Eigentlich sollte er in  die Sonderschule

Dienstag, 25. April 2017, 0:59 149308199912Tue, 25 Apr 2017 00:59:59 +0000, Posted by admin1 in Heft 201, No Comments.

Eigentlich sollte er in die Sonderschule


Was inklusive Kulturen im Kopf und inklusive Praktiken im Alltag bewirken können.

Von Esther Steinmann

 

Wer nicht dazu passt, wird wegselektioniert. So funktioniert unsere Schule in der Regel. Ganz besonders gilt dies für Jugendliche, denen eine schwere Verhaltensauffälligkeit attestiert wird. Dafür gibt es Sonderschulen für normalbegabte und lernbehinderte Schülerinnen und Schüler, die auf Grund von Verhaltensschwierigkeiten einer speziellen Unterstützung bedürfen. Dass es auch anders geht, war für Silvan1 wohl wegentscheidend. Ein solcher «Einzelfall» ist lehrreich.

Zwei Wochen vor Schulbeginn erfahren wir, dass Silvan in unserer Klasse das siebente Schuljahr starten wird. Er soll nur vorübergehend bei uns bleiben, bis für ihn in der Sonderschule für Jugendliche mit einer sogenannten Verhaltensbehinderung ein Platz frei wird. Viel mehr wissen wir nicht. Wir heissen Silvan willkommen, so wie alle anderen.

Ich bin eine ausgebildete Primarlehrerin, zusätzlich qualifiziert mit einer umfangreichen Weiterbildung der Pädagogischen Hochschule Luzern für einen fördernden Umgang mit Heterogenität (Weiterbildungsmaster für integrative Förderung). Ich arbeite an der Sekundarstufe I (7.-9. Schuljahr). Mein pädagogisches Interesse richtet sich auf die Entwicklung aller Kinder und Jugendlichen meiner Klassen, nicht nur auf einzelne bezeichnete Kinder mit sogenannt «besonderem Förderbedarf». In der Klasse arbeite ich mit dem Klassenlehrer, den Fachlehrenden und weiteren Personen zusammen. Es gehört zu meiner Aufgabe, die Arbeit und die Kommunikation der (zu) vielen Beteiligten zu koordinieren und wirksam werden zu lassen. Keinesfalls geht mein Bestreben dahin, als Lehrerin für integrative Förderung die Kinder für die Schule zurechtzubiegen. Vielmehr will ich sie in ihrer Erlebenswelt ernst nehmen, von ihnen lernen, ihnen Vertrauen geben und die Schule mit Hilfe von jedem Kind so zurechtbiegen, dass sie ihnen eine Entwicklung ermöglicht und sie für das Leben stark macht. «Jeder Mensch ist anders!» – auch ich bin es: seit 15 Jahren bin ich an «der Krankheit mit tausend Gesichtern», multipler Sklerose, MS, erkrankt und möchte behandelt werden wie alle anderen.

Die Kinder unserer Klasse kommen aus fünf verschiedenen Primarschulklassen. Ein paar Jugendliche kennen sich bereits, andere  lernen sich neu kennen. Sie sind im Niveau C der Sekundarstufe I gelandet. Die Vielfalt ist gross. Wir machen uns zusammen auf den Weg, eine Gemeinschaft zu bilden, in der sich alle wohlfühlen können.

 

«Haben die Kinder und Jugendlichen das Gefühl, dass es im Streitfall eine faire Lösung gibt?»

Index für Inklusion 2017, S. 104

 

Silvan fällt auf mit destruktivem Verhalten

Silvan rutscht zappelig mit seinem Stuhl hin und her. Zwischendurch landet er mit grossem Krach auf dem Boden. Er malträtiert mit der Schere seine Kartonunterlage auf dem Schreibpult, knickt Stifte, pikst sich selbst. Die Narben und Krusten an den Unterarmen zeugen davon. Manchmal sitzt er einfach nur da, die Kapuze hochgezogen, in sich gekehrt.

Schon in den ersten Wochen häufen sich Reklamationen. Silvan ist bei den Streitigkeiten auf dem Pausenplatz meist mit dabei, er widerspricht frech den Lehrpersonen und treibt viel Unfug. Wenn er zur Rede gestellt wird, verschliesst er sich. Er gibt dann gar keine Antwort und wendet sich ab. Am Unterricht beteiligt er sich selten. Wenn er aber mit den Händen anpacken kann – ohne Schriftlichkeit und mit wenig Druck – dann ist er dabei. Dies zeigt sich im «Technischen Gestalten» und in der «Hauswirtschaft». Hier fällt er manchmal positiv auf.

