Grosse Unterschiede bei Elterntarifen und Löhnen

Mittwoch, 28. Juni 2017, 18:21 149867408006Wed, 28 Jun 2017 18:21:20 +0000, Posted by admin1 in Heft 202, No Comments.

Grosse Unterschiede bei Elterntarifen und Löhnen


Ein Interview mit Sibylle Schuppli zum Stand der Umsetzung des Musikartikels in der Bundesverfassung, mit besonderem Fokus auf die Arbeitsbedingungen von Musiklehrpersonen. 

Von Christine Flitner

 

Vor 5 Jahren wurde der Musikartikel in der Verfassung verankert. Hat sich aus deiner Sicht seither etwas verändert?

Sibylle Schuppli: Das Programm «Jugend + Musik» (J+M) des Bundes ist jetzt gestartet. Gemäss dem Newsletter von J+M haben sich mehr als 400 Personen in den verschiedenen Sprachregionen der Schweiz für eine der Weiterbildungen beworben, rund 220 Personen haben eine solche bereits abgeschlossen. Für die finanzielle Unterstützung von konkreten Kursen und Lagern sind bis jetzt 110 Gesuche eingegangen, 210’000 Franken wurden bereits als Beiträge zugesichert. Die Musikverbände der Pfeiffer, Jodler, AkkordeonistInnen, des Jazz, Pop, Rock, der Orchester und Chöre und andere mehr können von diesem Anschub jetzt – und hoffentlich auch in Zukunft – profitieren.

Doch dort wo am meisten Kinder und Jugendliche ihre Musikbildung bekommen, hat sich die seit vielen Jahrzehnten bekannte und auch dokumentierte Situation nicht verändert. Noch immer hat es zu wenig ausgebildete Lehrpersonen, die in den öffentlichen Schulen den Musikunterricht abdecken könnten. Noch immer müssen Eltern in ihrer Musikschule vor Ort für den gleichen Unterricht sehr unterschiedliche Beiträge bezahlen, (vgl. dazu nebenstehende Abbildung). Noch immer fehlt der Schweiz ein einigermassen kohärentes Ausbildungskonzept für musikalisch begabte Kinder und Jugendliche. Vor allem in den Kantonen ist der Handlungsbedarf gross, was geflissentlich übersehen wird. Ein aktuelles Beispiel findet sich gerade im Kanton Zürich. Im März 2017 hat der Kantonsrat beschlossen auf ein Musikschulgesetz, an dem über 10 Jahre lang gearbeitet wurde, nicht einzutreten. Musikschulen, Arbeitnehmende und Arbeitgebende haben nun über eine Volks-initiative neuen Anlauf genommen. (Unterschriftenbogen liegt dieser Nummer bei)

Kostenbeteiligung Musikschulen

 

Die Musikinitiative soll den Musikunterricht, die Laienmusik und die Talentförderung unterstützen und besser verankern. Von den Arbeitsbedingungen ist aber nirgends die Rede. Wie sieht es damit aus? Was sind die wichtigsten Themen/ Forderungen?

Hinter all dem steht selbstverständlich immer die Frage der Arbeitssituation. Diese hat sich für die Musiklehrpersonen in den letzten 50 Jahren sehr stark verändert. Damals gab es noch den Musiklehrer, der wie ein Hausierer von Haus zu Haus ging. Diese Zeiten sind endgültig vorbei, auch wenn noch heute das eigene Musikinstrument, Computer, Tablet, Natel und eine ausreichende Musikbibliothek von den Musiklehrpersonen gestellt werden müssen. Räume und grosse Instrumente wie Klavier oder Schlagzeug werden von den Gemeinden und ihren Musikschulen bereitgestellt – allerdings ist die Qualität hier sehr unterschiedlich.

Im ganzen Musiksektor hat sich die Ausbildung und die Professionalität stark verbessert. Heute hat nur noch eine verschwindend kleine Anzahl Lehrpersonen keinen gültigen Hochschulabschluss. Und wer eine Stelle bekommt, hat auch einen pädagogischen Abschluss in der Tasche. Das gleiche kann man bei den Orchestern beobachten. Während man früher unter Umständen sogar ohne Probespiel in einem Orchester – wie zum Beispiel der Tonhalle in Zürich – mitspielen konnte, sind Probespiele heute selbstverständlich, immer unter internationaler Konkurrenz.

Die Musikschulen bieten heute auch eine viel umfassendere Ausbildung an, als dies mit dem Privatunterricht möglich ist. Die Lehrpersonen organisieren und gestalten Projekte, Lager, Events und Möglichkeiten zum Mitmachen, begleiten die Kinder an Stufentests und Wettbewerben, damit sie eine zeitgemässe Stilvielfalt, ein Theorieverständnis und auch das Zusammenspielen trainieren können. Die Lehrpersonen selber besuchen obligatorische und private Weiterbildungen und haben Mitarbeiterbeurteilungen wie in der Volksschule. Ebenso sind sich die Musikschulen langsam immer mehr bewusst, dass sie talentierten Kindern und Jugendlichen ein intensiveres Programm anbieten müssen.

Das heisst, die Arbeit der Lehrpersonen hat sich verändert und an einigen Orten haben sich auch die Löhne etwas angepasst. Aber an sehr vielen Orten hinken diese immer noch den Ausbildungen und Aufwendungen für den Beruf hinterher. Häufig ist es ganz einfach: so unterschiedlich wie die Tarife für die Eltern sind, so unterschiedlich sind auch Löhne und dazugehörige Pensionskassen-Vereinbarungen sowie Sozialleistungen.

In Zürich wurde inzwischen eine kantonale Musikinitiative lanciert. Was versprichst du dir davon?

Die Musikinitiative in Zürich möchte erreichen, dass sich der Kanton mehr hinter seine Musikschulen und die Musikbildung stellt, indem er sich – neben Eltern und Gemeinden – auch finanziell fair mit 20 Prozent der Kosten beteiligt. Heute sind es gerade einmal 3,5 Prozent. Nur so wird es möglich, dass auch die fehlende Chancengleichheit für Kinder und Jugendliche in Bezug auf Musikbildung innerhalb des Kantons abgebaut wird. Der Wohnort und die familiäre Situation soll nicht mehr ausschlaggebend dafür sein, was ein Kind lernen kann und wie viel es dafür bezahlen muss. Musik ist ein Allgemeingut und eine Kulturtechnik wie das Schreiben oder Lesen. Sie ist heute im Alltag so präsent wie noch nie zuvor. Kinder und Jugendliche sollen die Möglichkeit bekommen, daran aktiv zu partizipieren.

Wenn die Musikinitiative im Kanton Zürich angenommen würde, würde hier eine gute Ausgangsposition zur Umsetzung der Vorgaben geschaffen, die im Art. 67a in der Bundesverfassung verankert sind. Das Gesetz würde keine Mehrkosten verursachen, stattdessen würde es den Musikschulen helfen, sich effizienter zu vernetzen und gute Arbeit zu leisten.

– Sibylle Schuppli ist Musiklehrerin, Musikerin und Präsidentin der Gewerkschaft für Musikberufe MuV.

 

 

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