Bildung auch nach Ende der Schulpflicht!

Dienstag, 5. September 2017, 23:46 150465519411Tue, 05 Sep 2017 23:46:34 +0000, Posted by admin1 in Heft 203, No Comments.

Bildung auch nach Ende der Schulpflicht!


Um das Recht auf Bildung für geflüchtete Jugendliche sicherzustellen, braucht es neben passenden Bildungsangeboten vor allem Aufenthaltssicherheit. Einstweilen arbeiten Bund und Kantone an einer «Integrationsagenda Schweiz».

Von Johannes Gruber

 

Während die Zahl der Menschen, die weltweit auf der Flucht vor Kriegen, Konflikten und Verfolgung sind weiter steigt – die Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen UNHCR spricht für das Jahr 2016 von weltweit 65.6 Millionen «forcibly displaced people» –, sank 2016 die Zahl der Menschen, die in der Schweiz ein Asylgesuch einreichten, um circa ein Drittel auf 27207.

 

Zahl neuer MNA rückläufig

Auch die Zahl der neu ankommenden unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden («Mineurs Non Accompagnés», MNA) sank nach Angaben des SEM im Vorjahresvergleich um mehr als ein Viertel auf 1997. Wichtigste Herkunftsländer sind weiterhin Eritrea mit neu 850 MNA und Afghanistan mit 352, bei beiden nahm die Zahl der in der Schweiz neu ankommenden MNA um mehr als die Hälfte ab. Besonders drastisch war die Abnahme bei den MNA aus Syrien, deren Zahl sich auf weniger als ein Viertel, 45, des Vorjahrsstandes reduzierte. Eine Zunahme um mehr als das Doppelte ist 2016 jedoch bei den dritt-, viert- und fünfthäufigsten Herkunftsländern der MNA zu verzeichnen: Somalia 247, Äthiopien 157 und Guinea 101.

Wenig Veränderungen gibt es bei der Geschlechter- und Altersstruktur der zugewanderten MNA – mehr als vier Fünftel sind männlich und knapp zwei Drittel zwischen 16 und 17 Jahren.

 

Schulpflicht entscheidendes Kriterium für Bildungszugang

Gerade das Alter der Jugendlichen spielt hinsichtlich des Zugangs zum Schweizer Bildungssystem eine entscheidende Rolle. Zentrales Kritierium ist dabei die Schulpflicht, die in der Schweiz in der Regel elf Jahre umfasst. Beispielsweise definiert im Kanton Zürich das Volksschulgesetz die Dauer der Schulpflicht von der Vollendung des vierten bis zur Vollendung des 16. Lebensjahres (allerdings heisst es dort auch, die Jugendlichen seien berechtigt, die von ihnen mit 16 besuchte «Schulstufe» noch zu vollenden). Zwar empfiehlt das Volksschulamt Zürich den Schulgemeinden, auch MNA mit 16 oder 17 Jahren in die Sekundarstufe der Volksschule aufzunehmen, eine Pflicht dazu respektive ein Anspruch darauf besteht jedoch nicht.

Fällt ein Jugendlicher nicht mehr unter die Schulpflicht, ist auch dessen weiterer Bildungsweg nicht mehr gesichert. Dies gilt auch für MNA. Bei dieser besonderen Gruppe stellt sich zudem die Frage, welche besondere Unterstützung diese Jugendlichen benötigen, welche Formen von Bildungsangeboten für diese geeignet sind und nicht zuletzt, wer Unterstützung und Angebote finanziert. Auch der amtliche Aufenthaltsstatus spielt in diesem Zusammenhang eine Rolle (vgl. S. 8).

 

VPOD fordert Vorrang des Rechts auf Bildung

Die VPOD-Verbandskommission «Bildung, Erziehung, Wissenschaft» hat bereits in ihrem Forderungskatalog vom April 2016 (vgl. vpod bildungspolitik 196, S. 24f.) darauf hingewiesen, dass den Jugendlichen nicht aufgrund ihres Alters der Zugang zu weiteren Bildungsmöglichkeiten versperrt bleiben darf. Auch nach Überschreiten der Schulpflicht sollten die MNA in Aufnahmeklassen eingeschult werden. Da der Bildungsstand dieser Jugendlichen sehr unterschiedlich ist, braucht es je nach Vorbildung auch spezifische (Weiter)Bildungsangebote. Während für die einen der Zugang zu weiterführenden Schulen und der Berufslehre sichergestellt werden muss, brauchen diejenigen, die bisher nur wenige Schuljahre absolviert haben, vor allem eine Förderung von Grundkompetenzen (Alphabetisierung etc.).

Während des Besuchs der obligatorischen und weiterführenden Schule beziehungsweise dem Absolvieren einer Berufslehre muss ein Vorrang des Rechts auf Bildung vor dem «Ausländerrecht» gelten, die Jugendlichen dürfen dementsprechend nicht von «Rückschaffungen» bedroht werden. An einer Medienkonferenz in Bern stellte der VPOD seinen Katalog mit 19 Forderungen den Medien vor und lobbyiert seitdem für diese bei Bund und Kantonen.