Schriftliche Arbeiten in den Hauptfächern und bei den Hausaufgaben gibt er fast nie ab. Wenn er – selten genug – überhaupt etwas schreibt, ist seine Schrift meist unleserlich. Im Unterricht macht Silvan nicht mit, er hat seine Sachen nicht dabei, er lässt sich kaum ansprechen, kurz: er verweigert sich.

 

Pädagogisch handeln, aber wie?

Einige Lehrpersonen wissen nicht, wie sie Silvans Verweigerung begegnen können. Es wird viel geredet, es fängt an zu «kriseln». Ein Teil der Lehrpersonen nimmt Silvans Verhalten persönlich und leidet darunter. Alle gängigen Fördermassnahmen bewirken nichts. Sie perlen richtiggehend an Silvan ab. Wir wissen nicht mehr weiter. «Da müssen wir einen Riegel vorschieben, das geht doch nicht», hört man die lauten Stimmen in der Stufenkonferenz. «Dieser Schüler ist nicht tragbar! Sollen sich andere darum kümmern. Hoffentlich wird in der Sonderschule bald ein Platz frei für ihn.»

Der Klassenlehrer und ich haben aber ein anderes Bildungsverständnis. Wir sind nicht bereit, diesen Schüler einfach nur mitzuschleppen, bis er die Schule wechseln kann. Wir fühlen uns für ihn mitverantwortlich, weil er Teil unserer Klasse ist, und weil auch er das Recht hat, gemeinsam mit allen andern wohnortnah zu lernen. Den Zugang zu Silvan fand ich, indem ich ihn während des Unterrichts in Ruhe liess. Wenn sein Verhalten die Klasse am Arbeiten störte, begleitete ich ihn hinaus auf den Flur. Dort setzte er sich auf die Bank und wendete sich von mir ab. Ich suchte für mich einen Platz in genügend grossem Abstand und wartete. Endlich konnte ich mal die Plakate der anderen Klasse an der Flurwand gründlich studieren. Ich war einfach da. Ohne Ansage, ohne Erwartung, ohne Bedingung. Es passierte nichts und doch unendlich viel. Die Woche darauf beginnen wir mit dem Wochenfeedback.

 

«Übernehmen alle Mitglieder des Schulpersonals Verantwortung dafür, gefährdeten Schüler*innen zu einem positiven Selbstwertgefühl zu verhelfen?» 

Index für Inklusion 2017, S.140

 

Wochenfeedback ermöglicht gemeinsame Verantwortungsübernahme

Gemeinsam mit dem Klassenlehrer und dem Schulleiter beschliessen wir, dass es nötig ist, die beteiligten Lehrpersonen zu unterstützen, sie zu coachen sowie im Unterricht zu entlasten. Wenn dort Konflikte entstehen, bei denen der Unterricht massiv gestört wird oder wenn die Unversehrtheit der Kinder beziehungsweise der Lehrperson bedroht ist, kann diese den Jungen ins Schulleiterbüro schicken, wo er temporär beaufsichtigt wird. Ich versuche dann mit der Lehrperson, der Klasse (z.B. im Klassenrat) und mit Silvan die schwierige Situation zu analysieren und gemeinsam Lösungsschritte zu finden. Jeden Freitag habe ich auch ein institutionalisiertes Feedbackgespräch mit Silvan. Nicht ganz selten gelingt es, mit Hilfe der verschiedenen Perspektiven und gemeinsamen Interessen in einem mediativen Prozess für alle hinnehmbare Vereinbarungen zu treffen. Ich freue mich auch an kleinen Entwicklungsschritten und weiss, dass ich immer wieder mit Rückschlägen rechnen muss. Im Laufe der Monate hat sich eine Konfliktkultur entwickelt, die bei allen Beteiligten Zuversicht und Gelassenheit aufkommen lässt.

