmittel, seine spezifischen Elemente wie Einstellungsgrössen, Kameraperspektiven, Schnitt und Montage werden selten thematisiert. Seine künstlerische Qualität ist kaum gefragt, gesucht sind sein Informations- oder Unterhaltungswert. Das aber ist keine Filmbildung.

 

Was ist Filmbildung?

Hatte Platon noch gewarnt, der Buchstabe töte den Geist, behaupten heute Skeptiker wie Manfred Spitzer einen Zusammenhang zwischen Mediennutzung und Aggressionsbereitschaft. Vor diesen schädlichen und manipulativen Formen sei der junge Mensch zu schützen, also entsprechend zu warnen. Am anderen Rand des Filmbildungs-Spektrums wird die Vermittlung des wertvollen Films im Kino gefordert, damit ihn junge Menschen am idealen Ort erleben können und als Kunstform lieben lernen. Dieses Oszillieren zwischen medienphobischer Pädagogik und cinéphiler Kunstvermittlung erschwert eine überzeugende, konzise Definition, was Filmbildung ist und umfassen soll.

Common sense ist: Wir leben in einer «telematischen Weltgesellschaft» (Vilém Flusser), im visuellen Zeitalter. Vor Jahrhunderten führte der Weg von der Magie der Bilder zur Logik der Texte. Jetzt sind wir mit der Umkehrung konfrontiert. Vorab die jungen Menschen lesen weniger und schauen fast nur noch. Das freilich in der Regel virtuos. PC, Tablet, Smartphone. Netflix, Youtube, Snapshot. Sie bewegen sich geschmeidig in allen digitalen Orten filmischen Wissens, nutzen selektiv und individuell verschiedene Plattformen und Anbieter. Das zeitgebundene Fernsehen verschmähen sie weitgehend. Und manchmal gehen sie auch ins Kino.

 

Erhöhung des Reflexionsniveaus

Keine Spur von medialem Analphabetentum. Vinzenz Hediger, Filmprofessor der Goethe Universität von Frankfurt am Main, pflegt seine Vorlesung «Einführung in die Filmanalyse» mit diesem Satz zu beginnen: «Hier lernen Sie nichts, was Sie nicht schon wissen.» Die Studierenden verstünden das Idiom des Films, obwohl es ihnen in der Schule nie vermittelt worden sei. Es sei implizites Wissen. «Anschauungen ohne Begriffe sind blind», habe Kant jedoch formuliert. Seine Aufgabe sei es demnach, so Hediger, das Reflexionsniveau seiner Studierenden zu erhöhen, ihr Wissen explizit zu machen.

Implizites filmisches Wissen kann schon bei Kindern vorausgesetzt werden. Neunundfünfzig Prozent der Halbjährigen haben schon ferngesehen; über siebzig Prozent der Zweijährigen können den Fernseher einschalten; mit fünf haben die meisten Kinder ihre eigene DVD-Sammlung. Wir könnten davon ausgehen, dass die natürlich neugierigen Kinder dabei etwas lernen und Wissen generieren, folgert Cary Bazalgette, Vorsitzende der Media Literacy Association der Europäischen Kommission.

In der Schriftkultur findet nur seinen Weg, wer Texte lesen kann. In der visuellen Kultur findet sich nur zurecht, wer bewegte – und unbewegte – Bilder lesen kann. Erst dann können wir selbstbestimmt, kreativ und sozialbewusst mit Medien umgehen, erreichen wir ein höheres Reflexionsniveau. Filmbildung ist gesellschaftspolitisch notwendig. Sie kann nicht auf Freizeitangebote wie die «Zauberlaterne» beschränkt bleiben, wie attraktiv und wertvoll solche Projekte auch sind. Denn nur über die Schule sind Kinder und Jugendliche aller Schichten und Bildungshintergründe zu erreichen, ist Teilhabe gesichert. Ein Schulfach aber wird Filmbildung in den folgenden Jahrzehnten nicht werden.

