Emanzipatorisch  für alle

Donnerstag, 2. März 2017, 18:50 148848061906Thu, 02 Mar 2017 18:50:19 +0000, Posted by admin1 in Heft 200, No Comments.

Emanzipatorisch für alle


Grundlagen einer linken Bildungspolitik gestern wie heute.

Von Erich Otto Graf

 

Wie immer in Zeiten raschen gesellschaftlichen Wandels steht die Bildungsinstitution im Zentrum des Interesses und der öffentlichen Auseinandersetzungen. Es fehlt dabei nicht an hunderten von geschickteren und ungeschickteren Vorschlägen, was nun die Schule zu tun oder zu lassen hätte. In der Hektik dieser Debatten geht dabei häufig vergessen, dass Schule grundsätzlich eine langsame und träge Einrichtung sein muss. Nur wenn sie träge ist, vermag sie ihre wichtige Orientierungsfunktion für die nachwachsenden Generationen zu übernehmen.

Wer immer also Bildungspolitik, zumal eine mit «links» apostrophierte, betreiben will, muss deshalb über eine Vorstellung davon verfügen, wie eine langfristige Ausrichtung von kultureller Orientierung zu gestalten sei. Jede langfristige und stabile Orientierung muss sich der Grundlagen ihrer selbst versichern. Die Grundlagen unserer Kultur liegen in der griechischen und der römischen Antike, ihrer Vermittlung und Aneignung im christlich geprägten Mittelalter, ihrer Erneuerung in der frühen Neuzeit und in der Entwicklung des aufklärerischen Denkens seit dem 17. Jahrhundert, das zu einer Säkularisierung, Entfeudalisierung und Demokratisierung der Kultur geführt hat. Dies hat die Emanzipation der einzelnen Menschen aus vielerlei überkommenen institutionellen Ordnungen befördert. In diesem Prozess hat die Bildungsinstitution eine wichtige Funktion übernommen. Die Volksschule ist Trägerin dieses Erbes. Auch wenn ihre Funktionär*innen dies heute manchmal vergessen haben, so bleibt die Aufklärung der Kultur ihre grosse Aufgabe.

«Es geht in einer demokratischen Gesellschaft gerade nicht darum, sozial aufzusteigen, sondern soziale Hierarchien abzuschaffen.»

Die heutige Weltgesellschaft steht vor gros-sen Herausforderungen, von denen sie noch nicht weiss, wie genau sie ihnen begegnen soll. Unsere bisherige Lebensweise hat starke Auswirkungen auf das, was wir unsere «Umwelt» nennen; die Stichworte dazu sind: sinkende Biodiversität, Klimawandel. Die Produktion von Gütern und Dienstleistungen befindet sich in einem raschen Wandel. Viele bisher manuell ausgeführte Tätigkeiten sind automatisiert. Dadurch verändert sich der Charakter der Arbeit grundsätzlich. Gleichzeitig ist zu fragen, ob Arbeit noch immer als Mass kultureller Integration zu gelten hat und inwiefern sich solche Veränderungen auf die Ausgestaltung der Bildungsinstitution auswirken müssen.

Wie also muss eine linke Bildungspolitik ausgestaltet werden, damit die Bildungsinstitution ihrer orientierenden Aufgabe nach wie vor nachzukommen vermag? Eine negative Antwort ist zunächst zu geben: eine linke Bildungspolitik darf sich nicht an der Hektik des alltäglichen Gezerres um dies und das beteiligen. Sie muss sich auf ihre eigenen Grundlagen beziehen und einen Entwurf für eine humane Weltgesellschaft vorantreiben. Die Aufklärung ist zu verteidigen und weiter voranzutreiben. Aktuell erleben wir eine kulturelle Entwicklung, welche grundlegende Errungenschaften der Aufklärung in Frage stellt: die Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz, den Schutz vor Bespitzelung und Denunziation, den Schutz vor Willkür der staatlichen und privaten Gewalt. Es wartet eine gewaltige Bildungsarbeit, wenn die Errungenschaften der Aufklärung erhalten bleiben sollen.
 
