Von der Sekundarschule zur Gesamtschule?

Thursday, 15. September 2016, 22:52 147397992310Thu, 15 Sep 2016 22:52:03 +0200, Posted by admin1 in Heft 198, No Comments.

Von der Sekundarschule zur Gesamtschule?


Eine neue Geschichte des Schulwesens im Kanton Bern fokussiert insbesondere auf den Aspekt der Selektion und gibt Aufschluss über Funktionsweisen der Schule sowie bildungspolitische Auseinandersetzungen. Auszüge aus dem Schlusskapitel der Studie.

Von Liselotte Lüscher

 

Der Titel des Buches «Von der Sekundarschule zur Gesamtschule?» trägt ein Fragezeichen. Es ist so: eine Gesamtschule ohne äussere Selektion haben wir heute nicht, aber trotzdem hat sich die zweite Selektionsstufe in der Volksschule, die Sekundarschule, verändert. Es ist im Kanton Bern möglich, die Selektion nur noch in Niveaus innerhalb der Volksschule anzubieten oder es werden an vielen Schulen beide Stufen, die Real- und die Sekundarstufe, so durchlässig gestaltet, dass die Selektion nach der 6. Klasse für kein Kind endgültig ist. Dieses Modell geniesst, wahrscheinlich weil es so nahe am bestehenden bleibt, sehr viel Sympathie bei der Lehrerschaft und der Politik.

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Die einst von Hausvätervereinen als Privatschulen gegründeten wenigen Sekundarschulen – bei der Verabschiedung des ersten Sekundarschulgesetzes 1839 waren es nur 16 im ganzen Kanton – nahmen mit der Zeit so stark zu, dass man sich im Grossen Rat des Kantons Bern begann um die Existenz der Oberstufe der Primarschule, der späteren Realschule, zu sorgen. Für immer mehr Eltern war die Sekundarschule für ihre Kinder ein Muss, verlangten doch immer mehr Berufe für den Einstieg Sekundarschulbildung. Um 1950 besuchte in den Städten und grösseren Ortschaften die Hälfte der Kinder die Sekundarschule und später stieg sogar der gesamtkantonale Durchschnitt auf über 50 Prozent.

Erst 1957 wurde das Schulgeld für den Besuch der Sekundarschule flächendeckend abgeschafft. Der Privatschulcharakter hielt sich lange. Gleichzeitig wurde die Sekundarschule im Mittelschulgesetz mit dem Gymnasium verknüpft, obwohl es schon früh Stimmen gab, die forderten, dass ein Volksschulgesetz gemeinsam für Primar- und Sekundarschule zu erstellen sei.

Bedrohlich für die Bedeutung und das Gewicht der Sekundarschule innerhalb der Volksschulbildung war die Forderung nach einer Verkürzung dieser Stufe um zwei Jahre und damit die Anpassung der Ausbildungsdauer an die der meisten anderen Kantone der Schweiz. Im Grossen Rat hatte der Vorschlag bei der Gesamtrevision der Bildungsgesetzgebung 1985 zu heftigen Kontroversen geführt und war abgelehnt worden. Viele fürchteten, das sei der erste Schritt zu einer Gesamtschule für den ganzen Kanton. Doch das Volk teilte diese Furcht nicht und beschloss 1990 aufgrund einer Initiative die Verkürzung.

Die früher fünf Jahre dauernde Sekundarschule war nun um zwei Jahre verkürzt und als Resultat der Gesamtschuldiskussion und der kantonalen Versuche, die es kurz darauf gegeben hatte, konnte man nun die Sekundarschulstufe in Niveaus umwandeln oder die Durchlässigkeit zwischen den beiden Zügen erhöhen. Die Sekundarschulstufe wurde zwar nicht aufgelöst, aber sie wurde geschwächt und man war damit der «Volksschule für alle» näher als früher.

Die erwähnten Themen werden in den Kapiteln 1 bis 8 des Buches ausführlich und auf einem bildungspolitischen Hintergrund behandelt. Der Text folgt vor allem den Diskussionen im Grossen Rat des Kantons Bern von 1830 bis heute. Nicht die erziehungswissenschaftliche Sicht steht im Zentrum, sondern die bildungspolitische und damit auch die parteipolitische. Man kann aber feststellen, dass erziehungswissenschaftliche Erkenntnisse durchaus eine Basis für das Argumentieren der Grossräte und Grossrätinnen sein können.

