Mittwoch, 6. September 2017, 0:07 150465644612Wed, 06 Sep 2017 00:07:26 +0000, Posted by admin1 in Heft 203, No Comments.

Bildung und Qualifizierung als Herausforderung


Bei der Aufnahme, Betreuung und Förderung von unbegleiteten geflüchteten Jugendlichen gilt es deren spezifische Situation und Bedürfnisse zu berücksichtigen.

Von Thomas Geisen

 

Geflüchtete Personen bilden keine einheitliche soziale Kategorie, vielmehr ist die soziale Gruppe der geflüchteten Personen sehr heterogen. Dies gilt auch für unbegleitete Minderjährige (Mineurs non accompagnés MNA), die in die Schweiz einreisen. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der MNA sowohl in der Schweiz als auch in anderen westeuropäischen Ländern stark angestiegen.

 

Spezifische Betreuung und Unterstützung

Insgesamt stellen unbegleitete Minderjährige das Aufnahmeland vor besondere Herausforderungen. Denn die Jugendlichen haben vielfach Entbehrungen erfahren, traumatisierende Erfahrungen gemacht – bereits im Herkunftsland oder auf der Flucht. Vor allem haben sie ihr komplettes familiales und soziales Umfeld verloren und sind auf sich selbst gestellt. Insbesondere die Trennung von der Familie ist für viele Jugendliche mit hohen emotionalen Belastungen verbun-den. Hieraus ergeben sich spezifische Betreuungs- und Unterstützungsbedarfe. Sowohl die soziale Integration, einschliesslich der gesundheitlichen Betreuung und Behandlung, als auch die berufliche Integration muss diesen spezifischen Bedarfen der unbegleiteten Minderjährigen Rechnung tragen, indem spezifische Unterstützungsangebote entwickelt und entsprechende professionelle Kompetenzen verfügbar gemacht werden. Eine erfolgreiche soziale und berufliche Integration hat zur Voraussetzung, dass die Jugendlichen sich in ihrem neuen sozialen Umfeld gut aufgehoben fühlen. Dabei können die soziale und die berufliche Integration nicht unabhängig voneinander betrachtet werden. Vielmehr sind sie gleichermassen von Bedeutung, denn sowohl aus der Bildungsforschung als auch aus der Arbeitsintegrationsforschung ist bekannt, dass beide Bereiche eng miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig beeinflussen. Eine Verbesserung der psychosozialen Situation der Jugendlichen gelingt dann besonders gut, wenn es ihnen ermöglicht wird, ihren Lebensweg aktiv zu gestalten. Denn erst dann, wenn sie eigene Lebensstrategien entwickeln und Unabhängigkeit und Selbstbestimmung erreichen – eine zentrale Entwicklungsaufgabe, mit der nicht nur Jugendliche im Kontext von Flucht befasst sind, sondern Jugendliche insgesamt –, kann eine umfassende soziale und berufliche Integration gelingen.

 

Trennung von der Familie

Bei den MNA kommt allerdings hinzu, dass der Gewinn von Unabhängigkeit und Selbstbestimmung im Übergang zum Erwachsensein einen Prozess der Loslösung von der Familie und eine Hinwendung zur Gesellschaft beinhaltet, der sehr unterschiedlich verläuft. Denn da sie Eltern und Familie verlassen haben, wird die Adoleszenz für sie zu einer besonderen Herausforderung. Ein wichtiger Grund hierfür ist, dass sich mit der geografischen Trennung von Eltern und Familie die emotionale Bindung an die Familie vielfach verstärkt hat. Daher ist die Entwicklungsaufgabe Adoleszenz für viele der Jugendlichen mit spezifischen, fluchtbedingten Fragen und Erschwernissen verbunden. Hilfreich ist in diesem Zusammenhang, dass den Jugendlichen Möglichkeiten und Wege eröffnet werden, ihre je eigenen individuellen Bedürfnisse realisieren zu können. Hier gilt es verstärkte Anstrengungen zu einer subjektorientierten, auf die einzelne Person zugeschnittenen Betreuung und Unterstützung zu entfalten.