Drei Begriffe zur Orientierung

«Politik» besteht aus jenen Mitteln, die nötig sind,  um an die Macht zu gelangen, die Macht zu bewahren und den von ihr nützlichsten Gebrauch zu machen, so ungefähr hat dies Macchiavelli, ein italienischer Staatsmann aus Florenz, im 16. Jahrhundert einmal gesagt. Der zweite Begriff, der wichtig ist, ist jener der Republik, abgeleitet aus dem Lateinischen «res publica», der «öffentlichen Angelegenheit», mit dem Gemeinwesen und Staat gemeint sind. Der dritte Begriff ist jener der «Aufklärung», als Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit, wie Kant es einmal formuliert hat. Bildung ist ein beim einzelnen Menschen anfallender Effekt seiner eigenen Bildungsanstrengungen.

Schule ist eine staatliche Zwangsanstalt, die vorgibt Menschen zu bilden, was zu einem Widerspruch in sich führen muss. Schule kann so organisiert werden, dass sie den Bildungsprozess der Schüler*innen nicht stört. Wenn sie zugleich ihren curricularen Vorgaben folgt und diese ernst nimmt, wird sie nicht umhin kommen in genau diesen Bildungsprozess hinein verstörend zu wirken. Das führt zu einer Grundspannung, die in der Rolle der Lehrperson selbst angelegt ist.

Linke Bildungspolitik muss sich deshalb mit den Fragen der sozialen Schichtung, der Diskriminierung und Ausgrenzung auseinandersetzen. Sie muss sich fragen, wie sie mit den im Staat angelegten Ungerechtigkeiten umgeht und welche Art von staatlicher Schule sie denn will, wenn sie auf den staatlichen Schulzwang nicht verzichten will (wofür es gute Gründe gibt). In einer demokratischen Gesellschaft muss um die Schule ständig gestritten werden. Und wie immer sind die Lösungen in einem demokratischen Staat Kompromisse zwischen den verschiedenen politischen Interessen und Kräften. Eine linke Bildungspolitik muss deshalb wissen, welche Kompromisse sie eingehen kann und muss und wozu sie grundsätzlich nicht Hand bieten darf.
 
Linke Politik

Wer immer linke Politik im so genannten Bildungswesen betreibt, sollte sich der Grundlagen einer linken Politik vergewissern. Linke Politik ist eine Politik, die alle Barrieren abbaut, die der menschlichen Emanzipation, also dem Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit, im Wege stehen. Linke Politik öffnet deshalb Möglichkeitsräume, reisst Barrieren ein und stärkt die Selbstverantwortung aller Menschen. Das führt zum Streit um die Reichtumsverteilung in der Weltgesellschaft, um die Ausgestaltung von Eigentum, um die Durchsetzung der Menschenrechte.

Politik hat mit Konflikt und Streit zu tun. Damit ist zu fragen, worüber und wofür wir im Rahmen einer linken Bildungspolitik zu streiten haben. Die Antwort ist einfach zu geben und schwer zu verwirklichen: wir kämpfen dafür, dass für alle Menschen (und mit allen Menschen sind tatsächlich alle Menschen, die jetzt gerade leben gemeint) die Möglichkeit zur Bildung als einer Selbstbildung besteht. Diese Möglichkeiten sind heute nicht für alle Menschen gegeben, weder weltweit noch in der Schweiz.

Eine linke Politik ist stets am revolutionären Dreieck von liberté, égalité und fraternité ausgerichtet. Dieses Revolutionsdreieck ist sehr verzogen, alle seine drei Pole sind korrumpiert worden.

Die linke Politik der letzten zweihundert Jahre hat es nicht oft verstanden, die Ambivalenz dieser drei Pole des Revolutionsdreiecks zu verstehen und die daraus sich ergebenden Spannungen auszuhalten. Fast immer hat linke Politik darin bestanden, eine Gewichtung dieser Pole vorzunehmen. Dabei ist nicht selten die Freiheit auf der Strecke geblieben. Die fraternité wurde durch ein handlicheres Konstrukt von «Gerechtigkeit» ersetzt, «égalité» durch sozialen Aufstieg.

