Von der Kompetenz, Bilder herzustellen und zu lesen

Donnerstag, 9. November 2017, 19:18 151025509607Thu, 09 Nov 2017 19:18:16 +0000, Posted by admin1 in Heft 204, No Comments.

Von der Kompetenz, Bilder herzustellen und zu lesen


Filmbildung deckt auf, wie mit Bildern Menschen manipuliert werden. Sie bietet neue Zugänge zu Bildungsprozessen und vermittelt Fähigkeiten, die in der heutigen Arbeitswelt vonnöten sind. 

Von Elisabeth Michel Alder

 

Im Begriff «Bildung» steckt das Bild, im Schulalltag spielen Bilder zum Zweck der Anschaulichkeit didaktisch eine grosse Rolle; in der Freizeit – in Sozialen Medien, Fernsehen und übers Handy – vermutlich eine noch bedeutendere. Doch als Gegenstand von Lernen, Verstehen, Analysieren und Gestalten sind Bilder, speziell auch laufende, in der Volksschule kaum ein Thema. Wörter und Sätze werden hinterfragt und auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft, Bilder – einzeln oder in Folge – sozusagen nie. Als würden diese Realität in Reinform transportieren. Zum Beispiel die Berichte und Dokumentarfilme der Tagesschau. Pädagoginnen und Pädagogen und die Verantwortlichen in der Bildungspolitik haben wohl entweder die siebte Kunst noch nicht entdeckt oder mit den sechs klassischen Musen bereits alle Hände voll zu tun.

«Wer Bilder kompetent produzieren kann, versteht sie auch kritisch zu lesen und zu interpretieren.»

Was entgeht der Schule dabei? In den vergangenen Jahren habe ich im Unterengadin, genauer im Dorf Vnà, im Rahmen einer Stiftung das Filmatelier für Kinder und Jugendliche namens Cinevnà aufgebaut und betreut. Da lernen Volksschulkinder während einer Woche, mit halbprofessionellen Kameras zu hantieren, eine eigene Filmidee zu realisieren und ihren gedrehten Streifen auf dem Laptop zu schneiden: «Learning by doing».

 

Filmbildung als Aufklärung
und Türöffner

Zwei Reaktionen, beziehungsweise Ergebnisse des Filmen-Lernens von Schülerinnen und Schülern der Mittelstufe brachten mich zum Jubeln und bestätigten Gründungsidee wie den eingeschlagenen Weg. So erzählte mir der Kursleiter und TV-Journalist Armon Schlegel: «Am zweitletzten Kurstag erzählte ein Bub stolz, er habe sich am Vorabend in einem Beitrag der Tagesschau nicht durch die Kameraposition beeinflussen lassen, die Absicht habe er durchschaut, auf solche Manipulationen falle er nicht mehr herein.» Das ist es doch, was wir mit Bildung eigentlich im Auge haben: Aufklärung. Befreiung aus Unmündigkeit. Wer Bilder kompetent produzieren kann, versteht sie auch kritisch zu lesen und zu interpretieren.

Das zweite Highlight lieferte eine erfahrene Lehrerin am Ende einer Filmwoche mit ihrer Klasse. Gefragt nach ihrem stärksten Eindruck, berichtete sie leicht verunsichert von einer Revolution im Gefüge ihrer Klasse. Kinder, die sich im Schulalltag stets im Schatten bewegten und nicht als die hellsten galten, entpuppten sich bei der Filmerei als die wahren Hirsche. Und begeisterten ihre Kameraden und die Lehrerin mit ihrem Talent und ihren Produkten. Frau Müller geriet ins Grübeln, weil der normale Schulstoff trotz gescheiter Vermittlung weder ihr selbst noch gewissen Kindern den Zugriff auf offenbar wichtiges Potential zu öffnen imstande war. Anders das Medium Film oder Bild mit allen zugehörigen technischen Voraussetzungen. Auch diesen Anspruch erhebt ja die Volksschule: Verschiedenen Begabungen gerecht zu werden und sie zum Blühen zu bringen. Filmbildung öffnet also neue Türen.

Immer wieder höre ich grosses Bedauern, dass viele Mädchen sich den Computer auf Distanz halten. Das trifft auf die Filmkurse in Vnà überhaupt nicht zu, da steht ein kreativer Prozess im Vordergrund und beim Laptop als Mittel zum Zweck greifen auch die jungen Damen ohne Zögern zu.

 

Bilder für den Wettbewerb

Szenenwechsel. Vom Unterengadin nach Zürich. Workshop zum Thema «Neue Rekrutierungsmethoden» in der Arbeitswelt. Eine Schar Personalfachleute examiniert – von Software gesteuerte – selbstgefilmte Antworten von Bewerberinnen und Bewerbern auf vorfabrizierte Fragen. Die klugen, erfahrenen Personaler reagieren total intuitiv und emotional auf die laufenden Bilder mit bemühten Kandidatengesichtern. Und sind dabei – falls die Kandidierenden «fit for filming» sind – den Manipulationen gewiefter Macherinnen und Macher ausgeliefert. Keine und keiner der Human-Resource-Zunft hat jemals die technischen Mittel zur Fabrikation erwünschter Eindrücke kennen und einschätzen gelernt. Wie steht es bei den Jobsuchenden? Bald schon kommen solche Bildungslücken einem Mangel an Professionalität oder einem Wettbewerbsnachteil gleich. Die Situation ist nur ein illustratives Beispiel. Souveräner Umgang mit Bilderwelten gewinnt in vielen Lebensbereichen laufend an Bedeutung.

Der Lehrplan 21 schafft Raum für Film- und Medienbildung. Gut so. Ich hoffe sehr auf ein breites Dach über diesem Raum voll Gestaltungslust, Instrumenten und Technik. Wichtig sind exzellente Ressourcen und Impulse für Lehrpersonen mit dem Ziel, neben Programmiertechnik und Ausschöpfen komplexer Software auch kreatives Schaffen und Hinterfragen von Filmen in die Schulhäuser zu holen.

Elisabeth Michel-Alder ist Sozialwissenschaftlerin und leitet hauptberuflich ihre Unternehmensberatung ema-hpd in Zürich. Sie ist Präsidentin des Vereins Roadmovie, welcher mit einem mobilen Kino die Filmbildung in Landregionen fördert.


Foto: Cinevnà

 

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