 

Stabiles Umfeld wichtig

Für neu ankommende Jugendliche geht es daher zunächst einmal darum, ein sicheres und stabiles soziales Umfeld zu schaffen. Dies können sowohl institutionelle Unterstützungsangebote der Jugendhilfe sein, etwa Jugendwohngruppen, oder familiale Unterstützungsangebote, etwa Pflegefamilien. Diese werden bereits heute vielfach in den Kantonen angeboten. In einem weiteren Schritt geht es dann darum, den Jugendlichen Bildungs- und Qualifizierungswege aufzuzeigen, die den jeweiligen Neigungen und Interessen der Jugendlichen entsprechen. Während es im schulischen Bereich hierzu inzwischen vielfach gute Unterstützungssysteme gibt, um den spezifischen Bedarfen der Jugendlichen, etwa im Rahmen von Sprachförderung, gerecht werden zu können, so ist dies für die postobligatorische Phase der Bildung und Qualifizierung bis-lang noch nicht ausreichend der Fall. Hier fehlt es vor allem an einer professionellen, auf nachhaltige berufliche Integration zielenden Unterstützung der Jugendlichen, die über die Phase der Minderjährigkeit hinaus bis ins junge Erwachsenenalter reicht. Hier gilt es sowohl über Möglichkeiten der Fortführung der etablierten jugendspezifischen Unterstützungsmassnahmen für MNA nachzudenken als auch über neue Massnahmen und Angebote, die es ermöglichen, den Übergang ins Erwachsenenalter flexibler zu gestalten, sodass die Jugendlichen nicht unmittelbar nach Erreichen der Volljährigkeit mit 18 Jahren in den Asylbereich für Erwachsene überführt werden und Möglichkeiten einer jugendspezifischen Förderung und Unterstützung entfallen.

 

Bei den Potentialen ansetzen

Insgesamt sollten Strukturen und Massnahmen geschaffen und entwickelt werden, die eine bessere Begleitung und Unterstützung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Bezug auf Bildung und Qualifizierung ermöglichen, etwa im Rahmen einer Bildungs- und Qualifizierungsbegleitung. Zu prüfen wäre dabei vor allem auch, inwieweit in den Kantonen hierfür bestehende Strukturen angepasst und auch vermehrt für die postobligatorische Bildung genutzt werden können, etwas das «Case Management Berufliche Bildung» (CMBB). Allerdings gilt es dabei zu beachten, dass dort tätige Professionelle auch über spezifische, migrationsbezogene Kompetenzen verfügen.

Insgesamt sollte gewährleistet sein, dass eine an den Potentialen der Jugendlichen ansetzende Unterstützung und Begleitung stattfindet. Dabei geht es bei jungen Erwachsenen vor allem auch um die Frage bezüglich des nachträglichen Erwerbs von Bildungsabschlüssen, die vielfach eine Voraussetzung für den Zugang zu weiterführender Bildung und zu höheren berufsqualifizierenden Angeboten darstellen. Ohne eine solche subjektorientierte Unterstützung der Jugendlichen MNA und von geflüchteten jungen Erwachsenen wird es kaum gelingen, diesen gute Zukunftsperspektiven zu eröffnen und dazu beizutragen, dass sich deren vorhandene Bildungs- und Qualifizierungspotentiale entfalten können.

Thomas Geisen, Prof. Dr., ist Dozent am Institut Integration und Partizipation der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW. Seine Themenschwerpunkte sind unter anderem «Arbeitsintegration und Eingliederungsmanagement/Disability Management» sowie «Arbeit, Mobilität und Migration».

Promote Post

Enjoyed this post?


Posting your comment...

Kommentar schreiben


Ihr Kommentar via Email senden
`
http://vpod-bildungspolitik.ch/wp-content/themes/press