 

Beschlüsse der Behörden

Im Frühjahr 2016 verabschiedete die «Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren» (SODK) Empfehlungen zum Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Kindern und Jugendlichen aus dem Asylbereich. Da die Kantone nach wie vor sehr unterschiedlich auf deren Bedürfnisse eingehen, ist eine gewisse Harmonisierung der kantonalen Regelungen im Sinne von Mindeststandards begrüssenswert. Auch sind viele der formulierten Empfehlungen sinnvoll und angemessen, wie zum Beispiel der Verweis auf den rechtlichen Anspruch der Kinder und Jugendlichen auf die Förderung ihrer Entwicklung. Im ersten Entwurf der Empfehlungen traten allerdings die Widersprüche zwischen Ausländerrecht und den Rechten der Kinder und Jugendlichen deutlich zutage. Die Verbesserungen im Vernehmlassungsprozess ändern nichts an diesem grundlegenden Spannungsverhältnis. In um Korrektheit bemühten Behördendeutsch liest sich dies dann folgendermassen: «Die Rückführung der MNA in ihr Herkunftsland ist grundsätzlich nicht ausgeschlossen. Sie hat jedoch verhältnismässig und mit dem übergeordneten Kindesinteresse vereinbar zu sein. Bei rechtskräftig weggewiesenen MNA koordiniert die Zentrumsleitung bzw. die Betreuungsperson – in Zusammenarbeit mit der gesetzlichen Vertretung – die Zusammenarbeit mit den Migrationsbehörden und der Polizei im Hinblick auf die Ausreise.» (SODK-Empfehlungen, Abschnitt 15, Abs. 1)

Bildungsfragen fallen in die Zuständigkeit der «Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren» (EDK). In ihrem Beschluss vom 23. Juni 2016 hielt die EDK-Plenarversammlung «im Einvernehmen mit dem Staatsekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) und dem Staatssekretariat für Migration (SEM)» fest, dass aus gesellschaftlichen und staatspolitischen Gründen für spät zugewanderte Jugendliche und junge Erwachsene der Zugang zum postobligatorischen Bildungssystem gewährleistet sein muss, mit dem Ziel, dass nicht nur 95 Prozent aller 25-Jährigen in der Schweiz, sondern auch der Teilgruppe der spät Zugewanderten über einen Abschluss auf der Sekundarstufe II verfügen.

Der Plenarbeschluss der EDK ist ausdrücklich zu begrüssen, auch dass dieser eine «stringente Kooperation» aller beteiligten Akteure fordert und insbesondere auf die Verantwortung der «Partner der Arbeitswelt» verweist. Die Gewerkschaften sind bereit, hier konstruktiv mitzuwirken. Auf Nachfrage bei EDK, SEM und SBFI hinsichtlich konkreter Massnahmen zur Erreichung des 95-Prozent-Ziels war bis jetzt jedoch wenig Konkretes in Erfahrung zu bringen. Vieles wird erst diskutiert oder befindet sich noch in der Planungsphase. Das Pilotprojekt «Integrationsvorlehre» soll 2018 starten und ab dann über vier Jahre laufen. Bund und Kantone arbeiten voraussichtlich bis Ende 2017 an einer «Integrationsagenda Schweiz». Mit den darin enthaltenen Zielen und Massnahmen soll nach Auskunft der Behörden neben der Integrationsförderung insbesondere spät zugewanderten Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Zugang zu Bildungswegen ermöglicht werden.

Der VPOD wird Entwicklung und Umsetzung der «Integrationsagenda Schweiz» kritisch begleiten und sich weiter für das Recht auf eine qualitativ hochwertige Bildung der geflüchteten Jugendlichen einsetzen.

 

Hinweise und Links

– vpod bildungspolitik 196 / April 2016, S. 24-25.

– vpod bildungspolitik195 / Februar 2016, S. 4-12.

– Flüchtlingskinder in der Volksschule. Information für Schulen und Gemeinden. Volksschulamt des Kantons Zürich. Download unter: https://vsa.zh.ch/internet/bildungsdirektion/vsa/de/schulbetrieb_und_unterricht/schule_migration0/neu_zugewanderte/fluechtlingskinder.html

– Infoplattform humanrights.ch: http://www.humanrights.ch/de/menschenrechte-schweiz/inneres/gruppen/kinder/unbegleitete-minderjaehrige-asylsuchende-schweiz

– Empfehlungen der SODK zu unbegleiteten minderjährigen Kindern und Jugendlichen aus dem Asylbereich. 2016. http://www.sodk.ch/aktuell/empfehlungen/

– Beschluss der EDK-Plenarversammlung vom 23.6.2016. «Spät zugewanderte Jugendliche. Erklärungen zu den Prinzipien für eine nachhaltige Integration von spät zugewanderten Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft der Schweiz».
Download unter: www.edk.ch/dyn/23791.php

 

Foto: HerrSpecht / photocase.de

Promote Post

Enjoyed this post?


Posting your comment...

Kommentar schreiben


Ihr Kommentar via Email senden
`
http://vpod-bildungspolitik.ch/wp-content/themes/press