Der Text folgt der Geschichte der Sekundarschule des Kantons Bern und ist damit ein Teil der Schulgeschichte des Kantons Bern. Doch die Diskussionen zur Selektion in der Volksschule werden sich wahrscheinlich schweizweit nicht allzu sehr von denjenigen im Kanton Bern unterscheiden.

Die folgenden Auszüge stammen aus dem letzten Kapitel, dem Kapitel 9, das aufzeigt, wie auf den Versuch, die Bildungsstruktur und die Inhalte der Volksschule für die Schweiz zu harmonisieren, vor allem in Bern und in der Deutschschweiz reagiert wird und wie und ob dabei Beurteilungs- und Selektionsfragen diskutiert werden.

Schon seit 1998 stand in der Bundesverfassung, dass niemand wegen «einer körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderung» diskriminiert werden dürfe. Aber erst 2002 wurde auf Bundesebene ein Gesetz beschlossen und 2004 in Kraft gesetzt, das die Kantone in die Pflicht nahm. Sie sollten laut diesem Bundesgesetz dafür sorgen, «dass behinderte Kinder und Jugendliche eine Grundschulung erhalten, die ihren besonderen Bedürfnissen angepasst ist». Weiter unten wird die Aussage konkretisiert, aber auch eingeschränkt: «Die Kantone fördern, soweit dies möglich ist und dem Wohl des behinderten Kindes oder Jugendlichen dient, mit entsprechenden Schulungsformen die Integration behinderter Kinder und Jugendlicher in die Regelschule».1 […]

 

Debatten um integrative Schul- und Unterrichtsformen

Als Bernhard Pulver 2006 sein Amt als Erziehungsdirektor antrat, gab es noch grösseren Handlungsbedarf im Bereich der Kleinklassen. Diese waren im ganzen Kanton von 323 Klassen im Jahr 1996 auf nun 415 Klassen angestiegen – eine Steigerung von fast 30 Prozent. Ein halbes Jahr nach Pulvers Amtsantritt ging ein Bericht zur Kenntnis an den Grossen Rat, in dem das Vorgehen und der Inhalt der von der Erziehungsdirektion geplanten «Verordnung über die besonderen Massnahmen» für Kinder mit besonderem Bildungsbedarf dargestellt wurde. Der neue Erziehungsdirektor ging vorsichtig vor. Er überliess den Gemeinden den Entscheid darüber, ob sie die besonderen Massnahmen «weiterhin mit Kleinklassen oder vermehrt bis sogar vollständig mit integrativen Schul- und Unterrichtsformen» umsetzen wollten. Damit war auch dem «in der Regel» und der vorsichtigen Formulierung im Bundesgesetz genüge getan – Gemeinden konnten so ihre behinderten Kinder stärker oder weniger stark integrieren. Die Diskussion im Grossen Rat sollte klären, ob die geplante Verordnung politisch akzeptiert würde. Im Bericht wurde kein Hehl daraus gemacht, dass die äussere Differenzierung durch Kleinklassen, mit der die Gemeinden der zunehmenden Heterogenität der Schülerschaft begegnet waren, «kostenintensiv» und die Reintegration beim Übergang aus diesen Klassen in die Berufswelt «aufwändig und schwierig» sei. Geändert werden sollten ebenfalls die Zuständigkeiten: Die Erziehungsdirektion soll nicht mehr Bewilligungsinstanz für Kleinklassen oder Zusatzunterricht sein, den Gemeinden wird ein fixer, sozialindexierter Lektionenpool zugeteilt, mit dem diese die besonderen Massnahmen selbst umsetzen können.