 

Integrative Filmdidaktik im Lehrplan 21

Gleichwohl können Lehrpersonen den Film verschiedenartig, umfassend und kompetenzerweiternd in den Unterricht einbauen. Der Lehrplan 21 folgt dem erweiterten Textbegriff, der die Gesamtheit aller Zeichensysteme umfasst, also auch – bewegte – Bilder. Der Film wird wie das Buch als «literarischer Text» zum Unterrichtsgegenstand, Lernmedium und Kompetenzspender. Schülerinnen und Schüler sollen Filme erfahren, nacherzählen, einordnen, verstehen, diskutieren, kulturell und religiös deuten und als historische Quelle nutzen können. Sie sollen bildsprachliche Mittel von Filmen erkennen, diese erproben und gezielt einsetzen. Sie müssen befähigt werden, grundlegende Elemente der Bild-, Film- und Fernsehsprache zu erkennen und ihre Bedeutung zu reflektieren. Der Lehrplan 21 erlaubt eine «integrative Filmdidaktik»: Fachgrenzen zu überschreiten, filmdidaktische Erkenntnisse miteinander zu vernetzen und von der Primar- bis zur Sekundarstufe einen kontinuierlichen Filmunterricht anzubieten.

Nun konkurriert jedoch der Film als Unterrichtsgegenstand nicht nur mit dem Buch, sondern auch mit Musik, Malerei, Fotografie, Audio- und Theaterstück. Die Lehrpersonen müssen die vom Lehrplan 21 verlangten Kompetenzen ihren Schülerinnen und Schülern nicht unbedingt mit dem Medium Film vermitteln. Es geht auch ohne. Cinéphile und medienpädagogisch sensibilisierte Lehrpersonen wählen wohl eher den Film, andere müssen dazu verführt werden.

 

Angebote der Fachstelle schule&kultur

Im Kanton Zürich vermittelt die Fachstelle schule&kultur des Volksschulamts den Schulen, vom Kindergarten bis zum Gymnasium, alle Künste in allen partizipativen und rezeptiven Formen. Dazu gehören Kinoerlebnisse mit Expertengesprächen, organisiert vom Solothurner Büro Kinokultur in der Schule oder im Rahmen von Festivals (Zurich Film Festival, Human Rights Film Festival, Yesh! Neues aus der jüdischen Filmwelt). Im November finden erstmals die von schule&kultur lancierten LiteraturFilmTage «Dreh mit dem Buch» statt. In Workshops und Filmaufführungen lernen Kinder, wie Bücher auf die Leinwand kommen, wie aus Buchstaben Bilder werden. Die Tage sind ausgebucht. Sehr erfolgreich sind auch Thomas Binottos Filmlesungen. Aufschlussreich, spannend, unterhaltend und thematisch aufbereitet führt Binotto das Publikum mit Filmsequenzen ein in Geheimnisse, Gefahren und Gestaltungsmittel der Leinwandkunst. Im Projekt «Filmstadt Klassenzimmer» malen die Kleinsten Filmkulissen und Kinoplakate, basteln Requisiten und Kostüme, experimentieren mit Fotos, Video und Ton, drehen kurze Szenen und präsentieren diese Eltern und anderen Klassen auf der grossen Leinwand. Mit «Action!» ist eine Projektwoche betitelt, während der eine Klasse das Medium Film und seine Berufe kennen lernt und einen Kurzfilm dreht. In «First Steps» widmen sich Schülerinnen und Schüler theoretisch einer klassischen Szene aus Chaplins «The Gold Rush» oder Hitchcocks «Psycho» und filmen die Szene dann selbst. «SchulTV» erlaubt einer Klasse, während einer Woche eine TV-Sendung zu produzieren, die live moderiert, aufgezeichnet und gesendet wird. In «Jetzt wird’s fantastisch» gestalten Schülerinnen und Schüler übernatürliche, schaurige Figuren und lassen sie aufregende Abenteuer erleben.

Das subventionierte Filmangebot von schule&kultur genügt gesamthaft dem triadischen Kompetenzmodell der Filmbildung, das der Verband
cineducation.ch 2011 formulierte und Wissen (Technik, Sprache, Geschichte), Nutzung (Angebot, Auswahl, Analyse) sowie Reflexion (Beurteilung, Funktion, Wirkung) voraussetzt. Wer im Kanton Zürich die Volksschule und Berufsschule oder Gymnasium besucht, kann dank schule&kultur von einer umfassenden Filmbildung profitieren – falls genug Lehrpersonen während einer individuellen Schulkarriere das Angebot wahrnehmen. Davon ist jedoch nicht auszugehen.

 

Föderalistische Realitäten

schule&kultur ist die grösste Kultur- und Kunstvermittlungsstelle im Schweizer Bildungsbereich. Vergleichbare Institutionen gibt es in Luzern, im Aargau, in Bern, in weiteren Kantonen und in der Stadt Zürich. Allerdings mit einem durchwegs geringeren Filmangebot. Trotz dieser Vermittlungsarbeit: Die umfassende Bildung durch integrative Filmdidaktik bleibt schweizweit Wunsch – und Notwendigkeit.