Dringend notwendig wird jetzt, das pädagogische Handeln der vielen Beteiligten mit Silvan zu koordinieren. Mindestens sieben Lehrpersonen und verschiedene spezialisierte Fachkräfte (der Schulpsychologe, der Jugendpsychologe, die Sozialarbeiterin, die Familienhelferin) arbeiteten mit Silvan daran, dass er sein Verhalten in eine erwünschte Richtung verändern kann, aber es passierte nicht viel. Jede beteiligte Person sah sich ausschliesslich in ihrem Bereich verantwortlich für Silvans Situation. So beschlossen wir, Silvan eng zu begleiten, ressourcenorientiert Beobachtungen, Erfahrungen und daraus resultierende Massnahmen der verschiedenen Beteiligten festzuhalten und regelmässig an alle Beteiligten weiterzugeben.

Seither bespreche ich mit Silvan wöchentlich seine eigenen Erfahrungen sowie die Beobachtungen und Rückmeldungen seiner Lehrpersonen. Ich halte auch seine Sichtweise und seine Vorschläge fest. Wir besprechen, vereinbaren und reflektieren dann die nächsten Entwicklungsschritte. Alle Beteiligten werden gleichzeitig und zeitnah über die Beobachtungen, Erfahrungen (ausdrücklich sowohl positive wie negative) und die dazugehörigen Massnahmen informiert. Konkret bedeutet dies, dass ich das mit Silvan besprochene Wochenfeedback jeden Freitagabend per E-Mail an die Eltern mit Kopie an die Familienbetreuerin, die Kinder- und Jugendpsychologin, die Schulpsychologin, den Klassenlehrer, an die sieben Fachlehrpersonen und den Schulleiter verschicke. Das Ziel ist es, mit Silvan selbst und mit allen an Silvans schulischer und persönlicher Entwicklung beteiligten Menschen gemeinsam Wege zu finden. Alle Betroffenen sollten mit dem Wochenfeedback zu gut informierten Beteiligten werden, was eine gemeinsame Verantwortungsübernahme möglich macht.

Alle drei Wochen besteht zudem die Möglichkeit, in der Sitzung des Jahrgangteams unsere Erfahrungen auszutauschen und Vorschläge zur weiteren Arbeit zu machen. In den Wochen nach den Herbstferien wurden die Störungen des Unterrichts durch Silvan seltener. Mit seinem Verhalten stand er nun meist nur noch sich selbst im Weg. Die Verweigerung von schriftlichen Arbeiten blieb jedoch ein Problem, so dass sich seine bewertbaren Leistungen kaum verbesserten. Das Wochenfeedback mit Einbezug aller Beteiligten entwickelte sich zum festen Bestandteil unserer pädagogischen Arbeit.

 

Wie Silvan bleiben konnte und wie er zu uns kam

Für den Klassenlehrer und für mich stellte sich die Frage längst nicht mehr, ob Silvan in der Klasse bleiben könne. Zu unserem Erstaunen aber war Silvan nun in der Klasse und auch im Fachunterricht «tragbar». Wir fassten ins Auge, die bereits vor Eintritt in die Klasse verfügte Anmeldung für die Sonderschule zurückzuziehen. Wir besprachen dies mit Silvans Eltern. Diese machten wohl die erste positive Schulerfahrung in Bezug auf eines ihrer Kinder. Auch die Mutter konnte Vertrauen zu uns gewinnen und war nun selbst in der Lage, positiv auf das Verhalten ihres Sohnes Einfluss zu nehmen. Nach einem halben Jahr beschlossen wir in der Stufenkonferenz mit den Beteiligten in einer schriftlichen Vereinbarung festzuhalten, dass Silvan definitiv in unserer Schule bleiben kann.

Nach und nach erfuhr ich aus Gesprächen mit Silvan, seinen Eltern und der vorherigen Klassenlehrerin einiges über seine Biografie: Silvans ältere Brüder fielen in der Schule schon früh auf, was eine Gefährdungsmeldung an die Kinderschutzbehörde ausgelöst haben musste.

Als Silvan etwa acht Jahre alt war, muss ein einschneidendes Ereignis in der Familie stattgefunden haben. Dies hatte zur Folge, dass die Kinder zur Fremdplatzierung direkt aus der Schule abgeholt wurden. Silvan kam mit einem Bruder in eine Pflegefamilie an einen anderen Ort. Dort gefiel es ihm überhaupt nicht. Nach gut einem Jahr konnte er in ein Kinderheim wechseln, wo er das 4. und 5. Schuljahr besuchte. Die Eltern zogen in die Nähe und erhielten die Obhut ihrer Kinder zurück. Silvan konnte in derselben Schule bleiben, er wohnte aber wieder zu Hause.

