Filmbildung in der Lehre an den Pädagogischen Hochschulen verankern

Donnerstag, 9. November 2017, 19:20 151025522807Thu, 09 Nov 2017 19:20:28 +0000, Posted by admin1 in Heft 204, No Comments.

Filmbildung in der Lehre an den Pädagogischen Hochschulen verankern


Die Einführung des Modullehrplans «Medien & Informatik» eröffnet neue Chancen für die Filmbildung im schulischen Unterricht. Damit diese genutzt werden können, müssen die Pädagogischen Hochschulen jetzt die entsprechenden Grundlagen vermitteln.

Von Björn Maurer

 

Filmbildung hat an Pädagogischen Hochschulen in der Schweiz insgesamt einen hohen Stellenwert. Es gibt allerdings keinen hochschulübergreifenden Konsens darüber, welche Aspekte der Filmbildung in welcher Form in die Lehre einfliessen sollen.
Der Status Quo der Filmbildung ist vielerorts geprägt von Interesse, Vorwissen und Engagement einzelner Dozierender. Je nach fachlicher Herkunft ist die Perspektive auf Filmbildung mal medienpädagogisch-erziehungswissenschaftlich, mal kunst- oder musikpädagogisch oder literaturdidaktisch gefärbt. An manchen Standorten stehen eher filmhandwerklich-praktische Verfahren im Vordergrund. An anderen Orten liegt der Schwerpunkt auf Filmanalyse und Rezeption. Oder es geht verstärkt um die identitätsbildende Bedeutung bewegter Bilder in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen.
Die Einführung des Modullehrplans «Medien & Informatik» in der Volksschule ist eine der wichtigsten Neuerungen im Rahmen des Lehrplan 21.1 Diese kann aus meiner Sicht eine Chance für die Filmbildung an Pädagogischen Hochschulen sein – sofern die folgenden fünf Voraussetzungen erfüllt sind.

 

1. Filmbildung an Pädagogischen Hochschulen hat ein gemeinsames Selbstverständnis

Zunächst muss zwischen den betroffenen Dozierenden an Pädagogischen Hochschulen ein gemeinsam geteiltes Verständnis von Filmbildung entwickelt werden. Ziel ist ein kleinster gemeinsamer Nenner, der inhaltliche Priorisierungen ermöglicht und somit Standards für die Ausbildung festlegt. Diese Standards müssen sich einerseits an den Kompetenzen des Modullehrplans «Medien & Informatik» orientieren, aber andererseits auch der Medialität des Bildungsgegenstands Film gerecht werden. Angesichts des straff getakteten Mehr-Fächerstudiums der angehenden Volksschullehrpersonen muss zwingend zwischen obligatorischen Grundlagen und neigungsorientierten Vertiefungsangeboten unterschieden werden. Während die Filmbildungsgrundlagen an allen Pädagogischen Hochschulen vergleichbar sein sollten, spricht viel für eine individuelle Vertiefung im Wahlpflichtbereich – aufbauend auf der jeweils vorhandenen Fachexpertise der Dozierenden.

 

2. Filmbildung geht von einem erweiterten Filmbegriff aus

In der Lehre sollte von einem erweiterten Filmbegriff ausgegangen werden, der neben den klassischen Gattungen (z.B. Spiel-, Dokumentar-, Kunst-, Werbe-, Lehrfilm) auch audiovisuelle Darstellungsformen einschliesst, die Bestandteil jugendkulturellen Alltagshandelns sind (vgl. z.B. Müller 2012, vgl. Niesyto 2006, S. 7). In diesem Fall zählt zum Gegenstand von Filmbildung u.a. auch die produktive und rezeptive Auseinandersetzung mit «user-generated-content» im Netz wie z.B. Youtube-Genres. Auch Videosequenzen in Videogames, das Phänomen der 360°-Videos und deren Wirkung oder Experimente mit videobasierten Elementen im Bereich Augmented Reality können Gegenstand der Filmbildung sein. In Auseinandersetzung mit aktuellen technischen und ästhetischen Entwicklungen können Filmkultur, Film-«Sprache» und Filmgeschichte als etwas Dynamisches erfahren werden, an dem aktiv mitgestaltet wird. Für angehende Lehrpersonen geht es neben der aktiven Erprobung solcher Ausdrucksformen auch um die Frage, wie sich die filmische Formalästhetik und Erzählformen in diesem Umfeld verändern und was dies für die Wahrnehmungsgewohnheiten der Schülerinnen und Schüler bedeutet. Der erweiterte Filmbegriff kann nicht nur dazu beitragen, die – weit verbreitete, aber nicht mehr zeitgemässe – Trennung zwischen dem «klassischen» Medium Film und den neuen digitalen Medien aufzulösen. Er beinhaltet zudem neben Arthouse- und Mainstreamkino auch Eigenproduktionen der Schülerinnen und Schüler.