Eine linke Politik kann vernünftigerweise immer nur eine Politik an einem bestimmten Ort mit Blick auf die Weltgesellschaft sein. Eine linke Politik wird nicht umhinkommen, die ungerechte Reichtumsverteilung in der Welt zu kritisieren und wird dabei auf die Frage stossen, wie sie es mit der ebenso ungerechten Reichtumsverteilung im eigenen Land hält. Eine linke Politik ist eine Politik, deren Exponent*innen für ihr Handeln die Verantwortung übernehmen. Linke Politik besteht im alltäglichen Handeln, das seine eigenen Prämissen reflektiert, überprüft und verändert. Es zeugt oft von Hilflosigkeit, wenn nach «Schuldigen» gesucht wird. Linke Politik besteht darin, sein eigenes Leben im Sinne der eigenen politischen Ausrichtung zu verändern.

Linke Politik ist immer eine Politik, die der Aufklärung weiterhilft. Aufklärung bedeutet das Auflösen aller Vorurteile. Um ein Beispiel zu machen: es genügt nicht, den Rassismus zu verbieten, er muss durch alle Menschen ständig bekämpft werden. Es genügt nicht, die Geschlechterdiskriminierung zu kritisieren und gleichzeitig einen Alltag zu leben, der diese Diskriminierung zur Voraussetzung hat. Die Linke hat hier die – von ihr selbst gesetzten – Aufgaben nicht gelöst.
 
Volksschule

Die Geschichte der Volksschule in der Schweiz ist nicht zu trennen von den Erfolgen der Revolution von 1848. Diese ist republikanisch, laizistisch und dezentral. Deshalb ist zunächst am föderalen Aufbau des schweizerischen Bildungswesen nichts zu verändern. Ob sich ein Staat, dessen Bevölkerung ungefähr derjenigen einer mittleren Grossstadt der Weltgesellschaft entspricht, tatsächlich auch 26 verschiedene Schulsysteme leisten will, ist hier von zweitrangiger Bedeutung. Das Problem besteht nicht in einer mangelnden Zentralisierung, sondern darin, dass Föderalismus nur dann gut funktioniert, wenn die verschiedenen Teile des Gesamtsystems aufeinander zugehen, miteinander sprechen und gemeinsam tragfähige Lösungen finden. Der berühmte Steuerwettbewerb zwischen den Kantonen, die bürgerliche Politik – dem Staat die Mittel wegzunehmen und auf diese Weise viele Teile des Gemeinsamen der privaten Kapitalverwertung zuzuführen – hat gerade dem föderalen Aufbau der Schweiz sehr geschadet. Die neoliberale Politik ist niemals eine liberale Politik, sondern eine auf die Zerstörung demokratischer Strukturen ausgerichtete. Ihre Folgen sind mehr Unsicherheit, mehr Angst, mehr Kontrolle, schlechtere Leistungen für teures Geld.

Eine linke Bildungspolitik muss deshalb dafür eintreten, dass dem Bildungswesen mehr Mittel zur Verfügung gestellt werden. Das bedeutet, dass die Steuern für die Reichen zu erhöhen sind, dass etwa Kapitalgewinne und Börsentransaktionen zu versteuern sind.

Das erfolgreiche Absolvieren der verschiedenen hierarchischen Stufen der Bildungsinstitution hat seit der Institutionalisierung der Volksschule eine wichtige Rolle dafür gespielt, einzelne Individuen sozial aufsteigen zu lassen. Gleichheit hat sich hier in eine «Gleichheit der Chancen» verwandelt, um sozial aufsteigen zu können. Da die soziale Positionierung nicht mehr alleine der Familienzugehörigkeit geschuldet war, sondern nun über den Erwerb von Bildungszertifikaten und -abschlüssen individueller sozialer Aufstieg gerechtfertigt werden konnte, ist Bildung in diesem Sinne auch als ein Mittel zur Entfeudalisierung der Kultur zu verstehen. Der Gebrauch der Bildungsinstitution als sozialer Lift hat dabei eine vorzügliche Rolle gespielt. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war zudem der Beruf der Lehrperson der klassische soziale Aufstiegsberuf für Angehörige aus der Arbeiterklasse und der Mittelschicht. Dabei haben sich die dergestalt Aufgestiegenen nicht selten von ihrem Herkunftsmilieu über einen bürokratisierten und formalisierten Begriff von Bildung, der sich an Diplomen schulischer Organisationen orientiert hat, abgesetzt.