Versüsst wurde der sanfte Druck, der von der Erziehungsdirektion ausging, mit dem Angebot, dass auch «ausserordentlich begabte» Kinder gefördert werden konnten. Das Budget für die besonderen Massnahmen soll von 110 auf 122 Millionen erhöht werden, damit Schulen mit einer hohen Anzahl Kinder mit speziellen Bedürfnissen nicht zu einschneidend reduzieren müssten. Von den zusätzlichen 12 Millionen waren 5.5, fast die Hälfte, für die Begabtenförderung vorgesehen.2 Damit konnten auch bürgerliche Kritiker oder Kritikerinnen, welchen die Begabtenförderung ebenso wichtig schien wie die Integration von behinderten Kindern, etwas beruhigt werden. […]

2006 hatte die Anzahl der Kleinklassen mit 415 im Kanton einen Höhepunkt erreicht gehabt. Im Schuljahr 2010/11 war sie auf 197 gesunken und sank bis 2015 nochmals um rund 40 Klassen.3 Das bedeutete, dass viele Gemeinden ihre Kleinklassen auflösten, und die betreffenden Kinder in den Regelklassen schulten. […]

Vielen gemächlicher Denkenden im Kanton ging dieser Rückgang wahrscheinlich beinahe zu rasch, bedeutete er doch gesamtkantonal eine Abnahme der Kleinklassen um deutlich über 50 Prozent, und das innerhalb von nicht einmal zehn Jahren. Die verstärkte Integration von potenziellen Kleinklassenschülern und -schülerinnen in die Regelklassen war ab 2009 Tatsache. Dass damit ein pädagogischer Widerspruch produziert wurde, war bestimmt nicht allen klar. Grossrätin Schärer der Grünen brachte es 2009 bei der Diskussion ihrer Motion zur «Förderung integrativer Schulmodelle» auf den Punkt: «Wir haben uns vor sieben Jahren bei der Revision des Volksschulgesetzes mutig dafür entschieden, die Kinder in der Regel in die Klassen zu integrieren. Damit haben wir uns für das Modell ‹zusammen in der Klasse› entschieden. Inzwischen sind wir dabei den Entscheid umzusetzen». Sie fuhr fort: «Die Forderung nach Individualisierung im Unterricht und der Integrationsprozess stehen in einem gewissen Widerspruch zu dem, was im 5. und 6. Schuljahr und nachher auf der Oberstufe passiert. Während wir unten integrieren, bereiten wir in der 5. und 6. Klasse wieder auf eine Separierung in Real- und Sekundarklassen vor. Dieser Widerspruch ist schwer verdaulich und pädagogisch auch schwer vermittelbar. Die Lehrkräfte stehen, etwas zugespitzt ausgedrückt, im Widerspruch zwischen Fördern und Richten».4

Auch auf der politischen Ebene wurde das Thema «Integration und Selektion» aufgegriffen. In einem Manifest einer Verbandskonferenz des VPOD Schweiz aus dem Jahr 2010, das auch von mehreren Politikern und Politikerinnen unterschrieben worden war, wurde auf die Diskrepanz zwischen Integration und Selektion hingewiesen. Es hiess dort unter der Überschrift «Eine andere Schule ist möglich. Für eine Volksschule ohne Selektion»: «Eine integrative oder inklusive Schule […] ist nur in einem nicht-selektiven Schulsystem möglich. Die Integration aller Kinder in die Regelschule kann daher nur gelingen, wenn die Regelschule entsprechend umgebaut wird. In einem selektiven System […] ist die geplante Integration der Sonderschule zum Scheitern verurteilt oder wird Kosmetik bleiben».5 […]

 

«Die Lehrkräfte stehen […] im Widerspruch zwischen Fördern und Richten.»

 

Im Oktober 2015 machte die Mitteilung in den Schweizer Medien die Runde, dass die Zahl der Kinder in Sonderschulen, schweizerisch massiv zugenommen hätte. Im Kanton Bern stieg sie von 1641 im Jahr 2005 auf 2406 im Jahr 2013. Fachleute vermuten, dass Kinder, wenn sie für die Lehrpersonen nicht mehr integrierbar erscheinen, in die Sonderschule gewiesen werden. Es gibt nun für diese Kinder keine Gefässe mehr zwischen Regelschule und Sonderschule in Form der früheren Kleinklassen.6

 

Ringen um kantonale Harmonisierung

In den meisten Kantonen sorgte aber nicht die Forderung nach Integration aller Kinder in die Regelklassen für Aufregung, sondern vielmehr der Versuch, das Bildungsangebot der Volksschule unter den Kantonen zu harmonisieren. […]