Im 6. Schuljahr fand wieder ein Schulwechsel zurück in die Regelschule statt. Dank einer jungen, engagierten Klassenlehrerin fand er bald einen Platz in der Klasse. Wegen mangelnder Unterstützung durch die Schulleitung und das Team verschärfte sich jedoch die Situation, was für den Übertritt in die Sekundarstufe I eine Anmeldung an die Sonderschule zur Folge hatte. Weil diese aber keine freien Plätze mehr zur Verfügung hatte, kam Silvan als Übergangsmassnahme zu uns.

 

«Besteht Einigkeit darüber, dass es die Zusammenarbeit erleichtert, wenn sich Menschen als Person anerkannt fühlen?» 

Index für Inklusion 2017, S.120

 

Licht am Horizont

Sowohl die Führung der Klasse durch den Klassenlehrer wie auch die Kinder der Klasse tragen einen grossen Teil zu einem Klima bei, in dem auch Silvan einen Platz hat. Da die Klasse selbst sehr heterogen ist, ist das ein ständig sich entwickelnder Prozess. Es brauchte vor allem zu Beginn des Schuljahres intensive Arbeit am Zusammenhalt der Klasse, der Erarbeitung gemeinsamer Regeln und den Aufbau von Ritualen. Wir wurden dabei von der Schulsozialarbeiterin und dem Lehrer für Ethik & Religionen hilfreich unterstützt.

Da ich die Klasse, den Klassenlehrer und verschiedene Fachlehrpersonen insgesamt zehn Unterrichtsstunden im Unterricht unterstützen kann, ist es uns möglich, direkt und reflektiert günstige Entwicklungen zu erkennen und auf unerwünschtes Verhalten zu reagieren. So sind wir in der Lage, das Zusammenleben und -lernen in der Klasse zunehmend erfolgreich gemeinsam zu gestalten. Es wurde möglich, dass Silvan Beziehung zu einzelnen Jugendlichen aufbaute. So entstand ein wertschätzendes Klima, das inzwischen von allen Jugendlichen der Klasse zunehmend akzeptiert und mitgetragen wird.

Silvan, aber auch den anderen Schülerinnen und Schülern gelingt es je länger je besser, ihr Sozialverhalten zu stabilisieren. Langsam konnten wir uns daher auch auf das schulische Lernen und das Problem der weitgehenden «Verweigerung» von schriftlichen Leistungen konzentrieren. Auch dabei müssen wir immer wieder mit Silvan spezielle Vereinbarungen treffen und Regeln aushandeln. So darf er, um sich besser konzentrieren zu können, eigene Musik über Kopfhörer hören. Er darf schriftliche Aufträge am Computer lösen. Prüfungen kann er teilweise mündlich absolvieren. Langsam nähern sich die Leistungen dieses durchaus klugen Jungen seinen tatsächlichen Fähigkeiten.

Das Wochenfeedback ist immer noch ein fester Bestandteil unserer Arbeit. In zehn Monaten hat sich für die Beteiligten ganz Wesentliches verändert, was alle sehr zuversichtlich stimmt. Auch die Situation zu Hause hat sich deutlich beruhigt. Die Mutter schreibt uns: «Ich möchte Ihnen allen danken für die gute Zusammenarbeit und für Ihren Glauben an Silvan, dass er es schaffen kann.»

Silvan geht es besser. Kein Vergleich mehr zur Anfangsphase. Kein destruktives Verhalten gegenüber sich selbst oder dem Material. Er hat gelernt, seine Verhaltensmuster selber zu beobachten und zu ändern und ist nun zunehmend in der Lage sich sozial und emotional weiterzuentwickeln.


 

Esther Steinmann ist seit 2007 Lehrerin für Integrative Förderung im Kanton Luzern.

E-Mail: esther.steinmann@stadtluzern.ch


1 Der Name wurde verändert, die Situation leicht modifiziert.

Der Beitrag ist zuerst erschienen in der Zeitschrift PÄDAGOGIK, Heft 11-2016 mit dem Themenschwerpunkt: Verhaltensauffällige Schüler/innen. Ausführliche Informationen zum Heft unter http://www.redaktion-paedagogik.de.


Foto: Isabelle Casale-Jost

 

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