Eine linke Bildungspolitik wird die Funktionalisierung von Diplomen als Anspruchslabel für sozialen Aufstieg und die damit verbundene Zuschreibung hoher Löhne bekämpfen. Es geht in einer demokratischen Gesellschaft gerade nicht darum, sozial aufzusteigen, sondern soziale Hierarchien abzuschaffen.
 
Menschenrecht

Eine linke Bildungspolitik ist stets eine Politik, die für die Durchsetzung der Menschenrechte kämpft, und sie niemals zugunsten nationalstaatlicher Verfasstheit relativiert. Linke Politik setzt immer darauf, dass alle Menschen, die in der Schweiz leben, alle politischen Rechte erhalten und in diesem Land politisch mitbestimmen können. Schule muss deshalb demokratisch sein. Wenn die Volksschule ihre Aufgabe der Aufklärung ernst nimmt, dann muss sie demokratische Lernformen entwickeln. Sie muss grundsätzlich antiautoritär sein. Das bedeutet, dass keine Autorität einfach so, ohne kritisches Hinterfragen einen Zuständigkeitsbereich für sich beanspruchen kann. Das antiautoritäre Programm des kantischen Aufklärungsbegriffs ist in der Organisation der Schule und ihres Unterrichts umzusetzen. Das Umsetzen einer antiautoritären Schule bedeutet das Übernehmen von Verantwortung für das eigene Handeln. Dies stellt insbesondere in einer demokratisch organisierten Volksschule an alle Rolleninhaber*innen hohe Anforderungen. Denn die Übernahme von Verantwortung ist gerade das Gegenteil eines laisserfaire und des Verfolgens eigener, egoistischer Interessen. Verantwortung enthält ja im Wort selbst die Frage danach, wem für das eigene Handeln Rede und Antwort gestanden werden muss. Linke Bildungspolitik wird also Unterrichtsformen durchsetzen, die die Eigenverantwortlichkeit der Schüler*innen für ihre Lernprozesse fördern.
 
Ziele und Forderungen einer linken Bildungspolitik

Linke Bildungspolitik verlangt von der Schule Inklusion und setzt sie auch durch. Inklusion meint eine Ausrichtung von Schule und Unterricht, die keine Schüler*in mehr aussondert, sondern den Unterricht ausgehend von den Lernmöglichkeiten der einzelnen Schüler*innen individuell organisiert. Schulischer Unterricht hat die Heterogenität der Menschen zu berücksichtigen. Nur wer nicht gruppal denken kann, meint, jede Schüler*in sei infolge dieser Forderung «einzeln» zu unterrichten. Unterricht muss leistungsgerecht an das Vermögen der einzelnen Schüler*innen angepasst werden. Er wird sich also an Lew Wygotskys Konzept der «Zone der nächsten Entwicklung» orientieren. Das verlangt eine Veränderung des Denkstils in der Erziehungswissenschaft.

Diese bisherigen Überlegungen zeigen, dass ohne eine starke Veränderung der schulischen Organisation eine linke Bildungspolitik nicht erfolgreich sein kann.

Aus diesen Überlegungen lassen sich folgende einfache Forderungen für die Schule als Organisation der Bildungsinstitution ableiten:

Schule muss eine Gesamtschule sein. Das bedeutet, dass Jahrgangsklassen aufzuheben sind, dass alle Kinder dort zur Schule gehen, wo sie wohnen.

Schule ist als Tagesschule organisiert.

Schule ist stets inklusiv, das heisst, dass Sonderschulen aufzuheben sind und dass Gehaltsunterschiede von Lehrkräften nach Schulstufen und Schultypen aufgehoben sind.

Die Ausbildung von Lehrpersonen hat sich an die veränderte schulische Organisation anzupassen.

 

Erich Otto Graf ist promovierter Sozialwissenschaftler und arbeitet als Privatdozent an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Seine neueste Publikation lautet «Inklusionsforschung. Beiträge zu einer Ethnografie des Inlands» (Berlin, 2017, epubli.) Weitere Angaben zu Projekten und Literatur auf: www.institutionsberatung.ch

 

Porträt Foto: Charlie Walter

Foto: zach / photocase.de

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