Im Mai 2006 nahm das Schweizer Volk mit 86 Prozent Ja-Stimmen einen Bildungsrahmenartikel in der Bundesverfassung an. Es ging um nichts Geringeres als die Harmonisierung der Volksschule in der Schweiz, denn bis anhin waren die Kantone für ihre Volksschule allein zuständig gewesen. Anders als bei früheren Abstimmungen hatte das Volk nun in Anbetracht der erhöhten Mobilität der Menschen einer massvollen Harmonisierung auf eidgenössischer Ebene zugestimmt. In der Bundesverfassung heisst es nach wie vor, dass die Kantone für das Schulwesen zuständig seien, doch der Bund hat ebenfalls Kompetenzen. Der neue Artikel in der Bundesverfassung lautet: «Kommt auf dem Koordinationsweg keine Harmonisierung des Schulwesens im Bereich des Schuleintrittsalters und der Schulpflicht, der Dauer und Ziele der Bildungsstufen und von deren Übergängen sowie der Anerkennung von Abschlüssen zustande, so erlässt der Bund die notwendigen Vorschriften».7

Die EDK schuf danach, vielleicht um den bekannten Ängsten vor einem eidgenössischen Schulvogt zu begegnen und den Kantonen eine gewisse Unabhängigkeit zu belassen, ein Konkordat, das Harmos-Konkordat, dem die Kantone einzeln beitreten konnten. Darin sind in 17 Artikeln die Forderungen der eidgenössischen Ebene konkretisiert. […]

In der Deutschschweiz kam es bald zu massiven Auseinandersetzungen wegen dem im Harmos-Konkordat verlangten koordinierten Fremdsprachenunterricht. Die Harmonisierung wurde dadurch infrage gestellt. Laut Harmos-Konkordat beginnt der Fremdsprachenunterricht in der Primarstufe, eine erste Fremdsprache wird ab der 3. Klasse unterrichtet und ab der 5. Klasse soll eine zweite Fremdsprache eingeführt werden. Man sprach deshalb von einem Modell 3/5. Eine der beiden Sprachen muss eine Landessprache sein.8 […]

Doch noch viel weniger breit akzeptiert bei den Deutschschweizer Kantonen als der Fremdsprachenunterricht war der Lehrplan 21, der für die 21 Deutschschweizer Kantone von der EDK entwickelt worden war. […]

Der Kanton Bern war vorerst nicht unter den Kantonen, in denen eine Volksinitiative in Planung war. Der Grosse Rat stand, wie übrigens auch die Parlamente in den meisten anderen Kantonen, dem Lehrplan 21 positiv gegenüber. Eine Motion – von zwei EVP-Mitgliedern im Februar 2014 eingereicht –, die verlangte, dass der Grosse Rat über die Einführung, den Einführungszeitpunkt und die Kosten des Lehrplans 21 befinden könne, wurde von diesem abgelehnt. Noch deutlicher abgelehnt als die Motion der EVP wurde eine im Dezember 2013 eingereichte Motion aus den Reihen der SVP, die wollte, dass der Lehrplan 21 «zu einer umfassenden Überarbeitung zurückgewiesen wird», da er ein «bürokratisches, nicht praxistaugliches Monsterwerk» sei. In der kurzen Debatte am 19. November 2014 zu beiden Vorstössen war von mehreren Ratsmitgliedern darauf hingewiesen worden, dass eine inhaltliche Diskussion im Grossen Rat zu einem Lehrplan nicht sinnvoll sei, denn für dessen Beurteilung brauche es Sachwissen. Der Sprecher der SP las zudem mehrere Stellen aus dem Lehrplan 95 vor, um zu demonstrieren, wie nah der noch geltende kantonale Lehrplan dem Lehrplan 21 war. […]

Am 18. Januar 2016 wurde schliesslich doch noch eine Initiative «Für demokratische Mitsprache – Lehrpläne vors Volk» angekündigt. Die Begründungen lauteten, dass mit dem neuen Lehrplan «zunehmend individualisierter und selbstgesteuerter Unterricht» angestrebt werde, «die Lehrer zu Lernbegleitern degradiert werden» und «bildungsschwächere Kinder» überfordert wären. […]