 

3. Filmbildung wird interdisziplinär und fächerübergreifend realisiert

Der Modullehrplan «Medien & Informatik» ist ambitioniert, aktuell richtet sich die Aufmerksamkeit der Bildungsöffentlichkeit auf die Frage der Implementation des neuen Lernbereichs Informatik. Soll Filmbildung unter diesen Umständen Raum bekommen, könnten Aspekte der Filmbildung beispielsweise mit informatischen Themen verzahnt werden. Spielfilme wie «Her» (Jonze, USA 2013), «I, Robot» (Proyas, USA/BRD 2004) eignen sich beispielsweise als Zugang, um Themen wie Big Data, Künstliche Intelligenz, Automatisierung oder Roboter-Ethik in ihrem gesellschaftlichen Wirkungszusammenhang zu reflektieren. Aus der Perspektive der Filmbildung ist wiederum die Frage interessant, wie solche Themen formalästhetisch repräsentiert, welche Dimensionen, Menschen- und Zukunftsbilder auf welche Weise gezeichnet werden. Film als komplexe kulturelle Ausdrucksform lässt sich am besten mehrperspektivisch begreifen. Berührungspunkte mit den Fachwissenschaften und -didaktiken der Fächer Deutsch, Musik und Gestalten – im Sinne des «Freiburger Modells» (vgl. Klant 2009) – sind offensichtlich (z.B. Bausteine des Erzählens, Story und Plot, Wirkung von Musik im Film und Filmmusik, Filmkunst, filmische Formalästhetik, Production Design, Filmschauspiel,…). Ebenso drängen sich Schnittmengen mit Sozial- und Naturwissenschaften auf (z.B. Gender- und Milieurepräsentationen, Film als historische Quelle, Medienentwicklung, technische Funktionsweisen,…). Fachdidaktische Perspektiven auf das Medium Film (vgl. Kepser 2010) müssen an Pädagogischen Hochschulen noch stärker aufeinander bezogen werden. Aushandlungsprozesse zwischen den Fachdidaktiken mit dem Ziel der Integration der sogenannten «Anwendungskompetenzen» des Moduls «Medien & Informatik» sind aktuell im Gange.

 

4. Filmbildung fliesst verstärkt in die Lehrmittel ein

In der noch jungen Fachdidaktik «Medien & Informatik» ist die Bedeutung von Lehrmitteln nicht zu unterschätzen. Gerade angehende Lehrpersonen werden sich in der Anfangsphase stark an Lehrmitteln orientieren. Deshalb müssen jetzt Weichen gestellt und Grundlagen der Filmbildung in die Lehrmittelentwicklung einbezogen werden. Flankierend hierzu ist eine Zusammenarbeit zwischen Lehrmittelverlagen, Pädagogischen Hochschulen und etablierten «Playern» der Filmbildung wie z.B. cineducation oder auch Fachredaktionen wie SRF-my-school wünschenswert. Gemeinsam und mit fachwissenschaftlicher, filmästhetischer und filmdidaktischer Expertise könnten attraktive Lehr-Lernmaterialien gestaltet werden, die der audiovisuellen Ausdrucksform Film technisch, ästhetisch und dramaturgisch gerecht werden. Eine solche Materialbasis für die Filmbildung kann die Ausbildung und Weiterbildung von Lehrpersonen an Pädagogischen Hochschulen bereichern.