Im zentralistischen, cinéphilen Frankreich konnte Kultur- und Bildungsminister Jack Lang im Jahr 2000 das Programm «Cinéma à l’école» lancieren, und der Filmintellektuelle Alain Bergala durfte es mit Inhalt füllen. In der konföderativen Schweiz ist das politisch utopisch und kulturell schwierig. Das Kino, der Film wird hier nicht primär als Kunstform geschätzt, sondern als Unterhaltungsmedium betrachtet. Im Kontext der Kunst- und Kulturvermittlung ist der Film mindere Ware. Er wird eh schon fleissig konsumiert, in ihn müssen junge Menschen nicht eingeführt werden wie in moderne Kunst, Theaterstücke, klassische Musik und Ballett.

 

Paradigmenwechsel und bildungspolitische Initiative vonnöten

Was es braucht, ist ein kultureller Paradigmenwechsel zugunsten der Filmkunst und eine bildungspolitische Offensive für mehr integrative Filmdidaktik. Eine komplexe Aufgabe, der sich seit einigen Jahren erfreulicherweise nicht nur kantonale Kulturvermittlungsinstitutionen und private Anbieter filmischer Projekte stellen, sondern auch national ausgerichtete Körperschaften wie cineducation.ch und Kinokultur in der Schule. Diese beiden vernetzten Stellen werden vom Bund und einzelnen Kantonen finanziell unterstützt und decken personell fast das gesamte Spektrum der Film- und Bildungsbranche ab. Vom Regisseur bis zur Vertretenden der Lehrerschaft, vom kantonalen Kulturvermittler bis zur international tätigen Produzentin, vom universitären Filmdozenten bis zur Vertreterin von FOCAL, der Stiftung Weiterbildung Film und Audiovision – sie alle und mehr sind Mitglieder.

Freilich trägt das Wort «Filmbildung» bereits eine Komplexität in sich, der sich vor allem cineducation.ch stellen muss, der Verein zur Förderung der Filmbildung. Die Filmförderung ist mehrheitlich Bundessache, die Bildung vorwiegend kantonale Aufgabe. Das erschwert ein gezieltes Lobbying auf politischer Ebene und führt zu mühsamen Aktionen der Geldbeschaffung. Der Bund setzt Beiträge der Kantone voraus und vice versa. Die Kantone wiederum machen ihre Zuwendung vom Zustupf anderer Kantone abhängig.

In diesem Geschacher muss indessen weiterhin die Förderung der Filmbildung im Fokus bleiben. Top down durch politische Arbeit und Gang durch die Institutionen. Wozu vor allem auch gehört, bei den Lehrerbildungsinstitutionen den Stellenwert der Medien- und Filmbildung und ihre Einbindung in den Lehrplan zu stärken. Denn das anforderungsreiche Medium Film bedingt eine vielschichtige und differenzierte Kompetenzbildung. Nur so können die Lehrpersonen erfolgreich Filmbildung leisten. Bottom up sind lehrreiche, spannende, kreative und herausfordernde Projekte gefragt, die mithelfen, den Film als allen anderen Künsten gleichwertige Disziplin zu etablieren und ihn zum selbstverständlichen Unterrichtsgegenstand zu erheben. Um auf das eingangs verwendete Bild des Schachspiels zurückzukommen: Nun sind wir am Zug, um die Filmbildung an der Schule voranzubringen.

André Grieder war Kultur- und Sportjournalist und leitete von 2008 bis 2016 die kantonale Fachstelle «schule&kultur». Nach seiner Pensionierung engagiert er sich weiter für die Filmbildung, unter anderem im Vorstand von «Kinokultur in der Schule».


Quellen

Lehrplan 21: www.vsa.zh.ch

«Orte filmischen Wissens. Filmkultur und Filmvermittlung im Zeitalter digitaler Netzwerke». Schüren Verlag. Zürcher Filmstudien 26. 2011.

«Digital beginnings: Young children’s use of populare culture, media and new technologies». University of Sheffield, 2005.

«Kino als Kunst». Alain Bergala. Schüren Verlag, 2006.

www.schuleundkultur.zh.ch

www.cineducation.ch: Service/Information/Archiv


Foto: Naveros / photocase.de

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