Der Übertritt in die Sekundarstufe I nach der 6. Klasse war in den Diskussionen über den Lehrplan 21 im Kanton Bern kein Thema. Die «Berner Zeitung» stellte im März 2016 fest: «Keine Änderung gibt es beim Verfahren für den Übertritt von der Primar- in die Sekundarschule». Weiterhin waren Mathematik, Deutsch und Französisch die Selektionsfächer. Ein Vorschlag aus dem Grossen Rat, das Fach Natur-Mensch-Mitwelt ebenfalls als Selektionsfach zu definieren, war nicht berücksichtigt worden. Der Lehrplan 21 äussert sich zur Selektion nicht oder nur vage: Nebst den «Grundanforderungen» wird für die Sekundarstufe I zusätzlich von «Erweiterten Anforderungen» gesprochen. Die Beurteilung wird als Grundlage für die Qualifikation der Schülerinnen und Schüler definiert, die der Selektion diene. Diese bleibe Sache der Kantone.9

 

Kompetenzorientierung und Abschaffung der Noten

Schon 2013, als der Lehrplan 21 in Vernehmlassung ging, hatte der Rektor der Pädagogischen Hochschule Bern in einem Interview bemerkt, dass die Abschaffung der Noten «die konsequenteste Umsetzung der Kompetenzorientierung» wäre. «Kompetenzen können nicht ausschliesslich wie Wissen abgefragt und beurteilt werden», stellte er fest.10 Damit war die Beurteilung der Kompetenzen auch als Grundlage für eine Selektion infrage gestellt.

Nachdem der Erziehungsdirektor im November 2014 in einer Medienkonferenz den Fahrplan für die Einführung des Lehrplans 21 bekannt gegeben hatte, und die formelle Inkraftsetzung für Kindergarten bis 7. Schuljahr auf den 1. August 2018 festgesetzt war, griff der «Bund» die immer noch bestehende Unklarheit hinsichtlich der Beurteilung der Kompetenzen nochmals auf. Die Leiterin Fachbereich Pädagogik von LEBE wurde mit der Bemerkung zitiert, das heutige Beurteilungssystem werde dem «förder- und kompetenzorientierten Unterricht» nicht gerecht. Sie fand, man müsse nun «grundsätzlich über Noten» diskutieren, und sie schlug kompromissbereit das Beibehalten von Noten vor mit der Einschränkung, dass «diese aber weniger Gewicht haben als heute». Als Lösungsansatz wurde von ihr das Europäische Sprachenportfolio erwähnt.11 Auch im Harmos-Konkordat wurde das Portfolio als Beurteilungsinstrument empfohlen, da dieses «die Fortschritte der Schülerin und des Schülers im Verlauf des Lernprozesses genau erfasst und dokumentiert».12

Der Erziehungsdirektor war über die Idee der Abschaffung der Schulnoten nicht erfreut, denn im Volksschulgesetz stehe, dass ab der 3. Klasse Noten gesetzt würden – jetzt solle man vielmehr Instrumente entwickeln, «die die Noten ergänzten», meinte er im selben «Bund»-Artikel. Der «Bund» hatte zum Thema auch bei Bürgerlichen nachgefragt und dort war klar, dass man gegen die Abschaffung der Noten war. Eine Grossrätin der FDP hielt das Argument, eine Beurteilung mit Noten widerspreche dem Konzept des Lehrplans 21, «für einen billigen Vorwand», um die Noten abzuschaffen.13

Doch die Diskussion im Kanton Bern war lanciert. Augenfällig wurde dies bei einer Motion der SP-Fraktion im November 2014, die dem Französischen die Funktion als Selektionsfach für den Übertritt in die Sekundarstufe I klar absprach. Das neue Französisch-Lehrmittel «Mille feuilles» gehe bereits von Kompetenzen aus, die je nach Kind unterschiedlich und «deshalb schlecht vergleich- und verwertbar» seien. «Die grosse Krux bei der Einführung des Lehrplans 21» sei die Beurteilung, und fürs Französisch sei dies bereits jetzt relevant. Da die SP-Grossrätin Baltensperger, nicht nur die Motionärin, sondern auch die Präsidentin des Vereins «Schule ohne Selektion» sei, ziele sie auf die vollständige Abschaffung der Noten, meinte der «Bund» in seinem Kommentar, ergänzte aber: «Spätestens bei der Umsetzung des Lehrplans 21 wird es nämlich erneut eine Diskussion über die selektionsfreie Schule geben – in allen Fächern. Denn das kompetenzorientierte Konzept des Lehrplans 21 widerspricht der aktuellen Benotungspraxis grundsätzlich».14 Die Motion wurde bereits für den Januar 2015 im Grossen Rat traktandiert, die SP zog sie aber zurück, da sie ausser der EVP niemand unterstützen wollte. Grossrätin Baltensperger meinte in ihrer Erklärung im Rat dazu: «Rückwärtsgewandtheit ist ‹in› und oft auch mehrheitsfähig».15