 

5. Filmbildung an Pädagogischen Hochschulen beinhaltet Methoden und Konzepte

Aussagen von angehenden Lehrpersonen wie «Wie soll ich das mit einer ganzen Klasse machen?» oder «Aktive Filmarbeit braucht doch viel zu viel Zeit!» zeigen, dass es neben filmwissenschaftlichen und filmästhetischen Kenntnissen auch eines gewissen filmpädagogisch-methodischen Repertoires bedarf. In der Volksschule braucht es insbesondere lustvolle und handlungsorientierte Methoden der Filmbildung, die Reflexion an Produktion knüpfen, sich innerhalb kurzer Zeit im Unterricht umsetzen lassen und klare Ziele stecken. Das Spektrum reicht von der Produktion einfacher Miniaturen wie
z.B. Neusynchronisationen oder -vertonungen von Filmausschnitten, Nachverfilmungen von Szenen aus Lieblingsfilmen, Anwendungen von Filmtricks bis hin zu umfangreicheren Projekten wie (Bilder-)Buch- oder Gedichtverfilmungen, die Produktion eines Trailers zu einer eigenen Filmidee oder die Produktion von Lehr-Lernvideos (zunehmend auch als 360°-Variante) und vieles mehr. Ganz gleich, ob an Trickfilmen gearbeitet, eigene Filmgeschichten entwickelt oder Sachverhalte visualisiert und erklärt werden. Die didaktische Herausforderung für Lehrpersonen besteht darin, die gestalterisch-praktischen Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler entsprechend der jeweiligen Zielsetzung mit dem Erwerb filmästhetischen, -dramaturgischen und/oder -historischen Wissens zu verbinden.

Der Zeitpunkt für den Ausbau und die Verankerung der Filmbildung in der Lehre der Pädagogischen Hochschulen ist aktuell günstig wie nie. Neben der Schaffung der genannten Voraussetzungen halte ich einen weiteren Faktor für ausschlaggebend: Angehende Lehrpersonen müssen in der Lage und auch Willens sein, die teilweise sehr offen formulierten Lehrplankompetenzen inhaltlich und methodisch so auszulegen, dass sich Spielräume für Filmbildung im Unterricht auftun.

 

Wichtige Links in der Filmbildung

Stellen für die kulturelle Bildung
in ausgewählten Kantonen

Kanton Aargau:
www.kulturmachtschule.ch

Kanton Bern:
www.erz.be.ch/erz/de/index/kultur/bildung_kultur.html

Kanton Luzern:
www.schukulu.ch

Kanton Zürich:
www.schuleundkultur.zh.ch

Dachverband der Filmbildner:
www.cineducation.ch

Dachverband der Filmfestivals:
www.film-festivals.ch

 

Björn Maurer, Dr., Primar- und Sekundarschullehrer, ist Dozent für Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Thurgau.


1 Der Modullehrplan «Medien & Informatik» ist Teil des Lehrplan 21. Das Modul fliesst von Kanton zu Kanton in unterschiedlicher Form in die Schulpraxis ein. Teilweise wird es wie ein Fach unterrichtet. Im Kanton Thurgau ist zum Beispiel für die Klassen 5 und 6 sowie in Klasse 7 und 9 je eine Wochenlektion dafür vorgesehen. Es gibt aber auch andere Lösungen, in denen das Modul fachintegrativ unterrichtet wird.

Literatur

Kepser, Matthis (Hg.): Fächer der schulischen Filmbildung. Mit zahlreichen Vorschlägen für einen handlungs- und produktionsorientierten Unterricht. München: Kopaed 2010.

Klant, Michael: Bildende Kunst und Filmbildung – Das Freiburger Modell «Integrative Filmdidaktik»: Kunstportal 2009. http://www.kunstlinks.de/material/peez/2009-08-klant.pdf

Müller, Ines: Filmbildung in der Schule: Ein filmdidaktisches Konzept für den Unterricht und die Lehrerbildung Taschenbuch. München: Kopaed 2012.

Niesyto, Horst: Konzepte und Perspektiven der Filmbildung. In: Niesyto, Horst (Hg.): film kreativ. Aktuelle Beiträge zur Filmbildung. München: kopaed 2006. S. 7-18.

 

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