Im Januar 2015 reichten zwei Vertreter der FDP folgerichtig einen Vorstoss ein, in dem «wieder ein verstärkt leistungsorientierter Unterricht» gefordert wurde, und «Schulnoten das zentrale Beurteilungsinstrument der schulischen Leistung» sein sollten. Ihre Kritik betraf auch die Integration von Kindern mit Behinderungen. Der Vorstoss verlangte «Selektion vor Integration»! Allerdings war es kein Fraktionsvorstoss der FDP und bei den Punkten, die sich gegen «alters- und niveaudurchmischtes Lernen» richteten, unterstützte die Fraktion ihre Grossratskollegen nicht. In der schriftlichen Antwort hatte der Regierungsrat ausführlich die bestehende gemischte Beurteilung mit Beurteilungsberichten und Noten beschrieben. Der Beurteilungsprozess umfasse «sowohl den Lernprozess als auch den Leistungsstand der Schülerinnen und Schüler», an «dieser bewährten Praxis» wolle man festhalten, was auch die meisten Votanten und Votantinnen unterstützten. Ein Vertreter der Grünen stellte zum Thema Leistungsvergleich den bekannten Satz von Pestalozzi in den Raum: «Vergleiche nie ein Kind mit einem andern, sondern immer nur mit sich selbst.» Die verschiedenen Forderungen der Motion, die fast sämtliche in der Volksschule bestehenden Streitpunkte enthielten, wurden in der Schlussabstimmung entweder als erfüllt abgeschrieben oder abgelehnt. Das Interesse an der Motion war so gering, dass der Ratspräsident kurz nach Beginn der Debatte bemerken musste, dass es «enorm unruhig im Saal» sei. Er bat die Grossratsmitglieder «längere Besprechungen draussen zu führen».16

Immer wieder hatten Bildungsfachleute und auch Lehrpersonen darauf hingewiesen, dass eine Benotung von Kompetenzen keinen Sinn mache, denn es gehe bei einer Beurteilung eben darum, dem Lernenden mitzuteilen, welchen Kompetenzzuwachs er erreicht habe, wo Unterstützung oder Vertiefung notwendig sei, ohne seinen Stand zu werten. Sehr deutlich äusserte sich im Dezember 2015 dazu auch eine Autorin in der Zeitschrift «Bildungspolitik» des VPOD: «Jede Benotung von Kompetenzen mit der damit verbundenen Idee der Selektion ist daher Unsinn und führt das System der Kompetenzorientierung ins Absurde».17 […]

Die Beurteilung im Zusammenhang mit dem Lehrplan 21 ist offensichtlich nicht gelöst, und die Zeugnisse in den Kantonen und damit auch die Selektion oder der Übertritt in die Sekundarstufe I sind nicht «harmonisiert». Die Gestaltung der Zeugnisse soll laut Deutschschweizer EDK weiterhin «Sache der Kantone sein», der von ihr entwickelte Bericht zur Beurteilung «keinen formellen Status» haben und nur die Richtung vorgeben in der sich die Zeugnisse entwickeln könnten. Das scheint der Ausweg aus dem Dilemma zu sein, dass für die Beurteilung keine annehmbare Lösung gefunden worden war: Das Beurteilungsproblem wurde den Kantonen übergeben. Der Schweizerische Gewerbeverband war enttäuscht, forderte man dort im Zusammenhang mit dem Lehreintritt doch schon länger vergleichbare Zeugnisse. Die Unternehmen konnten nun auch weiterhin bei der Besetzung von Lehrstellen nicht auf Tests verzichten.18

Die Beurteilung zu harmonisieren und vielleicht die Selektion nach den ersten acht Jahren der Schulpflicht infrage zu stellen, das hatte die EDK, als politisches Gremium, nicht gewagt, und die Sekundarschulstufe des Kantons Bern hatte die Reform, ohne gross Schaden zu nehmen, überlebt. […]

 

Wie geht es weiter?

Wie geht es weiter? Wir wissen es nicht. Wird das Berner Volk einer Initiative, die den Lehrplan 21 verhindern will, zustimmen?  Was könnte das für den Kanton Bern bedeuten? Und wird Bern bald einer der wenigen Deutschschweizer Kantone sein, der in der Primarstufe zuerst Französisch anbietet und nicht Englisch? Wird die eben aufgenommene, dringend nötige Diskussion über die Digitalisierung des Unterrichts die Forderung nach der Abschaffung der Selektion in den Hintergrund drängen oder sogar vergessen lassen?

Hunderte von Kindern erleben heute im Kanton Bern nach dem Übertritt nach der 6. Klasse bereits eine Selektion, die korrigierbar bleibt oder stark abgeschwächt ist. Im beliebten Manuelmodell sind der Sekundar- und der Realschulzug durchlässig, das heisst, dass man den Zug später noch wechseln kann. Im Spiegelmodell findet Selektion nur noch in den Niveaus statt, in den Fächern Mathematik, Französisch und Deutsch, in allen andern Fächern gibt es keine Selektion. Eine gewisse Anzahl Kinder im Kanton Bern besucht sogar eine Gesamtschule mit Innerer Differenzierung. Hier findet Selektion fast unbemerkt ausschliesslich innerhalb der Klasse statt.

Es bleibt zu hoffen, dass, was diese Kinder erleben, längerfristig wirkt, auf Eltern, Lehrpersonen und auf die Politik.

 

– Liselotte Lüscher ist Erziehungswissenschaftlerin und Politikerin. Als ehemalige Lehrerin kennt sie das Berner Schulwesen; seit vielen Jahren beschäftigt sie sich mit diesem auch wissenschaftlich und politisch. Sie promovierte zur Geschichte der Schulreform in der Stadt Bern, war Lehrbeauftragte am  Pädagogischen Institut der Uni Bern und Mitglied im Berner Stadtrat.

 

01 Bundesverfassung Beschluss 18.12.1998, SR 101, Art. 8; Bundesgesetz über die Beseitigung von Benachteiligungen von Menschen mit Behinderungen SR 151.3, 13.12.2002, Art. 20 /www.admin.ch 15.10.2012.

02 Bericht des Regierungsrates zu Handen des Grossen Rates über die geplanten Massnahmen und Vorgaben zur Umsetzung des revidierten Artikels 17 des Volksschulgesetzes vom 19. März 1992, 22.11.2006, 1-7.

03 Gespräch Rudolf Meyer, Stabsmitarbeiter, Amt für Kindergarten, Volksschule und Beratung, ERZ, 28.10.2015.

04 Tagblatt des Grossen Rates des Kantons Bern, 3.9.2009, 903.

05 Manifest 6./7. Mai 2010, VPOD Schweiz.

06 Der Bund 19.10.2015; Gespräch Martin Häberlin, Fachspezialist schulische Integration, Schulamt der Stadt Bern, 29.10.2015.

07 Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, Art. 62, Absatz 4, 21.5.2006, www.admin.ch 18.5.2014.

08 Interkantonalen Vereinbarung über die Harmonisierung der Volksschule HarmoS-Konkordat, 14.6.2007, www.edk.ch, 13.10.2015.

09 Berner Zeitung 19.3.2016. www.lehrplan21.ch, 29.4.2016.

10 Der Bund 16.9.2013.

11 Der Bund 29.11.2014.

12 HarmoS-Konkordat, 14.6.2007, www.edk.ch, 13.10.2015.

13 Der Bund 29.11.2014.

14 Der Bund 19.11.2014.

15 Tagblatt des Grossen Rates des Kantons Bern, 22.1.2015, 136-138.

16 Tagblatt des Grossen Rates des Kantons Bern, 15.9.2015, 3-13.

17 Christine Flitner, Kampfzone Schule, In: VPOD Bildungspolitik, 12.2015.

18 NZZ 16.11.2015, NZZ am Sonntag 15.11.2015.

 

Foto: cydonna / photocase.de

 

 

 

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